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Modell für Lohnraub:

IG-Metall rückt faktisch von der Beibehaltung der 35-Stunden-Woche ab

von Gerd Höhne

Süffisant schreibt das Leib- und Magenblatt der ultrakonservativen Kapitalisten, die Welt:

„Morgen ist es genau ein Jahr her, dass die Gewerkschaft mit dem Versuch scheiterte, die 35-Stunden-Woche in den neuen Bundesländern durch Streik zu erzwingen. Zwölf Monate später ist vom Dogma Arbeitszeitverkürzung keine Rede mehr, und die Metaller stimmen einer Vereinbarung zu, die zum Dammbruch für die 40-Stunden-Woche in Deutschland werden könnte...“[1]

Gemeint ist, dass die IG-Metall der Erpressung des Siemens-Konzerns, die Handy-Produktion nach Ungarn zu verlagern, wenn in Deutschland nicht die Löhne drastisch gekürzt und die Arbeitszeit erheblich verlängert wird, nachgegibt.

Der Bezirksleiter der IG-Metall von NRW, der auch der Hartz-Kommission angehörte und für die SPD als Hinterbänkler im NRW-Landtag sitzt, Peter Gasse, musste dann auch relativierend sagen:

„Die Standorte sind erhalten, aber die Einschnitte sind verdammt hart, die unsere Kolleginnen und Kollegen dafür hinnehmen müssen.“

Und Huber, der stellvertr. IG-Metall-Vorsitzer log alles dann auch noch in einen Erfolg der IG-Metall um: „Die getroffene Rahmenvereinbarung ist ein großer Erfolg der Beschäftigten, der zeigt, dass es Alternativen gibt zum phantasielosen Stellenabbau und zur Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland.“

IG-Metall-Chef Jürgen Peters, um sein linkes Image besorgt, drückte sich da vorsichtiger aus, er nannte das Abkommen eine „bittere Pille“.

Die bürgerliche Presse jedenfalls ist es Lobes voll. „Die Welt“ sieht darin sogar eine Stärkung der Gewerkschaft:Wenn das Beispiel Siemens Schule macht, gibt es nur Gewinner: die Beschäftigten. Das Unternehmen. Die IG Metall. Das Land. Und ganz nebenbei bekommt auch noch die arg bedrängte Bundesregierung eine grundlegende Arbeitsmarktreform frei Haus geliefert.“[2]

Als Abnickverein für die Lohnraub- und Arbeitszeitverlängerungsmaßnahmen des Kapitals geben sie den Gewerkschaften noch einen Platz. Sie brauchen die Gewerkschaften um ihre Maßnahmen der Profitsteigerung zu legitimieren, die Gewerkschaften als eine Art Arbeitsfront. Hebel sollen die diversen Bündnisse für Arbeit sein.

Dazu allerdings sind die Gewerkschaften nicht da. Ihre Aufgabe ist es, Kampforganisationen für die ökonomischen und sozialen Forderungen der Arbeiterklasse zu sein. Erfüllen sie das nicht mehr, lassen sie sich von der anderen Seite zur „Arbeitsfront“ herabstufen, machen sie sich selbst überflüssig. Denn wer braucht noch Gewerkschaften, die die Geschäfte der anderen Seite machen? Früher nannte man solche angeblichen Gewerkschaften „gelbe Gewerkschaften“, sie wurden von den Vorläufern der DGB-Gewerkschaften - mit Recht - heftig bekämpft.

Was jetzt folgt, ist die Fortsetzung der diversen Maßnahmen zum Lohn- und Sozialabbau.

Die erste Stufe der Maßnahmen zum Lohn- und Sozialabbau, bereits in den 80er Jahren begonnen, war die massenhafte Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Arbeitshetze, Rationalisierungen, Ausgliederung ganze Betriebsteile, die Beschäftigung massenhaft von diversen Sklavenhalterfirmen angeheuerten Leiharbeitern. 

Leiharbeiter wurden und werden meist ohne Tarifverträge und ohne Einhaltung von Mindestlöhnen, aber auch ohne Einhaltung von Unfallschutzvorschriften von usw. beschäftigt. Auch die Betriebsräte sind für sie nicht zuständig.

