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Belgien

Weltgrößter Bierkonzern AB InBev wird bestreikt

MILLIARDEN-PRÄMIEN FÜR BOSSE, DIE ARBEITER ENTLASSEN

von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

Kommunisten-Online, 25. Januar 2010. – Bier ist beliebt unter Männern. Dies gilt ganz besonders im kleinen Belgien, dem Land der 487 Biere!

Der kapitalistische Konkurrenzkampf hat die Eigentumsstruktur der vielen Bierbrauereien vor allem in den letzten Jahren der Macht gigantischer internationaler Monopole unterworfen. Vor 10 Jahren waren die Brauerei Jupille und die Brauerei Stella Artois die beiden größten Brauereien Belgiens und in der Hand belgischer Großkapitalisten. Mittlerweile fusionierten diese beiden Großbrauereien, Mehrheitsaktionäre sind anschließend brasilianische Kapitalistenclans geworden. Sie eigneten sich auch die kleinere und hier in Belgien sehr renommierte Brauerei Hoegarden an und wollten daraus in den letzten Jahren nach einer Massenentlassung einfach mal eben ein „Brauereimuseum“ machen. Dieser Plan schlug fehl, denn die ganze Region um Hoegarden ging auf die Straße für „ihr Bier“ und vor allem die Arbeitsplätze der in der Brauerei Hoegarden beschäftigten Arbeiter. Nur dem beharrlichen Kampf dieser vielen Menschen ist zu verdanken, dass Hoegardens Brauerei weiterhin das beliebte Hoegardener Bier produziert und die Arbeiter in Lohn und Brot blieben. Die Gewinne auch aus jener Brauerei fließen in die Tasche von InBev, deren Eigentümerclans bereits bei der Produktion und Vermarktung von Stella Artois und Jupiller dickste Profite einstreichen.

In vielen Schulen weltweit wird das Lügenmärchen unterrichtet, dass es den Beschäftigen in privatkapitalistischen Firmen gut geht, wenn es den privatkapitalistischen Firmen gut geht. Und wer Bäcker oder Brauer wird, dürfte vom Sinn seiner Tätigkeit sehr überzeugt sein. Denn natürlich wollen all die vielen Menschen ja ihr tägliches Brot, und natürlich trinken fast alle Männer gerne Bier. Wie könnte da jemand um den Job als Bäcker oder Brauer bangen?

AB InBev stevent af op algemene stakingBei InBev fordert die Direktion seit Monaten die Kollegen mit einem „Sanierungskonzept“ heraus, hinter welchem sich nichts weiter als kapitalistische Rationalisierung verbirgt. Entlassungswellen sollen im Namen der Modernisierung der Brauereien unvermeidbar sein. Dies in einem wirtschaftlich trotz weltweiter Finanzkrise boomenden Konzern, dessen Topmanager sich 2009 Prämien in Höhe einer Summe von mindestens 2,3 Milliarden Euro „genehmigten“, welche im Jahr 2014 ausbezahlt werden sollen, wenn „die Schuldenlast“ des Konzerns InBev „kräftig vermindert wird“, wie in jenem Konzept steht.

Woher nun diese Schulden eines hochprofitablen Geschäftsbetriebes? InBev expandiert unermüdlich weiter und übernahm kürzlich auch Anheuser-Busch (AB), eine Großbrauerei aus US-Besitz. Davon haben zwar weder die Arbeiter von AB in den USA noch die belgischen Arbeiter von InBev etwas. Ihren Vertrag haben sie jetzt allerdings mit dem noch größeren Bierkonzern AB InBev.

„Wir sanieren nicht für die Milliardenprämien der Direktion“, so der zuständige Sekretär der Gewerkschaft ACV, Luc Gysemberg. Für den Gewerkschaftsführer ist klar, dass es bei AB InBev um mehr als einen der vielen Konflikte um eine Sanierung geht. „Hier brennt eine gesellschaftliche Diskussion los über die Frage, ob es gut sein kann, Menschen zu entlassen in einer Wirtschaftskrise, derweil der Betrieb kräftige Profite abwirft“, so Luc Gysemberg. Die von den Bossen vorgesehene „Wegsanierung“ von dreihundert Arbeitsplätzen bei AB InBev dient nach seiner Einschätzung nicht dem „Überleben des Betriebes“, sondern lediglich einer Prämienausschüttung an das Management durch die Direktion. (1)

20100121_abinbev_0246.jpgDass die Arbeiter diese Entscheidung der Konzernleitung nicht hinnehmen und die Sicherung ihrer Arbeitsplätze verlangen, ist bei der Direktion auf taube Ohren gestoßen. Somit blieb den Arbeitern nichts weiter übrig, als ihrer Forderung mit Aktionen Nachdruck zu verleihen.

