Die
Lehren des Streiks
oder
Perspektiven
der Gewerkschaftsbewegung
von
Gerd Höhne
Der
Streik in der ostdeutschen Metallindustrie ging nicht verloren, er wurde
verraten. Klaus Zwickel beugte sich dem Druck der Unternehmerverbände, der bürgerlichen
Presse, seiner Partei, der SPD und seiner Regierung. Man kann sich sicherlich
fragen, ob er sich beugte oder das, was er tat, von vor herein plante. Ich weiß
es nicht.
Aber
in dem Moment, als der Streik immer weitere Kreise zog und die Kollegen im
Westen begannen, den Streik immer mehr positiv zu werten, da er auch
Signalfunktion im Westen haben kann, erdreisteten sich einzelne Betriebsratsfürsten
– gegen die Mehrheit der anderen Betriebsräte - gegen den Streik zu
polemisieren. Mir schien, dass kam wie auf Bestellung.
Jetzt
begann allerdings auch die Diskussion über die Ziele des Streiks und – aller
bürgerlichen Propaganda zum Trotz - auch die Solidarität und genau das musste
vermieden werden. Denn wenn die Kollegen die Rolle der Gewerkschaftsführer im
Kapitalismus und speziell die in der heutigen Zeit des Generalangriffs gegen die
sozialen Rechte der Menschen zu führen, erkennen würden. hätte eine aufmümpfige
Mitgliedschaft, die ihren Führern auf die Finger und nicht auf Maul schaut, das
ganze Agenda 2010 Geschiebe in Gefahr bringen können.
Ein
Ende mit Schrecken war für die Regierung, Zwickel und Co noch besser, als eine
(Streik)-Schrecken ohne Ende. Also verkündete Zwickel das Ende des Streik,
brach diesen ab, als er begann zu greifen.
Gewerkschaften
am Scheideweg
Jahrzehnte
steuerten die Gewerkschaften den Kurs der Sozialpartnerschaft. Die eine
Gewerkschaft mehr – so die IGBE und die IG Chemie - die andere weniger – HBV
und ÖTV, die IGM eher im Mittelfeld, mal so, mal so. Denn in der
Metallindustrie gab und gibt es noch immer Gewerkschafter mit ausgeprägt linkem
Bewusstsein.
Aber
die Sozialpartnerschaft schien auch Erfolge zu bringen. Noch immer war das Heer
der Arbeitslosen nicht ausreichend, noch immer gab es im Osten die
Systemkonkurrenz.
Heute
ist die Arbeitslosenzahl schon nahe an die der Weltwirtschaftskrise von 1930
heran. Die östliche Systemkonkurrenz hat sich in die Geschichte verabschiedet,
folglich besteht nicht mehr die Notwendigkeit der Sozialpartnerschaft für das
Kapital. Jedenfalls nicht in der Form, dass das Kapital noch bereit wäre, mehr
Lohnkosten zu zahlen, als unbedingt notwendig.
Das
Heer der Arbeitslosen drückt die Löhne, durch innerbetriebliche
Umorganisierungen (z.B. Ausgliederungen, Verkäufe von Teilen des Betriebes,
Stillegung ganzer Produktionsbereiche, Kapitalexport) kann die Kapitalseite
leicht die Tarifverträge umgehen und da, wo es nicht gelingt, werden
Flexibilisierungsklauseln abgeschlossen.
Oder
man spaltet die abhängig Beschäftigten. Da ist einmal die große Spaltung von
Ost und West. Im Osten, wegen angeblich geringerer Produktivität und
niedrigerer Lebenshaltungskosten, verdienen Lohnabhängige weniger und arbeiten
länger als die im Westen.
Oder
ganze Bereiche werden durch Leiharbeiter abgedeckt. Deren Einkommen ist
ebenfalls niedriger als die der Stammbelegschaft. Eine weitere Spaltung ist in
prekären Beschäftigungsverhältnisse, wie Scheinselbständige und geringfügig
Beschäftigte.
Die
Politik der Bundesregierung steuert genau diesen Kurs gegen die Lohnabhängigen.
Die Ich-AG ist nichts anderes wie die Legalisierung der Scheinselbständigkeit.
Heute z.B. verkündeten die Nachrichten, dass die Arbeitsmarkpolitik greifen würde
und sich bereits Erfolge zeigten. So verkündete die grinsende Sozialministerin
Ulla Schmidt, dass sei der „Beginn einer Erfolgsstory“. Es sollen 930 000
Billigjobs entstanden sein. Wie viel richtige dazu vernichtet wurden, steht
nicht in der Presse. Wie allerdings jemand von 400 € sich und seine Familie
durchschleppen soll, verrät Frau Schmidt nicht.
