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Der
Kampf gegen den Antisemitismus
in der Sowjetunion
von
Michael Kubi
Quelle:
red
channel
Eine
der vielen Vorurteile, die gegen die sozialistische Sowjetunion unter
Stalin verbreitet werden, ist, dass Juden in der Sowjetunion unterdrückt
wurden. Das heißt also, Stalin sei Antisemit gewesen und die
Sowjetunion sei ebenfalls so antisemitisch wie Nazi-Deutschland, nur
halt mit dem Unterschied, das Juden in der Sowjetunion nicht vergast
wurden. Dieses geradezu perverse Vorurteil, dessen Zweck es wohl ist den
Holocaust an den Juden durch die Nazis zu relativieren, widerspricht
allen geschichtlichen Tatsachen! Ein Buch, dass den Antisemitismus in
der Sowjetunion „beweisen“ soll ist: „Stalin’s forgotten Zion
– Birobidzhan and the making of a Soviet Jewish homeland - an
illustrated History 1928-1996“ (http://www.swarthmore.edu/Home/News/biro/index2.html).
Dieses Buch kann zwar nicht alle überwältigenden positiven Aspekte von
Birobidzhan leugnen – dennoch wird alles Mögliche getan, um den
Antisemitismus in der Sowjetunion nachzuweisen. Zum Beispiel (slide
#32): „1948 startete Stalin eine mörderische Kampagne um jegliche
jüdische intellektuelle und kulturelle Aktivität in der Sowjetunion zu
zerstören. Er und andere fürchteten die bemerkbare politische Untreue
der sowjetischen Juden nach der Gründung des Staates Israels und sie (Stalin
und die sowjetische Führung – M. K.) waren somit von zügellosem
Antisemitismus motiviert. In der autonomen jüdischen Region, wurden
prominente jüdische Funktionäre und Kulturträger verhaftet und
eingesperrt. Bei dem wohl gravierendsten Angriff, wurden etwa 30.000 Bücher
der Judica-Kollektion der Volksbibliothek verbrannt. Die Antijüdische
Angriff in Stalins letzen Jahren brachte dem Experiment Birobidzhan den
Todesstoß.“ Man beachte nur die Wortwahl: „tödliche
Kampagne“. Von Morden ist aber nichts zu lesen (weil niemand ermordet
wurde!). Man berichtet von Bücherverbrennungen, nachgewiesen wird das
nicht! (wer tat das und warum?). Keine Fakten, keine Argumente, keine
Beweise, nur Verleumdungen, Anschuldigungen und Behautpungen! So zieht
es sich über das ganze Buch hinweg! Fakt ist: Es gab keine
antisemitischen Kampagnen in der Sowjetunion in dieser Zeit! Erstens
wissen wir, dass Stalin den Antisemitismus entschieden verurteilte: „Der
Antisemitismus ist eine extreme Form des rassischen Chauvinismus, ist
das gefährlichste Überbleibsel des Kannibalismus. ...Deshalb können
Kommunisten als Internationalisten nur unversöhnliche, geschworene
Feinde des Antisemitismus sein. ...Nach den Gesetzen der UdSSR
unterliegen aktive Antisemiten der Todesstrafe.“ (Josef W.
Stalin, ‘Antisemitismus’, in: ‘Werke’, Band 13, Moskau, 1955, S.
30). Zweitens hatten als antisemitisch titulierte Kampagnen, wie der
Kampf gegen den Kosmopolitismus keine antisemitischen Hintergründe: Jüdische
Schriftsteller, wie Benjamin Pinkus, Professor für jüdische Geschichte
an der Ben-Gurion-Universität in Israel, geben selbst zu, dass „es
wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass es in diesen Attacken (die
anti-kosmopolitische Kampagne) keine antijüdischen Untertöne gab,
weder direkte noch indirekte.“ (Benjamin Pinkus, ‘Die Juden der
Sowjetunion. Die Geschichte einer nationalen Minderheit’, hiernach
zitiert als ‘Benjamin Pinkus, 1989’, Cambridge, 1989, S. 152,
zitiert nach Bill Bland: Der frühe Kampf der sozialistischen
Sowjetunion gegen die Globalisierung http://red-channel.de/mlliteratur/sowjetunion/global.htm).
„Die
Hauptopfer ... waren zwei Nichtjuden - der Satiriker M. Soschtschenko
und die Dichterin A. Akhmatowa.“ (Benjamin Pinkus, 1989, ebenda, S.
