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Der
härteste Arbeitskampf in der Geschichte der
Deutschen Bahn beendet? Von wegen!
Mehdorn
schlägt zurück.
Quelle:
Gegenstandpunkt 1-08/März 2008
Mitte
Januar sieht es so aus, als sei der ungewöhnliche Arbeitskampf durch
die Unterschrift der Konfliktparteien unter den Kompromissvorschlag von
Minister Tiefensee ausgestanden. Zufrieden äußern sich Politiker und
Medien, dass der Arbeitsfrieden wiederhergestellt ist, die Züge zuverlässig
fahren, und die Lokführer nicht mehr auffallen, weil sie einfach wieder
Dienst tun. Ob sie ihre soziale Lage durch ihre Hartnäckigkeit wirklich
verbessert haben, ob das Ergebnis den Aufwand rechtfertigt, ja worin es
überhaupt genau besteht, – das alles interessiert die öffentliche
Kommentierung wenig: Hauptsache, die soziale Ordnung ist wieder in
Ordnung. Auch GDL-Chef Schell zeigt sich – vorschnell, wie man
inzwischen weiß – überaus zufrieden über:
„Ein
Ergebnis, das sich sehen lassen kann!“
Das
kann es, wenn man es nicht auf die 19 % Reallohnverlust und die
Verdopplung der Produktivität pro Beschäftigten bezieht, mit denen die
Lohnforderung ursprünglich begründet wurde, sondern auf das einige
Prozent schlechtere Ergebnis, das Transnet für die übrigen Bahner
abgeschlossen hat: Auf die 19 Monate effektive Laufzeit verteilt, ergibt
die gestaffelte Lohnerhöhung, die am Schluss 5 Monate lang auf 11 %
steigt, etwa 7,5 % plus eine Stunde Arbeitszeitverkürzung ab
Februar 2009.
Schell
und die GDL-Spitze meinen wohl, die Abstriche von dem, was man als fällige
Korrektur der jahreslangen Lohnverluste errechnet hatte, vertreten zu können,
angesichts des viel wichtigeren Erfolgs, den sie präsentieren können:
In diesem Lohnkampf hat sich die GDL als eigenständige
Tarifvertragspartei durchgesetzt. Sie hat gegen eine erbitterte
Feindschaft der Kapitalseite und der konkurrierenden
Mehrheitsgewerkschaft Stand gehalten. Man wollte sie nicht als tariffähige
Vertretung ihrer Mitglieder anerkennen, ihren Arbeitskampf verbieten,
ihre Organisation und Handlungsfähigkeit vernichten, ihre streikenden
Mitglieder kriminalisieren und teilweise feuern. Die GDL hat sich nicht
einschüchtern lassen. Sie hat vom höchsten deutschen Arbeitsgericht
ein Recht auf Streik bestätigt bekommen – und davon Gebrauch gemacht.
Sie hat demonstriert, dass sie den Zugverkehr weitgehend lahm legen
kann; und sie hat in der Endphase von Seiten der Berliner Regierung eine
gewisse Aufwertung als Konfliktpartei erfahren: Mehdorn muss mit ihr
verhandeln.
Wie
wenig dieser Erfolg wert, wie wenig sogar das Wort „eigenständiger
Tarifvertrag“ wert ist, zeigt sich einen Monat später: Die Einigung
vom Januar hat die entscheidende Frage offen gelassen, die bis dahin ja
das große Hindernis für jede Verständigung war. Man hat einen Vertrag
über Lohn und Arbeitszeit unterschrieben, ob dieser eigenständige
Tarifvertrag sich aber „konflikt- und widerspruchsfrei“ ins
allgemeine Tarifsystem der DB einfügen muss oder einfügen lässt, hat
man ausgeklammert. Als Teil der Einigung hat die GDL zwar den Auftrag
akzeptiert, mit den anderen Bahn-Gewerkschaften einen
Kooperationsvertrag und mit der Bahn einen Grundlagen-Tarifvertrag im
Sinn der Tarifeinheit des Konzerns zu vereinbaren. Ob dies nun aber heißt,
man werde sehen, ob man sich da einigen kann, oder ob eine Einigung
Vorbedingungen dafür ist, dass die Tarifvereinbarungen wirksam werden,
ist nicht geklärt worden. Handelt es sich bloß um eine Forderung der
Bahn, die GDL möge sich wieder in die DGB-übliche, „vernünftige“
Kooperation von Gewerkschaften und Geschäftsleitung einbinden lassen,
oder ist die Rückkehr zur deutschen Normalität Bedingung dafür, dass
der Abschluss Gültigkeit erlangt? Beide Seiten vertreten dazu
vollkommen unvereinbare Positionen. Daran wird deutlich, dass die
Durchsetzung der GDL im Grundsätzlichen noch überhaupt nicht gelungen
ist und die Gegenseite diesen Tarifpartner noch keineswegs akzeptiert.
