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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 10. März 2008
Massenentlassungen
bei BMW
Wenn
aus zusätzlichem Wachstum kein zusätzlicher Gewinn entsteht, dann muss
der Lebensunterhalt von Lohnarbeitern gestrichen werden!
Darauf
haben die Anteilseigner ein Recht;
das setzen Manager um;
das rechtfertigen Journalisten;
das verstehen Gewerkschafter
Quelle:
GegenStandpunkt
vom 10. März 2008
In
der Rechtfertigungslegende des Wirtschaftssystems namens Marktwirtschaft
spielt die Behauptung eine zentrale Rolle, der Profit finanziere
die Arbeitsplätze von Leuten, die von Lohnarbeit leben müssen, und
deshalb könne er gar nicht hoch genug sein, um diese zu erhalten. Den
Wahrheitsgehalt dieser Behauptung kann man gerade bei der BMW AG überprüfen,
die Arbeitsplätze keineswegs deswegen streicht, weil sie Verluste
macht, sondern weil die Rentabilität, die sie im letzten Jahr erzielt
hat, ihren Aktionären nicht reicht.
So
kündigte BMW Ende Dezember im Rahmen seines „Strategieprogramms“,
nach dem bis 2012 sechs Milliarden Euro eingespart werden sollen, eine
Massenentlassung von 8000 Beschäftigten an. Schnörkellos gibt die
Konzernleitung darüber Auskunft, was Grund und Zweck der Maßnahme ist:
„Wir wollen die Trendwende bei der Profitabilität schaffen“
(FAZ, 22.12.07) und teilt – „im Klartext“, damit es jeder
versteht – auch gleich mit, dass der erwünschte Trend zu mehr
Profit bereits auf gutem Wege ist und genau dieser Erfolg die
Entlassungen nötig macht: „Der Grund sei ein ‚Produktivitätsfortschritt
von zehn Prozent‘, der heuer im Werk erzielt worden sei. ‚Unser erklärtes
Ziel ist es, jedes Jahr um fünf Prozent besser zu werden‘, sagte
[BMW-Sprecher] Rebstock. Im Klartext heißt das: Es werden künftig
weniger Mitarbeiter gebraucht, um die gleiche Zahl von Autos zu
produzieren.“ (SZ, 22./23.12.)
Mit
größter Selbstverständlichkeit werden hier Grundrechnungsarten des
kapitalistischen Wirtschaftens präsentiert: Mehr Profitabilität heißt
– selbstverständlich! – mehr Produktivität. Und mehr
Produktivität bedeutet – natürlich! – weniger Mitarbeiter. Die
quasi interesselose Gesetzmäßigkeit dieses kleinen Gleichungssystems
mag zwar für den Lebensunterhalt der nicht mehr gebrauchten
Mitarbeiter katastrophale Folgen haben; sachlich gilt der dargelegte
Zusammenhang offenbar als allgemein anerkannt und so überzeugend, dass
man ihn ohne einen Anflug von Peinlichkeit öffentlich verkünden kann:
Man kann die Gleichungen von hinten nach vorne lesen oder auch im Kreis
– stets kommt das Passende heraus: Wer künftig weniger Mitarbeiter
brauchen will, muss produktiver werden; und umgekehrt. In der
wunderbaren Welt der kapitalistischen Konkurrenz ist ein Produktivitätsfortschritt
gleichbedeutend mit allfälligen Massenentlassungen und gleichzeitig ihr
guter Grund.
Ist
das Grundsätzliche wieder einmal verstanden, kann man in die Details
des Vorhabens gehen. Bei dessen Realisierung wird sich die Firma einer
segensreichen Einrichtung des kapitalistischen Arbeitsmarkts bedienen:
Wie in allen großen deutschen Konzerne sind nennenswerte Anteile der
Stellen mit Leiharbeitern besetzt. Deren kapitalistischer Beruf
besteht darin, die Rolle eines besonders flexiblen Instrumentariums auszufüllen,
auf dem der Betrieb nach besonders freiem Ermessen spielt: „Den
Zeitarbeitern sei bekannt, ‚dass wir mit diesem Instrumentarium
spielen‘, sagt Werkssprecher Ebneth. Die womöglich mehr als 1000 in
Regensburg betroffenen Leiharbeiter ‚müssen weiterziehen, eventuell
auch in den Raum München‘.“ (SZ, 22./23.12.)