151, zitiert nach Bill Bland a. a. O.).
Des
weiteren beteiligten sich viele Juden an der anti-kosmolitischen
Kampagne (Benjamin Pinkus, 1989, ebenda, S. 151, zitiert nach Bill
Bland, a. a. O.).
Was
die sogenannte Ärzteverschwörung (hierbei ging es darum, dass die Ärzte
des Kremls durch Fehldiagnosen hohe Parteifunktionäre, wie Andrej
Shdanow umbrachten. Diese Vorfälle wurden mithilfe der Ärztin Lidija
Timaschuk aufgedeckt – M. K.) angeht, so berichtet die russische
Zeitung „Prawda“ vom 13. Januar 1953 dass,
„...
die meisten Mitglieder der terroristischen Gruppe (M. S. Wowsi, B. B.
Kogan, A. I. Feldmann, A. M. Grinschtein, J. Etinger u.a.) mit der
internationalen jüdisch-bürgerlichen nationalistischen Organisation
‘Joint’, die vom US-Geheimdienst installiert worden war, um Juden im
Ausland materielle Unterstützung zu gewähren, in Verbindung standen.
Tatsächlich führt diese Organisation unter Anleitung des
US-Geheimdienst in einer ganzen Reihe von Ländern, einschließlich der
Sowjetunion, eine ausgedehnte Spionagetätigkeit und terroristische und
andere subversive Akte aus. ... Der verhaftete Wowsi gab vor den
Untersuchungsbeamten an, dass er Anweisungen erhalten habe, ‘die führenden
Kader der UdSSR auszuschalten’, Anweisungen, die er aus den USA über
die Organisation ‘Joint’ durch den Moskauer Arzt Schimeljowitsch und
den bekannten jüdisch-bürgerlichen Nationalisten Mikhoels erhalten
habe.
Andere
Mitglieder der terroristischen Gruppe wie W. N. Winogradow, M. B. Kogan
oder P. I. Jegorow erwiesen sich als altgediente Agenten des britischen
Geheimdienstes.“
(‘Prawda’
vom 13. Januar 1953, S. 4, in: ‘Aktueller Überblick über die
sowjetische Presse’, Band 4, Nr. 51 vom 3. Januar 1953, S. 3, zitiert
nach Bill Bland: Die Ärtzeverschwörung und der Tod Stalins http://red-channel.de/mlliteratur/sowjetunion/aerzteprozess.htm).
„Die
Staatssicherheitsorgane entdeckten die terroristische
Sabotageorganisation der Ärzte nicht rechtzeitig. Diese Organe hatten
jedoch Anlass genug, besonders wachsam zu sein, da die Geschichte
bereits Beispiele von abscheulichen Mördern und Verrätern am Vaterland
kennt, die ihre Intrigen hinter der Maske von Ärzten ausführten wie
die ‘Ärzte’ Lewin und Pletnew, die den großen russischen
Schriftsteller A. M. Gorki und die hervorragenden sowjetischen Staatsmänner
W. W. Kuibyschew und W. R. Menschinski auf Anordnung von Feinden der
Sowjetunion hin durch bewusst falsche Behandlungsmethoden ermordeten.“
(‘Prawda’ zitiert nach Bill Bland a. a. O., ebenda).
Die
ursprüngliche Stellungsnahme besagte, dass „ ... die kriminellen
Ärzte gestanden hatten.“ (‘Prawda’ vom 13. Januar 1953, in:
ebenda, S. 3, zitiert nach Bill Bland, a. a. O.).
...
und auch Chruschtschow erklärte in seiner Geheimrede an den 20.
Parteitag der KPdSU im Februar 1956:
„Kurz
nachdem die Ärzte verhaftet worden waren, erhielten wir als Mitglieder
des Politbüros Protokolle, die die Geständnisse der Ärzte
enthielten.“ (N. S. Chruschtschow, Geheimrede an den 20. Parteitag der KPdSU, in: Bill
Bland a. a. O.).
