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Sozialraub
- Analysen zur Politik des globalen Kapitals
Wie
Kritik am Kapitalismus als Antisemitismus gebrandmarkt wird
Quelle:
arbeiterfotografie
Über
die Reaktionen auf den Artikel 'Die Plünderer sind da'
von Werner Rügemer in der Ausgabe von Mai 2005 der
Mitgliederzeitung der IG Metall, 19.5.2005 (ergänzt am 24.5.2005) mehr
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Titelseite
der IG-Metall-Mitgliederzeitung 'metall', Mai 2005 |
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(unten)
Doppelseiten des Artikels 'Die Plünderer sind da' in 'metall',
Mai 2005 |
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Über
die Reaktionen auf den Artikel 'Die Plünderer
sind da' von Werner Rügemer in der Ausgabe von Mai 2005 der
Mitgliederzeitung der IG Metall, 19.5.2005 (ergänzt am 24.5.2005)
In
der Mai-Ausgabe 2005 erscheint ein aufsehenerregender Artikel von Werner
Rügemer über typische Erscheinungen des Kapitalismus in der Epoche des
Neoliberalismus. Zwei so genannte Finanzinvestoren stehen im Zentrum
seines Artikels. Der eine ist die im arabischen Bahrein gegründete 'Investcorp',
in der der deutsche Wirtschaftsmanager Thomas Middelhoff, zur Zeit auch
Vorstandsvorsitzender des Karstadt-Quelle-Konzerns, eine wichtige Rolle
spielt. Zum anderen geht es um den US-amerikanischen Finanzinvestor
Kohlberg Kravis Roberts (KKR) mit Sitz in New York, Menlo Park und
London. Dieser Fall ist auf der Titelseite der Metall-Ausgabe und auf
den Seiten des Artikels illustriert. Werner Rügemer beschreibt die
Machenschaften der so genannten Finanzinvestoren mit großer Klarheit,
und das in einer Zeitung mit extrem hoher Auflage. Das kann nicht
einfach hingenommen werden. Hier reicht die Strategie des Ignorierens
nicht. Hier muß gegengesteuert werden. Ein immer wieder verwendetes
Mittel ist der Vorwurf des Antisemitismus. Das hilft vielfach. Wer
einmal als Antisemit abgestempelt ist, ist in die Ecke gestellt und
mundtod gemacht. Das ist die Strategie, nach der verfahren wird.
Guido
Westerwelle, Bundesvorsitzender der FDP, der die Gewerkschaften als
'Plage' betrachtet, sagt in einer Rede am 12.5.2005 vor dem Bundestag:

"Das
ist die Realität heute: Diese IG-Metall-Zeitschrift, die ich Ihnen hier
zeige, wird von Herrn Peters offiziell herausgegeben; Herr Müntefering
ist Mitglied der IG Metall; die Ausgabe ist von diesem Monat, vom Mai.
Investoren werden als Aussauger und Blutsauger, mit Goldzahn und mit
einem Hut in den Farben der amerikanischen Flagge dargestellt.
Wir
Liberale sind gegen jede Form von Ausländerfeindlichkeit, auch wenn sie
von links kommt, meine sehr geehrten Damen und Herren! Das schadet
unseren wirtschaftlichen Interessen massiv; auch darauf muss hingewiesen
werden. Das ist keine Petitesse, das ist ein kapitaler Vorgang, der
Arbeitsplätze in Deutschland kostet, weil Investoren wegbleiben. Denn
dieses Bild ist nicht nur in Deutschland erschienen, sondern es ist
millionenfach in der Weltpresse verbreitet worden."
'Rheinischer
Merkur' vom 12.5.2005 in einem
Artikel mit dem Titel 'Das gefährliche Klischee vom Kapital als
Blutsauger mit langem Rüssel lebt!':
Der
'Rheinische Merkur' spricht von NS-Terminologie und führt dann aus: "Von
Heuschrecken spricht Müntefering und rückt deutsche Global Player in
die Nähe von Ungeziefer... die SPD-Vizeparteivorsitzende Ute Vogt ruft
zum Boykott von Arbeitsplatzvernichtern auf, was die
geschichtsbewussteren Menschen unter uns unweigerlich an den 'Kauft
nicht bei Juden'-Boykott der Nazis denken lässt...
