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Unsere Redaktion erklärt sich solidarisch mit dem Kampf der belgischen Kollegen!

Kampfdemonstration der Gewerkschaften / Brüssel / 24. März 2011

GANZ BELGIEN WIRD STREIKEN UND DEMONSTRIEREN

(übersetzt von Jens-Torsten Bohlke)

Auf Kommunisten-online am 11. März 2011 –

DEIN LOHN IST IN GEFAHR!

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy haben zu Beginn des Monats Februar eine famose Idee in ihrem Eifer geäußert, die Rechte der Arbeiter wegzubrechen. Anfangs wurde das als ein unglücklicher deutsch-französischer Ausrutscher abgetan. Aber mittlerweile wissen wir es besser.

Die EU-Führer Van Rompuy und Barroso arbeiten mit voller Kraft an einem sogenannten alternativen Plan. Sie zielen dabei auf ein System ab, das die EU-Mitgliedsstaaten dazu zwingen kann, die Löhne zu senken, bevor die Arbeitskosten stark ansteigen würden. Europa will den Lohn lediglich noch individuell oder in Betrieben und Sektoren aushandeln lassen, aber nicht mehr landesweit für ganze Berufsgruppen. Das ist sehr schädlich für die Solidarität zwischen den schwachen und starken Wirtschaftsbranchen und insbesondere schlecht für Betriebe, wo die Gewerkschaften schwach sind.

Van Rompuy und Barroso wollen, dass die Löhne nur dann steigen, wenn auch Deine Produktivität steigt. Im Klartext heißt das: Nur dann, wenn Du mehr Profit für die Bosse bringst. Künftig arbeiten Arbeiter also nur noch für die Aktionäre! Und im Neon-Profit-Bereich und bei den öffentlichen Diensten wird die Geschichte noch viel schwieriger.

AUTOMATISCHE INDEXIERUNG IN GEFAHR!

Beim Vorschlag ist die Rede von einer 'Verbesserung des Indexierungsmechanismus'. Diese hohlen Worte drohen in der Umsetzung als Zusammenbruch des heutigen Indexsystems durchzuschlagen. 'Die Energiepreise raus aus dem Index' ist nur ein Beispiel für die da ins Auge genommene Verbesserung des Index. 'Die Abschaffung einer automatischen Indexierung' ist ein anderes Beispiel ... Wer ist hier der Verlierer?

Das 'große Vorbild' ist Deutschland. Ein Land, wo die Löhne zwischen 2000 und 2009 um durchschnittlich 4,5% fielen. Wenn jemand in Deutschland 2000 einen Bruttomonatslohn von 2.500 Euro verdiente, bekam er davon neun Jahre später noch 2.375,50 Euro. Während die Preise drastisch gestiegen sind.

Ist das ein Beispiel, dem wir folgen wollen?

Offenbar wollen sie da die „Europäische Meisterschaft im Löhne senken“ organisieren. Deutschland hat da momentan die meisten Punkte! Aber an diesem Wettbewerb wollen wir uns allemal nicht beteiligen.

ARBEITSLOSENGELD IN GEFAHR!

Der Europäische Vorschlag will die Beschäftigung durch sogenannte „Flexicurity“ ankurbeln. Wir wissen jetzt, was dieser Begriff eigentlich bedeutet: Bossen die Chance geben, Arbeiter leichter zu entlassen und die Arbeitslosenleistungen zu senken und zeitlich zu befristen. Auch hierbei ist Deutschland das 'große Beispiel'. Bei unseren östlichen Nachbarn ist diese Strategie mit allen ihren Folgen schon vor ein paar Jahren angewendet worden. Der Anteil „arbeitender Armer“ stieg von 4,8% im Jahr 2005 auf 6,8% im Jahr 2009. Und die Anzahl in Armut lebender Arbeiter nahm dort zwischen 2005 und 2009 um nicht weniger als 26% zu. Auch in Belgien gibt es immer mehr arme Menschen und Menschen in prekären Situationen.

VORRUHESTANDSRENTE IN GEFAHR!

Das darf nicht wahr sein! Mal wieder, 'um die Konkurrenzfähigkeit in Europa zu verbessern' wird gesagt, dass ein Ende für alle Frührentensysteme kommen muß. Belgiens Vorruhestandsregelungen stehen somit auf der Kippe. Das Rentenalter soll in den verschiedenen Mitgliedsstaaten 'angepasst' werden müssen. Das will heißen: hoch  gesetzt, in Abhängigkeit längerer Lebenserwartung.