Nach
Stalins Tod wurde die Sache als Antisemitischer Willkürakt Stalins
dargestellt. Aber nachdem revisionistischen Staatstreich 1953-1956
wurden die Ärzte freigelassen und gaben ihre Schuld zu:
„Nachdem
wir alle entlassen worden waren, erzählten mir Wowsi und Winogradow
selbst, dass sie die ihnen zur Last gelegten Verbrechen zugegeben
hatten. Der am meisten tragische Aspekt dieser Geständnisse lag darin,
dass die betreffende Person nicht nur die Verbrechen zugab, die sie
angeblich eigenhändig ausgeführt hatte, sondern darüberhinaus auch
die Existenz von kriminellen Organisationen und kollektiver krimineller
Handlungen. ... Der Beschuldigte wurde dazu verleitet, dadurch mit der
Untersuchungsbehörde zu kooperieren, dass er die Verbrechen anderer
gleich mit gestand. Das traf auf Wowsi und Winogradow zu, aber auch auf
andere.
Sophia
Karpai, einst Ärztin am Kremlkrankenhaus, berichtete mir im Sommer 1953
über ihre Gegenüberstellung mit Wowsi, Winogradow und Wasilenko im Gefängnis.
Sie
sagten ihr ins Gesicht, dass sie es gewesen sei, die ihre kriminellen
Befehle, die Patienten auf schädliche Weise zu behandeln, ausgeführt
habe. ...
So
waren also diejenigen, die umgefallen waren, selbst zu Zeugen der
Anklage geworden.“
(Y.
Rapoport, Die Ärzteverschwörung. Stalins letztes Verbrechen, London
1991., S. 137, zitiert nach Bill Bland, a. a. O.).
Darüberhinaus
sagten die entlassenen Ärzte aus, dass ihre Geständnisse nicht durch
die Anwendung von
„
... Folter, wovon es in den denkwürdigen Säuberungsjahren 1937-39
verbreitet Gerüchte gab, erpresst worden seien. ... Winogradow teilte
mir mit, dass er von Anfang an entschlossen gewesen sei, alles zuzugeben
– auch was die Vorwürfe der Spionage für Frankreich und Großbritannien
betraf und nicht zu warten, bis sie anfingen, ihn zu foltern.“
(Y. Rapoport, ebenda, S. 138, zitiert nach Bill Bland a. a. O.).
An
diesen Tatsachen lässt sich festmachen, dass die Ärzte nicht wegen jüdischen
Glaubens oder Verbindung mit jüdischen Geheimdiensten verurteilt
wurden, sondern weil sie Tatsächlich durch Fehldiagnosen den Tod
einiger hoher Funktionäre hervorgebracht hatten, bzw. dies planten!
Dazu schreiben H. Wauer und E. Friedweg in „Die Wahrheit über Stalin
– Entlarvung der heimtückischen und verlogenen Geheimrede
Chruschtschows an den XX. Parteitag des KPdSU: „Stoljarow kommt
anhand des Studiums der MGB-Akten zu exakten Erkenntnissen. Zunächst
war das Kriterium für Verhaftungen nicht die Zugehörigkeit zur jüdischen
Nationalität. Der Verdacht gegen eine Reihe führender Ärzte wegen
vorsätzlicher Fehldiagnosen und Falschbehandlungen, die oft zum Tode führten,
bestand außerdem schon 1948. damals erfolgte auch die erste Anzeige von
Frau Dr. Timaschuk, die als leitende Ärztin für Anästhesie im
Kremlkrankenhaus fungierte. Ihr lagen nicht nur z.B. die
EKG-Aufzeichnungen oder – Diagramme von Shdanow vor. Sie machte sie
selber im Auftrag der Internisten und Kardiologen. Diese und weitere
Anzeigen wurden 1948 und in den Folgejahren an das Ministerium für
Staatsicherheit zur Überprüfung geleitet, blieben dort jedoch zunächst
unbeachtet liegen.
Auch
Stalins führender Leibwächter Generalleutnant Wlassik war schon 1948
über Verdachtsmomente informiert worden. Er betrachtete es allerdings
nicht als seine persönliche Aufgabe, den Anschuldigungen nachzugehen,
sondern informierte darüber das Ministerium für Staats sicherheit,
wo ihm gesagt worden sei, daß man dort die Frage gründlich untersuchen
und Stalin und das Politbüro gegebenenfalls rechtzeitig informieren
werde. Doch dort leitete man erst im November 1950 auf dringenden Anlaß
hin (die mysteriösen Todesfälle häuften sich) eine Untersuchung gegen
beschuldigte Ärzte ein, u. a. gegen einen Professor Dr. med. Jakow
Giljarowitsch Etinger. Nach seiner Verhaftung legte dieser, nachdem er
gegenüber Abakumow seine Schuld zunächst bestritten und seine jüdische
Nationalität heraus gestellt hatte, ein umfassendes Geständnis ab,
das in die Richtung ging, daß man Mordaufträge aus dem Ausland
erhalten und auch ausgeführt habe.
