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„Jetzt sind wir in der Lage, den ideologischen
Kampf zu verstehen, der sich um die Idee der »Nation«
herausgebildet hat. Diese Idee setzt sich mit der französischen
Revolution durch und verweist im Inneren auf die égalité
(Gleichheit), die zwischen freien Bürgern herrschen müsse,
und auf internationaler Ebene auf die fraternité (Brüderlichkeit)
gerade zwischen den Nationen.“ |
Vorbemerkung
Roter Webmaster/08. Juli 2008:
Nachfolgender
Text „Kampf um ein Schlüsselwort“ von Domenico
Losurdo ist eine wichtige Auseinandersetzung mit den
ideologischen Diversanten der sogenannten
Antideutschen/Antinationalen.
Wir
geben uns dabei nicht dem Irrglauben hin, mit diesen Leuten könne
man diskutieren. Die sind resistent gegen Vernunft und Ratio,
sie sind Schreier und Hetzer gegen alles Linke und
Fortschrittliche, sie hetzen sogar zum imperialistischen Krieg
mit Nuklearwaffen. Sie streben nicht die Befreiung der Völker
an, sondern deren Unterjochung.
Wie
man am Beispiel des Prozionismus und der Parteinahme für die
rassistische Politik der Zionisten in der israelischen Staatsführung
gegen die Palästinenser und anderen Araber sehr gut feststellen
kann, sind sie für den imperialistischen Krieg bis hin zum
Atomkrieg.
Nein,
wir bringen den interessanten Beitrag von Domenico Losurdo
nicht, um diese Leute von der Falschheit ihrer Ansichten zu überzeugen
– das ist vergebliche Liebesmüh. Aber wir glauben, dass es
viele Menschen gibt, die uns nahe stehen, die denen auf den Leim
kriechen könnten, weil sie gegen Faschismus und Rassismus, vor
allem Antisemitismus, sind. Die ideologischen Diversanten
schreien das Attribut „antisemitisch“ auffallend oft und das
– eigentlich nur – in linke Richtung. Es gelingt ihnen
manchmal, antifaschistisch gesinnten Menschen zu täuschen und
es gelingt ihnen schwankende Elemente in der antifaschistischen
und Friedensbewegung einzuschüchtern. Das entlarvt sich recht
bald als billige Kriegshetzerei für die imperialistische
Kriegspolitik.
Auch
im Kreis der Revisionisten des Marxismus-Leninismus haben diese
Antideutschen/Antinationalen inzwischen ihren Fuß in der Tür.
Nicht nur, dass Gysi inzwischen die prozionistische Haltung zur
Staatsdoktrin der BRD machen will, sondern ich meine die, die in
der DKP dies direkt oder indirekt tun. Die „Antideutschem“
Kriegshetzer schüchtern zumindest einige ein. So habe ich
Diskussionen in der Friedensbewegung mit bekommen, nei denen es
darum ging, ob man das Wort Volk verwenden dürfe oder ob es
antisemitisch sei, wenn man vom deutschen Volk und überhaupt
von Völkern spricht. Erst nach erheblichen Auseinandersetzungen
verwandte man den Begriff Volk.
Es
sei auch daran erinnert, dass z.B. das Duisburger DISS, vor
einigen Jahren mit Geldern der Mossad (via AJK, einer
Organisation den USA, die eng mit der CDU-Adenauer-Stiftung
liiert ist) eine Studie zum angeblichen Antisemitismus der
deutschen Presse zusammen geschustert hatte. Dabei wurde auf
jegliches Niveau verzichtet. Man baute offensichtlich darauf,
dass kein Journalist es wagen wird, gegen diesen Unsinn etwas zu
schreiben. Sie irrten sich und sie irrten sich nicht. Tatsächlich
hat kein bürgerlicher Journalist je etwas gegen dieses Machwerk
geschrieben, selbst die Betroffenen, z.B. der Spiegel,
verfassten brav Lobpreisungen, was das DISS des ehemals linken
Professors Jäger schrieb. Sie irrten sich dennoch, denn
Kommunisten-online verfasste einen Verriss.
Inzwischen ist es den Geldgebern das Machwerk wohl auch zu
offensichtlich zu dumm erschienen. Jedenfalls löschten sie den
Text von ihrer Internetseite.
