|
Gaga im Mainstream –
die Antideutschen
Arnold Schölzel
jungeWelt
vom 18.03.2005
In der Geschichte der Linken gab es immer
wieder Strömungen, die anläßlich von Kriegen den Hauptfeind im linken
Lager ausmachten. Eine relativ erfolgreiche Neuausgabe sind die »Antideutschen«.
Die Kriegsfreunde haben ihre Verstärker in den Mainstreammedien und
finden auch in linken Organisationen ein positives Echo (Teil I)
* Überarbeitete Fassung eines Vortrags auf
der Konferenz des Deutschen Freidenkerverbandes in Berlin am 19. Februar
Nach dem Verhör vor dem Ausschuß zur
Untersuchung unamerikanischer Tätigkeiten 1947 soll Bertolt Brecht auf
die Frage, wie es ihm dabei ergangen sei, geantwortet haben: »Wie einem
Zoologen, der von Affen vernommen wird.« Das Zitat charakterisierte aus
meiner Sicht z. B. die bundesdeutsche »Evaluationskommission«, die
1990 an der Humboldt-Universität aufkreuzte, um DDR-Wissenschaftler zu
begutachten, und das meiste, was aus westlichen – auch linken –
Zeitungen und Zeitschriften seither über die DDR oder Ostdeutschland
verbreitet wird.
Als ich gefragt wurde, ob ich etwas zu den
Antideutschen sagen wolle, fand ich es sehr passend. Bei den
Antideutschen handelt es sich, soweit ich sehe, wie weiland 1947 um ein
Gremium zur Untersuchung unamerikanischer Betätigung, um eine Art
permanent tagenden Wächterrat, wie er inzwischen auch von Mullahs gegründet
wurde. Sie sind eine Art Gesinnungspolizei zur Evaluierung, Spaltung und
Abwicklung der Linken. Die Idee, sich dafür das Etikett »links«
anheften bzw. anheften zu lassen, ist nicht schlecht und wird von den Bürgermedien
als »unideologisch« gefeiert. Neu allerdings ist das nicht. Zur
DDR-Abwicklung traten neben den ostdeutschen »Bürgerrechtlern«, »Alternative«
und »Alt-68er« aus dem Westen besonders eifrig an. Das setzte sich in
den »links-alternativen« Propagandatrupps für den Angriffskrieg gegen
Jugoslawien 1999 und den nachfolgenden Auslandseinsätzen der Bundeswehr
fort.
Ich habe die Brechtsche Bemerkung dabei nie
als Ausdruck von Arroganz aufgefaßt, sondern mehr als Beschreibung der
Tatsache, daß man sich mit vielen Leuten nichts zu sagen hat. Ich wüßte
nicht, was mich Ansichten interessieren sollten, die einzig zu dem Zweck
geäußert werden zu verdecken, daß nicht-kapitalistische Eigentumsverhältnisse
und sozialistische Auffassungen beseitigt werden sollen.
Glaubensbekenntnis
Daß die Zugehörigkeit zur
Deutschsprachigkeit eine politische Kategorie ausmacht – das ist,
soweit ich sehe, der Inhalt des neusten Antideutschtums –, scheint
eine Idee jüngeren Datums zu sein. Zeit und Ort des Entstehens dieser
Imagination sind unbekannt, dafür ist ihr Inhalt umso weiter
verbreitet: »Wer deutsch spricht, ist Antisemit.« Das ist ein Axiom,
eine Grundthese, vor allem aber ein Aberglaubensbekenntnis, das, leicht
abgewandelt, zu jenen Grundsätzen gehört, die jeder im Springer-Verlag
beschäftigte Journalist zu unterschreiben hat – neben Eintreten für
die freiheitlich demokratische Grundordnung, Freundschaft zu den USA,
Verfechten der Marktwirtschaft etc. Auf welche Grundsätze die
Antideutschen sich zu verpflichten haben, bevor sie die höheren Weihen
ihrer Kirche, die selbstverständlich umfassenden Anspruch erhebt, also
gut katholisch ist, ist unbekannt, aber sie liegen von den genannten
nicht weit ab. In antideutscher Fassung sind sie nur etwas strenger
formuliert als bei Springer. Seit dem 11. September 2001 wurde das
Glaubensbekenntnis noch ergänzt um: »Wer deutsch spricht, ist Freund
des islamistischen Dschihad, also Antiamerikaner, also Antisemit.« Oder
mehr als Losung: »USA = Antifa«.
Bei Springer charakterisieren solche
Richtlinien die Art und Weise, wie alte und neue Nazis zähneknirschend
mit der Welt seit 1945 zurechtkommen müssen. Für deren Nachkömmlinge
stellen diese Grundsätze jene Art geistiger Sozialisation dar, die gewährleistet,
daß aus ihnen lammfromme Studienräte, gut antikommunistisch getrimmte
Professoren und Journalisten, die jeden Sozialismus mit links erledigen,
werden. Die Antideutschen sind ein typisches, allerdings etwas spätes
Produkt jener Art bundesdeutscher Revolten, deren Protagonisten nie
vergessen, daß sie zurück ins elterliche Reihenhaus, in eine öffentlich-rechtliche
Pfründe oder sonstwie dazugehören wollen. Antideutsche sind die Joseph
Fischers von übermorgen, nur mit dem Unterschied, daß sie es nicht
mehr nötig haben, Polizisten zu verprügeln oder bei Opel ein paar
Schichten zu schieben, um für links gehalten zu werden. So stark ist
die Linke heute nicht, daß man sich besondere Mühe geben muß. Heute
reicht die bloße Selbstetikettierung.
