|
Frankreich:
Feuer
unter'n Arsch für die, die kalt feuern!
366
ARBEITER DROHEN MIT WERKSSPRENGUNG
von
Jens-Torsten Bohlke, Brüssel
Exklusiv
für K-Online, 14. Juli 2009.- In
Flandern auf dem Weg zur Arbeit schlagen die Kolleginnen und Kollegen in
den Vorortzügen, der Brüsseler Metro und in vielen gelben
Delijn-Bussen täglich gerne zumeist die kostenlose „metrotime“ auf.
Heute dort zu lesen, hier übersetzt:
„Die
Arbeiter des bankrotten französischen Autoteile-Zulieferbetriebes New
Fabris haben eine arg drastische Manier gefunden, um ihre Bosse davon zu
überzeugen, eine Entlassungsvergütung von 30.000 Euro pro Person
auszuschütten. Die Arbeiter drohen damit, den Betrieb in die Luft gehen
zu lassen, wenn der Forderung nicht zugestimmt wird.
„Hier
stehen Gasflaschen bereit, um zur Explosion gebracht zu werden“, so
vor Ort CGT-Gewerkschaftssprecher Guy Eyermann.
Ein Bild zeigt rote Gasflaschen. (1)
Die
Fabrik steht in Châtellerault nahe Poitiers im Herzen von Frankreich.
Und die Arbeiter beweisen ihr Kämpferherz im Klassenkampf.
Guy
Eyermann (CGT) sagte im France Info Radio: „Die Gasflaschen sind
bereits an etlichen Stellen der Fabrik in Position gebracht. Sie sind
miteinander verbunden. Wenn Renault und PSA ablehnen, uns jenes Geld zu
geben, könnte hier alles vor Monatsende in die Luft gehen.“
Eine
Delegation der Arbeiter wird die Manager von Renault am Donnerstag
treffen. Renault und die Polizei lehnten bisher jeden Kommentar zu
dieser ganzen Sache ab.
New
Fabris ging im April 2009 in die Insolvenz. Dies bedeutet für die
Arbeiter der Firma, dass sie keinerlei Abfindungen bekommen sollen.
Dieser
drastische Protest von Industriearbeitern ist der jüngste Höhepunkt
einer ganzen Reihe von radikaler werdenden Reaktionen auf die Folgen der
kapitalistischen Weltwirtschafts- und Finanzkrise insbesondere auch in
Frankreich. Zuvor in diesem Jahr 2009 des Klassenkampfes nahmen
mindestens in acht Betrieben die Belegschaften ihre Manager in
Geiselhaft, um die Forderungen nach sicheren Arbeitsplätzen, besserer
Bezahlung und weniger Entlassungen durchzusetzen.
Frankreich
hat mittlerweile eine Geschichte des „boss-nappings“, welche auf den
Mai 1968 und die Klassenkämpfe der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts
zurückgeht. Bereits damals wurden Manager im Kampf um Arbeiterrechte
immer wieder in Geiselhaft genommen. (2)
Konkret
stellten die Arbeiter von New Fabris der Betriebsleitung ein Ultimatum,
bis zum 31. Juli 2009, um die geforderten Abfindungssummen zu
bewilligen. Andernfalls würden sie handeln und das Werk in die Luft
sprengen. Guy Eyermann (CGT) angesichts der Gasflaschen: „Alles ist
bereit, damit sie explodieren.“
Der
Gewerkschafter sagte weiter, die Autokonzerne hätten New Fabris und
seine 366 Mitarbeiter „fallengelassen“. Anfang 2008 hätten die
Konzerne noch große Aufträge für Verteilerkappen und Auspuffe erteilt
und New Fabris habe Zeitarbeiter eingestellt. „Seit September plötzlich
nichts mehr“, sagte Eyermann der Zeitung „Le Parisien“. Tausende
Teile lägen unbezahlt im Lager. Jetzt müssten die Konzerne zahlen.
„Die Leute hier sind im Schnitt 49 Jahre alt und seit 25 Jahren
dabei“, sagte Eyermann. „Wie sollen sie neue Arbeit finden?“ (3)
Man
werde deshalb nicht bis August oder September warten, bis PSA und
Renault gelagerte Teile und Maschinen aus der Fabrik holen“, sagte
Eyermann. „Wenn wir nichts bekommen, werden sie auch nichts
bekommen.“ Dem Gewerkschaftsvertreter zufolge haben entlassene Beschäftigte
anderer Zulieferer von Renault und PSA in der Vergangenheit 30.000 Euro
als Entschädigung bekommen. Der Wert der Teile in der Fabrik wird von
den Automobilherstellern auf rund zwei Millionen Euro geschätzt. Hinzu
kommen laut Gewerkschaften nochmals - teils neue - Maschinen im Wert von
zwei Millionen Euro, die Renault gehören. (4)
In
der vergangenen Woche sind die New-Fabris-Beschäftigten in zwei Bussen
nach Paris zur Peugeot-Zentrale gefahren. Am Donnerstag sollen
Delegationen im PSA-Hauptquartier in Boulogne-Billancourt sowie im
Arbeitsministerium Druck machen. Der Staat müsse die Konzerne zu Zugeständnissen
zwingen, heißt es bei der Gewerkschaft. Möglichkeiten hierfür dürften
der Sarkozy-Regierung zur Verfügung stehen. Schließlich hatte sie im
Februar insgesamt sechs Milliarden Euro an zinsgünstigen Krediten an
Renault und PSA vergeben. Dafür würden »alle industriellen
Entscheidungen künftig Objekt aufmerksamer Prüfung durch den Staat«,
hieß es seinerzeit. Nun soll sich der französische Industrieminister
Christian Estrosi am 20. Juli mit Vertretern der New-Fabris-Beschäftigten
treffen. (5)
Quellen:
(1)
Papierausgabe „metrotime“ vom 14. Juli 2009
(2)
http://www.guardian.co.uk/world/2009/...ar-factory
(3)
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,635803,00.html
(4)
ebda.
(5)
Quelle: junge Welt v.14 July 2009, Daniel Behruzi, zit. n.
http://www.indymedia-letzebuerg.net/ |