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»Nix zu verlieren«

Besetzung der Thüringer Radfabrik Bike Systems: Trotz Kampfunerfahrenheit sind Beschäftigte entschlossen, den Widerstand bis zu einer Lösung fortzusetzen

Von Daniel Behruzi, Nordhausen

Quelle: jungeWelt vom 19. Juli 2007

Sie zeugt von besseren Zeiten, die Fassade des Nordhäuser Fahrradwerks. Zweiradmodelle längst vergangener Tage sind dort angebracht, darüber der Schriftzug »IFA Touring«. Hier, im einstigen IFA-Motorenwerk, wurden jahrzehntelang Motoren und Achsen für LKW, seit 1986 auch Fahrräder gefertigt. Damit ist jetzt Schluß, die Produktion steht seit Ende Juni still. An der Außenwand hängt ein Transparent. »Wir kämpfen um Bike Systems«, steht darauf.

Seit dem 10. Juli hält die Belegschaft den nordthüringischen Betrieb nun besetzt. Nahezu alle der 135 Beschäftigten sind aktiv beteiligt. Der Geschäftsführer, der erst vor wenigen Wochen eingesetzt wurde, sei »völlig ausgeflippt«, als die Aktion begann, erzählen die Arbeiter nicht ohne Genugtuung. Als »Bolschewistenscheißer« habe er sie beschimpft. Dabei war die Belegschaft bislang alles andere als klassenkämpferisch. »Wir haben zu allem ja und amen gesagt, weil wir Angst hatten, den Arbeitsplatz zu verlieren«, erklärt ein 48jähriger Schlosser, der seit neun Jahren bei Bike Systems arbeitet. Nach und nach wurden Weihnachts- und Urlaubsgeld gestrichen und der Grundlohn um fünf Prozent reduziert. Tarifgebunden ist der Betrieb ohnehin nicht. Immer wieder leisteten die Beschäftigten Überstunden, kamen sonntags und sogar am 1. Mai. Selbst als am 20. Juni die Einstellung der Produktion zum Monatsende verkündet wurde, erledigten sie die noch ausstehenden Aufträge.

Doch bei der Betriebsversammlung am Dienstag vergangener Woche kam plötzlich der Umschwung. Was genau die Stimmung zum Kochen brachte, können die Arbeiter selbst nicht erklären. Nicht einmal bis zum Ende der gesetzlichen Kündigungsfristen könne das zuvor vom US-Finanzinvestor Lone Star ausgeblutete Unternehmen noch zahlen, hieß es. Und als der Geschäftsführer nicht ein einziges Wort des Bedauerns über die Lippen brachte, sei den Kollegen der Kragen geplatzt, berichtet einer. Spontan besetzten sie die Werkstore und den Betrieb. Seither stehen sie 24 Stunden – sie haben sich selbst in drei Schichten eingeteilt – vor dem Tor und auf dem Werkshof. Forderungen des Unternehmens, das Gelände zu verlassen, kamen sie nicht nach. »Wir hätten uns schon viel früher wehren müssen.« Diesen Satz hört man immer wieder. »Ich hätte nicht daran geglaubt, aber auf einmal waren sich die Leute einig, das hier durchzuziehen«, sagt ein junger Mann mit weißer Ordnerbinde am Arm. »Die Stärke, die wir zusammen haben, ist enorm – so etwas haben wir hier noch nicht erlebt«, meint er. Und es klingt Verwunderung durch über das, was man selbst getan hat.

Die Stimmung ist denn auch trotz der dramatischen Situation keineswegs gedrückt. Das hat auch mit der Solidarität zu tun, die die Arbeiter erleben. Vor dem Tor wird tagsüber ständig gehupt, so bekunden Vorbeifahende ihre Unterstützung. Am Dienstag vormittag erscheint eine dreiköpfige Delegation von Opel in Eisenach. »Das ist eine Riesensauerei, was hier läuft, die Kapitalisten stopfen sich die Taschen voll, und wir müssen bluten«, sagt einer von ihnen unter dem Applaus der versammelten Arbeiter. »In letzter Zeit müssen wir leider öfter rumfahren, um Solidarität zu zeigen. Zuletzt waren wir bei unseren Opel-Kollegen in Antwerpen, wo sie die Hälfte der Belegschaft loswerden wollen«, erzählt er kurz darauf im Betriebsratsbüro. »Wir Ossis haben das ja eigentlich schon in der Schule gelernt. Da haben sie uns zwar viel Scheiße erzählt, aber das, was sie über den Kapitalismus gesagt haben, das stimmt.« Die anderen nicken.

