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"Mein
Name ist Hase..."
Warum
das Berliner Memri nicht in Frieden leben kann
Seit
anderthalb Jahren gibt es in Berlin eine Zweigstelle des in Washington
beheimateten Middle East Media Research Institute, abgekürzt Memri.
Seither sorgen Mirjam Gläser und Goetz Nordbruch in unermüdlichem
Einsatz für Aufklärung über den arabischen Antisemitismus und
islamischen Faschismus.
Nicht
verstehen können Gläser und Nordbruch, wie sie in vielen Interviews
beteuern, das starke Misstrauen, auf das ihre Arbeit in arabischen und
moslemischen Kreisen, aber keineswegs nur bei denen, stößt. Den
Vorwurf, Memri sei "eine rechte Siedlerorganisation" - ein
Ausdruck aus der israelischen Innenpolitik, den in Deutschland
vermutlich niemand in diesem Zusammenhang benutzen würde - halten die
beiden Aktivisten für völlig aus der Luft gegriffen. Man werfe Memri
auch vor, klagen Gläser und Nordbruch, dass es von einem Israeli gegründet
wurde. Und das sei doch wirklich gemein und zeuge von starker
Voreingenommenheit, um nicht zu sagen Antisemitismus. Nicht einmal die
Behauptung, "pro-israelisch" zu sein, wollen die beiden
Unschuldslämmchen gelten lassen.
Der
Israeli, der das Memri im Jahr 1998 gegründet hat und heute sein Präsident
ist, heißt Jigal Carmon. Er hat mehr als 20 Jahre lang für den militärischen
Geheimdienst Israels, Aman (Agaf ha-Modi'in) gearbeitet, zuletzt als
hochrangiger Offizier. Er wurde dann Terrorismus-Berater des
ultrarechten israelischen Ministerpräsidenten Jitzhak Schamir, der
1986-92 regierte, und anschließend zunächst auch von dessen
sozialdemokratischem Nachfolger Jitzhak Rabin, der 1995 ermordet wurde.
Als
erklärter Gegner des Oslo-Friedensprozesses mit den Palästinensern,
den er als „historische Katastrophe“ bezeichnete, wandte sich Jigal
Carmon jedoch bald öffentlich gegen die Politik Rabins. Er ließ sich
in Washington nieder und bildete dort mit Jossi Ben-Aharon und Joram
Ettinger die sogenannte "Dreierbande" oder, wie Rabin sie
nannte, "die drei Musketiere". Gemeinsam betrieben sie unter
Senatoren und Abgeordneten des US-Kongresses eine recht erfolgreiche
Lobby-Arbeit gegen den Oslo-Friedensprozess und die
Friedensverhandlungen Rabins mit Syrien. Ben-Aharon war zuvor Büroleiter
von Schamir gewesen. Ettinger war in der Israelischen Botschaft in
Washington Abteilungsleiter für „Kongress-Angelegenheiten“.
Mehrere
Artikel, die Carmon damals zur Bekämpfung des Oslo-Friedensprozesses
publiziert hat, sind immer noch im Internet zu finden.
Bevor
Carmon 1998 das Memri gründete, plante er gemeinsam mit einer Gruppe
amerikanischer „Terrorismus-Experten“ aus dem Hardliner-Lager die
Bildung eines einschlägigen rechten Think Tanks. Seine Partner waren
der anti-islamische Enthüllungsjournalist Steve Emerson, der nach 27
Jahren in den Ruhestand gegangene ehemalige FBI-Abteilungschef für
Terrorismus-Bekämpfung, Steve Pomerantz, und Oliver Revell, ein
weiterer ehemaliger hoher FBI-Funktionär.
Carmon
hatte bei der Gründung des Memri eine ebenfalls aus Israel stammende
Partnerin, Meyrav Wurmser, gleichfalls eine erklärte und vehemente
Gegnerin des Oslo-Friedensprozesses. Sie war erste Chefin des Memri, zog
sich allerdings schon 1999 zurück und wurde Leiterin der
Nahost-Abteilung des Hudson Institute, eines neokonservativen Think
Tank. Sie ist die Ehefrau von David Wurmser, einem hohen Beamten im
US-Außenministerium und Mitglied der Führungsgremien mehrerer
Organisationen des neokonservativen Netzwerks. Beide Wurmsers gehörten
der von Richard Perle geleiteten Arbeitsgruppe an, die 1996 eine
Strategie-Studie erstellte, die zur Grundlage der Außenpolitik des
ultrarechten israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu wurde.
Noch
in ihrer Zeit als Memri-Chefin veröffentlichte Meyrav Wurmser einen
hochinteressanten Artikel "Can Israel Survive Post-Zionism?".
Der Text ist im Internet zu finden unter www.allenpress.com/mieq/issues/vol06/ftr-0601.html.
Nach Ansicht der Autorin befindet sich Israel in einer Identitäts- und
Wertekrise, die durch den Post-Zionismus verursacht ist. Darunter
versteht Mrs. Wurmser Historiker, die die offizielle
Geschichtsschreibung des Staates Israel punktuell anzweifeln, sämtliche
auf friedlichen Ausgleich mit den Palästinensern orientierte Gruppen,
einschließlich der gesamten sozialdemokratischen Arbeitspartei, aber
auch Soziologen, die die untergeordnete Stellung der orientalischen
Juden (Sephardim) gegenüber den aus Europa stammenden (Aschkenasim)
kritisieren. Mrs. Wurmser meint, dass der Post-Zionismus bereits zur
herrschenden Strömung in Israel geworden sei. Selbst dem Likud wirft
sie vor, die zionistische Vision aufgegeben zu haben, wie sich an seiner
Akzeptanz des Oslo-Friedensprozesses und seiner Bereitschaft zum
territorialen Rückzug zeige. Wohlgemerkt, der Artikel erschien schon
1999. Vielleicht urteilt Meyrav Wurmser über die Politik Scharons heute
etwas milder.
Aus
dem personellen Kontext ergibt sich: Das Memri ist ganz eindeutig nicht
nur erklärtermaßen pro-israelisch (wogegen an sich wenig einzuwenden wäre,
wenn es nicht von Gläser und Nordbruch treuherzig-trotzig bestritten würde),
sondern es orientiert sich an der Politik des Likud, und zwar noch am
ehesten an dessen rechtem Flügel um Netanjahu. Das Memri bekämpft
einen friedlichen Ausgleich mit den Palästinensern. Und es ist eng
verflochten mit dem neokonservativen Netzwerk, das die Strategie eines
"Vierten Weltkriegs" gegen den "militanten Islam"
propagiert.
Gerade
erst vor etwas mehr als vier Jahren gegründet besitzt das Memri heute
schon Zweigstellen in London, Jerusalem, Berlin und Moskau. Es beschäftigt
nach eigenen Angaben (Jigal Carmon am 21. August 2002) über 30
Angestellte. Darüber hinaus vermutlich zahlreiche freie Mitarbeiter,
vor allem als Übersetzer. „Da ist immer Misstrauen...Die erste Frage
ist, wer das finanziert, welche politischen Interessen stehen
dahinter“, klagte Goetz Nordbruch wehleidig in einem Interview im
Oktober 2002. Ja, die Welt
ist gemein, und es kann der Frömmste nicht in Frieden leben.
Kt. |