Ihre Behauptungen – von Argumenten kann
selten die Rede sein – sind so absurd, daß sie in ebenso viele
Rechtfertigungen des Bestehenden umschlagen. Man kann nicht soviel Dämliches
über Deutschsprechende erzählen, daß es nicht in ebensoviel
Sympathiebeweise für sie umschlägt. So ähnlich hat Peter Hacks die
deutsche Romantik charakterisiert, eine, wie der in Miami lehrende
Germanist Otto W. Johnston herausgefunden hat, vom englischen
Geheimdienst mitfinanzierte Ideenrichtung gegen die französische
Revolution und gegen Napoleon: Ihre Argumente gegen den Kapitalismus
waren derart, daß sie in Argumente zu dessen Verteidigung umschlugen. In bezug auf die neuere Romantik meinte Hacks, sie
unterscheide sich vor allem dadurch von der historischen, daß an die
Stelle des englischen der amerikanische Geheimdienst getreten sei.
Große
Deutsche
Es hat schon Lustigeres als die Antideutschen
gegeben, aber selten eine Richtung, die durch pure Gedankenfreiheit von
sich reden machte. Ihr Credo sind die genannten Sätze, und wenn es je
eine vulgär-reduktionistische Strömung im deutschsprachigen
Geistesgewerbe gab, dann diese. Die Auffassung, daß der Mensch ist, was
er ißt, die von einem Vorläufer der Freidenkerbewegung im 19.
Jahrhundert stammt, war entschieden aufklärerischer als die Meinung, daß
DNS die Abkürzung für Deutscher Nationalsozialist ist oder daß, wer »Finanzkapital« sagt wie vor hundert
Jahren Rudolf Hilferding, Antisemit ist. Antideutschtum ist eine
Methode, sich dem medialen und politischen Mainstream als Gaga-Fraktion
nahtlos einzuordnen, die politische Anpassung als radikale Offensive
darzustellen, die Anpassung als Absage zu zelebrieren. Den Antideutschen
ist das Anflanschen an die Glaubensartikel der Bundesrepublik so zur
zweiten Natur geworden, daß sie in jedem Deutschsprachigen einen natürlichen
Deutschen vermuten.
Ich zitiere zur Illustration aus einer »Huldigungsadresse«
für Hermann Gremliza, die Peter Hacks 1990 veröffentlichte. Er faßt
das Antideutsche klassisch zusammen: »Weil
ich bei den Fehlern bin: Gremliza ist, was die Deutschen betrifft,
Rassist.
Er glaubt, und das halte ich für einen
seiner wenigen Irrtümer, der deutsche Mensch sei eine Art Subspecies
unserer Gattung, und jeder Deutsche habe eine Art Hitler in den Genen.
Aber selbst wenn unsere Landsleute jetzt wieder Nazis werden, was in der
Tat ganz so wahrscheinlich ist, wie Gremliza sagt, – auch dann heißt
DNS immer noch nicht Deutscher National-Sozialist. Es heißt weiterhin
schlicht Desoxyribonucleinsäure. Selbst hier in den Gefilden zwischen
Strasbourg und Kaliningrad sind die Chromosomen überparteilich und für
jeden Sinn und Unsinn offen.
Unstreitig sind die Deutschen Gesindel. Aber
sie sind kein schlimmeres Gesindel als die übrigen Personen, die die
Erde bevölkern. Das Paradox des Fortschritts ist ja, daß er von
Leuten, die alle den Hegel nicht gelesen haben, zustande gebracht ist.
Was gerade gedankenvollen Männern am schwersten einleuchtet, ist das
Niveau, auf dem Weltgeschichte sich abspielt.« Der Text endet: »Ich
persönlich mag die Deutschen, wenn ich vielleicht die Leipziger
ausnehme. Daher fällt mir leichter, eine etwas altkluge Wahrnehmung zu
machen. Es ist politisch nicht geschickt, in Deutschland als
Deutschenhasser aufzutreten. Viele Leser stört, wenn man sie wissen läßt,
daß man sie haßt. Es ist nicht wirklich offensiv.«
Dieser letzte Satz, möchte ich anmerken, ist
nach meiner Meinung ein ziemlich vernichtendes Urteil über Leute, die
vorgeben, stets mit Attacken befaßt zu sein. Hacks schließt: »Der
Titel, sagt die Freundin, lautet: Hermann L. Gremliza ist ein großer
Deutscher.« Das Prädikat trifft selbstverständlich auf alle
Antideutschen zu.
Zu berücksichtigen ist jedoch: Das war 1990.
Inzwischen freute sich Hermann Gremliza schon mal auf den nächsten
Krieg gegen den Iran und bedauert die Einsamkeit der USA bei ihren Feldzügen,
die sie weiter schwächeln und Deutscheuropa Muskeln wachsen lassen. Die
Geschäftsidee, die junge Welt regelmäßig unregelmäßig als »antisemitische
Zeitung« zu bezeichnen, gehört zu den eher untergeordneten Aspekten.