Die
Offenheit und Kaltschnäuzigkeit, mit der sich der Funktionär des
Kapitals als Herr über die Lebensbedingungen normaler Leute aufführt,
gefällt den Klassenbrüdern aus dem Finanzsektor um so besser,
als die unternehmerisch zupackende Art der BMW-Führung sich ausdrücklich
nicht einer Notlage der Firma verdankt. Vielmehr verspricht BMW
durch die Entfernung überflüssig gemachter Lohnempfänger, und durch
die Erhöhung der Produktivität der verbleibenden Belegschaft seine Profitabilität
zu steigern. So viel vorausschauend organisierter
Unternehmenserfolg wird von den interessierten Spekulanten umgehend
honoriert: „Der Aktienkurs von BMW machte am Freitag einen Sprung
von vier Prozent nach oben.“ (SZ, 22./23.12.)
Andererseits
aber führt die von dem kapitalistischen Vorzeigebetrieb angekündigte
Massenvernichtung von Arbeitsplätzen auch zu einem kleinen öffentlichen
Erschrecken. Dies weicht aber schnell der „bitteren“ Erkenntnis
einer öffentlich anerkannten Notwendigkeit: „All das
ist die Reaktion darauf, dass BMW jedes Jahr mehr Autos verkaufen muss,
um den Gewinn stabil zu halten – auf hohem Niveau. Das ist zwar ein
Luxusproblem. Doch ist es für Manager und Aktionäre auf die Dauer kein
Zustand, wenn Wachstum keinen zusätzlichen Profit bringt.“ (SZ,
22./23.12.)
So
viel Verständnis würde sich mancher unselbstständig Beschäftigte wünschen,
bei dem das Kapitalwachstum stets als steigende Arbeitsbelastung ohne
Lohnsteigerung und im Falle von Entlassungen als Verlust seiner
Einkommensquelle ankommt. Das ist aber von einfühlsamen Kommentatoren für
die Figuren reserviert, die Gewinne stabil halten müssen und es
einfach für unzumutbar halten, aus Wachstum keinen zusätzlichen
Profit schlagen zu können. Darauf müssen Manager und
Aktionäre mit der Entlassung von Tausenden reagieren und
empfinden es folgerichtig als höchst ungerecht, sich dafür das Etikett
sozial unverantwortlicher Heuschrecken einzufangen, die den Hals
nicht voll kriegen. An letzterem Vorwurf ist zwar was dran; die Sache
ist allerdings schlimmer. Es handelt sich keineswegs um persönliches
Fehlverhalten, sondern um eine Systemnotwendigkeit: Im
Kapitalismus reicht es eben nicht, dass man überhaupt Gewinn
macht, die Rentabilität muss vielmehr überdurchschnittlich
sein, will eine Firma für ihre Aktionäre und Geldgeber auch künftig
attraktiv bleiben:
„Man
darf BMW nicht isoliert betrachten. Wenn Daimler, Audi und andere
Konkurrenten deutlich höhere Kapitalrenditen haben, hat es auf den Börsenkurs
und auf die Kapitalstruktur von BMW negativen Einfluss, wenn es dort nur
fünf Prozent sind“ (SZ, 27.12.),
versteht
der bayerische IG-Metall-Chef Neugebauer die Anlagestrategien von Börsianern.
Und ein Wirtschaftsjournalist kann
sich in der Süddeutschen Zeitung (vom 28.02.08) genau in die
Stimmungslage der BMW-Haupteigentümer einfühlen:
„Die
Industriellenfamilie Quandt mag offenbar nicht länger ansehen, wie BMW
immer mehr Autos bauen muss, nur um wieder den – freilich hohen –
Gewinn des Vorjahres zu schaffen. Lieber ein paar Autos weniger
herstellen und dafür an denen kräftiger verdienen, lautet nun die
Abkehr von der Philosophie des kräftigen Wachstums.“
Denn
die Kapitalanlage der Familie ist ja nicht dazu da, die Welt mit möglichst
vielen Luxuskarossen zu verwöhnen, sondern immer besser zu rentieren:
„Die
Rendite auf das eingesetzte Kapital soll bis 2012 auf mehr als 26
Prozent steigen. Dafür werden mindestens 8100 Mitarbeiter gehen.“
Das
werden sie allerdings – wenn sie wie ihr Interessenvertreter,
IGM-Bezirksleiter Neugebauer, den Anspruch der Eigentümer auf
Rentabilitätssteigerung und das Mittel dafür – die Entlassung
eines Teils von ihnen – als unumgängliche Wirklichkeit nehmen:
„… man
muss die Realität zur Kenntnis nehmen. […] Man braucht da künftig
deutlich weniger Personal.“
Das
wird die Entlassenen freuen, dass sie im Dienst von Börsenkurs und
Kapitalstruktur von BMW ihr Einkommen verloren haben und dadurch
einen Beitrag zur Erhöhung der Kapitalrendite erbringen durften.
