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Offener
Brief an meinen akademischen Lehrer Prof. Dr. Siegfried Jäger, Universität
Duisburg
Duisburg
im März 2003
Lieber
Sigi,
ich
war sicher nicht der Scholar, der zu Füßen seines akademischen Lehrers
sitzend, dessen Worten lauschend, fleißig mitschreibt und zu IHM aufschaut. Das
weißt du genauso wie ich. Ich hatte, bevor ich zur Uni kam, einfach schon
zuviel auf dem „Kerbholz“.
Als
wir uns vor etwa 30 Jahren kennen lernten, war ich aktiver Gewerkschafter und
Schichtarbeiter auf der Mannesmann-Hütte in Duisburg. Einen Streik hatte es
gegeben, beim Profilwalzwerk und in anderen Betrieben, die Hütte war in
Aufruhr, die Konzernleitung versuchte mit Gegenterror und Provokationen alles
unter Kontrolle zu bringen. Ich war aktiver Mitorganisator der Streiks und der
Autor eines Buches über die Streiks, und so lernten wir uns kennen. Für dich
war ich wohl ebenso ein Exot (Buch schreibender Arbeiter) wie du und deine
Genossen für mich. Das war eben nicht meine Welt.
Aber
wie es sich ergab, ich erwarb die Hochschulzugangsberechtigung und kam so als
Student an die Universität.
Den
marxistischen Ansatz, den du vertratst, war dem, was ich auch dachte, am nächsten.
Von Marx bis Lenin war ich schon belesen, sah die Gesellschaft aus der
Perspektive eines Arbeiters. Eine richtige Perspektive, aber sie reicht nicht
aus.
Theoretisch-philosophische
Begriffe wie Erkenntnis und Bewusstsein konnte ich mir nun als Student, der mal
Arbeiter war und es im Herzen bis heute geblieben ist, erwerben. Dein
marxistischer Ansatz in der Sprachwissenschaft half mir dabei.
Auch
wenn du für mich nicht im klassischen Sinne der akademische Lehrer warst, so
doch einer, der mir als Student vieles vermittelte.
Und
nun? Ich blieb der Sache, die ich schon damals vertrat, treu. Es muss eine
nachkapitalistische Gesellschaftsordnung geben und der Marxismus ist für mich
keineswegs überholt, nur weil der erste Versuch des sozialistischen Aufbaus
scheiterte. Es gibt nichts – rein gar nichts – was den wissenschaftlichen
Sozialismus ersetzen kann, auch wenn viele ihm den schnellen Tod prophezeiten.
Er lebt und wird weiterleben, weil er auf der richtigen Erkenntnis beruht.
Zu
den praktischen Prinzipien des Marxismus gehört der proletarische
Internationalismus. Mir sagte mal ein alter Kommunist, als ich mir meine ersten
Sporen in der kommunistischen Bewegung erwarb: „Ich kenne keine Rassengrenzen,
nur Klassengrenzen!“
Dieser
Genosse war kleiner Funktionär der SED und war unter Hitler 13 Jahre im
Zuchthaus und KZ gewesen. Dies sei vorweg geschickt.
Davon
ausgehend, dass mir Rasse nicht von Bedeutung ist, sehr viel mehr aber die
einfachen Menschen überall auf der Welt, davon ausgehend, dass überall der
Imperialismus die Völker unterjocht, dass er ihnen die einfachsten Rechte
vorenthält, sie mit Mord und Terror überzieht, sind mir die Menschen in den
Straßen Berlins, Moskaus, Chicagos, Tel Avivs und Nazareths, Ramallahs usw. näher
als die kapitalistische Regierungen.
Wir
alle wissen von den Verbrechen der deutschen Faschisten. Die ersten Opfer waren
die Organisationen und Parteien der Arbeiterbewegung und ihre Mitglieder gewesen
- also wir. Wir Sozialisten, Kommunisten, wir Gewerkschafter und andere
fortschrittlichen Menschen stehen auf der Seite der Opfer und der Gegner der
Faschisten. Der Mord an Millionen Menschen jüdischer Religion und Herkunft war
das größte Staatsverbrechen der Menschheit, das ist unbestritten.