Wir
meinen, dass wir uns dem ideologischen Kampf gegen jede
Abweichung vom Marxismus-Leninismus stellen und jeden Verrat
anprangern müssen. Vor allem deshalb die Veröffentlichung des
Textes unten. Er zeigt anschaulich den Unfug der sog
Antideutschen/Antinationalen, gibt sich aber der falschen
Hoffnung hin, man könne diese Leute überzeugen. Das ist die
einzige Schwachstelle des sonst richtigen Aufsatzes.
G.A.
„Angeblicher
Antisemitismus: Intellektuelle Prostitution oder Die Weißwäscher
vom Niederrhein“, von Günter Ackermann und Hanna
Ackermann. Siehe
zurück
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Kampf
um ein Schlüsselwort
Die
Linke sollte die Idee der Nation nicht preisgeben
Von
Domenico Losurdo
vom 04.07.2008
Aus
dem Italienischen von Erdmute Brielmayer
Quelle:
Junge
Welt
Es
gibt ein Hobby, das bei den Intellektuellen oft großen Anklang findet:
Man könnte es das Spiel der Analogien (und der Assonanzen) nennen. Eine
breite Debatte hat vor drei Jahren ein Buch von Götz Aly ausgelöst,
das mit Vergnügen die gewissermaßen linke Sprache hervorhob, die die
Bonzen des »Dritten Reichs« benutzten: Sie forderten für Deutschland
den »Sozialstaat« und sogar den »Sozialismus«. Angesichts dieser
Analogie oder dieser Assonanz liefen diejenigen, die weiterhin diese
Parolen ausgaben, Gefahr, wie Epigonen Hitlers auszusehen.
Das
Spiel der Assonanzen
Tatsächlich
hat sich die »Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei« von
Anfang an als eine »sozialistische« Partei der »Arbeiter«
vorgestellt und nicht umsonst die rote Fahne geschwenkt. Wie Aly selber
zugibt, galt der »Sozialstaat« oder der »Sozialismus« des »Dritten
Reichs« allerdings nur für die höhere Rasse, es war der »Sozialismus
des guten Blutes«. Und wenn der Naziideologe Alfred Rosenberg den »Rassestaatsgedanken«
feiert, schwenkt er nicht die (vom Hakenkreuz entstellte) rote Fahne,
sondern beruft sich vielmehr auf das Beispiel der Vereinigten Staaten,
dieses »herrlichen Lands der Zukunft«, wo vor allem im Süden die
Rassenhierarchie fest verwurzelt war und die Schwarzen immer noch eine
halb-sklavische Rasse waren. Hitler hat sich seinerseits die Eroberung
Osteuropas nach dem Modell der Expansion der weißen Rasse und der USA
im Westen vorgestellt: dort hat die Dezimierung der eingeborenen Bevölkerung
ausgedehnte Ländereien freigelegt; die weißen Proletarier hatten
aufgehört, Proletarier zu sein und hatten sich in Landbesitzer
verwandelt und gewissermaßen den vom »Dritten Reich« propagierten »Sozialstaat«
oder den »Sozialismus des guten Blutes« vorweggenommen.
Was
ist die Grundlage der Naziideologie, um die sich alles andere dreht? Ist
es die Idee vom »Sozialstaat« und vom »Sozialismus« oder ist es
vielmehr der »Rassestaatsgedanke« und die Forderung nach der absoluten
Vorherrschaft des »guten Blutes«? Das Schöne am Spiel der Analogien
und der Assonanzen ist gerade, daß es erlaubt, ein einzelnes Wort zu
isolieren, um von daher das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Aly
formuliert deutlich seine Sichtweise: »In der Endphase der Weimarer
Republik hatten nicht wenige der späteren NS-Aktivisten
kommunistisch-sozialistische Erfahrungen gesammelt.« Klar zeige sich
hier die Übereinstimmung zwischen Sozialisten und Kommunisten
einerseits und Nazis andererseits! Die »Nationalsozialistische deutsche
Arbeiterpartei« bezeichnete sich auch als »national« und »deutsch«
und von daher entwickelt Thomas Wagner (jW vom 17.6.2008) das Spiel auf
andere Weise: Jetzt werden diejenigen, die von Nation reden, verdächtigt,
die Sprache des »Dritten Reichs« wiederaufzunehmen. In Wahrheit wollte
die Partei Hitlers nicht die der »Deutschen«, sondern die der »Arier«
sein und dies bedeutete von Anfang an eine radikale Auseinanderreißung
der deutschen Nation. Ausgeschlossen und verfolgt wurden die »Rheinlandbastarde«
(die Kinder, die aus der Verbindung zwischen Soldaten afrikanischer
Herkunft der französischen Besatzungstruppen und deutschen Frauen
geboren waren), die Juden, die Zigeuner, alle diejenigen, die sich der
»Rassenschande« schuldig machten, wenn sie sich mit den »niederen«
Rassen einließen; schließlich die Sozialisten, die Kommunisten und
alle diejenigen, die sich ebenfalls als »Rassenfremde« erwiesen, wenn
sie die »Rassenschande« begünstigten oder duldeten.