Mitleid
mit den USA
Das wesentliche Geschäft der Antideutschen
heute ist, wenn schon nicht Begeisterung, dann zumindest Mitleid mit den
USA zu wecken, die zur eigenen und zur Verteidigung Israels zum Krieg
gezwungen sind. Das ähnelt der Aufgabe Joseph Fischers und seiner
Amtsvorgänger seit 1949: Erst nach schwerem öffentlichem Ringen mit
sich selbst wird jeder US-geführte Krieg unterstützt. Die
Antideutschen sind die fünfte Agitationskolonne für alle Kriege der
USA.
Das setzt voraus, daß sie welthistorisch
immer zusammen mit den USA recht behalten, also gewinnen. Zu dem
Zeitpunkt, da George W. Bush in Pilotenuniform auf einem Flugzeugträger
»Mission accomplished«, das offizielle Ende des Irak-Krieges, feierte,
war von Gremliza im konkret-Maiheft 2003 zu lesen: »Der Nahostexperte
teilt die Bevölkerung des Irak in haßerfüllte Sekten, deren
Mitglieder sich gleich nach dem Abgang Saddams Husseins die Gurgel
durchschneiden: Kurden, Schiiten und Sunniten, mancher hat noch ein paar
Christen auf der Hitliste, und läßt Hunderttausende dem Regime
verschworene Elitesoldaten und Geheimdienstler die Städte im Kampf um
jedes Haus bis zum letzten Atemzug verteidigen. Recht gegen diese
Experten von ARD, ZDF, RTL, FAZ, Junge Welt undsoweiter sollte kein Dümmerer
behalten als der Chauffeur Michael Schumacher, der zum Kriegsbeginn
gemeint hatte: ›Die Menschen im allgemeinen wollen leben.‹« Der auf
den recht behaltenden Michael Schumacher sich beziehende konkret-Experte
konnte von Abu Ghraib oder von Falludscha noch nichts ahnen. Der Krieg
war ja für beendet erklärt.
Im selben Text zitiert Gremliza die Redaktion
einer Berliner Vierteljahresschrift, deren Namen er nicht nennt: »›Mit
größter Genugtuung nimmt die Redaktion zur Kenntnis, daß der Sieg der
antifaschistischen Koalition eine schwere Niederlage Deutschlands
bedeutet, nicht nur seiner Regierung, sondern auch jener 90 Prozent der
Landsleute, die sich dem unmenschlichen Machtkalkül ihrer Oberen
vorbehaltlos angeschlossen haben.‹ Aber warum, ihr Lieben, mußte der
Sieg über Deutschland auf den Knochen der von euch in ihrer
›politischen Weitsicht‹ bewunderten Bevölkerung Bagdads errungen
werden? Warum wenn ihr schon dabei seid, Weltpolitik zu treiben (›Die
Redaktion beglückwünscht die Regierungen der Vereinigten Staaten von
Amerika und Großbritanniens‹), fordert ihr die ›antifaschistische
Koalition‹ Bush/Blair nicht auf, ihre Bomben statt auf Bagdad gleich
auf die 90 unmenschlichen Prozent in der Hauptstadt des wirklichen
Feindes zu werden? Doch nicht etwa, weil ihr in Berlin wohnt und nicht
in Bagdad?«
Das lehrt: Die
Evolution des Antideutschen vom Affen zum Zoologen verläuft nicht
geradlinig, sondern sprunghaft und unberechenbar. Es kommt zu
Abspaltungen und zum Kampf um die wenigen Glaubensartikel. Man läßt
die Kriege gern von den USA führen, ob man sie aber gleich
antifaschistisch nennen muß, ist für Antideutsche ein echtes Problem.
Das Pro und Contra über die Dreifaltigkeit Gottes oder die Jungfräulichkeit
Marias hat schon ganz andere Kirchen gespalten.
Zusammengefaßt: Die
ganze antideutsche Angelegenheit bindet in der Bundesrepublik-West
einige tausend, vielleicht einige zehntausend Leser verschiedener
Publikationsorgane in Beschäftigung mit Glaubens- und Aberglaubenssätzen
unterschiedlicher Qualität – »konkret«, »Jungle World«, »Bahamas«
und andere. Sie haben ihre Verstärker bei Springer, Gruner & Jahr
und Holtzbrinck: Wer vom genetisch oder semantisch bedingten deutschen
Antisemiten redet, muß nicht viel über Hartz IV oder die deutschen
Kriege reden. Manche Diskussion in linken Parteien etwa zum
Nahostkonflikt oder zum Irak-Krieg läßt ein Echo antideutscher
Agitation unschwer erkennen. Kongregationen antideutscher Couleur finden
sich in verschiedenen Großstädten. In gut bundesdeutscher Tradition
werden dabei Glaubenssätze gegen Glaubenssätze verhandelt. Das mehr
praktische Behindern des deutschen Imperialismus überließ man schon früher
der DDR, der Sowjetarmee, der NVA, dem MfS und seinen Kundschaftern.