Man
habe sogar außer Shdanow noch weitere Politbüromitglieder wie Malenkow
ins Visier genommen (eine als SDR - Bund des Kampfes für die Sache der
Revolution - enttarnte Jugendgruppe bürgerlicher Natio nalisten
behauptete und gab u.a. nach der Verhaftung zu Protokoll, daß Malenkow
Antisemit sei). Man sei auch entschlossen gewesen, Stalin bei sich
bietender Gelegen heit umzubringen (das ergab eine
Tonbandaufzeichnung). Diese u.a. gegenüber Rjumin (damals
Oberstleutnant des MGB) gemachten Aus sagen waren aber gar nicht nach
dem Geschmack der für politische Untersuchungen zuständigen Oberste
Komarow und Schwarzman oder der Büroverwalter des MGB wie Tschernow und
Browerman. Man versuchte die Angelegenheit zu vertuschen. Es kam aber
etwas Uner wartetes hinzu. Etinger erlitt einen Herzanfall und
verstarb, was großes Aufsehen erregte. Die Aussage Etingers ordnete
sich in andere Sachverhalte ein. Z. B. im Jahre 1948 war bereits ein
gewisser Sergej Sergejewitsch Judin, Chef chirurg im Institut
Sklifosowki (seiner Nationalität nach Russe), verhaf tet werden. Die
Beschuldigung lautete auf Mitgliedschaft in einer Verschwörergruppe,
die sich den Sturz der Sowjetmacht zum Ziel gesetzt hatte. Judin wurde
Mord an Patienten vorgeworfen. Judin sagte aus, daß die Verschwörergruppe
von Marschall Woronow geleitet würde und die Einsetzung von Marschall
Shukow als sowjetischen Regierungschef beabsichtigt sei. Auch hier
stellten sich Ungereimtheiten heraus. Der Vorwurf gegen Woronow und
Shukow erwies sich als Fälschung und sollte der Unter grabung der
Kampfkraft der Roten Armee dienen. Der Mordverdacht erhärtete sich. Bezüglich
der Verbindungen von Ärzten z. B. zu Organisationen der USA gab es
eindeutige Beweise. Mediziner konnten diese zunächst damit begründen,
daß sie aus den USA und anderen westlichen Ländern know-how und
medizinische Geräte abschöpfen wollten. Staats sicherheitsoffizieren
und medizinischen Gutachtern fiel allerdings auf, daß z.B. mit der
Vergabe von medizinischen Geräten in die UdSSR oft Personalauflagen
verbunden waren, daß mit gleicher Medizintechnik unerklärbar
differierende Ergebnisse erzielt wurden usw. Man stieß auf eine Fülle
dringender Verdachtsmomente für eine konterrevolutionäre Tätigkeit im
Medizinbereich.“ ( H. Wauer und
E. Friedweg in „Die Wahrheit über Stalin – Entlarvung der heimtückischen
und verlogenen Geheimrede Chruschtschows an den XX. Parteitag des KPdSU,
Schriftenreihe der KPD, Heft Nr. 41, Berlin Juni 1998, S. 59f, Wauer und
Friedweg beziehen sich hierbei auf das Buch: Kirill Stoljarow: Henker
und Opfer, ein Dossier (russisch), OLMA-PRESS, Moskau 1997).
Der
berühmte sowjetische Dissident Zhores Medvedev (er lebt jetzt im U. K.)
schrieb vor kurzem ein Buch mit dem Titel „Stalin und die jüdische
Frage“, indem unmissverständlich dargestellt wird, dass Stalin kein
Antisemit war. Und Medvedev hasst Stalin!
In
Ilja Ehrenburgs „Antwort auf einen Brief“ (veröffentlicht in der
Prawda am 21. September 1948: siehe http://www.chss.montclair.edu/english/furr/pol/erenburganswer.pdf)
wird ebenfalls deutlich, dass er sich als sowjetischer Jude sieht, sich
gegen den Antisemitismus und Zionismus stellt und in Israel keine
„Heimat“ für die unterdrückten Juden der Welt sieht, da es sich um
einen kapitalistischen Staat handelt.