»Nation«
und »Rasse« sind keineswegs dasselbe: Die erste gründet auf der Idee
der Gleichheit der Bürger, die zweite auf der Idee der Ungleichheit.
Dessen ist sich der französische »Rassentheoretiker« Arthur de
Gobineau sehr wohl bewußt: Der Autor des »Essai sur l'inégalité des
races humaines« (erschienen 1853 ff.) bringt seine ganze Verachtung für
das Wort »Vaterland« zum Ausdruck, das den Aufmarsch der »Menge«
heilige und die »ethnische Mischung« legitimiere. Wir haben es mit
einer Kategorie zu tun, die auf die französische Revolution verweist.
Dies hebt Spengler im Jahre 1933 hervor: »die Gleichheit war es, die
(…) den Ruf Vive la nation ertönen ließ«. Rosenberg verurteilt
seinerseits »die Begeisterung für den Nationalismus an sich«: erst
einmal verallgemeinert, diene die »Losung vom Selbstbestimmungsrecht
der Völker« allen »minderwertigen Elementen auf diesem Erdball, für
sich Freiheit zu beanspruchen«.
Antagonistische
Konzepte
Aber
das Spiel der Analogien und der Assonanzen verachtet die Mühe der
begrifflichen Analyse und der historischen Forschung. Für Thomas Wagner
steht es außer Zweifel: Wer sich nicht dazu entscheidet, die Nation als
»eine kollektive Halluzination« zu begreifen, ist von einer recht
beunruhigenen ideologischen Verwirrung befallen. Jetzt kann die
herrschende Klasse ruhig schlafen: Ob sie nun von »Sozialismus« und
von »Arbeitern« oder von »Nation« reden, können die Sozialisten und
die Kommunisten jedenfalls als Gesinnungsgenossen der »Nationalsozialistischen
deutschen Arbeiterpartei« diskreditiert werden!
Es
sollte jedoch darauf hingewiesen werden, daß man mit dem gerade
untersuchten Verfahren jede Losung in Verruf bringen könnte. Man denke
an die »Demokratie«. Wie hieß in den Vereinigten Staaten die Partei,
die sich mehr als alle anderen für die Verteidigung der Sklaverei und
danach für das Regime der white supremacy eingesetzt hat? Sie hieß »demokratische«
Partei! Sollten wir also »Demokratie« als Synonym für Sklavensystem
und Rassismus betrachten? In Wahrheit legt die Geschichte eine ganz
andere Schlußfolgerung nahe. Auf die »Demokratie« haben sich als
erste Robespierre und die Jakobiner berufen, die daraufhin die Sklaverei
in den französischen Kolonien abgeschafft haben; wenig später haben
sich auf diese Losung in den USA und vor allem in den Südstaaten
diejenigen berufen, die mit »Demokratie« die Selbstregierung der
Sklavenhalter und der Kolonisten meinten. Insgesamt handelte es sich um
eine Klasse, die frei und »demokratisch«, ohne Einmischung seitens der
Zentralgewalt, den Besitz des den Indianern geraubten Bodens und den
Besitz der Sklaven genießen wollte, die dazu bestimmt waren, diesen
Boden zu bestellen. Mit dem Zusammenbruch des Ancien régime war
inzwischen der Konsens von unten zum einzigen wirksamen
Legitimationskriterium der Macht geworden: daher entwickelte sich ein
akuter ideologischer Kampf zwischen der abolitionistischen Demokratie
und der, die wir als die »Demokratie des guten Blutes« oder als die
Herrenvolk democracy bezeichnen könnten.