Was aber einerseits sich als Verbilligung der Arbeitskraft für die Kapitalisten erweist, ist andererseits auch ein Nachteil. Diese Arbeitskräfte einzubauen in die in vielen Betrieben gehuldigte Betriebsfamilienideologie ist unmöglich, Das aber ist ein Hebel bei der Durchsetzung von niedrigeren Löhnen durch die Unternehmer. Daher ist ein höherer Einsatz inzwischen kaum noch möglich.

Die zweite Stufe der Maßnahmen zum Lohn- und Sozialabbau ist der massenhafte Abbau von Sozialleistungen. Hier ist der Staat gefragt. Nur in den wenigsten Fällen greifen hier Tarifverträge. Dies begann auch schon ganz vereinzelt unter Kanzler Schmidt, steigerte sich dann unter Kohl und hat in der zweiten Regierung Schröder einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Ziel ist nicht nur durch Senkung von "Lohnnebenkosten" die Lohnkosten und damit die Profite zu steigern, Ziel ist auch durch administrativen Druck, aber auch durch sozialen Druck (Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe im Niveau senken, erhöht die Bereitschaft für jeden Preis Arbeit anzunehmen) auf die "Arbeitsplatzbesitzer", die Akzeptanz für Lohnraub zu erhöhen. 

Jetzt beginnt offenbar die dritte Stufe der Maßnahmen zum Lohn- und Sozialabbau. Unter der Drohung die Produktion ins Ausland zu verlagern, will das Großkapital erreichen, dass die Arbeiterklasse niedrigere Löhne und längere Arbeitszeiten akzeptiert und erleichtert es der Gewerkschaftsführung ihre Zustimmung zu diesen Maßnahmen als unvermeidliche "bittere Polle" (IGM-Chef Peters) oder gar die "getroffene Rahmenvereinbarung ist ein großer Erfolg der Beschäftigten" (IGM-Vize Huber) den Mitgliedern schmackhaft zu machen.

Wurden bisher vor allem Sozialhilfeempfängern, Kranken, Rentnern und Arbeitslosen in die Tasche gegriffen, so geht das Großkapital nun daran, auch den Beschäftigten in den Betrieben die Löhne zu kürzen und die Arbeitszeit zu verlängern (also auch eine Form von Lohnkürzung).  

Durch das Abkommen mit der IG-Metall verkaufen sich die Siemens-Bosse so nebenher als wahre Menschenfreunde, erweisen sie sich doch durch einen wahren Akt der Selbstaufopferung als Retter von Arbeitsplätzen in Deutschland. Nicht erwähnt wird, dass die Verlagerung der Produktionsstätten von Mobiltelefonen für den Konzern erhebliche negative Folgen gehabt hätte. Handys sind Massenkonsumgüter und eine Negativwerbung hätte die Kunden zur Konkurrenz treiben können. Aber wahren Menschenfreunden, wie Siemens, gibt man ja gern sein Geld, die schmutzige Konkurrenz produziert ja eh im Ausland - was Siemens allerdings auch macht, Siemens redet nur nicht drüber!

Machen wir uns nichts vor: Das Abkommen mit Siemens hat Modellcharakter, darüber sind sich alle einig. Zwar streitet das die IG-Metall-Spitze noch ab, aber bereits jetzt zeigt die bürgerliche Propaganda, wohin der Weg geht. Andere Konzerne, z.B. Opel, aber auch der öffentliche Dienst, gehen den gleichen Weg. Das Siemens-Abkommen wird auch da eingeführt werden.

„Die Welt“ schreibt folglich: „Auch wenn die IG Metall mit dem Vertragswerk, das sie selbst unterschrieben hat, noch fremdelt und es als Einzelfall darstellt - es handelt sich um einen Pilotabschluss. Andere Unternehmen werden folgen.“[3]  

Na also!

Einknicken der Gewerkschaft vor dem Konzern:

Vereinbarung zur Sicherung und Entwicklung von Beschäftigung, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation bei der Siemens AG

1. Präambel

Ziel dieser Vereinbarung ist es, am Standort Deutschland bestehende Arbeitsplätze zu sichern und unter wettbewerbsfähigen Bedingungen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Der Erhalt und die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, der Innovationsfähigkeit und der Investitionsbedingungen der Siemens AG am Standort Deutschland liegen im gemeinsamen Interesse der Beteiligten.