Der ganze Erfolg steht wieder ganz in Frage; und die Lokführer werden
schon wieder kämpfen müssen, um sich das zu holen, was sie schon zu
haben glaubten. Bahnchef Mehdorn hat seit dem Tag seiner Unterschrift
unter Tiefensees Zettel zu erkennen gegeben, dass für ihn dieser Kampf
noch lange nicht zu Ende ist. Mit diesem Abschluss macht er keinen
Frieden.
„Eine
Niederlage nicht nur für die Bahn, sondern auch für den Standort
Deutschland“
Mehdorn
ist nicht bereit, wie sonst üblich, den gewonnenen Arbeitsfrieden und
die Zuverlässigkeit des Fahrplans gegen die Zugeständnisse
aufzuwiegen, die dafür erforderlich waren. Er hält sich ans materielle
Resultat der Auseinandersetzung und ans Prinzip und findet, dass in
beiden Hinsichten der außerplanmäßige Erfolg einer
Minderheitsgewerkschaft eine absolute Katastrophe ist, die nicht hätte
passieren dürfen. Wenn der Arbeitsfrieden einen Preis hat, den Mehdorn
nicht selbst festsetzen kann, dann ist er zu teuer erkauft. Die
Fortsetzung des Kampfes bis zu einer klaren Niederlage der Gewerkschaft,
die seinen Laden stört, ist für ihn auch nach der vorläufigen
Einigung das einzig Richtige.
Gewerkschaften,
so sieht er die Sache, dürfen sich bilden und sich als
Verhandlungspartner des Kapitals betätigen, damit sie die Renditeansprüche
des Kapitals einsehen, die Interessen ihrer Mitglieder den betrieblichen
Belangen unterordnen und ihnen diese Unterordnung als einzig
realistischen Weg der Vertretung dieser Interessen verkaufen. Eine
Gewerkschaft, die da aus der Reihe tanzt, gehört fertig gemacht, ihr
Aufbruch gehört entmutigt, damit unrealistische Ansprüche des
Arbeitsvolks und „sich mit Forderungen überbietende
Kleingewerkschaften“ gar nicht erst Schule machen – nicht nur bei
der Bahn. Der Bahnchef sieht sich in einer Schlacht, die er
stellvertretend für die ganze kapitalistische Nation schlägt und bei
der er Anspruch auf konsequente Unterstützung durch die Staatsmacht
gehabt hätte. Aber erst lässt ihn die Justiz bei seinem Versuch, den
GDL-Streik zu kriminalisieren, im Stich, dann fällt ihm der öffentliche
Eigentümer mit Vermittlungsbemühungen in den Rücken.
„Mehdorn
kritisierte indirekt den Einsatz Tiefensees für den Tarifabschluss mit
den Lokführern. Einige nehmen für sich in Anspruch, zur Beendigung
dieses Arbeitskampfes beigetragen zu haben“, sagte Mehdorn, offenbar
an die Adresse des Verkehrsministers gerichtet. Denen müsse jedoch klar
sein, „was dieser Abschluss für Konsequenzen haben muss“.“ (SZ,
15.01.)
Seine
Konsequenz besteht jedenfalls darin, dass der Kampf weiter geht und er
alles unternehmen wird, um den Erfolg der GDL, den er unterschrieben
hat, rückgängig zu machen. Er kündigt an, dass er den Schaden für
die Bahn – als das rangieren bei ihm die Einkommensverbesserungen der
Lokführer – umgehend wieder in Ordnung bringen wird. Nach dem
„untragbaren Abschluss“ ist er wieder alleine der Herr im
Bahnkonzern und kann und wird Arbeitszeiten, Beschäftigtenzahlen, Beschäftigungsformen
und Fahrpreise so einrichten, dass dem Bahnprofit kein Nachteil aus den
Zugeständnissen an die Lokführer erwächst.
„Mehdorn
hatte erklärt, dass die Bahn als Konsequenz aus der Tarifeinigung mit
der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer wahrscheinlich Arbeitsplätze
abbauen und Preise erhöhen müsse ... Der Abschluss gehe weit über das
wirtschaftlich vertretbare Maß hinaus. Den jährlichen Schaden
bezifferte er auf 200 Millionen Euro. Für die kommenden fünf Jahre
ergebe sich eine „Belastung in Milliardenhöhe“. Es werde nun
„sehr schnell“ geprüft, wie die Wettbewerbsfähigkeit des Konzerns
wiederhergestellt werden könne. „Es wird uns gelingen, aber die
Konsequenzen werden für uns bitter sein.“ (FAZ-net, 15.1.)