Deren Verschwinden nahm man kaum zur Kenntnis, man hatte ja seinen
eigenen Überbaubetrieb, in dem es nie grob sinnlich zuging. Da man
schon nicht an die Herrschaft kam, übernahm man kurzerhand die
herrschenden Ideen oder drehte sie einfach um. Herauskam in jedem Fall:
Nur kein Befassen mit dem, was der Imperialismus gerade hier und
anderswo anrichtet.
Die deutsche Ideologie der Bundesrepublik
findet in den Antideutschen ihre ideale Ergänzung und Kompensation: Was
in Rom gezeugt und in Washington geboren wurde, verlangt einfach nach
moralischer Stärkung durch die Apotheose des US-Antifaschismus.
Unterschiede
Soviel zum abstrakten Ganzen, nun zu
Einzelheiten. Es gibt nämlich Unterschiede. 1990 ist nicht 2001 und
erst recht nicht 2005 mit der zweiten Amtszeit von George W. Bush und
der gemeinsamen Beratung mit dem deutschen Kanzler über die nächsten
Kriege. Die Antideutschen 1990, und in diesem Jahr liegt ihr Ursprung,
sind andere als die des Jahres 2001 oder gar dieses Jahres. In Mainz, wo
sie mit 20 Leuten die Cheerleader für Bush machten, war es vermutlich
schwierig, Schröder als Helfer des Islamfaschismus anzuschwärzen.
Das macht die Sache etwas unübersichtlich.
Ich versuche eine Sortierung und muß dazu sagen: Ich halte mich an
Sekundärliteratur, die Originale sind einfach zu ermüdend. Karl
Valentins »net mal ignorieren« schien mir stets angebracht, zumal man
ohnehin in allen Medien ständig auf antideutsche Scherzartikel stößt,
mit ihnen überschüttet wird. Ich zitiere das ND vom Donnerstag, dem
17. Februar, eine Buchbesprechung, erster Satz: »Die Wahlen (ohne Anführungszeichen,
A.S.) im Irak haben gezeigt: Es gibt dort eine relevante Mehrheit in der
Bevölkerung, die es sich trotz der Drohungen aus dem
baathistisch-islamistischen Untergrund nicht nehmen lassen will, sich in
Demokratie zu üben.« Von den 14 Millionen Wahlberechtigten Irakern
gingen ungefähr acht Millionen zu dieser, wie der
CDU-Bundestagsabgeordnete Willy Wimmer es im »Freitag« dieser Woche
sagte, von der US-Besatzung angeordneten Volkszählung.
Zu dem Zeitpunkt, da die »Wahlen« im Irak
es dem vergrößerten Deutschland erlauben, endlich mit den USA zusammen
in die Besatzung von »Europas Tankstelle« (Michael Naumann)
einzusteigen, erscheint pünktlich der Sammelband jener Antideutscher,
die den Irak auf dem Weg »von einer Republik der Angst zu einer bürgerlichen
Demokratie« sehen. Man findet dort großartige Auskünfte über die
Verfassung des Irak und die geistige einiger Antideutscher. Ich zitiere
aus einem Beitrag von Thomas Uwer und Thomas von der Osten-Sacken. Sie
malen darin aus, welche Verlotterung die US-Army vorfand, als sie Bagdad
befreite: »Bagdad und mehr noch die vernachlässigte nicht-sunnitische
Provinz, befanden sich in einem Zustand der vollständigen
Verwahrlosung. Wochenlang kämpften die einmarschierenden Amerikaner
damit, die einfachste Versorgung aufrechtzuerhalten. Keine städtische
Angestellte und kein Verkehrspolizist erschien am ›Tag danach‹ zur
Arbeit, ausgebrannte Ministerien überragten eine Stadt, in der noch
monatelang Kriminelle die Straßen unsicher machten, die zuvor von
Saddam Hussein amnestiert worden waren.« Eine gewisse Empörung über
die Unsauberkeit der Straßen, auf denen die GIs ihrem Handwerk
nachgingen, ist nicht zu verkennen. Einige Putzkolonnen hätten die
Bagdader schon abstellen können. Aber dazu sind sie nicht in der Lage,
habituell, vielleicht auch aus genetisch-soziokulturellen Gründen. Als
jemand, der einige Jahre in der DDR lebte, bevor er zurückgeholt wurde,
habe ich die verhaltensbiologischen Kenntnisse Westdeutscher über DDR-Bürger
stets bewundert: Uwer und von der Osten-Sacken zählen zu den einschlägigen
Experten, die – wie z. B. der »Spiegel« – schon längst wissen, daß
DDR und Saddams Irak im Grunde dasselbe sind: Der irakische Widerstand,
war im Hamburger Magazin zu lesen, sei auf Ausbildung durch »Stasi«
und »Vopos« zurückzuführen. Uwer und von der Osten-Sacken dürfen
aber zukünftig als die Entdecker der gemeinsamen inneren Antriebsschwäche
bei Ostlern und Irakern gelten: »So hatte das irakische Baath-Regime,
indem es alle persönlichen Willensäußerungen unterdrückte und unter
den Generalverdacht stellte, Ausdruck der Kollaboration mit dem Feind zu
sein, nicht nur eine unheimliche Interesselosigkeit erzeugt, die tiefer
reicht als jene aus den ehemals sozialistischen Staaten des Ostblocks
oft berichtete Haltung, selbst kleine Reparaturen und Arbeiten nicht
vorzunehmen, da man dies als Staatsaufgabe betrachtet.«
Auf der folgenden Seite des Buches berichten
die Autoren übrigens von einer »Gruppe aufgeregter Männer«, die sich
in Bagdad über eine wilde Müllhalde mitten in ihrem Wohngebiet
beschwerten und die Amerikaner dafür verantwortlich machten. Dabei, so
die deutschen Fachleute in einer realitätssatten Formulierung, hatten
die Anwohner selbst den Müll dorthin geworfen: Sie stellten aber »selbst
das Einfachste noch in den Bereich hochgradig abstrakter Sinnzusammenhänge«.