NOCH WAS AUF DER MENÜ-KARTE:

Was setzen Van Rompuy und Barroso noch auf die europäische Speisekarte?

In der Verteilungssphäre zielen sie auf die 'Abschaffung von unfairen Beschränkungen der Öffnungszeiten'. Für normale Menschen will dies heißen, dass sie die Zahl der verkaufsoffenen Sonntage steigen lassen wollen und die Ladenöffnungszeiten verlängern wollen.

Im öffentlichen Bereich und im Non-Profit-Bereich sollen die Löhne als Signal an die Privatwirtschaft gedrosselt werden.

Die Lohnkosten sollen durch Erhöhung der Mehrwertsteuer sinken. Ein inakzeptables Vorhaben einer ungerechte Steuererhöhung, damit dann sowohl ein Großverdiener wie auch ein Arbeitsloser, Kranker oder Rentner die gleichen Steuern zahlt.

WAS WOLLEN WIR VON EUROPA?

1. Hände weg von Index und Sozialleistungen für Arbeiter, Angestellte und Beamte. Europa, Hände weg vom Index! Packt die Probleme an der Wurzel an: Überhöhte Preise für grundlegende Produkte wie Elektrizität, Gas, Nahrungsmittel...

2. Spielraum für Lohnverhandlungen in den Branchen und Betrieben. Europa, stopp den Angriff auf die freien Lohnverhandlungen! Las die Arbeiter am Profitwachstum teilhaben!

3. Bekämpft die Armut unter Arbeitenden! Europa, sorge dafür, dass hier in jedem Land, in jedem Sektor und für alle Altersstufen menschenwürdige Mindestlöhne kommen! Stopp die Kritik, dass die heutigen Mindestlöhne zu hoch sind!

4, Menschenwürdige Leistungen für Langzeitarbeitslose! Europa, bekämpfe die Langzeitarbeitslosigkeit und nicht die Langzeitarbeitslosen! Stoppt die Bestrebungen, ihre Leistungen einzustellen oder zu verringern!

5. Fördere die Arbeitsplatzsicherheit! Europa, mach flexible Verträge sicherer! Anstatt Festverträge unsicherer zu machen, indem du den Kündigungsschutz abbaust.

6. Zeit, um den Ruhestand zu genießen! Europa, wage es nicht, das Rentenalter heraufzusetzen! Pack die Arbeitslosigkeit der 18- bis 64-Jährigen an! Vor allem bei den Jüngeren.

7. Menschenwürdige Vorruhestandsregelungen! Europa, stopp deine Angriffe auf die Frührente! Überzeuge die Bosse, Älteren nicht die Tür zu weisen, sondern sie einzustellen. Hilf älteren Arbeitern, ihren Arbeitsplatz zu behalten oder an einen Arbeitsplatz zu kommen.

8. Lebenssichernde Renten! Europa, die belgischen Renten sind nicht hoch. Jage keinen Rentner in die Armut durch Rentenkürzung wegen steigender Lebenserwartung!

9. Saniere nicht blindlings! Europa, missbrauche die Sanierung von Haushalten nicht, um blind die soziale Sicherheit und öffentlichen Dienstleistungen zu verringern! Schau doch auch mal auf die Einkommensseite! Durch Besteuerung von Einkommen aus Einkommen einschließlich einer Steuer auf finanzielle Transaktionen! Und durch das Stopfen von Steuerbetrugslöchern sowie Vorgehen gegen Steuerbetrügereien und Steuerhinterziehung.

10. Finanzmärkte an die Leine! Europa, stopp die Manie, den Arbeitsmarkt zu reformieren! Beginne endlich mit der Umstrukturierung der Finanzmärkte!

DARUM: HÖCHSTE ZEIT FÜR EIN KRAFTVOLLES NEIN!

Landesweite Kampfdemonstration

am Donnerstag, 24. März um 11 Uhr in Brüssel

Mit dem EGB, ACV-CSC und ABVV-CGTB und den Gewerkschaften aus den Nachbarländern

Quelle:

http://lbc-nvk.acv-online.be/  

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Gewerkschaften fordern / verteidigen Sozialstandards in der EU

GEGEN EIN ASOZIALES EUROPA

Ein Bericht mit Bildern von der Großdemo der belgischen Gewerkschaften in Brüssel

Text und Fotos von Jens-Torsten Bohlke

Brüssel, 24. März 2011. (Kommunisten-online am 26. März 2011) – In der Arbeiter-und Universitätsstadt Leuven 40 Kilometer vor Brüssel sammelte sich der aktive Kern von 5-10 Genossinnen und Genossen der PvdA bereits um 8 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz, um eine Befragung unter den Passanten darüber durchzuführen, wo der Schuh derzeit drückt und wofür heute unbedingt gekämpft werden muß. Unsere Partei legt weiterhin Auge und Ohr dicht an die Volksmassen und insbesondere an die Arbeiterklasse, um ihre Massenbasis zu stärken.

