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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora vom 22.07.02 Aus
der Welt der Wirtschaft: “Raubtiere” fallen Kapitalismus an
1. Der “Spiegel” wusste es schon vor 2 Wochen: Der Kapitalismus ist in ein neues Stadium eingetreten. Die Titelzeile lautete: “Der neue Raubtierkapitalismus – mit Gier und Größenwahn in die Pleite” – und darunter ging es weiter: “An der Börse herrscht Flaute, beinahe wöchentlich gibt es neue Meldungen über Unternehmen, die eben noch glänzende Ertragszahlen meldeten und nun vor der Pleite stehen. Fassungslos müssen die Anleger zusehen, wie sich ihre Ersparnisse und Rücklagen fürs Alter auflösen. Die Schuld daran tragen skrupellose Manager, die mit Gier und Größenwahn einen entfesselten Raubtierkapitalismus etabliert haben, in dem nur noch das Recht des Stärkeren zu gelten scheint. Mit Bilanzfälschungen und einer offen an den Tag gelegten Selbstbedienungsmentalität verspielen sie das Vertrauen in das amerikanische Wirtschaftsmodell – mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft.” Die “verheerenden Folgen” zeichneten sich dann letzten Montag ab, als die Kurse – nach Bekanntgabe der Worldcom-Pleite – ordentlich purzelten, und die Kommentatoren waren sich einig: Die Wirtschaft befindet sich in der Hand von “Strauchdieben” und ähnlichen zwielichtigen Gestalten aus der Welt der Raubtiere. Ob diesen Kommentatoren in ihrem Zorn auf “skrupellose Manager” so richtig bewusst ist, was für ein verheerendes Zeugnis sie damit der Börse oder auch gleich dem ganzen Kapitalismus, den sie doch zugleich als die vernünftigste Wirtschaftsweise loben, ausstellen? Hacken wir nicht groß darauf herum, dass diese “skrupellosen Manager” bis vor kurzem noch die absoluten Helden der Börse waren und die von ihnen geführten Unternehmen – z.B. Enron, Worldcom, Xerox – zu den “Top-Adressen” zählten, deren Aktien man unbedingt in seinem “Portfolio” haben musste. Wenn sie beim Erfolg ihrer Unternehmen selbst ordentlich mitverdienten, nahm ihnen das nicht nur keiner übel, es wurde im Gegenteil als Beweis und Belohnung für einen Manager-Charakter genommen, der mit Leib und Seele in seiner Aufgabe aufgeht, also sich energisch, mit allen Wassern gewaschen und im Zweifelsfall auch skrupellos in der Konkurrenz durchsetzt. Wenn dies nun alles aber bloßer Schein gewesen sein soll, wenn die Unternehmen bloß missbraucht wurden, nämlich als “Selbstbedienungsläden” für eine “Selbstbedienungsmentalität”, und wenn das alles mit einem simplen Trick namens “Bilanzfälschungen” geklappt hat, wie steht es denn dann um die berühmte “Effizienz” der Börsen? Und dann auch gleich um die “Effizienz” des Kapitalismus – der soll doch in den Börsen sein oberstes und wichtigstes “Lenkungsorgan” haben, ein “Organ”, das mit unglaublicher Präzision und Geschwindigkeit unglaubliche Kapitalströme in die Ecken der Welt verschickt, wo sie am meisten Ertrag abwerfen. Und dieses kapitalistische Haupt- und Zentralorgan steckt dann ein paar blenderischen Gierhälsen, bloß zum Zwecke ihrer persönlichen Bereicherung, unglaublich viel Geld zu, so dass es schließlich darüber selbst – wie es so schön heißt – “ins Taumeln gerät”? Schade, dass das alles nicht stimmt – wenn der Kapitalismus tatsächlich so ein Laden wäre, wo ein paar raffgierige Gesellen mit “verheerenden Folgen” alles durcheinander bringen können, dann wäre er ja wunderbarerweise schnell am Ende. “Raubtiere” dieser Art lauern doch an allen Ecken und Enden und man könnte denen die Aufgabe überlassen, diesen Laden zuzumachen. Dass das alles nicht