Nach vermutlich 100.000 toten Irakern unter
der Besatzung, nach dem Massaker von Falludscha, den Folterszenen von
Abu Ghraib und Guantánamo, nach der monatsweise umformulierten Begründung,
warum es notwendig war, den Irak nach zwölfjährigem Bombardement und
Hunderttausenden Toten als direkter Folge der Sanktionen, noch einmal
mit Krieg zu überziehen, darf man bei einem solchen Buchtitel natürlich
nicht von faschistoidem Charakter sprechen. Die Leutchen wollen
lediglich »Demokratie«, eben das, was ihnen im politologischen
Katechismuskurs als solche beigebracht wurde. Da kann man ein paar Tote,
die im Leben ohnehin nicht von selbst zur Kleinreparatur neigten, schon
mal übersehen.
zurück |
|
Präventiver
Antikommunismus
Arnold Schölzel
jungeWelt
vom 19.03.2005
Die neueren Antideutschen begannen mit der
These, daß von der 1990 vergrößerten Bundesrepublik eine besondere
Gefahr ausgehe. Das knüpfte an eine Sicht auf deutsche Zustände an,
die in der Linken Tradition hat. Die heutigen Antideutschen arbeiten für
die Restauration, die seinerzeit bekämpft wurde (Teil II und Schluß)
Bernhard Schmid hat in dem Band »Sie warn
die Antideutschesten der deutschen Linken« kürzlich die Geschichte der
jüngsten antideutschen Bewegung unter dem Titel »Deutschlandreise auf
die Bahamas. Vom Produkt der Linken zur neoautoritären Sekte«
nachgezeichnet. Demnach entstand die Strömung weder grund- noch anlaßlos.
Schmid macht in seinem Artikel so etwas wie einen Urtext der
Antideutschen aus, der unter dem Titel »Warum die Linke antideutsch
sein muß« im Februar 1990 in der marxistischen Monatszeitung AK, dem
früheren Organ des Kommunistischen Bundes (KB) erschien. Der Autor war
Jürgen Elsässer.
Er griff eine These auf, die von der
deutschen Linken seit dem Vormärz, seit den Jahren vor der Revolution
von 1848, immer wieder formuliert wurde. In den Worten von Marx 1844
lautet sie: »Wir haben nämlich die Restaurationen der modernen Völker
geteilt, ohne ihre Revolutionen zu teilen.« Diese Auffassung bestimmte
nicht nur die Sicht von Marx und Engels ebenso wie die der
Junghegelianer oder die von Heinrich Heine auf deutsche Zustände. Ein
Echo läßt sich noch in Alexander Abuschs »Der Irrweg einer Nation«
(1946) oder in den Reflexionen von Georg Lukács seit 1933 darüber,
warum Deutschland zum Zentrum der imperalistischen Reaktion werden
konnte, d. h. in seinen Vorarbeiten für die »Zerstörung der Vernunft«
von 1954 und in diesem Buch selbst finden.
Neuer alter Imperialismus
Die Vorgänge in der DDR Ende 1989/1990 waren
kein neues 1933, aber sie öffneten den Weg zu einer neuen, alten
Position des deutschen Imperialismus in der internationalen Politik. Die
rabiate Art und Weise, mit der Kohl den Anschluß der DDR zu vollziehen
gedachte, gestützt auf das Votum der Wählermehrheit, war erkennbar.
Die klare Ansage »Wenn Ihr die D-Mark wollt, müßt Ihr mich wählen«
war bereits im Umlauf und wurde am 18. März 1990 bei den
Volkskammerwahlen befolgt. Elsässer faßte das Anfang Februar so
zusammen: »Ein Staat schüttelt eine geographische und eine politische
Begrenzung ab, die sein expansionistisches und vielleicht sogar
faschistisches Potential in den letzten 40 Jahren bändigte.« Er
prognostizierte: Wenn die Nachbarstaaten den Vollzug der Vereinigung der
beiden deutschen Staaten hinnähmen, »wer wollte ihnen (den Deutschen)
dann noch die Atombombe, die Streichung des Asylrechts aus der
Verfassung, die Beteiligung an Militärinterventionen untersagen?« Mehr
Klarsicht über das Bevorstehende konnte man zu diesem Zeitpunkt schwer
finden. Elsässers Schlußfolgerung lautete: In dieser Situation gelte
es, eine scharfe Gegenposition zur herrschenden Tendenz zu beziehen,
denn die »Dynamik der Ereignisse kann alle Halbheiten innerhalb von
Monaten, ja Wochen aufdecken.« Daher sei eine »antinationalistische
und damit antideutsche Sicht, um die aktuellen Vorgänge begreifen und
Gegenstrategien entwickeln zu können«, erforderlich. Zu fordern sei »die
Auflösung des deutschen Volkes in eine multikulturelle Gesellschaft«.