Folgende
Zahlen zeigen ebenfalls, dass die Sowjetunion unmöglich antisemitisch
gewesen sein konnte:
„Von
den 2562000 jüdischen Flüchtlingen in den Jahren 1935 bis 1943 hatten
allein 1.930.000 oder 75,3 Prozent in der UdSSR eine neue Heimat
gefunden. Die Sowjetunion förderte auch keineswegs die Emigration jüdischer
Sowjetbürger in irgendeine andere Region der Welt, auch nicht nach Palästina.
Und sie war die einzige Großmacht, die in der zweiten Hälfte der
vierziger Jahre, als das Nahost-Problem brennend wurde, keine
Waffenlieferungen an irgendeine Partei dieses Gebiets leistete.
Diese
Tatsachen beweisen den unabhängigen, nicht von eigenen Interessen
getriebenen Standpunkt der UdSSR in der Israel-Frage .“ („Die
Wahrheit über Stalin“, eine Broschüre der KPD/ML vom 1979).
Was
die Gründung des Staates Israels und der Rolle der Sowjetunion angeht,
heißt es in derselben Broschüre weiter:
„‘Am
2. April 1947 ersuchte Großbritannien als Mandatarstaat den
Generalsekretär der Vereinten Nationen, ‚die Palästinafrage auf die
Tagesordnung der nächsten ordentlichen Sitzung der Generalversammlung
zu setzen’. Und am 21. und 22. April 1947 ersuchten Ägypten, Irak,
Syrien, Libanon und Saudi-Arabien den Generalsekretär, das folgende
Thema mit auf die Tagesordnung zu setzen: Die Beendigung des Mandats von
Palästina und die Erklärung seiner Unabhängigkeit’.
Die
Generalversammlung ernannte ein Sonderkomitee (UN-SCOP), welches Palästina
besuchen und Nachforschungen anstellen sollte. Der Bericht, den es am
31. August 1947 lieferte, bestand aus zwei Plänen: einem Mehrheitsplan
der Teilung mit einer wirtschaftlichen Union und einem Minderheitsplan
eines Bundesstaates.
Die
Teilungsresolution
Die
Teilungsresolution - als Empfehlung ausgedrückt - trennte Palästina in
sechs Hauptteile - drei davon (56% des Gesamtgebietes) waren für einen
‚zionistischen Staat’ reserviert; die anderen drei mit der Enklave
Jaffa (43%) für einen ‚arabischen Staat’. Jerusalem und Umgebung
(0,65%) sollte eine ‚internationale Zone’ unter der Verwaltung der
Vereinten Nationen werden.
In
den ‚zionistischen Staat’ waren alle Gebiete, die in jüdischem
Besitz und/oder von Juden bewohnt waren, natürlich eingeschlossen. Doch
diesen wurden weite Gebiete angegliedert, die gänzlich in arabischem
Besitz und ausschließlich von Arabern bewohnt waren, welche die
Zionisten aber begehrten. Südpalästina zum Beispiel (Negev), welches
das halbe Gebiet Palästinas umfasst und in dem der jüdische Besitz
weniger als 1/2% ausmachte, wurde in das für den ‚zionistischen
Staat’ vorgesehene Gebiet eingeschlossen. Auf der anderen Seite sollte
der ‚arabische Staat’ die geringstmögliche Anzahl Juden und das
kleinstmögliche jüdische Landgebiet umschließen. Die Bevölkerung des
‚zionistischen Staates’ sollte 498000 Juden und 497000 Araber
umfassen; die des ‚arabischen Staates’ dagegen 725000 Araber und nur
10000 Juden. Die restlichen Araber und Juden sollten in der
‚internationalen Zone’ von Jerusalem leben.
Die
Araber lehnten die Teilung mit der Begründung ab, dass sie die
Bestimmungen der Charta der Vereinten Nationen verletzte, welche einem
Volk das Recht zuerkennt, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Die
arabische Ablehnung stützte sich auf die Tatsache, dass in dem ‚jüdischen
Staat’, dessen Bevölkerung zu 50% aus Arabern und zu 50% aus Juden
bestand - wobei den Juden weniger als 10% der gesamten Landfläche gehörte
-, den Juden die Führungsrolle zugesprochen werden sollte.’
