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Antisemitismus?
von Frank Flegel:
Quelle:
Offen-siv Juli/August
2006
Der
obige Artikel steht im Internet und ist verlinkt mit Internet-Seiten
unterschiedlicher Gruppen der autonomen Antifa. Das soll Anlass sein, den
Antisemitismusvorwurf, wie er gegen die Kritiker der israelischen Staatsführung
erhoben wird, genauer zu untersuchen Der Hitlerfaschismus hat sich den
Antisemitismus im großen Maßstab dienstbar gemacht. Der Antisemitismus
hat in Deutschland eine lange Tradition. Und: Antisemitismus ist eine
spezielle Form des Rassismus. Bis hierher besteht sicherlich allgemeiner
Konsens. Nun beginnt das Problem, und das ist der Faschismusbegriff. Auch
wenn der Hitlerfaschismus den Antisemitismus als ein wichtiges
ideologisches Element nutzte, ist Faschismus nicht gleich Antisemitismus.
Ein
darauf orientierter Faschismusbegriff bleibt an der Oberfläche stecken,
ja was noch schlimmer ist: er bewegt sich in Kategorien des völkischen
Denkens. Damit bleibt man in Konstruktionen von „Tätervolk“ und
„Opfervolk“ gefangen und verstellt den Blick auf die ökonomischen und
politischen, die klassenmäßigen und systembedingten Ursachen des
Faschismus. Die Definition Dimitroffs würde da einen wesentlichen Schritt
weiter helfen. Aber leider gibt es nicht wenige, die – ähnlich wie es
mit Lenins Imperialismustheorie geschieht – diese „überwinden“,
„weiterentwickeln“, „erneuern“ oder sonst was wollen, jedenfalls
wollen sie sie keinesfalls als theoretische Grundlage der Welterkenntnis
anerkennen.
In
der in letzter Zeit massenhaft kursierenden Aussage: „Es steht Deutschen
nicht an, den Staat Israel zu kritisieren“ ist die gesamte Schieflage
dieses Denkens enthalten.
Erstens:
der Begriff „Deutsche“ ist rein völkisch, hat weder mit
Klassenauseinandersetzungen noch mit der historischen Situation des
Kapitalismus in seiner imperialistische Phase etwas zu tun.
Zweitens:
Man solle „den Staat Israel“ nicht kritisieren. Das ist nun sehr
geschickt eingefädelt, denn jetzt müsste es in logischer Fortführung
des Begriffes „Deutsche“ in diesem zweiten Satzteil ja „Juden“
oder wenigstens „israelische Bevölkerung“ heißen. Aber siehe da, nun
kommt ein politischer Begriff daher: der „Staat Israel“.
Na
sowas! Wir „Deutschen“ sollen also weder die Politik der israelischen
Bourgeoisie, noch Israels Funktion im Nahen Osten als Speerspitze des
US-Imperialismus kritisieren. Unter diesem völkischen Denken, das dem
ebenso völkischen Faschismusbegriff entspringt (Faschismus = Rassismus),
verschwinden alle Klassengegensätze, es gibt keine ökonomischen
Interessenlagen mehr, keine imperialistischen Widersprüche - und Rollen
und Funktionen einzelner Staaten im Weltgefüge des Imperialismus können
nicht mehr erkannt werden. Sogar die Unterschiede zwischen den Begriffen
„Volk“ und „Staat“ verschwinden!
Wer
sich aber an den gerade zitierten Satz nicht hält und dennoch die
israelische Regierungspolitik kritisiert, wird mit dem Vorwurf des
„Antisemitismus“ belegt. Was bedeutet das? Nicht die Frage nach
Ausbeutung und Unterdrückung, nach geostrategischen Interessen der
herrschenden Klassen der imperialistischen Zentren, nicht die aktuelle
Rolle eines Staatsgefüges, seine Funktion in den gegenwärtigen
imperialistischen Auseinandersetzungen, damit nicht ein klarer
Antiimperialismus und Internationalismus, sondern eine - wieder - rein völkische
Kategorie (Israel als Zufluchtsort der verfolgten Juden - und eben nicht
als Klassengesellschaft und imperialistische Speerspitze) bestimmt das
Denken und das Handeln.