Elsässer stellte 1990 eine Frage, die sich
aus der oben genannten These ergibt, und die z. B. Georg Lukács seit
1933 immer wieder aufwarf: »Was macht es für die deutsche herrschende
Klasse bis heute so leicht, über den Nationalismus die Unterdrückten
an ihre Ziele zu binden?« Elsässers Antwort lautete: »Der
Nationalstaat wurde – im Unterschied zu den bürgerlich-demokratischen
Prozessen in Frankreich und England – nicht vom Volk erkämpft,
sondern von oben mit Blut und Eisen durchgesetzt.« Und weiter: »Die
Ablösung des preußischen Junkerstaats und die Ablösung des Faschismus
– beides erreichte das deutsche Volk nicht aus eigener Kraft, sondern
nur im Ergebnis verlorener Kriege. Diese grausame Lehre aus den Klassenkämpfen,
daß sich Widerstand nicht lohne ... dies alles hat sich tief in die
›deutsche Psyche‹ eingeschrieben.« Daraus folge, daß »die
Massenbasis für aggressive rassistische und nationalistische Politik
hierzulande größer ist«, als in vergleichbaren Industrieländern. Elsässer
spricht in diesem Zusammenhang von der »Perspektive eines ›Vierten
Reiches‹«.
Das knüpft dem Gehalt nach direkt an die erwähnten
Auffassungen von Marx und Engels, Abusch, Lukács und anderen an. Wobei
zu vermerken ist, daß Georg Lukács in seiner Aufarbeitung der »Zerstörung
der Vernunft« vor allem die deutschen bürgerlichen Intellektuellen und
ihre philosophischen Ikonen wie die Romantik, Arthur Schopenhauer,
Friedrich Nietzsche, die Lebensphilosophie und Oswald Spengler als »Kopflanger«
des Imperialismus kennzeichnete. Sie übten auf jenes akademische
Publikum, das den deutschen Faschismus nicht erst 1933 in Schulen und
Hochschulen, in den höheren Rängen des Staatsapparates und der Kirchen
mittrugen, wichtigen Einfluß aus.
Elsässer erhielt nach der Darstellung von
Schmid bereits 1990 erheblichen Widerspruch, etwa von Knut Mellenthin,
der darauf hinwies, daß der entscheidende Übernahmeprozeß der DDR und
Osteuropas in der Ökonomie stattfinde und eine Bekämpfung des
deutschen Nationalismus sich bestenfalls an Symptomen festmache.
Postmoderner Antifaschismus
Die These, daß zwischen Herrschenden und
Beherrschten in Deutschland eine besondere Symbiose existiere, die von
der in anderen Ländern zu unterscheiden sei, ist der rationelle
Ausdruck für die rassistische Wirrnis in bezug auf Deutsche, aber auch
in bezug auf andere, wie zu sehen war, in der antideutschen Ideologie.
Ich setze als These dagegen, daß die weltweite Dominanz des von den USA
und Großbritannien ausgehenden neoliberalen Paradigmas in Gesellschaft
und Ökonomie seit Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre zwar jeweils auf
nationalstaatlicher Ebene Idiotisierung und Brutalisierung, einschließlich
Schürung xenophober Stimmungen einschließt, Unterschiede zwischen den
handelnden Politikern, Medienkonzernen und Wirtschaftsgurus aber kaum
mehr auszumachen sind. Der Rückbau sozialstaatlicher Regelungen geht in
allen imperialistischen Ländern mit sozialer Demagogie, Abschottung und
Deportation, Militarisierung der Außenpolitik und Rechtsnihilismus
einher.