Für die Siemens AG besteht keine strategische Zielsetzung darin, das Verhältnis von Inlands- zu Auslandsumsatz auch in der Beschäftigungsbasis abzubilden. Bei einem Aufbau von Beschäftigung im Ausland stehen im Vordergrund Markt- und Kundennähe, ggf. local content-Forderungen, die Verfügbarkeit von Qualifikationen und sämtliche sonstigen vorhandenen wirtschaftlichen Ressourcen sowie selbstverständlich auch die globale Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens.

2. Grundlage der Arbeitsbeziehungen

Die Siemens AG, der Gesamtbetriebsrat der Siemens AG und die IG Metall sind sich einig, dass Flächentarifverträge der Metall- und Elektroindustrie das Fundament der Arbeitsbeziehungen im Unternehmen bilden. Im Interesse der Beteiligten ist es, die Flächentarifverträge zukunftsfähig weiter zu entwickeln. Soweit über die Informationen und Beratungen mit den Gremien der Arbeitnehmervertretungen hinaus weiterer Gesprächsbedarf besteht, so wird dieser durch ein Gespräch mit der IG Metall eingelöst.

3. ILO-Normen

Die Siemens AG legt weltweit großes Gewicht auf die Übereinstimmung des Verhaltens seiner Mitarbeiter mit den Abkommen und Empfehlungen internationaler Organisationen (dazu gehört auch die dreiteilige Grundsatzerklärung der ILO über multinationale Unternehmen und Sozialpolitik). Siemens erwartet das auch von seinen Lieferanten und Geschäftspartnern.

4. Förderung von Aus- und Weiterbildung

Die Siemens AG hat der eigenen qualifizierten Ausbildung und der zukunftsorientierten Weiterbildung stets hohe Bedeutung beigemessen und wird dies auch in Zukunft tun. Dazu gehört es auch, die Kompetenz aller Mitarbeiter durch zukunftsorientierte Aus- und Weiterbildung zu sichern.

Die Führungskräfte und ebenso die Mitarbeiter selbst sind gehalten, den Weiterbildungsbedarf zu prüfen und notwendige Maßnahmen einzuleiten.

5. Förderung von Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitszufriedenheit

Die Siemens AG wird dem Aspekt der Eigenverantwortlichkeit und Teilautonomie von Arbeitnehmern und Arbeitsgruppen weiterhin verstärktes Gewicht einräumen. Dies kann einen wichtigen Beitrag zu Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitszufriedenheit leisten.

6. Standort- und Beschäftigungsentwicklung

Die Siemens AG wird die Arbeitnehmervertreter, wie bisher, rechtzeitig und umfassend über geplante Veränderungen unterrichten. Sie wird dieses unter Darlegung der jeweiligen Problemstellung, der betriebswirtschaftlichen Daten und Kennziffern beraten.

Die Siemens AG wird in den Fällen, in denen betriebliche Lösungsmöglichkeiten nicht ausreichen, den Tarifvertragsparteien darlegen, welche Maßnahmen zur Abwendung von Arbeitsplatzabbau bzw. Arbeitsplatzverlagerungen geprüft und gegebenenfalls umgesetzt worden sind; das kann beispielhaft sein:

Insourcing, Personalausgleich zwischen Standorten, Reduzierung von Leiharbeitnehmern, betriebliche Prozessoptimierung, Innovation.

Auf Basis der regionalen Flächentarifverträge werden, wenn nötig, den jeweiligen Erfordernissen Rechnung tragende tarifliche Ergänzungslösungen abgeschlossen. Betriebliche Maßnahmen zur Anpassung der Beschäftigungs- und Arbeitsbedingungen werden zuvor ausgeschöpft, sie haben damit Vorrang vor tarifvertraglichen Ergänzungsregelungen.

Sollten trotzdem Personalanpassungen unvermeidbar sein, so ist es ein Anliegen der Siemens AG, diese so sozialverträglich wie möglich zu gestalten. Dabei wird die Siemens AG, wie in der Vergangenheit auch, betriebsbedingte Kündigungen als ultima ratio betrachten.

