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Dr.
Yigal Schochat: Beitrag
während der Forumsdiskussion am Ich bin heute hier, weil ich im Juli einen Leserbrief geschrieben habe. In diesem Brief habe ich noch nicht von einer bewussten umfassenden Militärdienstverweigerung gesprochen. Ich hatte einfach meine Haltung zur völligen Verweigerung des Diensts in den IDF ["Israelische Verteidigungsstreit-kräfte"] noch nicht völlig geklärt. Ich bin für den Staat Israel, für die Erhaltung seiner Sicherheit, für die Verteidigung seiner Grenzen, und ich bin auch für die Bekämpfung des Terrorismus, vor Ort wie international, der Israel bedroht. Dazu bedarf es einer Armee. Doch andrerseits kann ich die Selbstverständlichkeit nicht mehr ertragen, mit der die Besatzung fortgeführt wird. Die Tatsache, dass Generationen von Soldaten dieser Besatzung dienen und so den wechselnden Regierungen die Macht geben, an den Gebieten [in Israel ist stets nur von "Gebieten" die Rede, wenn die besetzten Gebiete gemeint sind - Anm. d. Übers.] und den Siedlungen festzuhalten und die palästinensische Bevölkerung zu unterdrücken. Deshalb stehe ich vor einem großen Dilemma. Ich habe es für mich wenigstens zeitweilig dadurch gelöst, dass ich zwar jeden Dienst in den besetzten Gebieten verweigere, aber nicht generell verweigere. Ich weiß, dass in dieser Haltung ein Stück Heuchelei steckt. Ein Soldat, der im Hauptquartier arbeitet, dort Verwaltungsarbeit leistet, kann unter Umständen mehr Schaden anrichten als der Soldat an einer Straßensperre. Trotzdem denke ich, dass die Weigerung, in den Gebieten zu dienen, eine klarere politische und moralische Botschaft vermittelt. Sie besagt, dass du bereit bist, dein Land zu verteidigen und für es zu kämpfen, dass du aber nicht bereit bist, ein anderes Volk unbegrenzt zu unterdrücken - zumal dies der Sicherheit Israels schadet. Ja, Tatsache ist, dass der Militärdienst in den Gebieten die Sicherheit Israels untergräbt und nur der Sicherheit der Siedler dient. Ich denke, wir sind uns in diesem Punkt einig. Flieger freilich, Kampfflieger, Hubschrauberpiloten, alle Flieger können nicht einfach den Dienst jenseits der Grünen Linie [der Grenze von vor 1967] verweigern. Flieger tun ihren Dienst nicht dort, wo sie stationiert sind. Sie müssen sich tatsächlich täglich neu entscheiden, manchmal stündlich, wel-cher Einsatz moralisch und rechtlich zulässig ist und welcher nicht. Ich bin nicht naiv. Mir ist sehr klar, dass jeder Flieger, der sich ein- oder zweimal weigert, Nablus oder Ramallah zu bombardieren, seine Karriere beendet hat - und es geht tatsächlich um eine Karriere. Die Fliegerei ist eine Lebensart und eine Berufung. Sie ist nie nur ein Job, den du eben machst, als Wehrpflichtiger oder Reservist, um ihn hinter dich zu bringen und wieder sicher nach Hause zu kommen. Wenn
es also um die Flieger geht, bin ich dafür, das Konzept der "Schwarzen
Flagge" weiter zu fassen. Ich
meine, dass F-16-Piloten sich weigern sollten, palästinensische Städte zu
bombardieren. Sie sollten darüber nachdenken, wie so ein Angriff ihre eigene
Stadt treffen würde. Wenn z. B. Arafat ein Kampfflugzeug losschicken würde, um
die Polizeistation in der Dizengoff-Straße [in Tel Aviv] zu zerstören. Wir haben in den letzten Monaten gesehen, was "intelligente Bomben" anrichten können, hier und in Afghanistan. Ich denke, dass der Einsatzzweck diesen Preis nicht wert ist, zumal wir es nicht mit einer Armee, sondern eher mit Zivilisten zu tun haben. Und besonders dann, wenn wir im Unrecht sind. Sehr im Unrecht. In meinen Augen ist weder das eigentliche Ziel dieses Kampfes legitim - weil die Besatzung nicht legitim ist -, noch das unmittelbare Ziel, die Zerstörung einer Polizeistation, um Arafat zu zwingen, den Terror zu stoppen. Ich habe damals (1986) auch nicht die Legitimität der Ope-ration "Früchte des Zorns" akzeptiert, deren Zweck es war, libanesische Dörfler mit Bomben zur Flucht zu treiben und dadurch die libanesische Regierung zu zwingen, gegen die Hisbollah vorzugehen. Aber
nicht nur Flieger sind in Kriegsverbrechen verstrickt. Sie sind wahrscheinlich
sogar weniger daran beteiligt als andere. Glaube ich. Jeder Fahrer eines
Armee-Bulldozers sollte den Befehl verwei-gern, Häuser zu zerstören, damit die
IDF ein "freies Schussfeld" bekommt. Ich las diese Woche, was der Chef
der Zivilverwaltung der Militärregierung, Brigadegeneral Dov Zadka, im
Interview [mit Ha'aretz] über seine Genehmigung sagte, Plantagen und Obstgärten
zu zerstören; und seine Klage darüber, dass die Kommandeure vor Ort dann überaktiv
vorgehen und doppelt so viele Bäume ausrei-ßen, wie er bewilligt hat. Ich
denke, dass das Zerstören von Wohnhäusern, nur weil sie Scharfschützen das
Blickfeld nehmen, per se unmoralisch ist. Ich bin kein Rechtsexperte und weiß
nicht, was legal ist und was nicht, aber ich vermute, dass es auch illegal ist.