Etwas
Ähnliches findet im 20. Jahrhundert hinsichtlich des »Sozialismus«
statt. Nach dem Gemetzel des Ersten Weltkriegs und dem Ausbruch der
Wirtschaftskrise sei der Terminus »Liberalismus« - stellt der österreichische
Ökonom Ludwig von Mises 1927 bitter fest - »unvolkstümlich«
geworden. Sogar die Reaktion ist also dazu gezwungen, sich auf das
Terrain des Sozialismus zu begeben. So erklärt sich der Aufstieg und
die Machtergreifung des Nazismus. Auf diese Weise bildet sich ein
kolossaler Zusammenstoß heraus: auf der einen Seite (in Sowjetrußland)
ein Sozialismus, der die Sklaven der Kolonien dazu aufruft, ihre Ketten
zu sprengen; auf der anderen Seite (in Hitler-Deutschland) ein »Sozialismus
des guten Blutes«, der sich auf die Wiederaufnahme und Radikalisierung
der kolonialen Tradition stützen will.
Jetzt
sind wir in der Lage, den ideologischen Kampf zu verstehen, der sich um
die Idee der »Nation« herausgebildet hat. Diese Idee setzt sich mit
der französischen Revolution durch und verweist im Inneren auf die égalité
(Gleichheit), die zwischen freien Bürgern herrschen müsse, und auf
internationaler Ebene auf die fraternité (Brüderlichkeit) gerade
zwischen den Nationen. Es stimmt, später hat der Imperialismus
versucht, die Idee der Nation auszunutzen, indem er sie in exklusivem
Sinne neuinterpretierte. Aber es handelt sich um ein Vorgehen, das jenem
ähnelt, dem wir schon in bezug auf »Demokratie« und »Sozialismus«
begegnet sind. Mit Recht hat Dimitroff 1935, gerade mit dem Ziel, besser
den Kampf hauptsächlich gegen den Hitler-Imperialismus zu organisieren,
die kommunistische Bewegung dazu aufgerufen, sich von jeder Form von »nationalem
Nihilismus« freizumachen.
Der
ideologische Kampf hat etwas gemeinsam mit dem militärischen Kampf. Das
Heer, das sich in einer schwierigen Lage befindet, versucht, das
Geheimnis der militärischen Überlegenheit des Feindes zu lüften, und
das geschieht auch auf ideologischem Gebiet: So erklärt sich der Übergang
bestimmter Losungen von einem Lager zum entgegengesetzten. Nur oberflächliche
Beobachter können diese Ähnlichkeit der Sprache mit ideologischer
Affinität verwechseln, die dagegen Ausdruck von Antagonismus ist. Alle
Schlüsselworte des politischen Diskurses werden zum Schlachtfeld gegensätzlicher
politischer und gesellschaftlicher Lager. Diese Dialektik spielt sich
unter unseren Augen ab. Aus der französischen Revolution
hervorgegangen, klingt die Parole von den »Menschenrechten« noch im
Kampflied »Die Internationale« nach. Aber jetzt, wo die ökonomischen
und sozialen Rechte und das Recht jeder Nation, in Frieden und
Gleichheit mit allen anderen zu leben aus dem Katalog der Rechte
gestrichen worden sind, jetzt wütet das, was mit Recht der »Imperialismus
der Menschenrechte« genannt worden ist. Oder man denke an den »Internationalismus«:
Alle kennen die große Geschichte im Hintergrund dieser Kategorie, aber
niemand darf übersehen, daß sich heute in den USA diejenigen als
internationalists bezeichnen, die, im Namen der Ausweitung der
universalen Menschenrechte, das souveräne Recht Washingtons theoretisch
untermauern, allen Ecken der Welt seinen Willen aufzuzwingen. Nehmen wir
uns schließlich die Idee der »Revolution« vor: Es waren die großen
Emanzipationsbewegungen, die sie propagierten; das hat aber Faschisten
und Nazis nicht daran gehindert, ihre »Revolution« zu glorifizieren,
und heute drücken sich die US-amerikanischen Neokonservativen (z. B.