Welches
„Wir“ die bitteren Konsequenzen tragen muss, unterliegt angesichts
der sofort präsentieren Liste der Gegenmittel keinem Zweifel:
‑
„... ‚weitere Rationalisierungen’, ‚Outsourcen von Arbeit’,
‚Leiharbeit’, ‚Verlagerung von Arbeit in Billiglohngebiete’
‚Entlassungen’; außerdem erklärt er den bis 2010 vereinbarten
Beschäftigungspakt für tot. Er sät nach Kräften Verbitterung gegen
die GDL, indem er den Opfern seiner angekündigten Maßnahmen, dem
gesamten Personal und den Fahrgästen, mitteilt, bei wem sie sich zu
bedanken haben, wenn er ihnen nächstens Entlassungen, Preiserhöhungen
etc. präsentiert. Dass die DB sowieso jährlich die Preise erhöht,
ohnehin permanent rationalisiert, Funktionen nach außen vergibt, wenn
sie von Subunternehmern billiger erbracht werden als von Bahnbeschäftigten
und so fort, tut der Glaubwürdigkeit seiner Drohung keinen Abbruch; im
Gegenteil. Man darf ihm abnehmen, dass er das alles auch 2008 wieder tun
wird. Heuer eben als Reaktion auf den GDL-Abschluss, als Kompensation für
die Kompensation, die die Lokführer für jahrelange Lohnverluste
erstritten haben. Er erklärt der streikbereiten Mannschaft lauthals,
dass er sich alles zurückzuholen wird, um sie darüber zu belehren,
dass Kämpfen sich nicht lohnt und dass ihr Versuch zwecklos ist, sich
gegen den Willen der Chefetage besser zu stellen: Auch eine Art, den
Proletariern die Unversöhnlichkeit des Kapitals gegen jedes
Lohninteresse anzusagen und ihnen die Unvermeidlichkeit des Kampfes vor
Augen zu stellen, wenn sie nicht jede Verschlechterung des Verhältnisses
von Lohn und Leistung schlucken wollen.“
Deutschland
versteht die Botschaft unbedingter Unversöhnlichkeit und erschrickt –
aber nur für einen Augenblick.
„Mehdorns
fiese Rache“ „nach dem Motto: Wenn du mehr Geld willst, bist Du
Deinen Job los!“ haben die Medien registriert und unschön gefunden:
„Seine gestrigen Äußerungen enttarnen ihn nicht nur als schlechten
Verlierer. Mehdorn spielt gezielt mit den Ängsten nicht nur der
Mitarbeiter, sondern auch mit denen der Kunden. Das ist eine böse
Entgleisung.“ (TZ, 16.01.)
Nach
einem Arbeitskampf hat die feindliche Konfrontation auch mal wieder
vorbei zu sein, Frieden zu herrschen – und Arbeit. Da sind die
Zeitungen mit dem politischen Vermittler einig:
„Bundesverkehrsminister
Wolfgang Tiefensee (SPD) lehnte die Pläne Mehdorns umgehend ab: „Aus
meiner Sicht gibt es keinen Grund für ein wirtschaftlich so starkes
Unternehmen wie die DB AG, sofort mit der Entlassung von Beschäftigten
und der Verlagerung von Arbeitsplätzen zu drohen oder gar den Beschäftigungspakt
aufzukündigen“, sagte er. „Der Eigentümer Bund erwartet von der DB
AG, die gute Partnerschaft mit den Gewerkschaften fortzusetzen.“ (SZ,
15.01.)
Tiefensee
erinnert daran, dass der soziale Frieden eine Produktivkraft des
deutschen Kapitalismus ist, die Mehdorn nicht leichtfertig aufs Spiel
setzen sollte. Wenn Gewerkschaften unternehmerische Entscheidungen
mittragen und bei ihrer Anhängerschaft durchsetzen, können sogar
Radikalkuren wie die Bahnprivatisierung ohne Widerstand und Ärger über
die Bühne gebracht werden: Die Halbierung der Belegschaft, die
Absenkung der realen Gehälter, Verlängerung der Arbeitszeit,
Verschlechterung der Schichtmodelle – alles das hat Mehdorn im letzten
Jahrzehnt zugunsten der Profitmaschine Eisenbahn glatt einfahren können.
Da müsse er, wenn er es sich schon so gut leisten kann wie gegenwärtig,
auch einmal einen Preis für den sozialen Frieden bezahlen.
