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Bilanz-Pressekonferenz
in Frankfurt am Main. Eine Alltäglichkeit in der Bankenmetropole. Und
doch war diesmal alles anders. Kein Nobelhotel, keine Hochglanzbroschüren,
keine Spitzenmanager. Die Hauptakteure: Fünf Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer, Beschäftigte der hessischen Metall- und Elektroindustrie.
Durchschnittsverdiener. Auf sorgfältig gestalteten Folien präsentierten
sie die Monatsbilanz der "Metall-Beschäftigten GmTV". Die Abkürzung
steht für "Gesellschaft mit Tarifvertrag". Das Ergebnis: Die
"Firma" braucht dringend mehr Geld.
Einer
der "Gesellschafter" ist Dirk Seidenthal. Der 33-Jährige
arbeitet bei BIT Analytic Instruments in Schwalbach im Taunus in der
Qualitätssicherung. Eingruppiert in der Lohngruppe 8 verfügt der Vater
von zwei Kindern und einziger Ernährer der Familie über ein monatliches
Nettoeinkommen von knapp 2134 Euro, einschließlich Kindergeld. Dem stehen
feste Ausgaben für Miete, Lebensunterhalt, Kleidung, Telefon und andere
laufende Posten von 2202 Euro gegenüber. Macht unter dem Strich ein Minus
von 68 Euro.
Dirk Seidenthals
Schlussfolgerung: Um seinen Geschäftsbereich von der Verlust- in die
Gewinnzone zu führen, muss eine weitere Einnahmequelle gefunden werden:
Seine Frau wird wieder arbeiten.
Bilanzen von
Arbeitnehmern und ihren Familien wird nur selten öffentliche
Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei geben sie auf den ersten Blick Aufschluss
darüber, wie es um die Einkommenssituation der Beschäftigten bestellt
ist. "Vor diesem Hintergrund hat die IG Metall zu dieser ungewöhnlichen
Bilanz-Pressekonferenz geladen", sagt Bernd Rübsamen, Erster Bevollmächtigter
der IG Metall in Frankfurt. Sie widerlegte damit auf anschauliche Art,
dass es kein leeres Gerede ist, wenn Metallerinnen und Metaller sagen,
ihre Kassen sind leer.
Christine
Pfitzner, 37 Jahre, allein erziehende Mutter von zwei Kindern, braucht
jedenfalls dringend eine kräftige Lohnerhöhung. Auch sie macht jeden
Monat Verluste, obwohl sie bei Siemens in Karben in Dauernachtschicht
arbeitete - der Kinder und der Finanzen wegen. Nach Abzug von Steuern und
den Beiträgen zur Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung
bleiben ihr 2011 Euro im Monat (einschließlich Kindergeld). Davon gehen
rund 680 Euro für Miete und Mietnebenkosten drauf. Für Lebensmittel rund
500 Euro, für eine Kreditrückzahlung 350 Euro und für das Auto rund 150
Euro. Bleibt nach Abzug aller Ausgaben ein Minus von 36 Euro. Ein überschaubares
Defizit, das durch tarifliche Jahresleistungen immer wieder ausgeglichen
werden kann. Aber Unvorhergesehenes, wie eine teure Autoreparatur, darf
eigentlich nicht passieren. Extras, wie eine schöne Urlaubsreise mit den
Kindern, sind kaum drin.
Angesichts solcher
Bilanzen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern klingt die Kritik der
Arbeitgeber an der "maßlos überzogenen" Tarifforderung der IG
Metall wie Hohn. Erst recht das Gerede, dass Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer in Deutschland besonders gut verdienen. Die Realität ist längst
eine andere: Die Einkommen sind in den zurückliegenden Jahren deutlich
geschrumpft. Die von den Gewerkschaften erkämpften Tariferhöhungen
wurden durch höhere Beiträge zu den Sozialversicherungen, steigende
Mieten und Energiepreise aufgefressen. In Zahlen ausgedrückt: Die
Nettokaufkraft ist gesunken. Um 4,7 Prozent in den letzten zehn Jahren.
Natürlich machen
nicht alle Geschäftsbereiche der "Metall-Beschäftigten GmTV"
Verluste. Einige fahren auch bescheidene Gewinne ein. Der
"Gesellschafter" Alexander Ludwig zum Beispiel. Der 18-Jährige
lernt im dritten Jahr Energieelektroniker bei Siemens in
Frankfurt-Fechenheim. 695 Euro brutto bekommt der Auszubildende, bleiben
ihm nach Abzug aller Versicherungen 553 Euro im Monat. Er lebt mietfrei
bei seinen Eltern, sodass er sein Leben gut finanzieren kann. Am
Monatsende bleiben ihm rund 47 Euro zur freien Verfügung. Trotzdem hofft
er auf einen guten Tarifabschluss. Eine Verbesserung der Ausbildungsvergütungen
um 60 Euro, so wie gefordert, käme ihm gelegen. Er könnte sich damit den
einen oder anderen Extrawunsch erfüllen.
Auch der 40-jährige
technische Angestellte Dieter Tanke liegt mit seinem "Geschäftsbereich"
am Monatsende im Plus. Aber nur, weil seine Frau 741 Euro zu seinem
Einkommen von 2737 Euro beisteuert. Am Monatsende bleiben 88 Euro. Sein
Fazit: "Der Zusammenschluss mit einem anderen Geschäftsbereich hat
sich auf das Ergebnis positiv ausgewirkt."
Ähnlich
die Bilanz von Andreas Dreisbach, 40 Jahre alt, von Beruf CNC-Dreher. Als
allein Stehender kommt er mit seinem Nettoeinkommen von 2023 Euro zwar über
die Runden, aber es bleibt nicht genug für größere Anschaffungen.
Deshalb jobbt er nebenbei, fünf bis zehn Stunden pro Woche. Seine Bilanz:
"Das positive Ergebnis wurde durch die besonderen Anstrengungen außerhalb
des Kerngeschäfts erreicht."
Fazit dieser ungewöhnlichen
Bilanz-Pressekonferenz in Frankfurt: Die "Metall-Beschäftigten GmTV"
brauchen im Jahr 2002 dringend eine Erhöhung der Einnahmen. Um mindestens
6,5 Prozent, sagen sie. Sonst werden die Verluste in einigen "Geschäftsbereichen"
weiter wachsen. Konkurs nicht ausgeschlossen.

Ruth Gruber/Werner Hoffmann
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