Draußen haben sich einige der Beschäftigten vor einem Radio versammelt. Gerade bringt der lokale Sender einen kurzen Bericht über die Besetzung. »Wenn man hört, daß die über uns im Radio erzählen, bekommt man schon eine Gänsehaut«, erklärt eine junge Frau. »Wir sind hier wie eine Familie«, sagt sie. Auch das hört man von vielen. Die 32jährige, die seit zehn Jahren am Band Fahrräder montiert, erzählt, daß ihre Mutter, ihr Stiefvater und ihre Cousine ebenfalls bei Bike Systems angestellt sind – noch. Sie selbst hat einen siebenjährigen Sohn, den sie bei den Schwiegereltern untergebracht hat, um im Betrieb sein zu können. »Mein Mann arbeitet als Tischler, ohne mein Einkommen wird es sehr schwer werden«, sagt sie. Richtig traurig sei es, sich jetzt die leeren Hallen anzusehen. »Schließlich hat man hier viel Zeit verbracht – und es hat zwischendurch auch Spaß gemacht.«

Eine Kollegin, die auf den im Betriebshof aufgestellten Bänken sitzt, hat ähnliche Gefühle. »Ich war hier von Anfang an dabei, habe schon die Halle geweißt und die Aufzüge gestrichen, als die Fahrradproduktion noch gar nicht angelaufen war, und jetzt mache ich wieder das Licht aus – ich könnte heulen«, sagt die kräftige Arbeiterin mit der IG-Metall-Mütze. »Wie gelähmt« sei sie gewesen, als die Schließung bekanntgegeben wurde, berichtet sie. Daß sie einen anderen Job finden könnte, glaubt die 49jährige nicht. »Ich habe zwar Instandhaltungsmechanikerin gelernt, aber wer will mich denn mit 50 noch haben? Da kann ich vielleicht Rasen mähen gehen«, sagt sie resigniert. Sie habe überhaupt nichts zu verlieren und sei deshalb entschlossen, so lange wie nötig weiterzukämpfen. Die Arbeiterin zeigt auf die überall im Hof gestapelten Euro-Paletten und sagt: »Holz für ein Streikfeuer in der kalten Jahreszeit haben wir hier jedenfalls genug – das reicht bis Weihnachten.«

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Besetzte Radfabrik in Nordhausen: Kinderfest als Dank für Solidarität

Quelle: jungeWelt vom 23.07.2007

Nordhausen. Seit mittlerweile fast zwei Wochen wird die Fahrradfabirk Bike Systems im thüringischen Nordhausen von der Belegschaft besetzt gehalten (jW berichtete). Mit diversen Aktionen machen die rund 135 vor der Entlassung stehenden Beschäftigten auf ihre Lage aufmerksam. Am Sonntag veranstalteten sie unter dem Motto »Kinder brauchen Zukunft – Bike Systems auch« ein Kinderfest (siehe Foto), »um sich für die hervorragende Solidarität, die die Kolleginnen und Kollegen erfahren haben, zu bedanken«, erläuterte Astrid Schwarz-Zaplinski von der Nordhäuser IG Metall am Sonntag gegenüber jW. Die Erlöse der Veranstaltung sollen dem örtlichen Kinderhospiz zugute kommen.

Bereits Ende Juni war die Produktion in dem traditionsreichen Werk eingestellt worden. Den Beschäftigten wurde erklärt, es sei nicht einmal genug Geld vorhanden, um die Einhaltung der gesetzlichen Kündigungsfristen zu gewährleisten. Daraufhin entschied sich die Belegschaft auf einer Betriebsversammlung spontan, die Tore zu blockieren und die Fabrik zu besetzen, um die Fortführung der Produktion, zumindest aber eine soziale Abfederung der Entlassungen zu erreichen.

Laut Schwarz-Zaplinski hat die Geschäftsleitung des dem US-Finanzinvestor Lone Star gehörenden Unternehmens bislang jedoch kein Angebot in dieser Richtung vorgelegt. Statt dessen wurden die Arbeiter ultimativ zum Verlassen des Firmengeländes aufgefordert – ohne daß dem allerdings Konsequenzen folgten. »Das Unternehmen muß das Geld – das sie vorher aus dem Unternehmen rausgezogen haben – in die Hand nehmen, um in die Beschäftigungsperspektiven der Betroffenen zu investieren«, forderte Schwarz-Zaplinski. Der Betrieb bleibe rund um die Uhr besetzt. »Die Kolleginnen und Kollegen sind weiter mit großer Entschlossenheit dabei«, betonte die Gewerkschafterin.

(dab)

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