Für Umorganisationen in den regionalen Einheiten Inland gilt die Rahmenregelung ZP-Rundschreiben Nr. 53/98 v. 07.08.1998 (2. Nachtrag v. 24.09.2002). Diese soll auch für alle zur Verhandlung stehenden Maßnahmen Anwendung finden. Die notwendige Ausweitung wird zwischen Siemens AG und Gesamtbetriebsrat der Siemens AG vereinbart.

Die bei der Siemens AG gebildete betriebsorganisatorische eigenständige Einheit (beE) soll unternehmensweit eingesetzt werden, um alle internen und externen Vermittlungspotentiale auszuschöpfen. Dabei ist Ziel allen Bemühens die dauerhafte Anschlussbeschäftigung.

Sind im Einzelfall die Tarifvertragsparteien für ergänzungstarifvertragliche Lösungen gefordert, so wird eine rechtzeitige und umfassende Information durch substantiierte Darstellung der Problemlagen unter Vorlage von Daten und Kennziffern erfolgen. Die Beteiligten gehen davon aus, dass während der Laufzeit tarifvertraglicher Ergänzungslösungen die betroffenen Standorte gesichert sind und betriebsbedingte Kündigungen nicht stattfinden müssen.

Die Beteiligten stimmen darin darüber ein, dass der auf den Betrieb bezogene Ergänzungstarifvertrag ein Element neben weiteren Maßnahmen im Rahmen der Standortsicherung und –entwicklung darstellt.

Bocholt, den

Für die Siemens AG: G.G.Goth, W. Huber

Für den Gesamtbetriebsrat: Heckmann, Adler

Für die IG Metall: Burkhard; Hawreliuk

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http://www.igmetall.de/siemens/

Frankfurt/Main, 24.06.2004

IG Metall und Siemens vereinbaren Beschäftigungs- und Standortsicherung

Das Unternehmen Siemens hat eine Rahmenvereinbarung mit der IG Metall zur Sicherung der Beschäftigung und der Standorte in Deutschland abgeschlossen. Ziel der Vereinbarung ist es, bestehende Arbeitsplätze in Deutschland langfristig zu sichern, teilte die IG Metall am Donnerstag in Frankfurt mit. „Es ist uns gelungen, Siemens von seiner Zielsetzung abzubringen, das Verhältnis von Inlands- zu Auslandsumsatz auch in der Beschäftigtenzahl abzubilden. Der drohende Abbau von 74 000 Stellen in Deutschland ist damit abgewendet“, erklärte der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber. „Die Rahmenver-einbarung ist ein klares Bekenntnis von Siemens zu den Regeln und Mindestbedingungen des Flächentarifvertrages. Sie ist künftig die verbindliche Grundlage für die 105 Standorte der Siemens AG in Deutschland“, sagte Huber. Das betreffe auch die Werke Kamp-Lintfort und Bocholt.

Die Eckpunkte der „Vereinbarung zur Sicherung von Beschäftigung, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation“ hatten Vertreter der IG Metall, des Betriebsrates und der Konzernleitung ausgehandelt. Vorausgegangen waren intensive Gespräche zwischen Arbeitnehmervertretern und Management. Am Siemens-Aktionstag am 18. Juni hatten bundesweit über 25.000 Beschäftigte gegen den drohenden Stellenabbau demonstriert. Siemens habe nach Angaben der IG Metall in der jetzt abgeschlossenen Rahmenvereinbarung zugesichert, dass Ergänzungstarifverträge nur abgeschlossen werden können, wenn zuvor alle betrieblichen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Während der Laufzeit tarifvertraglicher Ergänzungslösungen gelte eine Bestandssicherung für die betroffenen Standorte.

„Die getroffene Rahmenvereinbarung ist ein großer Erfolg der Beschäftigten, der zeigt, dass es Alternativen gibt zum phantasielosen Stellenabbau und zur Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland.“ Zu diesem Ergebnis, so Huber weiter, hätten die Aktionen der Beschäftigten beigetragen. Gleichzeitig habe Siemens erklärt, bei seinen weltweiten Aktivitäten die internationalen Arbeitsnormen der ILO (Internationale Arbeitsorganisation) einzuhalten und dies auch von seinen Lieferanten und Geschäftspartnern zu fordern.