stimmt, merkt man schon an dem kleinen Schwindel, mit dem der “Spiegel” anfängt. Er erwähnt, dass “an der Börse Flaute herrscht”, aber nur, um davon weg- und zu den Bösewichtern hinzukommen. Diese Flaute herrschte ja schon vor Bekanntwerden der “Bilanzfälschungen”, seit Monaten ist die Börse auf einem massiven Abwärtstrip. Also stellt sich die Frage doch anders. Nicht, was Worldcom etc. angerichtet haben, sondern, warum eigentlich diese Worldcoms aufgeflogen sind bzw. was das angeblich “Gefälschte” an ihren Bilanzen gewesen sein soll. 2. An den Börsen notierte Gesellschaften wollen für die Realisierung ihrer Geschäftsaussichten Geldkapital an sich ziehen. Das haben die Börsianer – und es sind sie, die eben diese Geschäftsaussichten beurteilen. Dass diese Unternehmen Gewinne, und zwar nicht von schlechten Eltern, vorzuweisen haben, ist nur die Voraussetzung – entscheidend für den “Börsianer” ist, welche künftige Entwicklung er diesen Unternehmen zutraut. Deswegen erlebte z. B. kürzlich der “Neue Markt” wegen eines ihm zugesprochenen “Wachstumspotentials” seinen rasanten Aufstieg. Die Börse stellt nämlich einen Vergleich zwischen Wachstumsaussichten aller möglicher Unternehmen an, und zwar nicht nur zwischen denen, die innerhalb einer Kapitalsphäre konkurrieren, sie stellt auch einen Vergleich zwischen Kapitalsphären und deren Wachstumsaussichten überhaupt an. Bei diesem Dauervergleich zwischen lauter einzelnen Kapitalgesellschaften ist sie ständig auf der Suche danach, wo der Kapitalismus gerade am wachstumsträchtigsten ist. Bis vor kurzem wurde das etlichen der Gesellschaften am ehesten zugetraut, die jetzt von nichts anderem als von “Gier und Größenwahn” getrieben gewesen sein sollen. Und stark wurden sie, die jetzt ihre Stärke angeblich als verwerfliches “Recht des Stärkeren” missbrauchen, durch nichts anderes als durch die Anlagen der Börsianer. Die Kehrseite davon: Wenn die Börsen sich ein Bild machen, welche Aktiengesellschaften sich in Zukunft am meisten hervortun werden, dann ist darin auch eingeschlossen: Diese Gesellschaften sind den Kalkulationen der Börse unterworfen. Dann hängt ihre Kreditwürdigkeit und damit auch ihr weiteres Vorankommen davon ab, ob sie sich mit ihren Wachstumsaussichten glaubwürdig darstellen und sich im Vergleich der Wachstumsaussichten, wie ihn Börsianer anstellen, bewähren. Um bei den Börsen einen guten Eindruck zu machen, muss natürlich jede Menge teurer Schnickschnack her, aber die toughen “Analysten”, “Charttechniker”, und wie sie sonst heißen, wollen letzten Endes “harte Fakten” sehen, und das heißt: Bilanzen. Gott sei Dank sind Bilanzen kein unverrückbares Regelwerk, nicht einfache Abrechnungen des vergangenen Geschäftsjahres, sondern bieten reichlich Möglichkeiten der “Gestaltung”. Und die sind nun mal so auszuschöpfen, dass die Aussichten der Firma, die die Börsianer ja wissen wollen, im rosigsten Licht erscheinen. Da wird eine geplante und erst noch durchzuziehende Kapitalaufnahme auch schon mal als Guthaben verbucht. Ees versteht sich von selbst, dass man negative Punkte nicht besonders hervorhebt. Die werden ja, wenn die Kapitalanleger betört, die Investitionen getätigt werden und der Geschäftserfolg realisiert wird, von eben dem gnädig zugedeckt. Erst recht bei einem beginnenden Abschwung muss sich das Management darauf verstehen, die Bilanz regelgerecht und auch mal regelwidrig “schön zu rechnen”. Wenn schon “Betrug”, dann muss man sagen: ein systemimmanenter. Beziehungsweise: Ein “Betrug”, den die Börse, solange sie “im Aufwind” ist, regelmäßig honoriert, weil sie ja auf das Wachstum