|
»...
dann geht der Tanz erst richtig los!«
Europas
Hafenarbeiter lassen sich EU-Vorschriften nicht gefallen. Die zwei
Gewerkschaftsdachverbände gehen jetzt gemeinsam vor. Ein Gespräch mit
Bernt Kamin
Quelle:
jungeWelt
vom 10.01.2006
Interview:
Andreas Grünwald
*
Bernt Kamin ist Betriebsratsvorsitzender der Gesamthafenarbeiter in
Hamburg
F:
Für den morgigen Mittwoch haben die europäischen Hafenarbeiter massive
Streiks angekündigt. Was wollen Sie damit bezwecken?
Der
Versuch der Europäischen Kommission, mit Hilfe der Richtlinie »Port
Package 2« die sozialen Rechte der Hafenarbeiter zu beschneiden,
verdient genau diese Antwort. Es muß jedem Europaabgeordneten klar
werden, daß wir diese neue Hafenrichtlinie nicht akzeptieren. Das
werden wir auch durch eine Großdemonstration in Strasbourg zum Ausdruck
bringen, die am Montag stattfindet.
F:
Der Verband der deutschen Reeder hat den Arbeitskampf als rechtswidrig
und zudem als wirkungslos bezeichnet.
Wäre
ich Unternehmersprecher, würde ich das auch sagen. Tatsache ist aber,
daß die Hafenarbeiter mit »Port Package 1« schon den ersten Versuch
der EU-Kommission vereitelt haben. Durch diese Richtlinien würden sich
unsere Arbeits- und Lebensbedingungen verschlechtern –wir nehmen das
nicht hin.
F:
Sie kommen gerade von einer Konferenz der europäischen
Hafenarbeitergewerkschaften in Le Havre. Was wurde da beschlossen?
Es
gibt in Europa zwei Dachverbände der Hafenarbeitergewerkschaften. Zum
einen die Europäische Transportarbeiterföderation (ETF), zu der auch
ver.di und die belgische Transportarbeitergewerkschaft gehören. Zum
anderen gibt es das »International Dockworker Council« (IDC), dem die
großen französischen, spanischen und griechischen
Hafenarbeitergewerkschaften angehören. Beide Dachverbände hatten
eigene Aktionsplanungen beschlossen – die ETF für den 11. Januar, die
IDC für den 16. und 17. Januar.
In
Le Havre haben sich jetzt die Vertreter von über 100 europäischen Häfen
auf einen gemeinsamen Aktionsplan geeinigt. Das heißt: Wenn wir am
Mittwoch z. B. Schiffe in Hamburg oder Bremerhaven blockieren, dann können
die Reeder nicht einfach auf andere europäische Häfen ausweichen –
sie würden dort ebenfalls blockiert. Außerdem wurde vereinbart, daß
die Demonstration in Strasbourg auch durch Gewerkschaften der ETF
unterstützt werden, so daß jetzt Hafenarbeiterdelegationen aus ganz
Europa teilnehmen werden.
F:
Konnten Gewerkschaften, die dem IDC angehören, bisher nicht an
gemeinsamen Treffen teilnehmen?
Das
ist erst jetzt möglich, weil wir die grundsätzlichen
Meinungsverschiedenheiten der Dachverbände beiseite geschoben haben und
weil die Treffen auf Einladung einzelner Gewerkschaften und nicht der
Dachverbände stattfinden. Zum Treffen in Le Havre hatte die französische
CGT nicht nur die ETF-Gewerkschaften eingeladen, sondern auch solche aus
dem IDC. So konnten erstmals die großen Hafenarbeitergewerkschaften aus
Spanien, Portugal, Schweden, Griechenland und Zypern mit einbezogen
werden. Die Widersprüche, wie sie aus der Spaltung der
Weltgewerkschaftsbewegung in einen eher
kommunistisch-linkssozialistischen Teil und in »freie Gewerkschaften«
existieren, konnten bei der Planung gemeinsamer Widerstandsaktionen der
Hafenarbeiter überwunden werden. Von großer Bedeutung ist es dabei, daß
mit Manfred Rosenberg (ver.di) und Julian Garcia von der spanischen
Coordinadora auch die führenden Repräsentanten der
ETF-Hafenarbeitersektion und der des IDC an dem Treffen teilnahmen. Wenn
sich diese Zusammenarbeit verstetigt, wird sich unsere Schlagkraft
erheblich erhöhen.
F:
Das ist in der Abschlußresolution der Konferenz bereits angedeutet, wo
es heißt, daß »inakzeptable Initiativen« der Europäischen
Kommission auch künftig gemeinsam bekämpft werden.
Durch
regelmäßige Information, gegenseitige Unterstützung und engste
Zusammenarbeit sind die europäischen Hafenarbeitergewerkschaften nun
tatsächlich die ersten, die auf diese »Europäisierung« oder »Globalisierung«
der Angriffe von Politik und Kapital eine wirkungsvolle Antwort durch
gemeinsamen außerparlamentarischen Kampf finden. Das ist das
strategische Element dieser Konferenz in Le Havre, was uns stärkt und
neue Kraft gibt. Sollte das europäische Parlament die Hafenrichtlinie
annehmen, dann geht der Tanz erst richtig los. Europaweit werden die
Reeder und die Politiker angegriffen, die unsere Arbeits- und
Lebensbedingungen verschlechtern wollen. |