Ich weiß, dass die Frage, wann eine "schwarze Flagge" über einem
bestimmten Befehl flattert, ganz persönlich entschieden werden muss. Man kann
unmöglich darauf warten, bis ein Gericht einen Einsatz als illegal bezeichnet.
Man darf auch nicht warten, weil die Aktion dann schon stattgefunden hat, wie im
Falle von Ehud Yatom [israelischer Geheimdienstler, der 1984 auf Befehl zwei
gefangene Palästinenser ermordete]. Es gibt Leute, die nie eine "schwarze
Flagge" sehen, auch dann nicht, wenn es um den Mord an einem gefesselten
Araber geht. Es gibt Leute, die nur dann eine "schwarze Flagge" sehen,
wenn sie alt geworden sind, so wie ich; denn als ich ein junger Pilot war,
fragte ich nicht lange. Ich tat, was mir befohlen war. Diejenigen,
die den Dienst in den "Gebieten" verweigern, sollten sich meines
Erachtens nicht da-mit zufrieden geben, ins Gefängnis zu gehen, sie sollten
versuchen, die zivilen Gerichte anzurufen, damit diese Dinge neu durchdacht und
öffentlich gemacht werden. Lasst sie alle mit ihrer Militär-dienstverweigerung
zum Obersten Gerichtshof gehen. Denn jene, die still ins Gefängnis gehen, üben
keinen Einfluss auf andere aus. Der Armee darf nicht erlaubt werden, an jeder
Ecke eine Straßensperre aufzubauen, die die Leute daran hindert, ihr Leben zu
leben, zur Arbeit zu gehen, oder zum Arzt. Wir dürfen dies nicht wie ein göttliches
Gebot hinnehmen. Das ist eine Kollektivstrafe für Zivilisten - und demnach
illegal nach der Genfer Konvention. Als ich vor fast 20 Jahren, 1983, Professor YeSchayahu Leibowitz besuchte, fragte er mich, warum sich nicht 500 Offiziere finden ließen, die den Dienst in den besetzten Gebieten verweigern. Wenn es 500 solche Offiziere gäbe, glaubte er, dann würde die Besatzung sofort aufhören. Mir scheint, er hatte recht. Bald werden wir nicht mehr von "Besatzung" reden können, weil unsere Präsenz in den Gebieten nach so vielen Jahren eine neue Situation geschaffen hat. Leute, die in den Gebieten ihrer Wehrpflicht genügt haben, kehren als Reservisten zurück, und ihre Kinder werden an den selben Orten stationiert. Die neue Generation kennt wegen der langen Absperrungen die Palästinenser gar nicht mehr, und so ähneln die Gebiete allmählich dem Libanon. Eine Apartheid-Haltung gegenüber den Palästinensern wird von Generation zu Generation weitergegeben. Und das gilt nicht nur für die Siedler, es gilt für uns alle. Gäbe es keine Gewaltakte, hätten wir glatt vergessen, dass es Palästinenser gibt. Ich weiß nicht, ob jeder Einsatz, an dem ich als aktiver Kampfflieger teilnahm, legal oder mora-lisch war. Wahrscheinlich nicht. Heute beklagen sich Freunde von damals, die mit mir gemeinsam Ziele bombardierten, ich hätte meine moralische Empfindsamkeit zu spät entdeckt; es gehöre nicht viel Mut dazu, jetzt von Kriegsdienstverweigerung zu sprechen, wo ich nicht mehr betroffen bin und nicht mehr ins Gefängnis muss. Sie sagen, solange meine Karriere in der Armee auf dem Spiel stand, hätte ich geschwiegen, aber jetzt, wo ich nichts zu verlieren habe, würde ich plötzlich ein Held. Das stimmt tatsächlich alles. Ich erwarb die politische und moralische Reife erst sehr spät. Aber ich kann auch sagen, dass ich in der Regel militärische Ziele bombardiert habe. Und wenn ich Angriffe auf zivile Stadtteile flog, dann geschah dies während eines regelrechten Krieges, wo Flugzeuge und Panzer und Soldaten auf beiden Seiten in Kämpfe verwickelt waren und es keineswegs sicher war, wer gewinnen würde. In den Kriegen, an denen ich teilnahm, hatten wir im allgemeinen das Gefühl, Israel sei in schwächerer Position und dass wir buchstäblich für unser Leben und um unsere Heimat kämpften. Was