Bei
der Diskussion dieser Pläne sagte der sowjetische Delegierte im
November 1947:
‚Dass
kein westeuropäisches Land imstande gewesen ist, die Verteidigung der
elementaren Rechte des jüdischen Volkes zu gewährleisten oder es vor
den Gewaltakten der faschistischen Henker zu schützen - das erklärt
das Verlangen der Juden, ihren eigenen Staat zu gründen. Man kann
dieses Recht dem jüdischen Volk nicht verweigern, wenn man alles berücksichtigt,
was es im Verlauf des zweiten Weltkrieges erlitten hat. ... Weder die
Vorgeschichte noch die heutigen Verhältnisse in Palästina können eine
einseitige Lösung der palästinensischen Frage rechtfertigen, sei es im
Sinn der Gründung eines unabhängigen arabischen Staates, ohne die
legitimen Rechte des jüdischen Volkes zu berücksichtigen, sei es im
Sinn der Gründung eines unabhängigen jüdischen Staates ohne Berücksichtigung
der legitimen Rechte der arabischen Bevölkerung ... Die Interessen der
Juden wie der Araber Palästinas können in angemessener Weise nur durch
die Gründung eines jüdischarabischen Staates geschützt werden, der
demokratisch und unabhängig ist ... Sollte diese Lösung wegen den
immer gespannteren Beziehungen zwischen Juden und Arabern nicht zu
verwirklichen sein - und es ist sehr wichtig, die Meinung der
Sonderkommission über diesen Punkt zu erfahren - müsste man eine
zweite Lösung prüfen, die wie die erste in Palästina ihre Anhänger
hat und die Teilung dieses Landes in zwei unabhängige Staaten vorsieht:
einen jüdischen und einen arabischen Staat. Ich wiederhole: diese Lösung
wäre nur gerechtfertigt, wenn sich herausstellen sollte, dass die
Beziehungen zwischen Juden und Arabern Palästinas so gespannt sind,
dass es unmöglich ist, die friedliche Koexistenz der Araber und Juden
zu gewährleisten.’
Die
sowjetische Delegation hatte der Versammlung, wie auch aus dieser
Redepassage hervorgeht, im Frühjahr 1947 den Vorschlag unterbreitet,
einen gemeinsamen Jüdisch-arabischen Staat mit demokratischem Charakter
zu bilden und so die nationalen Spannungen zu beseitigen.
Das
war ein Vorschlag, wie er ganz der Linie der Stalinschen Außenpolitik
entsprach, wie wir sie auch schon in anderen Fällen gesehen haben. Nur
fand sich für diesen Vorschlag keine Mehrheit, und vor allem waren auch
die Beteiligten dagegen.
Um
trotzdem zu einer Lösung zu kommen, sprach sich die sowjetische
Delegation für den Weg der Errichtung zweier Staaten aus, verbunden
durch eine Wirtschaftsunion. Sie tat das, wie ja auch der
Sowjetdelegierte betont hatte, aus der Kenntnis der furchtbaren Tragödie
der Juden in Europa. Der sowjetische Vorschlag hatte aber sowohl ursprünglich
wie auch später Immer eine Bedingung: den vollständigen Rückzug der
britischen Truppen. In einem Artikel der ,’Iswestija’ vom 8. Februar
1947 wurde diese Forderung als unverzichtbar und Grundvoraussetzung für
eine friedliche Lösung bezeichnet.
Und
der Teilungsplan, den die UNO verabschiedete, entsprach durchaus nicht
den zionistischen Zielen von einem Großisrael. Die UdSSR unterstützte
nicht den Zionismus, sie unterstützte solche Juden, die aus Europa
flohen und sich jetzt auch gegen die britische Besatzung wandten.
Der
Teilungsplan war ein aus der Situation geborener Kompromiss. Die
richtige Lösung, ein gemeinsamer demokratischer Staat Palästina für
Juden und Palästinenser, scheiterte an den Machenschaften der
Imperialisten.
Die
britischen Kolonialherren hetzten die arabischen Feudalen der umgebenden
Staaten, über deren Armeen sie verfügten, auf. Die neue
imperialistische Macht in diesem Raum, die USA, unterstützte nach
einigen Wendungen die zionistischen Organisationen. Zwischen Juden und
Palästinensern herrschten schließlich extrem aufgepeitschte nationale
Differenzen.