Man kann das mit Werner Pirker und Willy
Langthaler (in ihrem Buch »Ami go home«) »Amerikanismus« nennen. Die
Autoren führen zu dessen näherer Charakteristik den Begriff »monopolisierten
Universalismus« von Bernhard Taureck an, d. h. »die Segnungen der
amerikanischen Zivilisation als Angebot an die ganze Welt«. Die
Ersetzung des Völkerrechts durch die »Unterordnung der Herden- unter
die Herrenvölker« ist der sozialdarwinistische Inhalt dieser Art von
Internationalismus, der von einer höheren Moral getragen wird. Sie
entspringt aus der Neubegründung »der amerikanischen Führerschaft über
Freiheit und Demokratie« nach dem Sieg über das »System der
Unfreiheit«, die Sowjetunion. Im Irak 1991 und in Jugoslawien bestätigten
sich die USA »als das einzige für das imperialistische Gesamtsystem
unverzichtbare Land«. Die Manipulation des Demokratiebegriffs zur
Unterwerfungsformel unter die Marktideologie und die Verkehrung des
Antifaschismus sind nach Pirker/Langthaler wesentliche Bestandteile
heutiger »Zerstörung der Vernunft«. Nach dem »Sieg über den
Totalitarismus« war der Bedarf an einer Totalitarismustheorie weiter
vorhanden. Die Autoren schreiben: »Was in der alten
Totalitarismustheorie versteckt enthalten war, rückte nach dem Sieg über
den Kommunismus plötzlich in den Kern des neuen
›Antitotalitarismus‹: der Faschismus als das absolute, abstrakte –
rational nicht erklärbare – Böse. Ebenso wie der Antitotalitarismus
die Fortsetzung der hitleristischen Kreuzzugsideologie war, um Lukács
noch einmal aufzugreifen, stellt der ›Antifaschismus‹ der Eliten die
Fortsetzung der Totalitarismustheorie dar. Es bedurfte des Faschismus
als Gegenbild zum neoliberalen Vorbild. Der postmoderne
›Antifaschismus‹ ist, wie der italienische Philosoph Costanzo Preve
in einem Interview für die Berliner Tageszeitung junge Welt (15. Januar
2003) sagte, ›präventiver Antikommunismus‹. Der Faschismus (vor
allem der Rechtspopulismus) ist nur der Sparringpartner für künftige,
um die soziale Frage zentrierte Auseinandersetzungen. Die Denunziation
antikapitalistischer Regungen oder bereits der zahmsten Kritik am
Finanzkapital als ›tendenziell antisemitisch‹ läßt das
ideologische Arsenal erkennen, mit dem einem Comeback des Kommunismus
begegnet werden soll. Der bürgerliche Mainstream-Antifaschismus ist
eines der wichtigsten Transportmittel der amerikanischen Ideologie.«
Rot = Braun
Hier sei noch auf einen weiteren Aspekt
aufmerksam gemacht. So wie im Zeichen des Neoliberalismus die soziale
Verfaßtheit der Nationalstaaten zerstört wird, geht dem die
Gleichmachung der Kulturen tendenziell parallel. Es ist eine weltweite
Industrie, in der Hollywoods Produktionen und der deutsche »Untergang«,
die Ersetzung des Lesens durch die Talkshow und der Ersatz von
historischer Bildung durch die Bilder Guido Knopps produziert werden.
Unter den Medien schweigen die Musen, meinte Peter Hacks. Angeboten
werden kulturelle Ersatzstoffe, in denen Originale nur in verwursteter
Form rezipiert werden, Abschottung von der Realität oberstes Gebot ist.
Die Medien haben vor allem zwei Aufgaben: Desorganisation durch
Desinformation und die Mobilisierung zum jeweils fälligen Krieg nach
innen und außen.
Die heutigen Antideutschen haben in dieser
Konstellation ihren festen Platz. Nachdem sich herausstellte, daß
Deutschland durchaus eigene Ambitionen weltpolitischer Art entwickelte,
sie aber auf lange Sicht nur im Bündnis mit den USA durchsetzen kann
– Musterfall die Zerschlagung Jugoslawiens – verlor die Warnung vor
dem nächsten deutschen Griff zur Weltmacht an Substanz. Die
Bundesrepublik dominiert Europa, aber nur im Zusammenspiel mit den
anderen Mächten.
Endgültig in den Rang eines
Aberglaubensartikels rückten die Antideutschen Mitte der 90er Jahre mit
der Entdeckung des Antisemitismus als dem Ideologem, das das Deutschtum
aus ihrer Sicht konstituiert. Das entsprang einem Argument, das Mitte
der 90er allgemeine Popularität im Zusammenhang mit dem Buch des
US-Historikers Daniel J. Goldhagen über den »eliminatorischen
Antisemitismus« der Deutschen erhielt. Antisemitismus gilt von Springer
bis taz seither als eine allgegenwärtige deutsche Erscheinung, die sich
vor allem in linker Kritik an israelischer Regierungspolitik
manifestiert. Antisemitismus ist danach besonders dort virulent, wo
linke Israelis oder Vertreter der israelischen Friedensbewegung zu Wort
kommen wie in junge Welt. Dieser linke Antisemitismus wurde mittlerweile
in historischen Traktaten mindestens bereits bei Marx diagnostiziert,
inzwischen ist man schon bei den deutschen Bauernkriegen.
Bei der Spaltung der jW-Redaktion im Mai 1997
war der Antisemitismus-Vorwurf bereits populär als Allzweckwaffe. In
der ersten Ausgabe von Jungle World, die Neues Deutschland und einen Tag
später der taz beilag, war zu lesen, daß »Nationalbolschewisten«, »Schwulenklatscher«
und »Antisemiten« in der jW-Redaktion das Heft übernommen hätten.
Diese Redaktion sei von der DKP gesteuert und von Havanna bezahlt oder
umgekehrt, wie der spätere Mitarbeiter der PDS-Bundestagsfraktion Ivo
Bozic seinerzeit auf einer jW-Genossenschaftsversammlung erläuterte.
Damit ist ein Bezugskreis genannt, der es nötig
macht, von Zeit zu Zeit das »Nicht mal ignorieren« aufzugeben. Das
Abnabelungstrara von jW, materiell nicht unerheblich gestützt, war ein
Baustein in jener Brücke, die einige in der PDS und ihrem Umfeld überschreiten
wollten, um endlich »anzukommen«.