Den
Vogel schoss nun die IG Metall ab, die in ihrer Zeitschrift 'Metall'
unter dem Titel 'Die Plünderer sind da' Kapitalisten als Stechmücken
darstellen ließ. Julius Streicher hätte seine Freude daran gehabt und
sie sicher gerne in seinem 'Stürmer' veröffentlicht. Da ist es wieder:
das gefährliche Klischee vom Kapital als Blutsauger mit langem Rüssel
und Uncle-Sam-Zylinder: Antiamerikanismus und Antisemitismus feiern fröhliche
Urständ. Man muss geschichtsblind sein, wenn man da nicht den
langnasigen Juden im Mäntelchen der US-Flagge erkennen möchte. Aber
ehrliche Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen verbietet, mit historisch
belasteter NS-Ikonografie dermaßen fahrlässig umzugehen."
haGalil.com
- ein Internet-Angebot, das sich als größter jüdischer Onlinedienst
in Europa bezeichnet - schreibt am 9.5.2005 in einem Artikel mit dem
Titel 'Müntefering, Metall und Co.: Völkischer Antikapitalismus von
Links':
"Seinen
Widerhall findet ein so gearteter Antikapitalismus auch in der aktuellen
Ausgabe von 'Metall' dem publizistischen Organ der gleichnamigen
Industriegewerkschaft. Deren Titelblatt und den Leitartikel mit 'Die Plünderer
sind da' betitelt, illustrieren Zeichnungen von Silvan Wegmann. Diese
Zeichnungen stellen amerikanische Investoren als gierige Fliegen, mit
gerade noch menschlichem Antlitz, dar. Ihre Nasen erscheinen als
maskenhafte, krumme Verlängerungen. Als Kopfbedeckung tragen sie
Zylinder mit der Flagge der USA, eine Zigarre im Mund, sowie in den Händen
Koffer aus denen Geldscheine quellen. Das US-amerikanische Finanzkapital
erscheint so als antisemitische Karikatur; wie eine moderne Variante völkischer
und nationalsozialistischer Demagogie. In der Internetausgabe bewegen
sich diese so dargestellten 'Fliegen' zu Dutzenden auf eine Fabrik zu,
deren Schornstein am Wanken ist. Zu dieser antisemitischen Darstellung
gesellt sich der passende Text des Lehrbeauftragten und Publizisten an
der Kölner Universität Werner Rügemer...
Jüdisch
konnotiertes, 'raffendes' US-Finanzkapital, welches das ehrliche
'schaffende' deutsche Kapital aussaugt und ruiniert. So lautet die
Botschaft von Bild und Text dieser jüngsten Ausgabe der
Gewerkschaftszeitschrift. Als ließen deutsche Firmen nur irgendeine
Gelegenheit zur Steigerung des Profits aus. Und als ob nicht erst jüngst
Gerhard Schröder die arabische Halbinsel bereist hätte, Dutzende von
Wirtschaftsvertreter im Troß, um gute Geschäfte mit reaktionären und
Juden hassenden Regimes zu tätigen. Plastisch zeigt sich an diesem
antiaufklärerischen und demagogischen Exempel wie eng Antiamerikanismus
und Antisemitismus verbunden sind. Wobei hervorzuheben ist, dass wohl
Antisemitismus ohne den pathischen Hass auf die Vereinigten Staaten
existiert, dies umgekehrt jedoch nicht gilt.
Es
ist symptomatisch für den Zustand Deutschlands, wenn Regierungsparteien
und die ihr nahestehenden Gewerkschaften zu solcher Demagogie im Zeichen
eines völkischen 'Antikapitalismus' greifen. Dabei ist es nebensächlich,
ob Münteferings Vergleiche wahltaktisch motiviert sein mögen oder
seiner Überzeugung entspringen."
Die
Wochenzeitung 'Jungle World' vom
11.5.2005 läßt Jochen Gester, Mitglied des Arbeitskreises
Internationalismus der IG Metall Berlin, im Rahmen eines Interviews zu
Wort kommen:
'Jungle
World': "Die so genannte Kapitalismusdebatte hat die IG Metall
erreicht... Das Monatsmagazin der IG Metall hat sich in die Debatte
eingemischt und meint, dass Finanzinvestoren deutsche Unternehmen
ausschlachteten."