(…)
In
dieser komplizierten Situation stimmte die Sowjetunion eben diesem
Kompromiss des Teilungsplans zu. Mehr noch. Sie musste für diesen
Kompromiss sogar noch einen Kampf führen, gegen die USA zum Beispiel,
die nach anfänglicher Unterstützung dieses Plans eine Zeitlang einer
anderen Lösung zuneigte: nämlich einer UNO-Treuhandschaft über Palästina,
mit den USA als Treuhänder, was eine Neuauflage der Mandatsherrschaft
gewesen wäre.
(…)
Ende
des Jahres 1952, als diese Rolle Israels deutlich wurde, brach die
Regierung der UdSSR die diplomatischen Beziehungen zu Israel ab.
Der
Versuch war gescheitert.
Es
war der Versuch gewesen, in einer Region, wo seit langem Spannungen
geschürt wurden, für Frieden und Ausgleich der Völker zu sorgen.
Dass
die UdSSR niemals den Zionismus unterstützt hat in seinen Bestrebungen,
ein Großisrael zu erzwingen, zeigt sich nicht nur daran, dass sie keine
Waffen lieferte und dass sie die Auswanderung der Sowjetjuden nicht förderte,
sondern auch daran, dass die KPdSU(B) es begrüßte, als in den
volksdemokratischen Ländern Osteuropas feindliche Gruppen entlarvt
wurden, an denen auch Zionisten beteiligt waren, dass denen der Prozess
gemacht wurde. (Ebenda, S. 120ff)
Es
zeigt sich, dass die Sowjetunion das Gegenteil eines antisemitischen
Staates war, das beweisen auch folgende Zitate:
„
Die Sowjetunion ist der einzige Staat der Welt, in dem es ein Verbrechen
ist einer Person direkt oder indirekt auf Grund seiner Rasse oder
Nationalität Privilegien zu verschaffen und wo jegliche Verkündigung
von Hass oder Geringschätzung einer Rasse oder Nationalität unter
Strafe steht. Dies war ein ‚Hauptpunkt’ der in die sowjetische
Verfassung eingeschlossen wurde, die nach dem grenzüberschreitenden
Aufstieg Hitlerdeutschland angenommen wurde. Handlungen mir
Rassenvorurteilen werden in der Sowjetunion unterschiedlich behandelt.
Alltägliche Schlägereien unter betrunkenen Russen können als einfache
Missetaten gelten, aber erfolgt eine Schlägerei zwischen Russen und
Juden, in der nationale Namen dazu verwendet werden die nationale Würde
eines Menschen zu beschimpfen, wird dies als politische Straftat
gehandelt.“ (Strong, Anna L. The
Soviets Expected It. New York: The Dialpress, 1941, p. 40, Übersetzung
von mir).
„Die
offizielle Haltung der Kommunistischen Partei und der Sowjets bezüglich
des Antisemitismus oder in der Tat bezüglich jeglichen Aufflammens von
Rassenhass, ist von einer kompromisslosen Feindschaft geprägt.“
(Chamberlin, William Henry. Soviet Russia. Boston: Little, Brown, 1930,
p. 228, Übersetzung von mir).
[Ich
hoffe keiner wird behaupten wollen, Chamberlin ist ein Freund Stalins].
„Wie
groß die Diskriminierung gegen Juden in Erziehungsanstalten war, ist
schwer zu sagen. Es war zwar niemals durchgängig, aber zweifellos
vorhanden. Es war ausweichend und es wurden immer Kämpfe dagegen geführt.
Meine beste Freundin fühlte sich eine Zeit lang bei ihrer Universitätsarbeit
geschwächt, weil sie das Aufkommen des Antisemitismus ablehnte, der
scheinbar vom Parteisekretär der Universität gefördert wurde. Eines
Tages kam sie jauchzend nach Hause: ‚Nun weiß ich, dass die Partei
nicht auf Seiten des Antisemitismus steht’, sagte sie. ‚Sie
entfernten A… aus seinem Posten. Er leitete hier die Universitäten für
das Zentralkomitee und war für den Antisemitismus verantwortlich.’“
(Strong, Anna Louise. The Stalin Era. New York: Mainstream, 1956, p.
112. Übersetzung von mir)
„Stalin
hat wiederholt, zusammen mit anderen Formen des Rassenhasses, den
Antisemitismus verurteilt. Russland hat stets eine Gesellschaft
aufgebaut, die frei ist von den gefährlichen Keimen des Rassenhasses.
