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Kapitulation
der IGM-Küste
„Warum
nicht gleich so?“ – meint „Die WELT“
Aber
die Tarifkommission von Philips stellt sich quer und sagt: „NEIN“!
Bericht
aus Hamburg von Kolonne, 07.12.2005
Quelle:
Labournet-Germany
Im
Juni 2004 hatte die IG Metall Stuttgart gegen die
Sanierungstarifverträge bei Siemens/Handy-Sparte protestiert: „Kein
Lösungsansatz (bei der Sicherung von Arbeitsplätzen) kann dabei die
unbezahlte Verlängerung der Arbeitszeit sein. Wir finden es empörend,
wie damit vielen Belegschaften, die gegenwärtig unsere Tarifverträge
und gewerkschaftlichen Grundsätze verteidigen (z.B. Arbeitszeit muss
auch bezahlt werden), in den Rücken gefallen wird.“
Dann
die überraschende Einigung in Böblingen. Mit der Zustimmung zu
unbezahlter Mehrarbeit ist man den Hamburger Kollegen in den Rücken
gefallen. Die Böblinger Fabrik war zum Zeitpunkt des Einknickens der
IGM nur zu 40 % ausgelastet und bekam als Trostpflaster
Investitionszusagen.
Am
01. Oktober 2004 vertrat die IGM Küste in einem Flugblatt
den
Standpunkt
„Arbeitszeitverlängerung
oder Lohnkürzung ist der falsche Weg. Durch Lohndumping können wir den
Wettbewerb mit China/Fernost nicht gewinnen. Arbeitszeitverlängerung
gefährdet die bestehenden Arbeitsplätze: Wenn 10 Beschäftigte 3,5
Stunden pro Woche länger arbeiten, kann rechnerisch – bei gleichem
Absatz – ein Beschäftigter gehen.“
Jetzt
gelten diese gewerkschaftlichen Grundsätze auch bei der IG Metall in
Hamburg offensichtlich nicht mehr. Nach 18 Monaten erfolgreichem
Widerstand drängt die Chefin der IGM Küste, Jutta Blankau, an der gewählten
Tarifkommission vorbei auf einen Kompromiss. Nachdem sie sich am 19.11.
2005 „per Handschlag“ mit der Geschäftsleitung von Philips geeinigt
hat, meldet „DIE WELT“ am 22.11.: „ Streit in Chipfabrik von
Philips überraschend beigelegt“ , um dann auch hämisch zu
kommentieren: „ War das notwendig? ... Für die
Gewerkschaft im Norden ist die Einigung ein Denkzettel…. Nur wenn er für
zukünftige Fälle als Beispiel dient, war dieser Streit nötig.“
„Es
ist uns gelungen, das Schlimmste zu verhindern" , sagte
IG-Metall-Bezirksleiterin Jutta Blankau. "Trotzdem mussten wir
tiefe Einschnitte für die Beschäftigten akzeptieren." („Hamburger
Morgenpost“ vom 23.11.2005)
Im
Unterschied zu der Fabrik in Böblingen ist die Hamburger
Halbleiterfirma voll ausgelastet und profitabel. Zur Kasse gebeten
werden sollen mit Hilfe der Gewerkschaft jedoch nur die 1800
Tarifmitarbeiter. Die 500 AT-Angestellte (außertarifliche
Spitzenverdiener mit Durchschnittseinkommen von 6250 Euro pro Monat)
sind an der „Kostensenkung“ nur unterproportional oder gar nicht
beteiligt. Sie erwartet am Jahresende ein Extrabonus, während dem Rest
der Belegschaft das Weihnachtsgeld gekürzt wird!
Das
hindert die IG-Metall-Bezirksleiterin nicht daran, sich der
Argumentation der Geschäftsleitung anzuschließen und die ohnehin
latenten Ängste der Beschäftigten vor Arbeitsplatzverlust weiter zu
schüren und mit „ negativen Folgen für Standort und Arbeitsplätze
im Falle eines Scheiterns der Verhandlungen“ zu drohen.