Wenn ein BMW-Arbeiter also erst einmal gelernt hat, dass die gültige Realität,
die man zur Kenntnis nehmen muss, das Interesse des Unternehmens
an seiner Kapitalrendite ist, lebt es sich für ihn zwar nicht
besser, aber viel unaufgeregter im Kapitalismus. Das ist doch
eine schöne Lebenshilfe für die Belegschaft von Seiten der
Gewerkschaftsführung!
Dass
die angekündigten Massenentlassungen bei BMW für keine große
Aufregung sorgen, hat noch einen Grund: Der liegt an der demonstrativen
Übereinstimmung von Gewerkschaft und Betriebsrat mit der
Unternehmensleitung in der Abwicklung der Angelegenheit. BMW-Chef
Reithofer hat ganz fest versprochen, die Firma werde ihre „Stammbelegschaft
von 108.000 Menschen bis zum Jahr 2012 nicht verringern. Das ist eine
Art Arbeitsplatzgarantie – allerdings nicht für alle.“
Die
Entlassungen betreffen eben niemanden, für den sich die Gewerkschaften
als Vertreter der Stammbelegschaft interessieren würden. Sie
treffen – und das findet die Gewerkschaft zusammen mit der
Firmenleitung ganz in Ordnung – nur die Zeitarbeiter,
weshalb man von Seiten der Gewerkschaft die Sache demonstrativ gelassen
sieht: „‚Wir sind verärgert über die Zahl und den Zeitpunkt [kurz
vor Weihnachten 2007], zu dem sie jetzt genannt wird, nicht aber über
die Tatsache als solche.‘ IG-Metall-Sprecher Jena sprach angesichts
des Stellenabbaus von einem ‚völlig normalen Vorgang‘, den man
‚unaufgeregt zur Kenntnis‘ nehme. Es gebe ‚keinen Grund, die
Pferde scheu zu machen‘. Schließlich handele es sich bei den
Betroffenen hauptsächlich um Zeitarbeitnehmer, die um ihr Risiko wissen
müssten. ‚Leiharbeiter werden eingestellt, um Produktionsspitzen
abzudecken‘, sagt Jena. ‚Wenn es diese Spitzen, wie jetzt bei BMW,
nicht mehr gibt, werden ihre Stellen eben wieder abgebaut.‘“
(SZ, 22./23.12.)
Kein
Grund zur Aufregung also. Es hat ja die Richtigen erwischt. Die
Zeitarbeiter eben, an denen die Gewerkschaft dieselbe kapitalistische
Unterscheidung aufmacht wie das Kapital: Sie sind nicht Stammbelegschaft
und deshalb freie Manövriermasse des Kapitals, weshalb es ein völlig
normaler Vorgang ist, wenn sie in die Arbeitslosigkeit manövriert
werden. Wer Leiharbeit macht, der weiß doch um das Risiko,
entlassen zu werden, hat sich diese Lage ja wohl auch selber ausgesucht,
oder?
Die
glücklichen Mitglieder der BMW-Stammbelegschaft haben ohnehin
keinen Anlass zur Sorge um ihren Arbeitsplatz – man kann sie
gar nicht entlassen!
„Dass
der Konzern auch in der Stammbelegschaft Stellen streicht, glaubt Jena
nicht. ‚Das geht gar nicht. Es gibt Verträge. Wir haben von BMW eine
klare Stellenzusage.‘ Eine Konfrontation mit der Konzernführung
schloss Jena vorerst aus. ‚Wir haben mit BMW immer gute Erfahrungen
gemacht.‘“ „Spiegel online“, 21.12.)
Es
zeigt schon eine hartgesottene Borniertheit, wenn ein Gewerkschafter glaubt,
dass BMW zwischen seiner Stammbelegschaft und Zeitarbeitern einen grundsätzlichen
Unterschied macht. Es war doch die Gewerkschaft, die in den letzten
Jahren dem großflächigen Ersatz von „wegflukturierten“
Stammarbeitern durch Zeitarbeiter zugestimmt hat. Das führt dazu –
und das weiß niemand besser als der Gewerkschafter –, dass die
angeblich im Schutz der famosen IG-Metall-Verträge unkündbaren
Mitglieder der Stammbelegschaft schon deswegen immer weniger werden. Außerdem
ist die Arbeitslosenstatistik auch voll von Leuten, die irgendwo einmal
zu einer vertraglich abgesicherten Stammbelegschaft gehörten.
Sollte also BMW einmal Entlassungen aus dem Kreis der Stammbelegschaft für
nötig befinden, dann wird die IG Metall wie immer in solchen Fällen
den dazugehörigen „Arbeitsplatzsicherungsvertrag“ abschließen –
mit Stellenzusagen für die, die übrig bleiben. |