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Belgisch
sprechen mit den Bossen:
Belgische
Gewerkschaften organisieren Inflationsausgleich für Beschäftigte
von
Jens-Torsten Bohlke, Brüssel/22. Februar 2008
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„Verehrte
Direktion!
Ungeachtet
ständigen Anfragen, Klagen und Bemerkungen über
1.
die Arbeitsbedingungen innerhalb von (Name der Firma*) sowohl im
Komitee für Arbeits- und Gesundheitheitsbedingungen als auch im
Betriebsrat bleibt das Personal kalt stehengelassen. Gegebene
Zusagen werden nicht befolgt, Besserung ist da nicht in
Sicht,... . Kurzum, der Ernst der Lage wird nicht erkannt.
Wir
wollen die konkrete Verbesserung der Arbeitsbedingungen:
-
angenehm Platz pro Person
-
Schulungsraum
-
Versammlungsraum
-
Sanitärbedingungen
-
angenehme akustische Bedingungen
2.
Qualitätsarbeit mit täglichem Lohn,
Aktionsplan
nötig, um Kaufkraft zu verteidigen!
-
Die Lohnerhöhungen aus den vergangenen Zeiten schmelzen weg
durch höhere Kosten für den Verkehr, Wohn- und
Lebenshaltungskosten.
-
Nettokaufkraftverbesserung entsprechend der heutigen Inflation.
Die kürzlkiche
Indexanpassung von 1,8% mit Lohnerhöhung von 18,00 Euro ergibt
für die meisten Betriebsangehörigen eine Nettoverbesserung von
1,00%. Die Inflation 2007 und
die Inflationsschätzung für 2008 liegt insgesamt bei
mehr als 6,00%. Die Direktion verschließt ihre Augen vor diesem
Alarmzustand.
Für
uns Gewerkschaftsvertreter ist das Maß voll.
Wir
erwarten bis Freitag 7. März einen konkreten Aktionsplan.“
Unterschrieben
von
LBC-NVK
CNE (grüne christliche Gewerkschaft ACV/CSC)
BBTK-SETCA
(rote sozialistische Gewerkschaft ABVV/FGTB)“ |
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„Komfort“-Arbeitsplätze |

Container-Büros |
Dieser
Brief, übersetzt aus einer der Landessprachen Belgiens, ist Ergebnis
einer Beratung der betrieblichen Gewerkschaftsdelegationen eines größeren
Call Centers in Belgien.
Einerseits
ist da bemerkenswert, dass sich die direktionsfreundliche aus Managern
bestehende rote Gewerkschaftsdelegation, welche die Mehrheit der
Betriebsratsmandate stellt, seit nahezu zwei Jahren nicht mit der grünen
kämpferischen christlichen Gewerkschaftsdelegation verständigte oder
gar traf.
Im
Mai 2008 stehen jedoch Sozialwahlen an, werden Betriebsräte und
betriebliche Komitee-Mitglieder neugewählt und müssen korrupte Sozis
sehr um einst errungene Mehrheiten bangen. Dies allein jedoch veranlasst
zwar zum Nachdenken über imagefördernde Aktionen in letzter
Minute.
Der
eigentliche Druck kommt aber mittlerweile ganz massiv aus den
Belegschaften und von der Bevölkerung selbst. Spürbar erhöhte
Energieverbrauchsrechnungen fanden sich in den Briefkästen der privaten
Haushalte ... die Lebensmittelpreise sind ebenfalls spürbar gestiegen.
Insbesondere
in der Provinz Limburg begannen vor wenigen Wochen die ersten massiver
gewordenen Arbeitsniederlegungen, die nach belgischem Recht noch nicht
als Streik gewertet werden dürfen (aber faktisch Warnstreik-Charakter
haben). Diese Welle des Massenprotests breitet sich derzeit in den
Betrieben ganz Belgiens aus und erreichte auch das hier aufgeführte
Call Center.
Nun
sind Gewerkschaften und Arbeiterklasse in
Deutschland weit entfernt davon, wegen Inflationseinbußen
an Massenkaufkraft mit Lohnforderungen an die Bosse heranzutreten.
Wie
Deutschlands arbeitende Klassen auch noch immer weit entfernt davon
sind, einen branchenübergreifenden gesetzlichen Mindestlohn von ca.
1200-1300 Euro monatlich zu haben, wie er in den Benelux-Nachbarländern
üblich ist. Auch eine Inflationsindexanpassung der Löhne und Gehälter
durch die Unternehmer per Gesetz ist nicht mal in der Diskussion
zwischen der korrupten DGB-Spitze und den Regierenden in Wirtschaft und
Politik.
Warum
auch, wo doch alle bildzeitungsmäßig überzeugt sind, der
„Wirtschaft“ (den Bossen) ginge es schlecht, wegen zu hoher Löhne müssten
die an Hunger leidenden Fabrik- und Bankbesitzerclans samt verelendendem
Management Richtung Rumänien und China schleunigst abwandern, bevor die
„Deutschland AG“ („auch Du bist es“ ... wie es bereits bei den
Nazis seinerzeit hieß und heute widerspruchslos erneut propagierbar
ist!) nur noch kollektiv Harakiri begehen kann, in der Schande des
Bankrotts versinkend ... oh wie greulichst! In den westlichen
Nachbarstaaten wird die deutsche Knechtsmentalität immer mehr belächelt.
„Vor 20 Jahren waren die deutschen Löhne beträchtlich höher als die
belgischen. Jetzt arbeiten immer mehr Deutsche in den Niederlanden und
Belgien. Und: Sie wollen gar nicht mehr zurück in ihr Herkunftsland
Deutschland. Was ist los mit den Deutschen?“
Zeit,
in Deutschland endlich die Augen aufzumachen und die Michelkappen
abzusetzen! Die Lokführergewerkschaft setzte ein Hoffnungszeichen. Nur
eben, weiteres muss folgen. Sonst geht es mit der Lebensqualität der
arbeitenden Menschen in Deutschland nur weiter bergab. Kein Kapitalist
ist bereit, Teile seines Profits zu verschenken! Auch nicht im
Exportweltmeisterland.
Schon
gar nicht, wenn die Arbeiter ängstlich vor ihm schlottern, bereitwillig
zu Lohnverzicht in vielerlei Formen bereit sind und sich untereinander
sehr unsolidarisch verhalten. Da lässt sich viel vom kleinen Belgien
lernen, wo man schon immer weit entfernt davon war, nationalistisch im
Gleichschritt zu marschieren („du bist Belgien“ gibt es hier
nicht...), sich gerne als Flame oder Wallone oder deutschsprachiger
Belgier identifiziert ... aber als Arbeiterklasse gegen das Kapital doch
sehr rasch zusammenfindet, immer wieder neu.
Jens-Torsten
Bohlke, Brüssel
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