Und
die Gewerkschaften? Entweder trugen sie diese Politik mit oder protestierten
lendenlahm. Sie setzen konsequent die Politik der Sozialpartnerschaft fort. Aber
jetzt geht die Kapitalseite ans Eingemachte. Sie will keine Kompromisse, sie
will endlich die Profite ganz ausschöpfen.
Um
da die notwendigen Gesetze zu erlassen, bedurfte es einer Bundesregierung, die
einen guten Draht zu den Gewerkschaften hat, die immer noch als das kleinere Übel
angesehen wird. Also eine SPD-Regierung.
Die
erste Regierung Schröder begann damit. Zunächst wurden die Renten aufgeweicht.
Der ehemalige stellv. IG-Metallchef Riester schuf die Riesterrente und
schaufelte gigantische Beträge in die Kassen der Versicherungskonzerne. Das stützte
den Börsenkurs und kam damit den Reichen und Superreichen zugute.
Die
2. Regierung Schröter geht aber jetzt ins Volle. Das muss sie auch, denn eine
3. Regierung Schröder wird es aller Voraussicht nicht geben. Wohin es führt,
wenn eine Mitte/Rechts-Regierung Sozialgesetze abbauen will, sahen wir in den
letzten Monaten in Österreich.
Bisher
geht die Rechnung auf. Die Gewerkschaften unterstützen entweder die Agenda
2010, leisten nur scheinbar Widerstand oder sind zu faulen Kompromissen bereit.
Zwickels offener Verrat an den Ost-Kollegen ist das markanteste Zeichen, wie
weit Gewerkschaftsführer gehen können: bis zum offenen Verrat.
Ich
stelle also fest: Die Politik der Sozialpartnerschaft hat ausgedient. Wenn sie
überhaupt Vorteile für die Lohnabhängigen brachte, waren diese punktuell und
durch die politische Weltlage bedingt. Heute ist die Sozialpartnerschaft nichts
anders, als das Absegnen der Schandtaten des Kapitals und deren Legitimierung.
Nicht umsonst sind in der Hartz und anderen Kommissionen massenhaft
Gewerkschafter. Hartz selbst ist ein IG-Metaller.
Die
Alternative sind kämpferische Gewerkschaften. Die kommen nicht von allein.
Durch den Verrat von Zwickel, durch das Scharwenzeln der Gewerkschaftsführer
mit der Regierung, das Unterwerfen der Gewerkschaften unter die Kapitalinteresse
– so auch der Zwickel-Verrat – haben eine ganze Reihe von Vertrauenskörpern
und Gewerkschaftsmitglieder empört. Es bilden sich Gruppen innerhalb der
Gewerkschaften, die offen einen Kurswechsel verlangen.
Diese
Bewegung ist noch nicht so stark, dass sie die rechtssozialdemokratische
Gewerkschaftsführung davon fegen könnte. Aber der Druck wächst.
Die
Linken haben zwar wenig Einfluss, aber auch sie können und müssen dazu
beitragen, dass sich hier etwas ändern. Es geht nicht an, dass die DKP alles
vermeidet, was auch nur den Hauch von Kritik an den Gewerkschaftsführern enthält.
Da sind linke Sozialdemokraten in den Gewerkschaften schon viel weiter.
Auch
die radikale Linke soll nicht vom Transmissionsriemen Gewerkschaften träumen.
Sie sind zu schwach um die DGB-Gewerkschaften auch nur nennenswert zu
beeinflussen. Der Traum vom Aufbau von revolutionären Gewerkschaften kann ja
wohl, nach den kläglichen Versuchen der 70er Jahre, als gescheitert betrachtet
werden.
Aber
wir alle können durch Aufklärung der Gewerkschafter, durch Kritik und Enthüllungen,
die Opposition innerhalb der Gewerkschaften stärken. Zumindest darf der Verrat
in Zukunft nicht so leicht sein, wie es Zwickel hatte.
Natürlich
müssen Gewerkschaften perspektivisch wieder das werden, was sie mal waren. Marx
beschrieb das so: „Gewerkschaften tun gute
Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie
verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen
Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf
beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen,
statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte
zu gebrauchen als Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h.
zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.“
Und
hier wiederum sind Kommunisten gefragt.
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