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IG
BCE auf Unternehmerkurs:
Zeit
für Alternativorganisation?
jW
fragte Ulrich Franz, Mitglied der Belegschaftsliste bei Bayer Wuppertal und im
Chemiekreis, einem Zusammenschluss kritischer Gewerkschafter in der
Chemiebranche
interview:
Daniel Behruzi
F:
Sie haben gemeinsam mit anderen Kollegen aus der Chemieindustrie einen Aufruf
veröffentlicht, der sich kritisch mit der Politik der Führung der Gewerkschaft
Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) auseinandersetzt. Was ist Ziel der Initiative?
Wir
wollen mit anderen Beschäftigten, vornehmlich aus der chemischen Industrie,
aber auch mit Gleichgesinnten aus anderen Branchen und Gewerkschaften, einen
Gedankenaustausch über Alternativen zur Politik der IG- BCE-Spitze treten.
F:
IG-BCE-Chef Hubertus Schmoldt fällt den Beschäftigten der eigenen und anderer
Gewerkschaften regelmäßig in den Rücken. Zuletzt mit seiner Unterstützung für
die "Agenda 2010". Wie kommt es, dass sich Schmoldt solche Vorstöße
immer wieder erlaubt?
Gegenfrage:
Kann er sich das wirklich erlauben? Die IG BCE hat in den vergangenen vier
Jahren mehr als 140000, das heißt 18 Prozent, ihrer Mitglieder verloren. Die
Mitgliederflucht ist auch Folge des politischen Kurses der Spitzenfunktionäre,
der die IG BCE zunehmend in die Isolation zu anderen Gewerkschaften treibt.
Schmoldts Einverständnis mit der Agenda 2010 ist nur die vorläufige Spitze des
Eisbergs. Ende vergangenen Jahres hatte er bereits die Umsetzung des
Hartz-Konzepts von Wirtschaftsminister Clement verlangt. Ferner hat er
gefordert, die Gesundheitsreform zum Nachteil der Beschäftigten und
Beitragszahler durchzusetzen, deren Interessen er eigentlich vertreten müsste.
In Zeiten der Arbeitgeberoffensiven weltweit suchen wir nach Wegen, Widerstand
gegen die soziale Demontage in Betrieb und Gesellschaft zu organisieren und
inhaltliche Alternativen zu erarbeiten. Dabei wollen wir Gruppen ansprechen, die
von der klassischen Gewerkschaftspolitik schon nicht mehr erfasst werden, weil
zum Beispiel im Osten Deutschlands ein beispielloser Kahlschlag mit sozialer
Ausgrenzung stattgefunden hat. Wir versuchen, Formen zu entwickeln, die
diejenigen Jugendlichen ansprechen, die sich mittlerweile eher in ATTAC als in
einer schlaffen Gewerkschaft organisieren, weil sie in der Gesellschaft wirklich
etwas bewegen wollen.
F:
Wie soll Ihr Alternativangebot für IG-BCE-Abtrünnige und austrittswillige
Mitglieder konkret aussehen?
Uns
geht es darum, unsere bisherigen organisatorischen Strukturen und den
Gewerkschaftsgedanken weiterzuentwickeln und dabei auch Basisfunktionen einer
Arbeitnehmervertretung wahrzunehmen. Dazu zählen Rechtsschutz, Bildungsarbeit,
Öffentlichkeitsarbeit, Beratung und inhaltliche Arbeit in allen Bereichen
etwa in der Renten-, Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik. Wichtig ist für uns
die Zusammenarbeit mit Beschäftigten und Gewerkschaftern anderer Branchen,
sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern.
F:
Planen Sie damit den Aufbau einer neuen Gewerkschaft?
Nein,
eine Gewerkschaft als Massenorganisation können wir nicht ersetzen. Wir
verstehen das Projekt aber ausdrücklich nicht als innergewerkschaftliche
Opposition, wenngleich wir unseren Einfluss auch innerhalb der Gewerkschaften
geltend machen und mit anderen Gewerkschaften kooperieren wollen. Die Strukturen
innerhalb der IG BCE sind derart verfestigt und arbeitgeberorientiert, dass
oppositionelle Arbeit in den Gremien nach meiner Ansicht keinen Sinn mehr macht.
Es kann einfach nicht angehen, dass die IG BCE den DGB spalten kann, und die Führung
sich noch dazu anmaßt, zu behaupten, im Namen der Chemie-Beschäftigen zu
sprechen. Ich habe Kollegen gesprochen, die mich fragten, wann wir endlich eine
neue Gewerkschaft gründen, wann wir uns endlich wehren wie in Frankreich,
Italien oder Österreich. Weltweit wird gegen die herrschende Form des
Wirtschaftens und der Politik aufbegehrt, die den Interessen der Mehrheit der
Menschen nicht gerecht wird. In diese Bewegung wollen wir uns einbringen.
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Infos im Internet: www.chemiekreis.de
und www.Belegschaftsliste.de
Den Artikel finden Sie unter:
http://www.jungewelt.de/2003/06-19/016.php
(c)
Junge Welt 2003
http://www.jungewelt.de
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