Das »Dazugehören« in der Bundesrepublik
setzt den Verzicht auf jede Form von Imperialismus- oder
Kapitalismuskritik, eine Reduktion des Antifaschismus auf die Bekämpfung
des Antisemitismus in der Art Goldhagens, der »Holocaust«-Fernsehserie
oder des »Aufstandes der Anständigen« voraus. Es schließt ein, den
antifaschistischen Widerstand von Kommunisten durch die Brille der
Totalitarismusdoktrin zu betrachten und DDR-sozialisierte Menschen
grundsätzlich, weil Rot=Braun, für noch mehr Nazi als im Westen zu
halten. Dazu gehört, jede Kritik an den USA für Antiamerikanismus und
jede an israelischer Politik für Antisemitismus zu erklären. Die
antideutsche Presse liefert dafür Zuträgerdienste.
Mobilisierung zum Krieg
Mit Erfolgen dieser Art begnügten sich die
Antideutschen allerdings nicht. Ihre Unterstützung für den Irak-Krieg
und die Koalition der Willigen gibt es in zwei Varianten: In der
umstandslosen Erklärung dieses Krieges zu einem antifaschistischen
Krieg, eine Auffassung, die nicht nur Hans Magnus Enzensberger oder Wolf
Biermann, zwei hervorragende Stichwortgeber der Antideutschen,
vertreten, oder in der zurückhaltenderen Gremlizas. Wolf Biermann erklärte
gerade in »Bild«, wenn keine Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden
worden seien, störe ihn das nicht, die größte Massenvernichtungswaffe
sei Saddam Hussein gewesen.
Die mildere »konkret«-Version geht ungefähr
so: Die USA sind auf dem absteigenden, Deutschland ist auf dem
aufsteigenden Ast. Daher ist der Krieg nötig, der aber leider beide
Tendenzen befördert.
Im antideutschen Wirrsinn kommen historische
Durchblicke à la Enzensberger hinzu, wonach Hussein ein Wiedergänger
Hitlers sei, deutsche Faschisten und arabische Nationalisten
kontinuierlich seit 1933 zusammenarbeiteten und Hitler wie Hussein von
der Vernichtung New Yorks geträumt haben. Das Bündnis von deutschem
und Islamfaschismus ist eine Achse des Bösen, von der George W. Bush
keine Ahnung hat, die Antideutschen sind da einfach besser informiert.
Oder auch: »Von Goebbels totalem Krieg zu Schröders totalem Protest
ist es ein kurzer deutscher Weg. Deutschland heute, das ist ein
antirassistisches Friedensmonster mit einem seit 1945 ungebrochenen
Herrenmenschen-Willen zur überlegenen antiimperialistischen
Volksgemeinschaft.«, so der Bahamas-Redakteur Sören Pünjer.
Sachwalter der Vernunft aus dieser Perspektive sind die US-Neocons, die
Strategen eines Exports der Demokratie. Deutschland steht mit seinem
Konzept ökonomischer Durchdringung der »Dritten Welt« dem entgegen
wie seinerzeit die Entspannungspolitik Brandts und Bahrs der Politik der
Erstschlagsdrohung. Heute ergibt sich daraus ein Bündnis zwischen
Deutschland und der Dritten Welt gegen die USA.
Spielart des Irrationalismus
Das heutige Antideutschtum ist eine Spielart
des zeitgenössischen Irrationalismus, allerdings in einer aggressiven
Variante. In seiner postmodernen Ausformung denunziert der
Irrationalismus Vernunft als große Erzählung, als Mythos und feiert
die Beliebigkeit einer freien Subjektivität. Für die Antideutschen
gilt nicht einmal der Schein von Emanzipation. Sie ist ihr Hauptgegner.
Wer sich dem Zugriff des transnationalen Kapitals entziehen will, wird
zum Feind erklärt. Gut und Böse verlaufen an der Grenze zwischen
Unterordnung unters Gebot des Monopols oder Auflehnung gegen dessen
schrankenloses Walten. Wer die Deutsche Bank kritisiert, weil sie bei höchstem
Profit zuerst an Entlassungen denkt, denkt nach dieser Lesart allein
daran, daß Deutsche beschäftigt werden müssen. Die Gut-Böse- und
Freund-Feind-Technik charakterisiert die Strömung als
Glaubensgemeinschaft in der Art des angelsächsischen christlichen
Fundamentalismus, als eine Gruppierung im Geiste Carl Schmitts.
Sie bereitet einen Boden, der von anderen
bestellt wird, wenn es nötig sein sollte. Und das nicht ohne Erfolg
gerade unter gesellschaftskritisch eingestellten Jugendlichen. Die
Haltung der CDU-Vorsitzenden zum Irak-Krieg gab einen Vorgeschmack. Die
antideutsche Richtung entwertet den Antifaschismus zu einer leeren
Phrase, indem sie ihn konsequent von jedem Antiimperialismus trennt.
Ohne Imperialismuskritik gibt es keinen Antifaschismus. Deren Trennung
voneinander besagt, wessen Geschäfte die Antideutschen betreiben. |