Aber
was, lieber Sigi, hat das damit zu tun, dass israelische Soldaten heute einen
blutigen Terrorkrieg gegen die Menschen in Palästina führen? Berechtigt der
millionenfache Mord der deutschen Faschisten an Juden das israelische Militär
dazu, die Palästinenser auszurotten oder sie mit blutiger Gewalt aus ihrer
angestammten Heimat zu vertreiben? Nur weil in einem 3000 Jahre alten Buch
steht, Gott habe das Land einem Volk gegeben, als dessen Nachkommen sich viele
Juden sehen und der Zionismus – der ist nicht gleichzusetzen mit den Juden –
behauptet, das Land gehöre ihnen. Sie würden für „Europa (...) dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden, wir würden
den Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen.“
(siehe Theodor Herzl: Der
Judenstaat)
Du
hast ja in deiner Studie im Auftrag dieser amerikanischen zionistischen
Organisation die Presseberichte gelesen, hast also einen Hauch von Information
der Verbrechen, die dort geschehen, mitbekommen. Hat dir das nichts zu denken
gegeben? Hast du dich nicht gefragt, wie dieser obskure Verein, die
Partnerorganisation der Konrad-Adenauer-Stiftung, dazu kommt, einen solch
delikaten Auftrag ausgerechnet an ein als links bekanntes Institut zu vergeben?
Die CDU-Konrad-Adenauer-Stiftung hätte das wohl gern auch gemacht. Du weißt
genau wie auch ich, warum.
Ich
frage mich aber, warum hast du diesen Auftrag angenommen? Erkennbar klar hast du
dich eng an die Vorgaben gehalten, die lauteten: Nachweisen, dass jede
kritische Berichterstattung über Israel und das Vorgehen der Israelischen
Regierung antisemitisch ist.
Das
gleiche Komitee, von dem du den Auftrag und das Geld für deine Studie bekommen
hast, startet in den USA Aktionen gegen Zeitungen, die kritische Berichte zu Palästina
bringen. Auch hier der Vorwurf des Antisemitismus. Solche Studien wie die deine
dienen der Rechtfertigung dessen, was dort in Palästina geschieht. Sie decken
und verschleiern, ja sie rechtfertigen Verbrechen.
Von
dir nun als Antisemit angesehen zu werden, lieber Sigi, ficht mich nicht an. Ich
entstamme einer Familie, die im Kampf gegen Hitler stand und ich verstehe mich
in dieser Tradition. Ich habe, solange ich denken kann, mich gegen Faschismus
und Völkermord ausgesprochen. Und ich habe die Ideale, die ich einst hatte: für
eine friedliche und gerechte Gesellschaftsordnung einzutreten, nie aufgegeben.
Wenn
ich heute sage, meine Solidarität gilt den Menschen in ganz Palästina,
Israelis und Palästinensern, weil ich will, dass diese Menschen in Frieden und
guter Nachbarschaft leben können, wende ich mich gegen Scharon und die
Verbrechen seines Militärs.
Nenne
du das antisemitisch, es lässt mich kalt. Aber Verbrechen muss Verbrechen
genannt werden können - und Völkermord ist Völkermord. Wenn die Lohnschreiber
der Mörder das als edle und gerechte Tat hinstellen oder die, die diese
Verbrechen anprangern als Verbrecher bezeichnen, so zeigt es nur, wessen Geistes
Kind sie sind.
Ich
bin traurig und empört, lieber Sigi, dass du nun zu jenen gehörst, die
Verbrechen rechtfertigen, nur wegen einiger Euro. Deine Schrift dient zur
Rechtfertigung der Kriegsverbrechen der israelischen Armee, ihre Aufgabe ist vom
Auftraggeber klar ausgewiesen: Kritiker an dieser Politik sollen mundtot gemacht
werden.
Wenn
nun, im Schatten des drohenden Kriegs der USA gegen den Irak, Scharon versuchen
wird, sich der Palästinenser durch Mord und Vertreibung zu entledigen, dann
bist du einer jener, die diese Verbrechen ermöglicht haben. Du kannst nicht
sagen, du habest es nicht gewusst. Trotz der Versuche prozionistischer
Organisationen die Berichterstattung zu inkriminieren, ist es möglich, das tatsächliche
Geschehen zu erfahren.
Was
ist dir, Sigi, ein guter Schlaf und ein reines Gewissen wert gewesen? Kannst du
dich eigentlich noch kämmen und rasieren, kannst du dich noch im Spiegel
ansehen, ohne dich vor dir selber zu schämen?
Dein
ehemaliger Freund und Student
Günter Ackermann
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