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http://www.igmetall.de/siemens/

Frankfurt, 24.06.2004
Rahmenvereinbarung:

Alternativen zum Arbeitsplatzabbau

Die IG Metall hat sich mit der Siemens AG am 24. Juni 2004 auf eine Rahmenvereinbarung geeinigt, durch die Arbeitsplätze und Standorte in Deutschland erhalten bleiben sollen. Darin erklärt Siemens, es bestehe „keine strategische Zielsetzung darin, das Verhältnis von Inlands- zu Auslandsumsatz auch in der Beschäftigungsbasis abzubilden“. Damit ist der Plan vom Tisch, nach dem hochgerechnet bis zu 74 000 Stellen in Deutschland gefährdet gewesen wären. Einig sind sich IG Metall und Siemens auch darin, dass die „Flächentarifverträge der Metall- und Elektroindustrie das Fundament der Arbeitsbeziehungen im Unternehmen bilden“. Um zu verhindern, dass Arbeitsplätze abgebaut oder verlagert werden, ist es nach der Vereinbarung möglich, regionale Ergänzungsvereinbarungen zu schließen. Statt Arbeitsplätze abzubauen, sollen auch folgende Möglichkeiten genutzt werden: Insourcing, Personalausgleich zwischen Standorten, Reduzierung von Leiharbeitnehmern, betriebliche Prozessoptimierung und Innovation.

Gleichzeitig hat die IG Metall mit Siemens eine Vereinbarung geschlossen, durch die die – bereits vom Unternehmen beschlossene – Verlagerung der Handy-Produktion in Bocholt und Kamp-Lintfort überflüssig wird. Damit werden 2000 Arbeitsplätze gesichert, die sonst entfallen wären. An den beiden Standorten sollen jetzt im Geschäftsjahr 2004/2005 rund 30 Millionen Euro in neue Produkte investiert werden; die neuen UMTS-Handys sollen dort entwickelt werden. Bisher externe Consultingleistungen werden wieder in das Unternehmen geholt (Insourcing).

Ein Ergänzungstarifvertrag für die beiden Standorte sieht vor, dass die regelmäßige Jahresarbeitszeit 1760 Stunden beträgt – das entspricht einer 40-Stunden-Woche. Der Ausgleichszeitraum, in dem diese durchschnittliche Arbeitszeit erreicht wird, beträgt bis zu 24 Monate. Urlaubs- und Weihnachtsgeld werden durch eine leistungs- und ergebnisorientierte Gewinnbeteiligung ersetzt, die bei einer 100prozentigen Zielerreichung 45 Prozent eines Monatseinkommens beträgt und bis zu 90 Prozent eines Monatseinkommens betragen kann. Für Januar bis September 2004 gibt es zusätzlich ein volles Monatseinkommen als Einmalzahlung. IG Metall und Siemens gehen davon aus, dass es bis zum Ende der Laufzeit des Tarifvertrags (30. Juni 2006) keine betriebsbedingten Kündigungen geben wird.
(rf)

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http://www.jungewelt.de/2004/06-26/001.php

jW 26.06.2004

Daniel Behruzi

Erpressung rechnet sich

Arbeitszeitverlängerung bei Siemens: Weiterer Durchbruch in Richtung 40 Stunden plus X

Als »Bomben mit Zeitzündereffekt« hatte der Stuttgarter Daimler-Betriebsrat Tom Adler vor Monaten im jW-Interview die im Metall-Tarifvertrag vom Februar enthaltenen Möglichkeiten zur Arbeitszeitverlängerung bezeichnet. Eine dieser Bomben ist jetzt hochgegangen. Beim Siemens-Konzern unterzeichnete die IG Metall am Donnerstag eine Rahmenvereinbarung, die feststellt, die geltenden Flächentarifverträge müßten »zukunftsgerecht weiterentwickelt« werden. Was das bedeutet, zeigte sich im Anschluß: Für die 4000 Beschäftigten der angeblich von Verlagerung nach Ungarn bedrohten Standorte Kamp-Lintfort und Bocholt wurde ein Ergänzungstarifvertrag geschlossen, der eine Verlängerung der Arbeitszeit auf durchschnittlich 40 Wochenstunden ohne Lohnausgleich vorsieht. Außerdem werden Weihnachts- und Urlaubsgeld abgeschafft und durch eine »erfolgsabhängige Jahreszahlung« ersetzt.