Jochen
Gester: "'Die Aussauger'. Und dazu die grinsende Mücke mit
Zylinder, der mit der amerikanischen Nationalfahne umwickelt ist. Das könnte
in dieser Form wirklich auch in einem rechtsextremen Blatt stehen. Der
Vorstand der IG Metall, der für das Blatt verantwortlich ist, hat natürlich
nichts mit den Rechtsextremen zu tun. Aber es herrscht offensichtlich
eine völlige Unsensibilität in dieser Frage."
'Jungle
World': "Warum argumentiert die IG Metall gerade jetzt auf diese
Art und Weise?"
Jochen
Gester: "Man kann darüber spekulieren. Jedenfalls wird
sichtbar, wohin man gerät, wenn man verzweifelt nach Bündnispartnern
im 'rheinischen Kapitalismus' sucht und den Kapitalismus nicht grundsätzlich
kritisieren möchte. Plötzlich landet man auf Positionen, bei denen es
keine Trennungslinie zur völkischen Rechten mehr gibt."
Im
'Handelsblatt' vom
13./14./15.5.2005 steigt Chefredakteur Bernd Ziesemer in einem
ganzseitigen Artikel mit dem Titel 'Antikapitalismus und Antisemitismus'
in die Geschichte ein:
"Antikapitalismus
und Antisemitismus fallen nach dem Ende des 1. Weltkriegs in immer neuen
rhetorischen Formeln und agitatorischen Sprachbildern zusammen, auf der
extremen Rechten wie auf der extremen Linken. Den 'kapitalistischen
Blutsauger', dieses Urbild des antisemitischen Antikapitalismus, bemühen
Nazis und Kommunisten gleichermaßen... Hitlers Nationalsozialisten
entwickeln schon in ihrem ersten '25-Punkte-Programm' einen ganzen
Forderungskatalog des antisemitischen Antikapitalismus...
Der
Unterschied zwischen 'schaffendem' und 'raffendem' Kapital, also
erdverbundenem 'arischem' und ausbeuterisch-flüchtigem 'jüdischem'
Kapital gehört von nun an zum Grundbestand der nationalsozialistischen
Propaganda... Auf das Hassbild des jüdischen Bankiers und Börsianers
lassen sich in den zwanziger und dreißiger Jahren alle linken und
rechten Ressentiments gegen die kapitalistische Moderne und gegen den
Siegeszug des 'Amerikanischen' in der Welt projizieren... Der deutsche
Hochschullehrer Dan Diner schreibt in seinem Buch 'Feindbild Amerika',
die Vorstellung von 'weltumfassender Geldherrschaft' gehöre zu einer
'paranoiden Ideologie', in deren Zentrum Amerika und die Juden stehen...
Jeder
sollte wissen, was er mit seinen Metaphern anrichtet. Die
Gewerkschaftszeitschrift 'Metall' führt Münteferings
Antikapitalismusdebatte mit einer eigenen Titelgeschichte gegen
amerikanische Finanzinvestoren weiter. 'Wie Mücken saugen sie aus den
Betrieben das Geld', schreiben die Gewerkschaftslinken. Wieso fiel ihnen
gerade diese metaphorische Wendung ein? Wissen die Gewerkschaftler
eigentlich, dass sie mit optischen 'Stürmer'-Zitaten hantieren?
Die
Metapher von den alles verzehrenden Heuschrecken betrat mit 2. Mose, 10,
4 die Geisteswelt, als Sinnbild für die biblischen Plagen. Seit
Jahrhunderten wird sie aber auch in immer neuen antisemitischen
Pamphleten gegen die Juden gewendet. Die britische Zeitschrift
'Economist' schreibt in ihrer jüngsten Ausgabe: Wenn deutsche Politiker
heute die Metapher der Heuschrecken benutzen, um Finanzinvestoren zu
kritisieren, falle es schwer, sich NICHT an die Nazi-Propaganda zurückzuerinnern.
Genauso ist es."
Soweit
die Reaktionen - ihnen allen ist gemeinsam, daß sie sich mit dem
Artikel von Werner Rügemer so gut wie nicht befassen. Keine der
Stellungnahmen interessiert sich z.B. für den Deutschen Thomas
Middelhoff und dessen Rolle bei 'Investcorp'. Und niemand interessiert
sich für die Erkenntnis, daß es die am 6.7.2000 vom Bundestag
verabschiedete 'Steuerreform 2000' ist, die das Treiben der
Finanzinvestoren in Deutschland erst ermöglicht hat. Bundesministerium
der Finanzen: "Das... erleichtert die Finanzierung von
Investitionen."