Damit
ist das Stichwort für den Fortgang der öffentlichen Meinungsbildung
gefallen: Wie hoch ist der angemessene Preis für den sozialen Frieden
und wer setzt ihn fest? Ihrer Wortmeldung dazu schickt die FAZ noch ein
bisschen Kritik an Mehdorn voraus; die gilt allerdings ausschließlich
seinem schlechten Stil: Er hätte Nein sagen können, er hätte Nein
sagen sollen, aber wenn er schon unterschreibt, hat er auch dazu zu
stehen. Nachtreten ist unfein!
„Sein
Lamento hinterlässt in der Tat einen faden Beigeschmack, hätte er doch
die Zustimmung zur Einigung verweigern können. Aus Angst vor weiteren
Streiks erschien aber offenbar ein teurer Kompromiss als minderes Übel.
Nun wirft Mehdorn Bundesverkehrsminister Tiefensee vor, Druck auf die
Bahn ausgeübt zu haben.“ (FAZ, 17.1.)
In
der Sache gibt die Zeitung Mehdorn voll recht: Der Verkehrsminister hat
ihn zu dem Abschluss gedrängt – und das mit dem unpassenden
Standpunkt, „die wirtschaftlich starke Bahn könne sich einen solchen
Tarifabschluss leisten“ (ebd.). Diese Einstellung ist gefährlich.
Selbstverständlich kennt auch die FAZ die Zahlen, die ein Münchner
Boulevardblatt wie einen Rechtstitel auf Lohnerhöhung anführt:
„Im
Geschäftjahr 2006 verzeichnete die DB das beste Unternehmensergebnis
seit vielen Jahren. Der Umsatz stieg um 19,9 % auf 30,1 Milliarden
Euro an. Den Gewinn (EBIT) konnte die DB um 1,1 auf 2,5 Milliarden Euro
verbessern.“ (TZ, 16.1.)
Aber,
was heißt das schon? Aus einem hohen Gewinn folgt für die Löhne gar
nichts!
„Die
Anmaßung der Politiker, über die Gewinnverwendung des Unternehmens zu
befinden, sagt viel über deren Wirtschaftsverständnis. Dabei liegt auf
der Hand, dass der Konzern im Wettbewerb zurückfällt, wenn die Löhne
viermal so stark steigen wie bei Konkurrenten. Die Bahn braucht den
Gewinn – für die Beschäftigten, aber auch für Investitionen und
Schuldenabbau. Wo das Geld wirtschaftlich am sinnvollsten angelegt ist,
kann nur der Vorstand bestimmen, nicht die Politik.“ (FAZ, 17.1.)
Das
ist ein klares Wort: Auch bei der Bezahlung des Geldes, von dem das
Personal lebt, geht es darum, Geld im Geschäftsinteresse der Bahn möglichst
sinnvoll anzulegen. Und da ist klar, dass Löhne die am wenigsten
sinnvolle Anlageform des Gewinns sind: Sie kosten Gewinn und schmälern
das Budget für alles, was zukünftigen Gewinn verspricht. Wie viel von
den leidigen Lohnkosten allenfalls im Sinne des Unternehmens als
unvermeidlich anerkannt werden muss, kann und darf niemand entscheiden
als der Vorstand, der dem Eigentümer schließlich für die Rendite
verantwortlich ist. Wenn also Herr Mehdorn meint, dass er den sozialen
Frieden billiger hätte kriegen können und dafür noch Wochen oder
Monate wirtschaftsfördernden Unfrieden und gestörte Fahrpläne
ausgehalten hätte, dann hat er den renommierten Zeitungen zufolge
absolut recht: Nur der Preis, den er, der Chef, für den sozialen
Frieden zu zahlen bereit gewesen wäre, wäre ein angemessener Preis
gewesen. Tiefensee dagegen verfälscht mit seiner Einmischung in
Mehdorns Kompetenzen diesen Preis und macht den sozialen Frieden unnötig
teuer.
„Die
Koalition trägt dazu bei, dass die Löhne um des lieben Friedens willen
schneller steigen, als es trotz der guten Konjunktur und trotz hoher
Unternehmensgewinne angemessen ist; dies wird sich rächen, wenn die
Wirtschaft einmal nicht so gut läuft … Tiefensees Zettel ist ein
Beleg dafür, wie wenig das einst hehre Prinzip der Tarifautonomie noch
gilt ... Es soll sicherstellen, dass der Staat nicht regelt, was nicht
des Staates ist ... Gegen dieses Prinzip hat der Verkehrsminister verstoßen
... Er hat sich eingemischt.“ (SZ, 15.1.)