HERAUS ZUR KAMPFDEMONSTRATION IN BRÜSSEL

Kurz vor 9 Uhr erschienen dann massenhaft Gewerkschaftsaktivisten, die an ihren grünen und roten Jacken leicht auszumachen waren. Erst standen wir alle noch recht bunt durcheinander, traf jeder Bekannte auf einen Plausch. Dann gaben die grün gekleideten Gewerkschafter das Zeichen zum Aufbruch zu den Bussen, während die rot gekleideten Gewerkschafter die Bahn Richtung Brüssel Südbahnhof nahmen. Insgesamt fünf Busse erwarteten uns grün gekleidete Gewerkschafter. Im Bus spielte leise die Radiomusik.

Kaum hatten alle Platz genommen, kam Kriestel und zählte mal eben durch. Kriestel griff sich nach der Abfahrt auch gleich mal das Mikrophon, nachdem ihre Helfer von der Gewerkschaftsjugend überall kleine Kunststoffbeutelchen angebracht hatten. Kriestel hieß uns alle ganz herzlich im Namen der ACV Leuven willkommen und bat darum, für jeglichen Abfall bitte die Mülltüten zu benutzen. Sie erklärte, dass wir zum Atomium-Parkplatz fahren werden und anschließend zum Atomium-Platz marschieren würden, wo die zentrale Veranstaltung der ACV-CSC stattfindet. Sie bat darum, sich ihre Ruifnummer zu notieren und ihr bescheid zu sagen, wenn man nicht den Bus zurück nehmen würde. Um 13 Uhr sollten sich alle wieder im Bus einfinden, spätestens um 13:30 Uhr würde abgefahren werden.

Wir hielten kurz vor der Stadtgrenze von Leuven, wo die Gewerkschaftsjugend die Lunch-Pakete in den Bus verfrachtete. Es gab für jeden Teilnehmer vier belegte Brötchen und eine Dosa Cola, Fanta oder Cola light. So erreichten wir bei sonnig-warmem Frühlingswetter binnen einer guten halben Stunde den großen Parkplatz nahe dem Atomium in Brüssel und liefen anschließend eine weitere halbe Stunde zum Atomium-Platz. Dort begann gerade die ACV-CSC-Veranstaltung mit Ansprachen der Gewerkschaftsvorsitzenden von ACV und CSC vor einer vierstelligen Zahl von Menschen.

Um 11:55 Uhr heulten die Sirenen: ES IST FÜNF VOR 12!

Der Tenor der Reden war eindeutig: Merkel und Sarkozy hätten es geschafft, Barroso und Van Rompuy davon zu überzeugen, dass Sozialabbau wie in Deutschland und Frankreich EU-weit durchgesetzt werden müsse, um unter dem Vorwand der Haushaltssanierung den arbeitenden Menschen die Krisenlasten aufzubürden und dabei die Finanzmärkte nicht mal anzutasten. Wir Arbeiter und Angestellte, wir Gewerkschafter würden keinen Wettbewerb mitmachen, dessen Gewinner das Land mit den niedrigsten Löhnen und den niedrigsten Sozialstandards wäre. Wir haben die Krise nicht verursacht und werden nicht für ihre Folgen aufkommen. Viel mehr seien die Finanzmärkte zu zügeln und das Geld für zu sanierende Haushalte bei denen zu holen, die mehr als genug davon haben. EU-Kommissionsvorsitzender Barroso würde 24.000 Euro Monatsgehalt aus EU-Steuergeldern der steuerzahlenden Arbeiter und Angestellten erhalten, so dass ihm mal eben 5% weniger sicherlich nicht sonderlich schmerzen könnten. Aber dem deutschen Arbeiter Heinrich mit 4,81 Euro Stundenlohn tut sein Hungerlohn schon jetzt sehr weh, denn seine Familie lebt seit Jahren in menschenunwürdiger Not. Dieses „deutsche Modell“ will kein Arbeiter und kein Angestellter in den Beneluxländern, sondern der deutsche Hungerlöhner Heinrich braucht unsere Hilfe sehr dringend.

