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Resolution
der SBS (Siemens Business Services) Vertrauensleute in Frankfurt zum
Tarifabschluss der IGM 2004. Die Resolution wurde auf der Sitzung der
Vertrauensleute am 2.3.2004 mit großer Mehrheit angenommen.
Das
Verhandlungsergebnis: ein tarifpolitisches Waterloo
Das
Verhandlungsergebnis der Tarifrunde 2004 widerspricht den Entschließungen
und Anträgen des IGM-Gewerkschaftstages vom Oktober 2003, in denen eine
weitere Verkürzung der Arbeitszeit gefordert wird und widerspricht den
Forderungen der Delegiertenversammlungen und der Tarifkommissionen, die
eine reine Lohnrunde mit einer Laufzeit von 12 Monaten verlangen und die
Einbeziehung der Arbeitszeit ausdrücklich ausschließen!
Mit
welchem Recht setzen sich Vorstand, Bezirksleitungen und
Tarifkommissionen über diese Beschlüsse hinweg? Das
Verhandlungsergebnis konterkariert unseren Kampf um die
35-Stunden-Woche, den wir vor 20 Jahren führten sowie die Bemühungen
um weitere Arbeitszeitverkürzungen. Die vereinbarten Aufweichungen der
35-Stunden-Woche für die Betriebe im Westen der Republik verhindern auf
lange Zeit einen neuen Versuch, die Arbeitszeit auch im Osten zu
reduzieren und damit eine Vereinheitlichung der Lebens- und
Arbeitsbedingungen zu erreichen.
Trotz
ausgezeichneter Hilfestellung von Gesamtmetall für die Mobilisierung
der KollegInnen hat die IG Metall-Führung es erneut zugelassen, dass
der Flächentarifvertrag weiter ausgehöhlt wird. Dies fördert nicht
nur die Erosion der tariflichen Bestimmungen zur Arbeitszeit sondern
auch die der IG Metall.
Das
Verhandlungsergebnis von Baden-Württemberg und die Form, in der es für
die Mittelgruppe übernommen wurde, ist entgegen offizieller Aussagen
der IG Metall nicht annehmbar. Es ermöglicht die Abschaffung des
Normalarbeitstages und die Einführung unbezahlter Arbeit. Das
Verhandlungsergebnis geht in Teilen sogar noch über die Forderungen der
Unternehmer hinaus. Weil die Forderung näher am abzuschließenden
Ergebnis sein müsse, wurden die Forderungen zur Entgelterhöhung aus
den Betrieben auf 4 Prozent gestutzt. Das in Baden-Württemberg
erreichte Ergebnis ist meilenweit von dieser schon sehr niedrigen
Forderung entfernt, der zweitniedrigsten in der Geschichte der IG Metall
überhaupt.
Im
Einzelnen:
Einführung
unbezahlter Arbeitszeit
In
der Vereinbarung zwischen dem Verband der Metall- und
Elektro-Unternehmen Hessen und der IG Metall soll die „Erhöhung oder
Absenkung der Arbeitszeit mit oder ohne vollen Lohnausgleich“ ermöglicht
werden:
„Ist
es unter Abwägung der sozialen und wirtschaftlichen Folgen
erforderlich, durch abweichende Tarifregelung eine nachhaltige
Verbesserung der Beschäftigungsentwicklung zu sichern, so werden die
Tarifvertragsparteien nach gemeinsamer Prüfung mit den Betriebsparteien
ergänzende Tarifregelungen vereinbaren oder es wird einvernehmlich
befristet von tariflichen Mindeststandards abgewichen (z.B. Kürzung von
Sonderzahlungen, Stundung von Ansprüchen, Erhöhung oder Absenkung der
Arbeitszeit mit oder ohne vollen Lohnausgleich (soweit nicht durch den
Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung geregelt)).“
(Vereinbarungstext)
Die
Arbeitszeit kann also doch ohne Lohnausgleich - glücklicherweise nur
mit Zustimmung der Tarifpartner - erhöht werden. Es wird noch nicht
einmal eine Begrenzung bei 40 Stunden in der Woche gesetzt. Die
Begrenzung liegt damit nur noch bei der gesetzlich zulässigen
60-Stunden-Woche.
Weitere
Liquidierung des Normalarbeitstags
Die
13% bzw. 18%-Regelung kann auf 45% aller Beschäftigten ausgedehnt
werden.
