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Quelle:
jungeWelt vom 03.03.2004
Kommentar
Rainer
Balcerowiak
Schröders
Hiwis
DGB-Spitze
ließ sich im Kanzleramt vorführen
Am
»Reformkurs« der Bundesregierung könne es »keinen Zweifel geben«.
Der dies am Dienstag im Deutschlandradio verkündete, war nicht etwa der
Bundeskanzler oder einer seiner Satrapen, sondern einer der einflußreichsten
Gewerkschaftsfunktionäre der Republik: Hubertus Schmoldt, Vorsitzender
der IG Bergbau, Chemie, Energie. Am Vorabend hatten DGB-Chef Michael
Sommer und andere Gewerkschaftsspitzen beim Kanzler gesessen, um untertänigst
ein paar kleine »Korrekturen« und »Verbesserungen« anzuregen. Laut
Sommer betraf das die künftige Verpflichtung für jeden Arbeitslosen,
jegliche Tätigkeit zu jeglichem Lohn annehmen zu müssen, sowie die
Gefahr, daß auf Arbeitszeitkonten angesammelte Mehrarbeit im
Insolvenzfall verfällt. Zwar habe der Kanzler keinerlei Bereitschaft
erkennen lassen, entsprechende Regelungen in den »Reformgesetzen« zu
ändern, aber immerhin habe man bei Schröder »Nachdenklichkeit
erzeugen können«, freute sich anschließend der DGB-Chef von
Nordrhein-Westfalen, Walter Haas.
Das
spricht Bände. Kein Wort mehr von der drohenden Massenverarmung durch
die Absenkung der Arbeitslosenhilfe und des Rentenniveaus oder die
Belastungen durch die »Gesundheitsreform«. Dafür nahezu überschwengliche
Lobeshymnen auf den Kanzler, weil dieser in Erwägung zieht, den Beschluß
seiner eigenen Partei zur Einführung einer Ausbildungsabgabe für
nichtausbildende Betriebe verbal zu unterstützen.
Bleibt
die Frage, warum der DGB und alle seine Einzelgewerkschaften überhaupt
zu den Protestaktionen am 3. April aufrufen, wenn man wie Schmoldt erklärtermaßen
»nicht den Eindruck erwecken will, die grundsätzliche Linie (der
Regierung) verändern zu wollen«. Während Schmoldt die geplanten
Demonstrationen als »Werbung für ein soziales Europa« verstanden
wissen will, scheint Sommer durchaus bewußt zu sein, daß es an der
Basis brodelt und es höchste Zeit wird, drohende »wilde« Proteste zu
kanalisieren und abzuwürgen. Im Frühjahr 2003, als die »Agenda 2010«
auf den Markt kam, ist das recht gut gelungen, weil die irrationale Beißhemmung
vieler Gewerkschafter gegenüber einer SPD-geführten Regierung noch
nicht überwunden war. Ob sich die unzähligen Menschen, die – anders
als Sommer und Schmoldt – von den »Sozialreformen« unmittelbar
materiell betroffen sind, auch weiterhin mehrheitlich von der
sozialdemokratischen Gewerkschaftsführung verschaukeln und auf eine
rituelle Latsch- und Schimpfdemo am 3. April beschränken lassen, ist
allerdings noch nicht ausgemacht. |