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"Im
Kapitalismus gibt es nichts geschenkt, und wer sich nichts holt, geht eben leer
aus. Wer keinen Champagner will, bekommt nicht mal Selters.
Die
Unternehmer wissen das. Sie haben ihrem Kumpel Schröder laut und deutlich
gesagt, daß sie keinen Bock mehr haben, Gewinne aus Unternehmensverkäufen zu
versteuern und basta. Die Gewerkschaftsführer wissen das auch. Aber sie haben
in der Regel dasselbe Parteibuch wie Schröder und werden außerdem gut dafür
bezahlt, daß sie Klassenkämpfe abwürgen."
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Schampus
für alle
»Wir
wollen alles, und zwar sofort« wäre die einzig sinnvolle Losung für
Gewerkschafter.
Von
Heiko Lindmüller
»Ficken,
fressen, saufen« soll der politisch etwas verblichene Profikolumnist und
SPD-Chef im Ruhestand, Oskar Lafontaine, mal als Prioritäten für seine
Lebensgestaltung benannt haben. Das ist nicht nur emanzipatorisch, sondern
irgendwie auch radikal links, weil es den propagierten Tugenden der
Konservativen wie auch denen der Neoliberalen und der preußisch geprägten
deutschen Sozialdemokratie bis hin zur PDS diametral entgegensteht. Nun galt
Oskar lange Zeit auch als Galionsfigur der linken Sozialdemokratie. Der
bekennende Keynes-Fan hatte mit Schröders neoliberalem Sparscheiß und der
Umverteilung von unten nach oben wenig am Hut. Doch er zog bekanntlich den kürzeren,
schmiß entnervt die Brocken hin und hat seitdem mehr Zeit für seinen
Weinkeller.
Nichts
wäre dagegen einzuwenden gewesen, wenn die Kollegen Gewerkschafter in
den aktuellen Tarifrunden das Lebensmotto des fröhlichen Saarländers
zur materiellen Gewalt hätten werden lassen. »Wir wollen alles und
zwar sofort« als Minimalforderung und natürlich »f..., f...., s...«.
Doch statt mondäner Sexualpartner, edelsten Champagners und schwarzer
Trüffeln in großen Schüsseln reicht es wieder nur für die nervige
Alte oder den nervigen Alten zu Hause, den Fusel von Aldi und die
Sonderangebote der Discounter. Während auf den Pressegesprächen von
Schröders und Gysis geliebten Investoren beim Buffet gepflegt über
Paragliding in Kanada, den VW-Phaeton und Optionen auf den Château
Laffite von 2003 parliert wird, studiert der ideelle Gesamtarbeiter die
Mallorca-Sonderangebote, die Tuningtrends für seinen alten Golf und die
Werbezettel für Billigpils und Schrottwein. Wer so bescheiden ist, hat
in der Tat wenig Grund, Forderungen nach auch nur 6,5 Prozent mehr Lohn
ernsthaft durchsetzen zu wollen.
Der
Gewerkschaftsführung kann man dabei keinen Vorwurf machen. Unermüdlich
und konsequent bemüht sie sich, der Basis durch praktisches Tun
vorzumachen, daß es geht, und wie es geht. Während Cohiba-Freund Schröder
schon mit gewohnt öliger Stimme auf allen Kanälen über »maßvolle
Lohnerhöhungen« salbaderte, gönnten sich einige Vorständler satte
Schlucke aus der Pulle. An der Spitze natürlich ein Grüner. Der frisch
gekürte ver.di-Chef Frank Bsirske hielt satte 50 Prozent Lohnerhöhung
für sich für angemessen. Derweil redete sich seine beitragszahlende
Herde auf dem Gründungsgewerkschaftstag von ver.di über so
fundamentale Dinge wie den Erhalt der eigenständigen
Versicherungsvermittlungsagenturen der ehemaligen Deutschen Angestellten
Gewerkschaft die Köpfe heiß.
Während
verdiente Gewerkschaftsführer wie Franz Steinkühler (IG Metall) oder
Herbert Mai und Kurt Lange (beide ÖTV) nach einigen Jahren Tätigkeit
als mehr oder weniger verbalradikale Abwiegler in die Vorstandsetagen
von Großbetrieben wechselten bzw. eine neue Karriere als
Aktienspekulant begannen, reicht es für »einfache« Gewerkschafter oft
nur zum Arbeitslosengeld oder einer mageren Rente.
Doch
statt dem Beispiel der Gewerkschaftsführung zu folgen und sich den
Anteil an den Genüssen des Lebens zu holen, den sie für angemessen
erachtet, übt sich die Basis meistens in staatstragender und
unternehmerschonender Demut und Bescheidenheit. Das gilt sogar für die
wenigen Momente, wo die Anliegen auf die Straße gebracht werden,
vorzugsweise am 1.Mai. Jahr für Jahr Bratwurst und Bier aus Pappbechern
und dazu noch flächendeckende Verarsche von DGB-Oberschranzen. Die
schimpfen dann laut und bitterlich über Sozialabbau und Lohndumping, um
ein paar Tage später den Journalisten in die Feder zu diktieren, daß
sie genau die SPD-Grünen-Regierung, die mit dem Rasenmäher so durch
die Sozialsysteme fegt, daß Stoiber und Co. nur staunen können, auch
in den kommenden vier Jahren haben will.
Vielleicht
wäre es an der Zeit, mal etwas grundsätzlicher an die Sache
heranzugehen. Im Kapitalismus gibt es nichts geschenkt, und wer sich
nichts holt, geht eben leer aus. Wer keinen Champagner will, bekommt
nicht mal Selters.
Die
Unternehmer wissen das. Sie haben ihrem Kumpel Schröder laut und
deutlich gesagt, daß sie keinen Bock mehr haben, Gewinne aus
Unternehmensverkäufen zu versteuern und basta. Die Gewerkschaftsführer
wissen das auch. Aber sie haben in der Regel dasselbe Parteibuch wie
Schröder und werden außerdem gut dafür bezahlt, daß sie Klassenkämpfe
abwürgen. Die Kollegen in den Betrieben und auf den Fluren der Arbeits-
und Sozialämter wissen es ebenfalls. Aber sie handeln viel zu selten
danach. Chancen gibt es genug: Wetten, daß die Lahmlegung der deutschen
Presse zu Beginn der Fußball-WM die Durchsetzungschancen für eine kräftige
Lohnerhöhung in der Druckindustrie gewaltig befördern würde?
siehe
auch
erschienen
in der Gewerkschaftsbeilage zu junge Welt vom 29.5.02 - netzexklusiv im
LabourNet Germany
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