Hier
stehen sich zwei Orientierungen unversöhnlich gegenüber: Völkisches
Denken wider Klassendenken. Zu entscheiden ist, welche Orientierung die
Realität konkret und korrekt abbildet: ist Israel der gefährdete
Zufluchtsort eines klassenlosen Volkes, welches aus der kollektiven
Unterdrückung flieht – oder ist Israel ein kapitalistischer Staat mit
imperialistischen Interessen und einer ganz speziellen Funktion im
imperialistischen Machtgefüge?
Die
im vorstehenden Artikel vertretenen Positionen liegen sehr nah bei denen
der „Antideutschen“1, die – wie Gremliza in der „Konkret“ –
die „vollständige Entwaffnung“ von „Hamas, Dschihad,
Al-Aksa-Brigaden und Hisbollah“ wünschen, und, wenn das nicht
gelingen sollte, einen „ganz anderen Krieg“ auch gegen andere
Staaten, die Israel im Wege stehen, fordern, „Syrien und Iran allen
voran“, und der müsste „mit jeder Waffe“ geführt
werden, die Israel „zu Gebote steht“. Gremliza weiß, dass
Israel über rund 250 Atomsprengköpfe verfügt und fordert hier
unverhohlen den atomaren Dritten Weltkrieg. Man sollte sich sehr genau überlegen,
ob man sich mit solchen Leuten und deren Kriegshetze gemein machen will.
Um
noch weiter zu verdeutlichen, was gemeint ist, zitiere ich abschließend
aus einem Artikel von Jürgen Elsässer aus der „jungen Welt“ vom 2.
8. 06.: Es ist notwendig, „Faschismus nicht primär phänomenologisch,
sondern ökonomisch zu definieren, also zu der Kennzeichnung zurückzukehren,
die die Komintern auf dem 7. Weltkongress unter Federführung von Georgi
Dimitroff vorgenommen hat – als die „Diktatur der am meisten reaktionären,
chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“.
Diese Elemente waren vor 75 Jahren hauptsächlich in Deutschland und sind
heute in den USA zu finden; in beiden Fällen war das jeweilige Kapital
auf dem freien Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig und musste die Flucht
nach vorne, zur militärischen Beherrschung des Weltmarktes, antreten.
Eine Machtergreifung der
Nazis in Deutschland gab es nie; was stattfand, war eine Machtübertragung,
und die wurde vom Großkapital in dem Augenblick beschlossen, in
dem auch die bis dahin weltmarktfähigen Elektro- und Chemieindustrien
keinen anderen Ausweg mehr sahen als die Eroberung, den Weltkrieg.
Aus
der spezifischen Situation des damaligen Deutschland ergab sich die
Virulenz des Antisemitismus, der außerdem … für die profitable
Zurichtung Osteuropas funktional war. Für die USA heute sieht das anders
aus: In ihrem Hauptexpansionsraum, dem Nahen und Mittleren Osten, ist der
jüdische Staat treuester Verbündeter, während es Moslems sind, die
ihrem totalen Zugriff auf die Öl- und Gasquellen im Wege stehen. Deswegen
hat der Antiislamismus den Antisemitismus als wichtigste Hassideologie des
Imperialismus abgelöst. (Hervorhebung: F.F.)
Von
der jüdischen Weltverschwörung reden nur noch rückständige Irre; im
Mainstream von Politik und Medien hat sich stattdessen die islamische
Weltverschwörung als neue Wahnideologie etabliert. (…)“
Mit
dem Antisemitismusvorwurf gegen die Kritiker der israelischen Regierung
bedient man zu 100 % den aktuellen Antiislamismus. Man verhält sich dann
etwa so, als hätte man vor 70 Jahren das Lebensrecht der germanischen
Rassen gegen die „Überfremdung“ verteidigt und damit den damals
aktuellen Antisemitismus bedient. Ich hoffe, dass klar geworden ist, wem
der aktuelle Antisemitismusvorwurf nützt.
Antifaschismus
muss notwendig Antiimperialismus und Antikapitalismus sein, denn
moralischer Antifaschismus ohne eine analytische gesellschaftlich-ökonomische
Theoriegrundlage führt, wie man sieht, dazu, dass die Bewegung die
Orientierung verliert und das Geschäft des Gegners besorgt.
Frank
Flegel, Hannover |