Während IG-Metall-Chef Jürgen Peters die Vereinbarung am Freitag im DeutschlandRadio Berlin eine »bittere Pille« nannte, erklärte sein Vize Berthold Huber, sie sei »ein großer Erfolg der Beschäftigten«, der zeige, »daß es Alternativen gibt zum phantasielosen Stellenabbau und zur Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland«. Eine Arbeitszeitverlängerung auch in anderen »Problemfällen« schloß Huber gegenüber dem WDR nicht aus. Peters hatte die Verlängerung der Arbeitszeit bei dem Technologiekonzern noch als »Einzelfall« bezeichnet. Dabei dürfte auch ihm bekannt sein, daß Siemens-Chef Heinrich von Pierer eine entsprechende Regelung auch für andere Standorte vereinbaren will. »Ich bin zuversichtlich, daß wir weitere lokale Bündnisse für Arbeit abschließen können«, sagte der Konzernboß laut einer Pressemitteilung.

Daß die betroffenen Betriebe in Zukunft zur 35-Stunden-Woche zurückkehren könnten, glaubt Peters nicht. Sicher ist das Gegenteil: Den Dammbruch in Sachen Arbeitszeit, der diesmal nicht bei irgendeinem darbenden Kleinbetrieb, sondern bei einem führenden Technologiekonzern vollzogenen wurde, dürfte andere Unternehmen dazu animieren, möglichst schnell nachzuziehen. Bei DaimlerChrysler werden bereits entsprechende Verhandlungen geführt. Auch dort und anderswo werden Gewerkschaftsfunktionäre demnächst die »Erpressung« mit der Verlagerung beklagen. Dabei hat die IG-Metall-Spitze die Erpreßbarkeit durch den Tarifabschluß vom Februar selbst geschaffen. Aufgrund dieser Vereinbarung wurde bereits die Arbeitszeit für Zehntausende höherqualifizierte Beschäftigte auf 40 Wochenstunden ausgeweitet – ohne daß die Gewerkschaft überhaupt noch gefragt werden mußte.

Wenn sich profitable Großkonzerne wie Siemens ohne Gegenwehr der einst so gefürchteten IG Metall zum Vorreiter der Arbeitszeitverlängerung machen können, ist die 40-Stunden-Woche plus X bald überall Realität. Auch Bahn AG und Bauindustrie fordern bei den laufenden Tarifverhandlungen Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich auf 40 bzw. 42 Wochenstunden. Der öffentliche Dienst, einst positiver Orientierungspunkt für viele Belegschaften, wird zur Brechstange der Arbeitszeitverlängerer. Zeitgleich mit der Vereinbarung bei Siemens beschäftigte sich das Bundeskabinett mit der Erhöhung der Arbeitszeit für Bundesbeamte von 38,5 auf 40 Wochenstunden, wodurch ver.di zufolge auf einen Schlag 13000 Jobs zur Disposition stehen. Auch die Länder haben die Tarifverträge zur Arbeitszeit gekündigt. Bis auf die Mitte dieser Woche von ein paar aufrechten Linken in Nordrhein-Westfalen organisierten Warnstreiks, tut ver.di nichts dafür, diesen »Konflikt in bisher nicht bekanntem Ausmaß« (ver.di-Chef Frank Bsirske) für sich zu entscheiden.

Dem jeglicher Logik widersprechenden Argument, die Spirale der Arbeitszeitverlängerung schaffe Arbeitsplätze, trat am Freitag der Arbeitsmarktexperte Steffen Lehndorff vom Institut für Arbeit und Technik in der Berliner Zeitung entgegen. Wenn man die internationale Konkurrenzfähigkeit durch Lohnsenkungen und unentgeltliche Mehrarbeit herstellen wolle, werde man »in ein bis zwei Jahren erneut vor dem gleichen Problem stehen«. Allerdings werde es dann »um die Einführung der 45-Stunden-Woche« gehen, prognostizierte der Wissenschaftler. Durch Lohnverzicht hierzulande werde lediglich »die Entwicklung zu höheren Löhnen in Ländern wie Tschechien oder Ungarn gestoppt«, die ihre Kostenvorteile nicht verlieren wollten. Lehndorffs Fazit: »Das ist eine Spirale, die sich nur weiter nach unten drehen kann.«

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