|
Französisch
lernen!
Sozialpartnerei
ist nicht verschwunden
Von
Peter Wolter
Quelle:
jungeWelt vom 30. September 2006
Mittlerweile
müßten auch dem letzten, der noch an Sozialpartnerschaft und das Gute im
Unternehmer glaubt, die Augen aufgegangen sein. Beschäftigte, die durch
ihre Arbeit Riesengewinne für ihre jeweiligen Firmen mit erwirtschaftet
haben, werden anschließend heraussaniert; ganze Branchen werden mal eben
ins Ausland verlagert; Firmen werden von Finanzkonsortien aufgekauft,
zerstückelt und häppchenweise zu Maximalpreisen verscherbelt. Zurück
bleiben zerstörte Existenzen, Menschen ohne Hoffnung, zerfallende
Familien.
Das
jüngste und vielleicht empörendste Beispiel ist die deutsche Handysparte
von Siemens. Etwa 3000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben für das
Versprechen, daß ihre Arbeitsplätze erhalten bleiben, kostenlos fünf
Stunden pro Woche länger gearbeitet und auch noch auf 20 bis 30 Prozent
ihres bisherigen Einkommens verzichtet. Und jetzt stehen sie auf der Straße
kurz nachdem der Siemens-Vorstand seine Bezüge mal eben um 30 Prozent
aufgebessert hat.
Es
ist zwar unfaßbar, wie Firmen wie Siemens mit ihren Arbeitern und
Angestellten umgehen aber: Ist das nicht der ganz normale Kapitalismus?
Haben wir Linken nicht immer wieder die Versprechungen von Konzernbossen
und Politikern als das bezeichnet, was sie meistens sind als Lügen?
Und
dennoch fallen immer noch Menschen auf solche Roßtäuscherei herein. Es
gibt sie immer noch, die Gewerkschaftsfunktionäre und Betriebsräte, die
sich von sozialdemokratischem Gesäusel und christdemokratischen
Beschwichtigungen täuschen lassen. Die es für bare Münze nehmen, was
Pressestellen von Firmen, Wirtschaftsverbänden und Parteien von sich
geben. Die treuherzig auf jeden Beschiß hereinfallen.
Die
Sozialpartnerei, mit der wir seit Jahrzehnten betrogen werden, ist immer
noch nicht aus den Köpfen verschwunden. Es ist daher an Peinlichkeit kaum
zu überbieten, wenn vom Rausschmiß bedrohte Beschäftigte auf
Transparenten untertänigst darum bitten, wieder in die Siemens-»Familie«
aufgenommen zu werden. So geschehen bei der Protestdemonstration am
Freitag in München.
Wenn
es um den Profit geht, setzen sich Unternehmen schamlos über
Versprechungen und menschlichen Anstand hinweg. Auch über Gesetze: Dem
Betriebsrat der Bosch Siemens Hausgeräte GmbH, deren Belegschaft sich
ebenfalls gegen den Rausschmiß wehrt, wurde am Freitag vom Werksschutz
mal eben der Zutritt ins Betriebsratsbüro verwehrt.
Wer
dem Kapital den kleinen Finger reicht, sollte sich nicht wundern, wenn
anschließend die ganze Hand fehlt. Spätestens nach der Ankündigung, daß
die Handyfertigung bei Siemens eingestellt wird, sollte klar sein:
Liebsein ist out. Wir sollten alle französisch lernen. |