aber die Gebiete betrifft und diesen militärische Kampf gegen die Palästinenser,
sehe ich keine Armeen, die sich da gegenüberstehen. Und was den jetzigen Krieg
angeht, weiß ich nicht einmal, auf welcher Seite ich stehe - weil ich ganz
gewiss nicht auf Seiten der Siedler bin. Was ich sehe, ist eine Bevölkerung mit
ein paar hundert Gewehren und Mörsergranaten unter Besatzung, die versucht, uns
zum Abzug zu zwingen, während wir uns weigern zu gehen, weil wir ein paar Cents
in unnötige Siedlungen investiert haben. Das dritte Argument ist, wenn jeder selbst entscheide, welchen Befehlen er zu gehorchen habe, würden die Siedler und ihre Anhänger, ist die Zeit dazu gekommen, sich weigern, die Siedlungen zu verlassen. Dazu sage ich: das ist mir recht. Meinetwegen sollen sich Soldaten, die selbst Siedler sind, sich weigern, die Siedlungen zu evakuieren - dann werden wir es statt ihnen tun. Ich zum Beispiel hätte mich geweigert, das Haus einer palästinensischen Familie mit einem Bulldozer zu zerstören, Siedlersoldaten würden sich weigern, Siedlerfamilien zu evakuieren. Das soll mir recht sein. Wichtig ist, dass die IDF-Soldaten ihre Menschlichkeit bewahren und dass ihnen klar wird, dass sie vor einem Dilemma stehen. Meiner
Meinung nach nähern sich alle IDF-Einsätze in den Gebieten der Grenze zur
"schwarzen Flagge". Ich kann nicht im Einzelnen beurteilen, was legal
und was ein Kriegsverbrechen ist. In einer Zeit, in der die Amerikaner 7.000
Menschen töten, um eine Person zu fangen, ist es schwierig, über Moral während
eines Krieges zu reden. Seit der Schaffung der Palästinensischen Behörde nach
dem Oslo-Abkommen haben wir begonnen, sie als Staat zu behandeln, obwohl sie
kein Staat ist. Das macht es leichter für uns, sie mit Waffen wie Flugzeugen
und Panzern anzugreifen, die eigentlich nur zur Anwendung gegenüber einer Armee
im Krieg gedacht sind. Mir scheint, wir haben bereits eine Art Rubikon überschritten,
und ich fürchte, dass der Tag nicht mehr fern ist, an dem wir auch die
arabi-schen Bürger Israels bombardieren werden; haben wir doch gegen sie schon
bei den Demonstrationen im Oktober 2000 das Feuer eröffnet. Der Tag wird
kommen, an dem die israelische Luftwaffe Umm-el-Fahm bombardieren wird, so wie
Saddam Hussein seine kurdischen Bürger. Ich weiß nicht, ob die Piloten einen
solchen Befehl verweigern werden. Irgend jemanden wird es schon geben, der ihnen
klar macht, dass das nur logisch und unbedingt nötig sei, dass die Bomben
"intelligent" und die einzigen Ziele das Rathaus, die Islamische
Bewegung seien. Und nicht unschuldige Menschen. Ich sehe keinen großen
Unterschied zwischen dem und der Bombardierung von Ramallah. |
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