Das
hohe Gut der Tarifautonomie, auf das die Gewerkschaften so stolz sind,
findet Anhänger im Lager der Gewerkschaftsfeinde. Dass die abhängig
Beschäftigten kollektiv um Lohn verhandeln und kämpfen dürfen, schätzen
die journalistischen Freunde der Tarifautonomie als sicheres Mittel der
Unterordnung der Arbeitskräfte unter die Ansprüche des Kapitals. Sie
treten ein für die Freiheit des Lohnkampfs als Instrument, den
Unzufriedenen Niederlagen beizubringen, ihre Ansprüche auf ein
realistisches Maß zurückzuführen und den Preis zu senken, zu dem sie
sich ihre Ausbeutung gefallen lassen. Diese Meinungsmacher sind unverschämt
sicher, dass das Kapital am längeren Hebel sitzt, dass Mehdorn die GDL
schon fertig gemacht hätte, dass die Lokführer kapituliert hätten,
wenn die Politik nur, wie es sich im freiheitlichen Laden gehört, dem
Klassenkampf seinen Lauf gelassen hätte.
Nachtrag:
Es geht wieder von vorne los.
Bis
zum 20. Februar gehen die Stellungnahmen der GDL-Führung, der Bahn und
der nationalen Medien davon aus, dass die Einigung steht – und
Mehdorns angedrohter Gegenschlag auf Basis des nun einmal geschlossenen
Tarifvertrags in der Zukunft zu erwarten sei. Jetzt kommt er viel
schneller: Die Bahn setzt den Kampf um die Zurückweisung der
GDL-Forderungen und um die Entmutigung der Lokführer unmittelbar fort.
Sie besteht auf einer Unterschrift der GDL unter einen
Grundlagen-Tarifvertrag, den ihre Juristen einzig zu dem Zweck
aufgesetzt haben, um über die Bedingungen, unter denen der Tarifvertrag
gültig werden soll, das Ausgehandelte zu widerrufen. Dasselbe soll auf
seine Weise der Kooperationsvertrag mit Transnet und GDBA leisten, den
die GDL auch noch zu unterschreiben hat, ehe die Bahn die Tarifeinigung
vom Januar in Kraft setzt. In beiden Verträgen hätte die GDL zu
akzeptieren, dass sie bis 2015, also für die nächsten sieben Jahre,
keine Forderungen erheben darf, die die Lokführer besser stellen würden
als andere Bahn-Beschäftigte; und dass sie überhaupt Lohnforderungen
nur noch gemeinsam mit den anderen Bahngewerkschaften stellt, also im
Grund wieder in die Tarifgemeinschaft zurückkehrt, aus der sie mit
ihrem Lohnkampf ausgebrochen ist. Der Konzern würde diesen Ausbruch
einmalig hinnehmen, wenn eine Wiederholung für eine lange, am besten für
alle Zukunft ausgeschlossen wäre. Außerdem soll die GDL
unterschreiben, dass sie nicht zuständig ist für die Löhne der Lokführer,
die Rangierloks fahren, und auch nicht für die, die die Bahn nicht im
Konzern, sondern in Konzern-eigenen Zeitarbeitsfirmen oder sonstigen
Subunternehmen anstellt. Auf diese Weise würde ihr Tarifvertrag für
immer weniger Lokführer gelten; und die schlechter gestellten
Billigkollegen wären eine stete Bedrohung sowohl der „Privilegien“
wie der Beschäftigungssicherheit und der Durchsetzungsfähigkeit der
GDLer.
Die
Bahn zwingt die Lokführern dazu, um jedes Element ihrer Forderungen
einzeln zu kämpfen: Nicht nur um den materiellen Inhalt des Vertrags,
auch um jede kleinste Bedingung seiner Geltung: Alles hängt an der
Durchsetzung als eigenständiger Vertragspartner, der auch selbst
bestimmt, wen er vertritt. Während Schell gemeint hat, die
unmittelbaren Verbesserungen bei Lohn und Arbeitszeit seien nicht ganz
so wichtig, angesichts der gelungenen Durchsetzung der GDL als
Tarifpartei, präsentiert ihm Mehdorn nun die Umkehrung: Nicht nur, dass
diese grundsätzliche Durchsetzung noch überhaupt nicht gegessen ist,
der Bahnchef versucht, die Lokführer mit den in Aussicht gestellten
materiellen Verbesserungen dazu zu ködern, dass sie aufs kleinliche
Durchkämpfen der Rechtsstellung ihrer Vertretung verzichten. Ohne die
ist aber der ganze Abschluss nichts wert. |