Bei den Arbeitern und Angestellten kam dieser Tenor der Reden bestens an. „Tous ensemble, tous ensemble“ wurde immer wieder laut in Sprechchören gerufen, was „Alle Zusammen!“ heißt und einen Aufruf zum proletarischen Internationalismus beinhaltet. Laute Buh-Rufe erschallten, als Barrosos Gehaltshöhe genannt wurde. Auch wurde laut gebuht, wenn von den Finanzmärkten die Rede war.

SCHWEIGEMINUTEN FÜR 1-EURO-MINDESTLOHN IN RUMÄNIEN

Aber es gab auch ein andauerndes Schweigen auf dieser recht kämpferischen Veranstaltung. Als der rumänische Gewerkschaftsführer sprach, herrschte minutenlang ein schon sehr betretenes Schweigen. Die Menschen schienen offenbar kaum glauben zu können, was sie da in bester französischer Sprache vernahmen. Während Heinrich immerhin noch 4,81 Euro pro Stunde verdient, seien es in Rumänien mal gerade 1 Euro Mindestlohn pro Stunde. Von seiner gesetzlichen Rente kann in Rumänien kein Rentner mehr leben, so dass die Lebenserwartung dort mittlerweile sinkt. Die Preise für Grundbedarfsgüter wie Nahrung und Strom sind explodiert. Jeder Protest wird brutal niedergeknüppelt. Gewerkschaftsarbeit findet unter Bedingungen der Illegalität statt. Die Massenverelendung hat extreme Ausmaße erreicht. Bei den sehr konkreten Aussagen des rumänischen Gewerkschaftsführers blieb den Menschen jedes Wort im Halse stecken. Selbst sein Fazit am Ende der Rede, dass der Lohnklau und Sozialabbau nicht beim deutschen, englischen oder französischen Modell stehenbleiben würde, sondern es da auch noch das rumänische Modell für die Kapitalisten gibt, brachte die sichtlich tiefgeschockten Menschen nicht zu einer Reaktion. Da mußte erst der Gewerkschaftsvorsitzende der ACV ruhig und sachlich in das Mikrophon sagen: „Die sozialen Bedingungen der Kolleginnen und Kollegen in Rumänien sind in der Tat extrem schlecht. Aber die Rede unseres rumänischen Gastes war doch nicht schlecht, weshalb ich um Euren Beifall bitte.“ Daraufhin gab es ganz massiven Beifall für den rumänischen Gewerkschaftsführer. Cortebeeck versicherte, dass die ACV die rumänische Gewerkschaft weiterhin bestmöglich unterstützen wird, welche einen unglaublich harten Kampf führen muß.

Auch niederländische und luxemburgische Gewerkschaftsvertreter sprachen auf der Veranstaltung. Sie alle hielten sich an das Thema, eine Absage an das asoziale Europa zu formulieren.

WURDEN SEHR BRENNENDE THEMEN BEWUSST AUSGEKLAMMERT?

Unsereins vermißte bei dieser gewerkschaftlichen Massenveranstaltung Protest gegen die Beteiligung Belgien mit eigenen Kampfflugzeugen an der imperialistischen Aggression gegen Libyen. Gehört konsequente Parteinahme für Frieden und Völkerverständigung anstelle von imperialistischen Kriegsverbrechen an den Völkern nicht zu den Grundsätzen der Massenorganisation der Arbeiterbewegung? Dass eine afrikanische Musikgruppe bunt und folkloristisch nach den Reden auftrat, ist doch wohl in diesen Monaten und Jahren völlig unzureichend, um antiimperialistische Solidarität und Völkerfreundschaft zu bekunden und dabei auf die gegenwärtigen imperialistischen Verbrechen an der Menschheit einzugehen.

Auch zur atomaren Katastrophe für das japanische Volk wurde kein Wort gesagt. Dabei liegt doch auf der Hand, dass dort für Profite selbst die Apokalypse eines ganzen Volkes vorsätzlich und bewußt weiterhin in Kauf genommen wird.