Heißt
es im ersten Absatz noch, dies gelte nur in Betrieben mit einem hohen
Anteil Beschäftigter mit hohen Gehaltsgruppen, so wird im Folgenden
auch dieser Grundsatz wieder aufgehoben:
„Um
Innovationsprozesse zu ermöglichen oder Fachkräftemangel (den niemand
anders als die Unternehmer zu verantworten haben) zu begegnen, sollen,
soweit diese Regelung nicht die Struktur des Betriebes abbildet, auf
Antrag der Betriebsparteien die Tarifparteien nach Prüfung eine höhere
Quote für den Betrieb oder Teile des Betriebes vereinbaren.“
(Vereinbarungtext, Anlage 1)
Es
ist somit nur eine Frage von wenigen Monaten, bis die ersten Betriebsräte
der “Innovationsargumentation” der Gegenseite erliegen und dann die
anderen Betriebsräte mit dem Argument, man müsse unter dem Druck der
Konkurrenz nachziehen, der Reihe nach umfallen. Genau diesem Druck sind
die Belegschaften auf Betriebsebene nicht gewachsen. Dass sie erpressbar
sind hat schließlich auch die Gewerkschaftsführung immer wieder selbst
ausgeführt und kann sich später schlecht rausreden.
Weitere
Aufweichung der 35-Stunden-Woche
Mit
dem Zugeständnis, die Einführung tariflicher Regelungen zur weiteren
Flexibilisierung der Arbeit durch Flexi-Konten oder Langzeitkonten zu prüfen,
öffnen wir eine weitere Büchse der Pandora und leisten der weiteren
faktischen Aufweichung der 35-Stunden-Woche in den Betrieben unnö-tig
Vorschub:
„Die
Tarifvertragsparteien verpflichten sich, während der Laufzeit dieser
Tarifvereinbarung zu prüfen, ob tarifliche Regelungen zur Erweiterung
der Flexibilisierung der Arbeitszeit (Flexi-Konten) oder Langzeitkonten
erforderlich sind und ggf. dazu Verhandlungen
aufzunehmen...(Vereinbarungstext, Anlage 2)
Das
ist nichts anderes als eine Arbeitszeitverlängerung auf Dauer, ohne
tarifliche Begrenzung und ohne Mehrarbeitszuschläge. Hier wird ein
Verhandlungsstand ohne Diskussion in der Organisation (und trotz
bestehender Manteltarifbestimmungen) in einen aktuellen Lohnabschluss
eingebaut.
Lohn
und Gehalt
Rein
rechnerisch ergibt sich eine jährliche durchschnittliche Lohnerhöhung
von 2,26% (2 x 0, 12 x 2.2, 12 x 2.7), was die massiven Preiserhöhungen
und Kürzungen der Sozialleistungen (Gesundheitsverschlechterung etc.)
nicht im Entferntesten ausgleicht. Nach Abzug von 1,4% für ERA ergibt
sich eine tabellenwirksame Lohnsteigerung von 1,61% im gesamten
Tarifzeitraum von 26 Monaten. Dies ist weit von dem entfernt, was die IG
Metall im Vorfeld der Verhandlungen als verteilungsneutralen Spielraum
bezeichnet hatte.
Unsere
Antwort auf die neoliberale Offensive
Die
gewerkschafts- und betriebspolitische Enthaltsamkeit legt bei ganzen
Schichten von Lohnabhängigen die Schwelle zum Austritt immer niedriger.
“Wofür überhaupt Gewerkschaftsbeitrag bezahlen? Verzichten kann ich
auch alleine." Wo die Antworten fehlen und wo es keinen
entschlossenen Kampf gibt, mangelt es an Glaubwürdigkeit.
Wenn
die IG Metall ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden will
und wenn wir insgesamt das Vertrauen der KollegInnen in die Gewerkschaft
wieder herstellen wollen, dann muss die Organisation wieder
Gestaltungskraft zurückgewinnen:
Das
zentrale Moment hierfür ist eine aktive und kämpferische Tarifpolitik.
Alle
Gewerkschaften haben die Verantwortung, aber auch die Möglichkeit, mit
einer drastischen Verkürzung der Arbeitszeit - natürlich ohne
Lohnverlust - in die gesellschaftliche Entwicklung einzugreifen und die
Lebens- und Arbeitsbedingungen aller Lohnabhängigen ganz erheblich zu
verbessern. Ein deutlicher Abbau der Arbeitslosigkeit ist schließlich
die entscheiden-de Voraussetzung für die generelle Veränderung der Kräfteverhältnisse
in diesem Land.
Spätestens
mit dieser und der letzten Tarifrunde hat sich bei vielen
GewerkschafterInnen die Erkenntnis durchgesetzt, dass eine
Mitgliederbefragung hinsichtlich der Annahme von Verhandlungsergebnissen
notwendig ist.
Resolution
der SBS (Siemens Business Services) Vertrauensleute in Frankfurt zum
Tarifabschluss der IGM 2004. Die Resolution wurde auf der Sitzung der
Vertrauensleute am 2.3.2004 mit großer Mehrheit angenommen. |