Robert Kagan) ähnlich aus, die unter »Revolution« die Ausfuhr der »Demokratie«
und des freien Marktes mit den Bomben verstehen.
Diejenigen,
die gerne nach Analogien und Assonanzen suchen, können dieses Spiel natürlich
weiterführen. Es ist ein nettes Spiel, das auch lustige Retorsionen mit
sich bringen kann: Wenn zum Beispiel eine gewisse Linke ihre Verachtung
für die Idee der Nation proklamiert, drückt sie sich verdächtigerweise
nicht viel anders aus als Gobineau … Soviel sollte klar sein: Der
nationale Nihilismus gewährleistet keineswegs eine revolutionäre
Reinheit.
Wo
bleibt der Klassenkampf?
Wäre
es »antimarxistisch«, die Fahne der Nation zu schwenken? Allen sollte
bekannt sein, daß Marx und Engels die nationalen Befreiungsbewegungen
des irischen und polnischen Volkes stark unterstützten und mit
Wohlwollen den Prozeß der nationalen Einheit in Deutschland und Italien
verfolgten. Es gibt eine aufschlußreiche Polemik: Marx stempelt als »kretinartigen
Zynismus« die Geringschätzung ab, die Proudhon gegenüber der Bewegung
in Polen zum Ausdruck bringt, die sich für den Kampf um die nationale
Unabhängigkeit einsetzt (MEW 16, 31). Hinzuzufügen ist, daß bei
Lenin, Mao, Ho Chi Minh, Castro die Kategorie Nation eine zentrale Rolle
spielt.
Wo
bleibt also der Klassenkampf? Einer gewissen Linken gelingt es nicht zu
begreifen, daß der Klassenkampf immer eine determinierte und »unreine«
Konfiguration annimmt. Schon das Manifest der Kommunistischen Partei
erklärt, daß der revolutionäre »Auflösungsprozeß innerhalb der
herrschenden Klasse«, vielmehr »innerhalb der ganzen alten
Gesellschaft« zum Stellungswechsel von Sektoren der herrschenden Klasse
führt, die am Ende für die unterdrückte Klasse Partei nehmen (MEW 4,
471). Wenn Lenin später die Bilanz des bolschewistischen Oktobers
aufstellt, hebt er hervor, daß »die Revolution unmöglich ohne eine
gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter erfassende) Krise« sei (LW
31, 71). Verständlicherweise zieht es Wagner vor, statt gegen Lenin
gegen mich zu polemisieren und entgegnet mir wie folgt: Was für einen
Sinn hat es, von »Nation« in einem Land wie Rußland zu reden, das
sich durch eine extreme soziale Polarisierung auszeichnet? Mit dem
Ausbruch des Ersten Weltkriegs bedeutet die allgemeine Mobilmachung und
die alltägliche Todeserfahrung (die teilweise auch die Ausbeuter oder
zumindest ihre Söhne betrifft) den Anfang der »gesamtnationalen«
Krise. Drei Jahre später überstürzt sich die Krise: Auch
Gesellschaftsschichten, die dem Bolschewismus vollkommen fernstehen, müssen
sich davon überzeugen, daß die bolschewistische die einzige Partei
ist, die dem Gemetzel ein Ende bereiten und das Land vor dem totalen
Untergang retten kann, der droht, es zu zersplittern und in eine
Halbkolonie der Entente zu verwandeln (welche tatsächlich später mit
Waffengewalt interveniert, auch um die Fortführung des Krieges zu
erzwingen). In diesem Sinne - schreibt Gramsci in der Zeitschrift Ordine
Nuovo vom 7. Juni 1919 - erobern die Bolschewiki die Macht, natürlich,
weil sie die Sache der Augebeuteten vertreten, aber auch, weil sie »das
kollektive Bewußtsein des russischen Volks«, das Bewußtsein der
Nation zum Ausdruck bringen.