Alle
verengen ihren Blick auf die USA. Das wird Werner Rügemer in keiner
Weise gerecht. Und auch ein Eingeständnis, daß die Realität dem, was
Werner Rügemer beschreibt, sehr nahe kommt, ist von den Kommentatoren
nicht zu hören oder zu lesen. Ihnen allen geht es um Diffamierung eines
Autors, der die Verhältnisse nur zu treffend geschildert hat. Und es
geht um die Schaffung einer ablenkenden Ebene, einer Art Schutzschild,
das den Blick auf wesentliche Erkenntnisse verstellen soll.
Und
es ist erstaunlich, wie Nicht-Angegriffene sich als angegriffen
darstellen und ihrerseits angreifen. Werner Rügemer formuliert Kritik
an wesentlichen Erscheinungen des Kapitalismus. So zu tun, als ginge es
ihm um eine Kritik an 'den Juden', ist absurd. Aber der Versuch, ihm das
nachzuweisen, soll über das trickreiche Verweben von Begriffen wie
Antikapitalismus, Antiamerikanismus und Antisemitismus gelingen. Aber es
gelingt nicht. Das Vorhaben ist zu durchsichtig.
Ein
Satz hat es in sich: "Plastisch zeigt sich an diesem antiaufklärerischen
und demagogischen Exempel wie eng Antiamerikanismus und Antisemitismus
verbunden sind." Schreibt haGalil und stellt damit die Verbindung
zwischen Antiamerikanismus und Antisemitismus erst her - mit dem Ziel zu
suggerieren, dieses Begriffspaar gebe die dem Artikel zugrunde liegende
Haltung wieder. 'Haltet den Dieb' ruft der Dieb. Von Demagogie sprechen
hier diejenigen, die sie betreiben. Es entsteht der Verdacht, daß
diejenigen, die vorgeben Antisemitismus zu bekämpfen, tatsächlich
Macht-Interessen verfolgen - mit unfairen Mitteln. Nicht zu vergessen:
haGalil hat sich kürzlich schon einmal an einer Verleumdungskampagne
gegen einen kritischen Journalisten beteiligt - gegen den in Sachen 11.
September ermittelnden Gerhard Wisnewski - mit dem Ergebnis eines Beschäftigungsverbots
beim WDR.
Auch
der längste der hier aufgeführten Artikel schafft es, auf das, was
Werner Rügemer ausführt, mit keiner Silbe einzugehen - und das in
einem ganzseitigen Artikel. Dem 'Handelsblatt' gelingt es im Essay von
Chefredakteur Bernd Ziesemer, die Rolle von Thomas Middelhoff zu
ignorieren, und in der gleichen Zeitungsausgabe Middelhoffs Job bei 'Investcorp'
zu erwähnen, aber in einem anderen Artikel in ganz anderem - positivem
- Kontext. Und was Bernd Ziesemer schafft, ist, das bei haGalil
formulierte Gegensatzpaar des 'schaffenden' und des 'raffenden' Kapitals
aufzugreifen, um von daher auf 'Amerika und die Juden' und das
'Feindbild Amerika' überzuleiten und die Kritik am Kapitalismus,
speziell am US-amerikanischen, als paranoid hinzustellen. 'metall' und
Werner Rügemer sollen als geisteskrank gebrandmarkt werden. Darum geht
es.
Dem
Artikel von Werner Rügemer, der nachfolgend in seiner grafischen
Aufbereitung wiedergegeben ist, ist folgende - zugegeben für den
gesamten Inhalt nicht ganz repräsentative - Einleitung vorangestellt:
"Blackstone, KKR, Investcorp - Finanzinvestoren aus Amerika
schlachten deutsche Unternehmen aus. Sie kaufen die Firmen, um sie kurz
darauf mit Gewinn weiter zu veräußern. Rücksicht auf Menschen,
Regionen oder Traditionen nehmen die amerikanischen Finanziers nicht.
Wie Mücken saugen sie aus den Betrieben das Geld, um dann nach dem
gleichen Muster weiter zu schwärmen. Leidtragende sind die
Menschen."
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