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Geier
im Phoenix-Kostüm
Christian
Bunke, Birmingham
Quelle: jungeWelt
vom 19.04.2005
Das
Ende von MG Rover kam auf Raten. 6 000 Beschäftigte verloren ihren Job,
doch die letzten Besitzer sahnten noch kräftig ab
In
Coventry, einer Nachbarstadt Birminghams und Wohnort für viele Arbeiter
des MG-Rover-Konzerns, will Stadtrat Dave Nellist am heutigen Dienstag
den Antrag stellen, Rover zu verstaatlichen und der demokratischen
Kontrolle der Mitarbeiter zu überantworten. Erfolg wird dem Vorstoß
allerdings kaum beschieden sein. Unternehmerlobby und Medien sind
sowieso dagegen, aber auch die Gewerkschaften halten sich bisher
erstaunlich zurück.
Alle
Hoffnung dahin
Am
Freitag, 12 Uhr mittags Greenwich Mean Time, hatte die chinesische
Shanghai Automotive Industry Corp. (SAIC) bekanntgegeben, daß sie den
britischen Automobilkonzern MG Rover definitiv nicht übernehmen werde.
Dies markierte den Schlußpunkt einer jahrelangen Tragödie um den
letzten großen selbständigen Autobauer des Vereinigten Königreiches.
Alle Hoffnungen auf eine Rettung des Konzerns waren dahin, auch wenn sie
seit langem nicht besonders groß waren.
Denn
die Geschichte von Rover ist eine Geschichte systematischer Plünderung,
von Profitgier, gewerkschaftlicher Untätigkeit und politischer
Heuchelei. Bis zum Jahr 2000 gehörte der in Birmingham ansässige
Autobauer zu BMW. Dann wurde das Unternehmen für zehn Pfund an eine als
»Phoenix« bezeichnete Gruppe britischer Geschäftsleute verschenkt.
Diese hatten seinerzeit die Übernahme mit nationalistischen Phrasen
begründet und den Zuschlag bekommen – wohl auch deshalb, weil es
sonst keinen ernsthaften Interessenten gab.
BMW
hielt Rover nicht für profitabel. »Phoenix« hingegen behauptete, sie
wollte britische Arbeitsplätze sichern. Mittlerweile werden immer mehr
Details über die wahren Motive der Gruppe bekannt: Ihnen ging es
offenbar einzig und allein um die systematische Ausplünderung von Rover
und um Selbstbereicherung. Die Beschäftigten des Traditionsbetriebes
interessierten die Herren in Nadelstreif nicht die Bohne. Nach Berichten
der Financial Times vom 8. April nutzten die Mitglieder der »Phoenix«-Gruppe
ihre neue Position als Rover-Manager, um für sich aus der Substanz des
Unternehmens einen 16,5 Millionen Pfund schweren Rentenfonds aufzulegen.
Sie setzten ihre Jahresgehälter auf zehn Millionen Pfund herauf, und um
dies zu bezahlen, liehen sie im Namen des Konzerns Geld. Doch damit
nicht genug. Von BMW erhielt »Phoenix« ein Darlehen von 420 Millionen
Pfund. Vollmundig verkündete die neue Rover-Chefetage, dieses Geld in
die Entwicklung neuer Modelle einfließen zu lassen, doch dies wurde
nicht in die Tat umgesetzt.
Erkennbarer
Abstieg
Die
Zahlen der vergangenen Jahre sprechen eine deutliche Sprache über die
Krise bei Rover. Zwischen den Jahren 2000 bis 2004 sank die Zahl der
produzierten Autos von 200 000 auf 73 000. Nach Angaben der britischen
Society of Motor Manufacturers and Traders wurden in den ersten drei
Monaten dieses Jahres lediglich 20 055 Autos der Rover Marke verkauft.
Im Vorjahreszeitraum waren es noch 24 370, ein Minus von gut 18 Prozent.
Nachdem
sich die Mitglieder der »Phoenix«-Gruppe soweit bereichert hatten wie
sie nur konnten, versuchten sie ihrerseits MG Rover loszuwerden. Das
wahre Ausmaß dieser Bereicherung ist noch nicht bekannt. Am Freitag
schrieb die britische Tageszeitung The Guardian, es gebe in den Bilanzen
des Konzerns ein unerklärliches Finanzloch von 400 Millionen Pfund.
Wohin diese Gelder verschwunden sind, sei unbekannt. Verdächtigt werden
aber die Mitglieder von »Phoenix«. Der Versuch der Gruppe, MG Rover an
den chinesischen Staatskonzern SAIC zu verscherbeln, scheiterte. Selbst
falls dies gelungen wäre, hätten vermutliche Tausende Arbeiter und
Angestellte ihren Arbeitsplatz verloren. Nun jedoch werden alle 6 000
MG-Rover-Beschäftigte ihren Job verlieren. Zusätzlich sind 18 000
Beschäftigte von 300 Zulieferfirmen betroffen. Birmingham verliert
damit seinen größten Arbeitsplatz, Großbritannien verliert den
letzten einheimischen Automobilkonzern. Damit ist ein weiterer
Meilenstein im mittlerweile fast 30 Jahre andauernden
Deindustrialisierungsprozeß im Vereinigten Königreich erreicht.
Dave
Nellist dürfte mit seinem Verstaatlichungsvorschlag zwar Aufmerksamkeit
erregen, den Beschäftigten von MG Rover wird es wenig helfen. Aus dem
Pressebüro der für das Unternehmen verantwortlichen Gewerkschaft TGWU
wurde jW bereits mitgeteilt, daß man die Verstaatlichung Rovers nicht
fordern würde. Dies sei schon aus EU-rechtlichen Gründen nicht möglich.
Die TGWU werde von sich aus auch keine Proteste oder Demonstrationen
organisieren, schließlich würden in Großbritannien die
Parlamentswahlen anstehen, hieß es. Da bestünde Friedenspflicht.
Gewerkschaft
ohne Biß
Die
TGWU ist nach wie vor an die Labour Partei angeschlossen. Dies erklärt
nicht nur die Passivität der Gewerkschaft, sondern auch, weshalb deren
Generalsekretär, Tony Woodley, Birmingham am Tag der entgültigen
Bekanntgabe der Rover-Schließung fernblieb und lieber vom fernen
Liverpool aus erklärte: »Dies ist ein schwarzer Tag für die
Automobilindustrie.«
Rovers
Ende fällt in eine Zeit düsterer Aussichten für die britische
Gesamtwirtschaft. Die Handelskammer gab am Freitag bekannt, daß die
Verkaufszahlen der britischen Industrie im ersten Quartal 2005 gesunken
seien. Nach einer Umfrage bei 5 000 Unternehmen wertete sie das Ergebnis
als »enttäuschend und besorgniserregend«.Auch im Handel gibt es
ernste Probleme. Das British Retail Consortium (BRC) erklärte ebenfalls
am Freitag, die Lage für viele Händler sei »schwierig«. Die
Rover-Krise ist offenbar nur die Spitze des Eisberges, und die Untätigkeit
der Gewerkschaftsspitzen spielt dazu die Begleitmusik. |