Ebenfalls ausgeblendet wurde die nicht beendete Existenz von Folercamps wie Guantánamo, die anhaltende Wirtschaftsblockade Kubas sowie der andauernde Genozid am palästinensischen Volk insbesondere im Gaza-Streifen. So als ob eine momentane Bösartigkeit von Barroso und Van Rompuy das große Weltproblem unserer Zeit wäre. Dabei stehen doch alle diese genannten Themen miteinander im Zusammenhang. Und wer diesen Zusammenhang erkennt, kann nur zu der Erkenntnis gelangen, dass die Menschheit sich zwischen zwei Entwicklungswegen der Gesellschaft zu entscheiden hat und jeder da Partei ergreifen muß: Weiter mit der kapitalistischen Barbarei, oder revolutionäre Überwindung des Imperialismus und Aufbau der sozialistischen Gesellschaft.

Aber zu dieser Erkenntnis wollte wohl kein Cortebeeck die Gewerkschaftsaktivisten bringen. Cortebeeck hatte erst vor wenigen Wochen die Angestellten verraten, als er für die ACV-CSC Zustimmung zu einem Interprofessionellen Akkord (Angleichung von Arbeiter- und Angestelltenstatut in Belgien) signalisierte, bei welchem der Sozialabbau voll die 4 Millionen belgischen Angestellten treffen würde, nur damit die 2 Millionen Arbeiter kleine Verbesserungen erhalten. In einem halben Jahr wird dieser Cortebeeck in Rente sein, wobei seine Rente durch einige Aufsichtsratspöstchen sicherlich gut aufgebessert sein wird. Hat so ein Bonze es nötig, seine Spitzenposition in der größten Gewerkschaft Belgiens als Verräter an den meisten derer zu beenden, die da seine Rente letztlich zahlen?

Insofern machte diese Massenveranstaltung unsereins auch recht nachdenklich. Gleichzeitig demonstrierten die rot gekleideten Gewerkschafter von der ABVV-CGTB von mehreren Stellen aus durch die Brüsseler Innenstadt. Die Stimmung dort heizte sich so weit auf, dass es zu vereinzelten Rangeleien zwischen Demonstrationsteilnehmern und der Polizei bereits mittags kam. Die Auseinandersetzungen fanden im Umfeld der von schwerbewaffneten Gendarmen bewachten EU-Institutionen in Brüssel statt. Die Führung der roten Gewerkschaft hatte die Veranstaltung gegen Mittag im Grunde abgebrochen und die Gewerkschaftsaktivisten gebeten, rasch in Busse und Bahnen zu steigen und den Heimweg anzutreten. Dies wohl um weitere Eskalationen der Konflikte mit der Polizei zu vermeiden.

WARUM NUR „KLEINE MOBILISIERUNG“?

Unsereins beschäftigte noch die Frage, warum es nur eine „kleine Mobilisierung“ zu diesem Aktionstag gegeben hatte, wo doch ein landesweiter massiver Generalstreik sicherlich weit mehr bringen würde. Aber meine belgischen Gesprächspartner in den hiesigen Gewerkschaftskreisen meinten nur, dass ein schrittweises Vorgehen taktisch doch klüger wäre und mehr bringen würde. Denn wenn am 25. März die EU-Kommission Maßnahmen zur Durchsetzung eines asozialen Europas forciert und Belgiens Regierung anschließend darauf zu verweisen beginnt, womit zu rechnen wäre, dann wird es recht „heiße Wochen“ voller Kämpfe geben und müßte massiv gestreikt und demonstriert werden. Das verhältnismäßige Herangehen der Gewerkschaften habe stets die besten Erfolge gebracht.

Diesmal war seitens des Europäischen Gewerkschaftsbundes vorgesehen, ca. 10.000 Gewerkschaftsaktivisten in Brüssel zum Protest kommen zu lassen. Ziel ist ein Signal an die EU-Kommission, dass die Gewerkschaftsbewegung nicht 125 Jahre für gute Sozialstandards gekämpft hat, um jetzt durch Heraufsetzung des Rentenalters, Abschaffung des Index (jährlicher Inflationsausgleich für Löhne in Belgien), des Kündigungsschutzes und hoher Abfindungssummen bei Entlassungen die Zeche für die Folgen der kapitalistischen Weltwirtschafts- und Finanzkrise gemäß der sogenannten Haushaltskonsolidierung zu zahlen.

WARUM KEINE GEMEINSAME AKTION ALLER BELGISCHEN GEWERKSCHAFTEN?