Aufschlußreich
ist das, was in den darauffolgenden Jahrzehnten geschieht. Auf den
Versuch des deutschen und des japanischen Imperialismus, ganze Nationen
zu versklaven, antworten die Sowjetunion und die KP Chinas mit einem
nationalen Verteidigungskrieg. Der Klassenkampf verschwindet nicht: Der
Große Vaterländische Krieg in der Sowjetunion und der Widerstandskrieg
in China sind die bedeutendsten Momente des Klassenkampfs des 20.
Jahrhunderts. Um es mit Mao (5. November 1938) zu sagen, ergibt sich in
bestimmten Situationen die »Identität des nationalen Kampfes und des
Klassenkampfes«; weder in der Sowjetunion noch in China steht der
nationale Widerstand im Widerspruch zum Internationalismus. Die dem
deutschen und dem japanischen Imperialismus zugefügte Niederlage gibt
der Emanzipationsbewegung der Völker auf Weltebene einen kräftigen
Auftrieb. Um es mit Gramsci zu sagen: Konkret und wirksam ist nur ein »Internationalismus«,
dem es gelingt, »zutiefst national« zu werden.
Linke
Pauschalurteile
Verständlich
ist, daß dieser Diskurs in Deutschland auf einen besonderen Widerstand
trifft: hier hat der Imperialismus mit dem Nazismus eine besonders
barbarische Form angenommen. Wie ist das zu erklären? Ein
vortreffliches Motto Tocquevilles kommt einem hier in den Sinn: »Wer
nur Frankreich gesehen und untersucht hat, wird niemals etwas (...) von
der französischen Revolution verstehen« (L'Ancien Régime et la Révolution,
1. Kap., 4). Auch auf die Untersuchung der nazistischen Konterrevolution
muß dieses Kriterium angewandt werden, das in Wahrheit für alle großen
historischen Krisen gilt. Das »Dritte Reich« hat die Abscheulichkeiten
einer langen Tradition des Kolonialismus und Rassismus übernommen und
radikalisiert, die jahrhundertelang das Wüten des Westens gegen die »niederen
Rassen« zum Protagonisten hatte. Der Nazismus hat sich auf diese
Tradition berufen, und wer seine Aufmerksamkeit ausschließlich auf
Deutschland lenkt, wird niemals in der Lage sein, den Horror des
Hitlerregimes zu erklären.
Wagner
vermeidet es nicht nur, über die Grenzen Deutschlands hinauszublicken,
sondern er nimmt, statt eines bestimmten politisch-sozialen Systems, »die
Deutschen« als solche ins Visier. Aber wer sind die Deutschen? War die
Nation nicht eine Halluzination? Seine eigenen Voraussetzungen schmähend,
brandmarkt Wagner »die deutsche Schuld am Nazifaschismus«; die »ganz
gewöhnlichen Deutschen« werden als »verantwortliche Täter und Mittäter
der faschistischen Verbrechen« abgestempelt. Eine gewisse Linke
reanimiert den Begriff »Nation« nur dann, wenn es sich um die
pauschale Verurteilung der Deutschen handelt, und sie entdeckt ihn,
indem sie ihn als Synonym für eine undifferenzierte Masse
interpretiert! Vergessen sind die Deutschen, die ihr Leben zunächst für
die Verhinderung der nazistischen Machtergreifung, und später für den
Widerstand gegen das »Dritte Reich« geopfert haben; vergessen sind die
deutschen Opfer des deutschen Faschismus.
Wagner
empört sich über meine Behauptung, daß sogar die Deutschen im Verlauf
des unerbittlichen Kampfs um die Weltherrschaft einen Rassisierungsprozeß
durchgemacht hätten. Für einen Marxisten sollte es eine Selbstverständlichkeit
sein, daß der Imperialismus zur Rassisierung seiner Feinde übergeht
und daß die Rassisierungsprozesse niemanden aussparen. »Mein Kampf«
spricht von Frankreich als von einem »Mulattenstaat«. Nach Pearl
Harbour ist in den Vereinigten Staaten die Überzeugung verbreitet, daß
der »Schädel« der Japaner eine Verspätung von »zirka 2 000 Jahren«
aufweise. Auf der Gegenseite hat im Ersten Weltkrieg die Entente die
Deutschen insgesamt als »Hunnen« und »Wandalen« abgestempelt. Gegen
Ende des Zweiten Weltkriegs hat F. D. Roosevelt einen Augenblick lang
mit der Versuchung der »Kastration« des »deutschen Volks« geliebäugelt.