Vor zwei Wochen eskalierten die gewerkschaftlich gestützten Aktionen der InBev-Arbeiter in der Blockade der InBev-Brauereien. Die führte zum raschen Stillstand der Produktion, so dass mancherorts die bekannten belgischen InBev-Biere bereits verknappt bzw. ausverkauft sind.

Die Regierung schaltete einen Vermittler zugunsten von AB InBev und im bezahlten Auftrag der Konzernspitze ein, um einen jener Kompromisse auszuhandeln, für die Belgiens Vielfalt ja weltweit berühmt ist. Dass dieser Vermittler der hochrangige christlich-demokratische Politiker Jean-Luc Dehaene ist, kam bei den Arbeitern und Luc Gysemberg nicht gut an, welcher öffentlich äußerte: „Ich habe viel Respekt vor ihm. Und ich halte was von seinem Stil. Aber er steckt doch auch eine Prämie bei der Sache ein.“ Laut Luc Gysemberg erhält Jean-Luc Dehaene jährlich ca. 9000 Anteilsoptionsscheine, deren Wert mit steigendem Aktienkurs ebenfalls steigen würde. Erst dieser Tage sahen Börsenanalysten AB InBev für das Jahr 2010 unter den Firmen, deren Aktienkurs am schnellsten hochgehen würde. (1)

Da auf diese Weise die Blockaden der Ausgänge der Brauereien von AB InBev nicht zu brechen waren, ging die Konzerndirektion vor Gericht. Dort erreichte sie dieser Tage in einer kurzen Eilverhandlung einen Beschluss, wonach die Arbeiter die Blockade stoppen müssen, andernfalls würde ein Zwangsgeld gegen die beteiligten Arbeiter verhängt werden. (1)

ACV-Sekretär Luc Gysemberg dazu: „Wir haben amtlich noch keine Nachricht zugestellt erhalten. Aber wir haben die begründete Vermutung, dass die Direktion nach unserem Protest vor Gericht gegangen ist. Das allein ist ein falsches Signal und gibt uns wenig Vertrauen. Vorläufig setzen wir unsere Aktionen fort und lassen kein Bier oder Material in die Brauereien hinein oder aus ihnen heraus. Sollte morgen ein Gerichtsvollzieher tatsächlich mit der gerichtlichen Anweisung kommen, um die Blockaden niederzulegen, dann werden wir einen allgemeinen Streik bei den Depots, technischen Diensten und den Brauereien ankündigen.“ (1)

In dieser Woche reagierte die Direktion von AB InBEV mit einer Stilllegung der Produktion und stellte die Lohnzahlung ein. „Die anhaltenden Blockaden haben dazu geführt, dass wir unseren Mitarbeitern keine Arbeit in den Brauereien mehr verschaffen können. Dadurch sind sie darauf angewiesen, sich zeitweilig arbeitslos zu melden wegen des Streiks“, so im Wortlaut die Direktion von AB InBev. (2)

Die Direktion ließ die Zugänge in die Brauereien mit Ketten verschließen, um die Arbeiter auszusperren. Die Gewerkschaften reagierten wütend und holten Gerichtsvollzieher herbei. Sie stellten fest, dass die Beschäftigten die Betriebe nicht betreten können. Anschließend machten die Gewerkschafter die Ketten los, die Arbeiter strömten wieder in die Betriebe.

Sehr aufgebracht sind die Gewerkschaften über „zeitweilige Arbeitslosigkeit“ für ihr Streikrecht wahrnehmende Arbeiter. „Das sind brasilianische Zustände“, so Alex Vancauwenberg von der Gewerkschaft ACV. „Die Direktion versucht, uns die Schuld zu geben am Missglücken ihrer Überlegungen. Wenn die Direktion so weitermacht, werden wir das Spiel auch sehr hart spielen.“ Die Gewerkschafter halten „zeitweilige Arbeitslosigkeit“ für rechtswidrig. Die Regierung Flanderns hat eilig eine „Versöhnungsverhandlung“ angesetzt. Die Gewerkschaften reagierten darauf mit der Verlautbarung nicht teilzunehmen, so lange die Löhne der letzten Tage von AB InBev nicht ausgezahlt werden.

„Wir ziehen alle Register“, so Vancauwenberg. „Wir werden die Aktionen selbst noch ausweiten. Arbeiter anderer Firmen wie die von den Abfertigungsfirmen am Flughafen Zaventem sind bereit, unsere Forderungen durch Solidaritätsaktionen zu unterstützen.

Derweil steigt im In- und Ausland die Nachfrage nach den Produkten, dem Bier. Die benachbarten Niederlande fragen händeringend nach Nachschub. (2)

Quellen:

(1)  AB InBev stevent af op algemene staking, Bart Moerman und Eline Bergmans, in

http://www.nieuwsblad.be/article/detail.aspx?articleid=GMC2KT433

(2) metrotime, 21. Januar 2010 (Druckausgabe)

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