Ursprünglich wollten alle großen belgischen Gewerkschaften gemeinsam im Brüsseler Regierungsviertel demonstrieren und Vertreter zu Barroso und der EU-Kommission entsenden, um die EU-Spitzenpolitiker darauf hinzuweisen, dass wegen ihrer morgigen Beschlußsitzung draußen auf den Straßen die arbeitenden Menschen klare Forderungen stellen. Am 17.3. beschloß dann die rote Gewerkschaft ABVV die Blockade Brüssels durch eine Art von Sternmarsch von verschiedenen Punkten in die Brüsseler Innenstadt. Derlei Blockade-Charakter wollte die Gewerkschaftsspitze der grün gekleideten ACV-CSC nicht, weshalb es zu deren separater Veranstaltung am Atomium kam, welches an Brüssels Stadtrand liegt.

Die ACV dazu wörtlich:

„Het ACV is van oordeel dat een gemeenschappelijk vakbondsfront meer dan ooit nodig is, maar dat veronderstelt wel een minimum aan respect voor elkaar en voor gemaakte afspraken. Gezien een gemeenschappelijke actie momenteel onmogelijk is, kiest het  ACV voor een heel eigen ACV-actie. Die gaat door van 11 tot 14 uur aan de voet van het Atomium.“

(„Die ACV ist zu dem Urteil gekommen, dass eine gemeinschaftliche Gewerkschaftsfront mehr denn je notwendig ist. Aber dies bedingt sehr wohl ein Mindestmaß an Achtung untereinander und hinsichtlich gemachter Absprachen. Da eine gemeinschaftliche Aktion momentan unmöglich ist, entscheidet sich die ACV für eine eigene Aktion. Die findet von 11 bis 14 Uhr am Fuß des Atomiums statt.“)

KLASSENKAMPF STATT SOZIALPARTNERSCHAFTS-ILLUSIONEN!

Bleibt zu wünschen, dass demnächst hier in Brüssel ein Generalstreik mit hohem Mobilisierungsgrad und einem einheitlicheren Auftreten der großen Gewerkschaften stattfindet und kühler Kopf bewahrt wird. Es bleibt ferner zu hoffen, dass die Gewerkschaften sich von reformistischen Illusionen eines bewahrenswerten angeblich sozialen Europas lösen und energischer dem Finanzkapital und den imperialistischen Kriegsverbrechern in den Arm fallen. Klassenkampf steht auf der Tagesordnung, und ein paar Paukenschläge mit freundlichen Bitten um Erhaltung „guter Sozialpartnerschaft“ tut es in diesen Zeiten ohne UdSSR und DDR sicherlich nicht mehr. Dies sollte auch jedem etwas erfahrenen Gewerkschafter klar sein.

Ganz richtig ist das Anknüpfen an 125 Jahre Kampf der Arbeiterbewegung im Weltmaßstab. Vor 125 Jahren handelten aber nicht ein paar clevere Arbeitervertreter den gesetzlichen 8-Stunden-Arbeitstag mit freundlich-sozialpartnerschaftlichen Firmenvorständlern aus, sondern kam es zu den blutigen Klassenkämpfen auf dem Haymarket in Chicago. Jede soziale Errungenschaft der Arbeiterklasse mußte mit viel Blutzoll der Arbeiterklasse hart erkämpft werden, bis hin zu Kündigungsschutzregelungen und Vorruhestandsmöglichkeiten. Rot ist die Farbe des Blutes der Arbeiterklasse, und rot ist die Arbeiterfahne!

Und von der EU-Kommission ist nicht zu erwarten, dass sie auf die Interessen der Arbeiter und Angestellten in den Benelux-Ländern sonderlich Rücksicht nehmen wird, wo doch die deutsche Arbeiterklasse bisher jede Kürzungsmaßnahme seit über 20 Jahren so widerspruchslos hingenommen hat. Diese Einladung zum EU-weiten Generalangriff auf die sozialen Errungenschaften und Rechte der Arbeiterklasse lassen sich die politischen Diener des Finanzkapitals in den Schaltzentralen der EU nicht entgehen.

Uns werden daher harte Zeiten in Belgien bevorstehen. Aber bekanntlich, wie in Deutschland zu sehen ist, hat schon verloren, wer gar nicht erst kämpft!

Quellen:

http://www.lef-online.be/cgi-bin/csvdb.cgi?db=reportages&rec=1300454266&display=record

http://www.wvs-sws.be/index.php?option=com_content&view=article&id=5006:acv-happening-europa-op-24-maart-aan-het-atomium&catid=3:newsflash&Itemid=88

http://www.wvs-sws.be/index.php?option=com_content&view=article&id=5017:acv-doet-donderdag-niet-mee-aan-europese-betoging-van-abvv-&catid=3:newsflash&Itemid=88

http://www.acv-online.be/

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