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Gewerkschaftsfeindlich
von Daniel
Behruzi
Quelle:
jungeWelt vom 15.10.2005
Kongress
der IG Bergbau, Chemie, Energie beendet
Der
am Freitag zu Ende gegangene Kongreß der Industriegewerkschaft Bergbau,
Chemie, Energie (IG BCE) hat den Zustand dieser Organisation erneut vor
Augen geführt. Mit lang anhaltendem Applaus hat man dort den Kanzler
verabschiedet, unter dessen Ägide das größte Sozialkürzungsprogramm
der bundesrepublikanischen Geschichte durchgesetzt wurde. »Unter
Freunden« sei Gerhard Schröder bei den Chemiegewerkschaftern, so deren
Chef Hubertus Schmoldt. Tatsächlich hat seine Gewerkschaft in den
letzten sieben Jahren alles dafür getan, dem »Reformkanzler« den Rücken
freizuhalten – und den in ver.di, IG Metall und anderswo Organisierten
in selbigen zu fallen.
Und
auch bei diesem Gewerkschaftstag zeigte sich die IG BCE von ihrer »modernen«
Seite. »Tarifliche Korridore und Öffnungsklauseln«, wie sie in der
Chemieindustrie gang und gäbe sind, seien als »Modell für einen
funktionierenden, zukunftsfähigen Flächentarifvertrag« anzusehen, heißt
es in einer der Entschließungen. In einer anderen werden »die Reformen«
wieder einmal »im Grundsatz begrüßt«. Per Kombilohn will Schmoldt
den Niedriglohnsektor staatlich subventionieren lassen – und damit
ausweiten. Offen sei man für einen »sozialen Dialog« mit Wirtschaft
und Regierung, also für die Einbindung der Beschäftigtenorganisationen
in die neoliberale Umverteilungspolitik über eine Neuauflage des »Bündnisses
für Arbeit«. Selbst eine Erhöhung der unsozialsten aller Steuern, der
Mehrwertsteuer, mag der IG-BCE-Boß nicht ablehnen.
Das
alles ist nicht wirklich überraschend. Verblüffen könnte allerdings,
daß ein Funktionär, der derart gewerkschaftsfeindliche Positionen
vertritt, mit 96,9 Prozent der Delegiertenstimmen als Chef von
Deutschlands drittgrößter Gewerkschaft wiedergewählt wird. Solcherart
»große Geschlossenheit« bleibt »das Markenzeichen unserer IG BCE« (Schmoldt).
Wie es dazu gekommen ist, daß die Komanager über die in der
Chemiegewerkschaft einst dominierende Linke die Oberhand gewann, ist äußerst
lehrreich. 1971 trieben die Chemiekonzerne die damalige IG Chemie,
Papier, Keramik – u. a. mit dem Hintergedanken, die
innergewerkschaftliche Auseinandersetzung zu eskalieren – in einen
Arbeitskampf. Vor allem weil die Konzernbetriebsräte von BASF, Bayer
und Hoechst den Streik sabotierten, endete der Konflikt wie von den
Unternehmern gewünscht: mit einer Niederlage der Gewerkschaft, auf die
ein Führungswechsel und die »Säuberung« des Apparats von linken
Funktionären folgte. Seither ist Streik in der Organisation ein
Fremdwort. Diese Geschichte sollte Gewerkschaftern z. B. in der IG
Metall – in der die Betriebsratsfürsten zuletzt beim gescheiterten
Ostmetallerstreik ihre Sabotagemacht demonstrierten – zu denken geben. |