Wer
seiner eigenen Sache untreu wird, kann nicht erwarten, dass ihn andere
achten. Sich selbst untreu? In der Gewerkschaft gibt es
"Modernisierer" bzw. „gemäßigte Kräfte“ und
"Traditionalisten", sog. „Hardliner“.
"Modernisierer" sein heißt, mit den Unternehmern gehen;
"Traditionalist" oder „Hardliner“ sein, mit der
Arbeiterschaft gehen. Es gibt nichts Schlimmeres für Gewerkschafter wie
Jutta Blankau, als von der Springerpresse „Betonkopf“ oder „Blockierer“
genannt zu werden. Sie möchte von der Presse attestiert bekommen, ein
„moderner“, „realistischer“, „flexibler“, „gemäßigter“
und vor allem „kompromissbereiter“ „Sozialpartner“ zu sein. Für
dieses Image opfert sie dann auch schon mal ein paar Kollegen, die in
der ersten Reihe für die Gewerkschaft gekämpft haben und nun gekündigt
oder ausgesperrt sind.
Das
macht die Gewerkschaft uneinig und schafft eine Kluft, die weder
angesprochen, noch gezeigt wird. Mit dem von Blankau ausgehandelten
Kompromiss entschärfte sich der Konflikt zugunsten der "gemäßigten
Modernisierer". Was, fragt man sich, ist von den Grundidealen und
Grundwerten der Gewerkschaft von einst übrig geblieben?
Blankau und Huber stehen heute mehr denn je für Untätigkeit und Unvermögen.
Abgesehen vom Sprüchemachen erkennt man keine Bemühungen, der
Arbeiterschaft das Leben leichter zu machen. Hat die Klientel
gewechselt?!
Der
von der SPD Führung ausgegebene Tagesbefehl lautet: Große Koalition.
Und
so wurde im November, nach 18 Monaten Widerstand, bei Philips
Semiconductors in Hamburg zwischen Kuckhermann und Blankau ein Ergänzungstarifvertrag
mit drei Jahren Laufzeit vereinbart. Im Kern geht es um eine unbezahlte
Verlängerung der Wochenarbeitszeit auf knapp 38 Stunden. Dafür
sollen die 800 Schichtarbeiter ihre gekündigten Schichtzulagen
wiederbekommen und weiterer Stress vermieden werden, argumentiert die
Gewerkschaftsführung. Kleine Kinder lockt man mit Sahnebonbons und uns
mit der Wiedererlangung der Schichtzulagen. Die tarifliche Absicherung
der Schichtzulagen bezahlen die Beschäftigten aber aus eigener Tasche.
Mit
ein paar Stunden unbezahlter Mehrarbeit ist es nämlich nicht getan. Kürzung
des Weihnachtsgeldes, Wegfall der Mehrarbeitszuschläge, Verschiebung
zukünftiger Lohnerhöhungen und Wegfall der ERA Strukturkomponenten
(mehrere Millionen Euro!) usw. führen letztendlich dazu, dass keine
Einigung das „kleinere Übel“ für uns wäre.
Neben
Lohn- und Gehaltssenkungen von 12 – 15% sind damit erneut Tabus
gefallen, die anderen Belegschaften zu schaffen machen werden und die spätestens
im nächsten Abschwung weitere Forderungen nach sich ziehen werden.
Die
gewählte Tarifkommission von Philips Semiconductors Hamburg ist Jutta
Blankau nicht gefolgt und hat am 06.12.2005 den von ihr ausgehandelten
Ergänzungstarifvertrag mit überwältigender Mehrheit (dagegen: 8
enthalten: 4 dafür: 1) abgelehnt!
Nun
werden bis zum 18.12. 2005 die 800 Mitglieder in einer schriftlichen
Abstimmung befragt, ob sie den Ergänzungstarifvertrag akzeptieren oder
nicht. Die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen wird darüber
entscheiden, ob der Tarifvertrag in Kraft tritt.
Die
Erklärungsfrist endet am 19.12.2005. Erst dann werden wir wissen, ob es
sich noch lohnt, Mitglied dieser Gewerkschaft zu bleiben.
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