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Wir
fangen gerade erst an!
Leserbrief
von Markus Grolms, Metaller, BenQ Mobile, Fabrik Kamp-Lintfort, 03.10.2006
Quelle:
Labournet
Germany vom 4. Oktober 2006
Am
Donnerstag sollte es soweit sein, plötzlich und unerwartet sollte BenQ/Siemens
sterben. Das Grab indes war wohl schon lange ausgehoben worden.
Viele
KollegInnen hatten es befürchtet und doch mit Mut und Entschlossenheit
jeden Tag um unsere Zukunft gekämpft. Deshalb war es ein unglaublicher
Schock, als am Donnerstag die Nachricht von der Insolvenz eintraf, pünktlich
drei Tage vor dem ersten Geburtstag von BenQ Mobile. Für unseren
Geschmack ein wenig zu pünktlich und zu durchsichtig.
Hatten
die Herren etwa geglaubt, es würde Ihnen gelingen uns klammheimlich über
die Klinge springen zu lassen?
Dieser
Plan wird nicht aufgehen, dafür werden wir KollegInnen in Bocholt,
Kamp-Lintfort und München sorgen. Der Plan von Siemens und nicht zuletzt
der von Heinrich von Pierer, Klaus Kleinfeld und Joe Kaeser war offenbar
uns zu benutzen, um der Lüge Vorschub zu leisten, mit Lohnverzicht und
Verlängerung der Arbeitszeit könnte das schier unglaubliche
Missmanagement ausgebügelt werden. Wir wurden beim Abschluss des ETV
schlicht erpresst von Siemens, wir gerieten aber auch unter Druck durch
weite Teile der politischen und wirtschaftlichen Eliten in unserem Land.
Diese erklärten in einer Mischung aus infantiler Leichtgläubigkeit und
gezielter Desinformation die schlichten Weisheiten der Manager zu unverrückbaren
Glaubenssätzen. Sie wurden getäuscht, genau so wie auch wir getäuscht
wurden. IG Metall und betriebliche Interessenvertreter hingegen brachten
immer wieder zum Ausdruck, dass das Lohndumping die Probleme von Siemens
Mobile nicht lösen würde, blieben aber weitgehend ungehört.
Am
Ende des Tages blieb uns nur darauf zu vertrauen, dass es Siemens ernst
war mit der Sanierung des Geschäftes. Wir schluckten alle Pillen, doch
das Siechtum setzte sich fort.
Monate
vergingen ohne dass das Siemens Management einen einzigen sinnvollen
Schritt unternahm, um Mobile wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Schließlich
standen die Optionen verkaufen, sanieren oder schließen im Raum.
Zum
Schließen fehlte der Führungsriege der Mut, hätte sie doch erklären müssen,
warum die von Ihnen verordneten Heilmittel auf Kosten der Belegschaft
nicht funktioniert hatten.
Eine
Sanierung hätte erfordert, Geld in die Hand zu nehmen und mit
erfolgreichem Unternehmertum die Sparte nach vorne zu bringen. Diese
Sanierung hätte Klaus Kleinfeld abverlangt, etwas zu erschaffen statt es
zu zerstören. Doch das ist die Sache der Siemens Manager nicht. Die Hosen
gestrichen voll vor der Herausforderung unternehmerisches Können beweisen
zu müssen, suchten sie verzweifelt einen Bestatter und fanden ihn bei
BenQ.
Dass
bei der Schenkung an BenQ die Abfindungen der Manager in einer eigenen
GmbH gesichert wurden dokumentiert hinreichend, wie groß der Wille war,
die Perspektiven für die Standorte in Deutschland zu sichern. Dass man in
Deutschland Handys bauen kann ist unstrittig, Nokia und Motorola beweisen
es.
Wir
KollegInnen sind uns sicher, dass wir von Siemens über den Tisch gezogen
und fallen gelassen wurden.
Doch
eines ist klar, wir werden nicht leise sterben! Wir werden weiter kämpfen
um unsere Zukunft und wir werden nicht aufhören Deutschland und der Welt
klar zu machen, welche Sauerei sich hier abgespielt hat. Unser ehemaliger
Personalleiter Sebastian Prinzing erklärte bei der Überleitung zu BenQ
(er selbst freilich verblieb im Hause Siemens), er sei davon überzeugt,
dass das neue Unternehmen ein Erfolg werde, „das Ding wird fliegen“ so
Prinzing damals. Recht hatte er, das Ding wird jetzt wirklich fliegen. Ein
Bumerang zwar, aber das hätten die Herren ahnen können. Unsere
Bereitschaft einen Beitrag zur Sanierung der Handysparte zu leisten, als
Unentschlossenheit zu interpretieren, war ein weiterer fataler Fehler des
Managements.
Wir
sind entschlossen zu kämpfen und wir haben nichts mehr zu verlieren. Das
ist so sicher wie die Verkommenheit der Managementkultur. Die
personalpolitischen Massaker bei Siemens setzen sich einstweilen fort: Com
in der Auflösung, Streik bei Bosch-Siemens, Verhandlungen bei SBS und FSC.
Klaus Kleinfeld betätigt sich als ökonomischer warlord und ein Ende ist
nicht absehbar – wie viel ist genug? Höchste Zeit also sich zu
organisieren und gemeinsam mit der IG Metall den Protest auszuweiten.
Diese
Geschichte ist noch lange nicht zu Ende, wir fangen gerade erst an.
Leserbrief
von Markus Grolms, Metaller, BenQ Mobile, Fabrik Kamp-Lintfort, 03.10.2006 |