setzt. – Hacken wir nicht darauf herum, dass die “Analysten” und “Charttechniker” zu der Zeit mit den Bilanzen, die jetzt als gefälscht entlarvt worden sind, regelmäßig sehr zufrieden waren ... Das ändert sich freilich, wenn “an der Börse Flaute herrscht”. Die herrscht, weil ihr Rundumblick ergibt: Sehr viele früher einmal geglaubte und mit Kredit geförderte Geschäftsaussichten bewahrheiten sich nicht – so registriert sie Krise. Das heißt für sie: Die Kreditwürdigkeit der Unternehmenslandschaft ist generell gesunken und das macht sie generell skeptisch. Eben deswegen wird aber auch die Kreditwürdigkeit allgemein herabgesetzt, d. h., die Börse verallgemeinert die Krise, setzt sie durch, in der sich nun alle Unternehmen zu bewähren haben. Dies tun die Börsianer schlicht dadurch, dass sie ihrem eigenen “Wachstumsoptimismus” nicht mehr glauben und auf “Baisse” umschalten. Dann kriegen die Unternehmen auch das Kapital nicht mehr, das sie brauchen, um ihre Geschäftsaussichten zu realisieren. Das hat die Folge, dass aller schon aufgenommene Kredit das Versprechen nicht mehr einlöst, mit dem er geworben und auf das hin er vergeben wurde. Dann verkörpert dieser Kredit nicht mehr die Aussicht auf gute Geschäfte, sondern ist bloß noch ein Haufen unbedienbarer Schulden. In Wahrheit “erschüttern” also nicht böse Machenschaften die Börse, es ist genau umgekehrt: Die Börse entzieht ihrer eigenen Grundlage, ihrem in den Aktiengesellschaften steckenden Geldkapital, das “Vertrauen”, und dann und darum werden bislang ganz übliche und geschätzte Verfahren zum “Betrug” und vormals “weitsichtige Geschäftsleute” zu “skrupellosen Managern” und “Strauchdieben”. 3. Das Verfahren ist so alt wie der Kapitalismus selbst. Niemand leugnet, dass er so manche unschöne “Begleiterscheinung” hat. Krisen z. B. treten regelmäßig auf und regelmäßig leiden die Leute darunter – in diesem Fall “die Anleger, die fassungslos zusehen müssen, wie sich ihre Ersparnisse und Rücklagen fürs Alter auflösen”. Das wird dann bedauert – aber ein Grund für Systemkritik hat das niemals zu sein. Niemand will erklären, warum in diesem System Krisen – samt ihrer Opfer – notwendigerweise immer wieder auftreten. Gefragt ist vielmehr das Gegenteil, nämlich eine Abweichung vom Kapitalismus. In der Krise werden Schuldige gesucht, die sich an der vernünftigsten aller Wirtschaftsweisen – dem Kapitalismus – versündigt haben. Da müssen dann Leute am Werk gewesen sein, die aus sehr persönlichen Gründen ihre Pflicht verletzt haben, den Reichtum der Börsianer zu vermehren. Kritische Geister wie die vom “Spiegel” werden dann sogar schöpferisch. Nicht, um ihren Lesern zu erklären, warum und wie die angeprangerten Praktiken, die sich von den im Boom gelobten gar nicht so sehr unterscheiden, zum Kapitalismus gehören. Managerqualitäten, die im Boom noch als “clever”, “erfolgreich”, “zukunftsträchtig” gelobt wurden, verraten jetzt “kriminelle Energie”. Ganz normale Geschäftsstrategien werden zu “Auswüchsen” erklärt. Und die Spiegel-Abteilung Formulierungskunst erfindet für den aufgedeckten Sündenpfuhl ein schiefes Bild: “Raubtierkapitalismus”. Was sie aufgedeckt haben, ist nicht der Kapitalismus, sondern eine perverse Abweichung davon. Raubtiere in Menschengestalt waren da am Werk. Und was hat der viel beschworene fassungslose Anleger davon, dessen Ersparnisse und Rücklagen fürs Alter sich auflösen? Er weiß, wem er böse sein kann. Das rettet zwar seine Rente zwar auch nicht, aber dem moralischen Gemüt ist doch wenigstens gedient – bis zum nächsten Mal. |
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