Sind das nicht auch Rassisierungsprozesse? Wo ist also der Skandal? Eine
gewisse Linke proklamiert gern, daß sie sich nicht von Diskursen über
phantomartige Nationen ablenken lasse, weil sie sich ausschließlich dem
Klassenkampf widme: nur daß diese Linke, wenn es sich darum handelt,
den Wahnsinn und den Horror der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu
analysieren, nur eine einzige Erklärung findet, und zwar die der
besonderen und fortwährenden Niedertracht der deutschen Nation! Um die
Gleichheit der Nationen Zum Schluß: Kann man sich in der heutigen Welt
orientieren, wenn man den Begriff »Nation« ignoriert oder liquidiert?
Lang ist die Liste der Völker und der Länder, die einer militärischen
Okkupation unterworfen oder direkt von der Aggression seitens des
Imperialismus bedroht sind oder die versuchen, die neokoloniale
Vormundschaft der Monroe-Doktrin
abzuschütteln. Außerdem müssen wir an Länder wie China, Vietnam,
Kuba erinnern, die große Kämpfe nationaler Befreiung hinter sich haben
(die von den jeweiligen kommunistischen Parteien angeführt wurden) und
die jetzt darum bemüht sind, die politische Unabhängigkeit mit der ökonomischen
Unabhängigkeit zu vervollständigen, wobei sie sich mit der Politik des
technologischen Embargos oder des totalen Embargos seitens Washingtons
konfrontiert sehen. In allen diesen Fällen sind das nationale Bewußtsein
und der nationale Kampf ein wesentliches Element des
Emanzipationsprozesses.
Wenn
sich in den Vereinigten Staaten die aggressivsten Kreise des
Imperialismus internationalists nennen, bezeichnen sie als Nationalisten
die Länder, die ihre nationale Souveränität verteidigen wollen. Der
nationale Nihilismus begünstigt im Endeffekt dieses Manöver. Die Linke
ist hingegen dazu aufgerufen, einen wesentlichen Punkt zu klären: Gibt
es einen Unterschied zwischen der Verteidigung der nationalen Unabhängigkeit
und einem aggressiven Chauvinismus? Wir haben es mit zwei ganz
unterschiedlichen Einstellungen zu tun: Die eine ist universalisierbar,
die andere nicht. Die Anerkennung der Würde einer Nation ist perfekt
kompatibel mit der Anerkennung der Würde der anderen Nationen. Nicht
universalisierbar ist dagegen die von Bush jr. gepflegte Anschauung,
wonach die USA die »von Gott auserwählte Nation« seien, die die
Aufgabe habe, die Welt anzuführen, eine Anschauung, die nur zu
furchtbaren Konflikten führen kann. Heutzutage wird der fanatischste
Chauvinismus von den Vereinigten Staaten repräsentiert, und diesem
Chauvinismus (oder Imperialismus) muß mit dem Kampf um die Gleichheit
der Nationen begegnet werden. $
Zitierte Literatur:
Götz
Aly, Hitlers Volksstaat, Fischer, Frankfurt a. M. 2005 (pp. 11-29); D.
Losurdo, Kampf um die Geschichte, PapyRossa, Köln 2007, Kap. IV, § 4
(für den »Schädel der Japaner« und die »Kastration« der
Deutschen); D. Losurdo, Hegel und das deutsche Erbe, Pahl-Rugenstein, Köln
1989, cap. XIV, §§ 22 und 24 (für die Kritik an Gobineau, Spengler
und Rosenberg hinsichtlich der Idee der Nation); A. Rosenberg, Der
Mythus des 20. Jahrhunderts (1930), Hoheneichen, München 1937, S. 673
und 645; L. von Mises, Liberalismus, Fischer, Jena 1927, S. 174; A.
Hitler, Mein Kampf, München 1939, S. 730.
Domenico Losurdo ist Professor für Philosophie an der
Universität Urbino. Er ist Präsident der Internationalen
Gesellschaft für dialektisches Denken. Zusammen mit Hans Heinz Holz
gibt er die philosophische Halbjahresschrift Topos heraus.
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