Juden haben, wie alle anderen auch, die Freiheit dort zu leben, wo sie
es möchten, Universitäten und Fachschulen zu besuchen und jenen Beruf
zu ersuchen, der für sie selbst geeignet ist. Weil die Juden nur
vereinzelt lebten und ihre Sprache und Kultur nicht richtig wahren
konnten, als sie eine Minderheit unter anderen Gruppen waren, wurde das
Gebiet Birobidzhan ein fruchtbares Gebiet, so groß wie Holland und
Belgien zusammen, für jene gegründet, die dort zu leben wünschen.“
(Davis, Jerome. Behind Soviet Power. New York , N. Y.: The Readers’
Press, Inc., c1946, p. 73, Übersetzung von mir).
„Juden
wurden bei der öffentlichen Arbeit nicht diskriminiert, und fast jede
Arbeit ist öffentlich. Antisemitismus drückt sich eigentlich in
sozialer Missachtung, manchmal in offenen Beleidigungen aus. Aber die Übeltäter
können und werden verhaftet und in Gerichten verhört, die sie üblicherweise
bestrafen.“ (Baldwin, Roger.
Liberty Under the Soviets, New York: Vanguard Press, 1928, p. 76, Übersetzung
von mir).
„Die
Kommunistische Partei ist dem Zionismus offiziell feindlich eingestellt
und kein Kommunist kann ein Zionist sein.“
(Baldwin, Roger. Liberty Under the Soviets, New York: Vanguard Press,
1928, p. 78, Übersetzung von mir) .
„
Wie gesund und wirksam die Nationalitätenpolitik der Union ist, habe
ich am besten sehen können an ihrer Methode, die uralte, leidige und
scheinbar unlösbare Judenfrage zu lösen. Der zaristische Mi nister
Plehwe wußte dafür, nach seinen eigenen Worten, keinen andern Weg als
den, ein Drittel der Juden zur Bekehrung, ein Drittel zur Auswanderung
und ein Drittel zum Krepieren zu zwingen. Die Union wußte einen andern
Weg. Sie hat den größeren Teil ihrer fünf Millionen Juden
assimiliert, dem andern Teil hat sie eine weites, autonomes Gebiet und
die Mittel zu seiner Kolonisierung zur Verfügung gestellt, und sie hat
sich so mehrere Millionen tüchtiger, intelligenter, dem Regime
fanatisch anhängender Bürger geschaffen. Ich bin in der Sowjet-Union
mit vielen und ver schiedenartigen Juden zusammengetroffen und ha be,
interessiert an jüdischen Dingen, eingehend mit ihnen gesprochen. Das
außerordentliche Tempo des Produktionsprozesses benötigt Menschen, Hände,
Hirne, die Juden ließen sich in diesen Prozeß willig einspannen, und
das begünstigte die Assimilierung, die dort weiter fortgeschritten ist
als irgendwo sonst. Es kam vor, daß Juden mir sag ten: `Ich habe seit
vielen Jahren nicht mehr daran gedacht, daß ich Jude bin; erst Ihre
Fragen erin nern mich wieder daran.´ Bewegend ist die Einhel ligkeit,
mit der die Juden, denen ich begegnete, betonten, wie einverstanden sie
seien mit dem neu en Staatswesen. Früher waren sie Geächtete gewe sen,
Verfolgte, Leute ohne Beruf, deren Leben keinen Sinn hatte,
`Luftmenschen´; jetzt waren sie Bauern, Arbeiter, Intellektuelle,
Soldaten und er füllt von Dank für die neue Ordnung. Außerordentlich
ist die Gier, mit welcher die Ju den, die man so lange von der
Landwirtschaft fern gehalten hat, sich auf diesen ihnen neu eröffneten
Beruf stützten. Mehrmals kamen Abgesandte jü discher
Gemeinwirtschaften zu mir, um mich ein zuladen, ihre Siedlungen zu
besichtigen. Mir war interessanter, was nichtjüdische Sowjetbauern mir
über diese Kolchosen erzählten; ich nahm an, wenn irgendwo, dann müsse
sich gerade hier Antisemi tismus zeigen. Es stellte sich denn auch
heraus, daß diese nichtjüdischen Sowjetbauern ursprünglich wirklich
erfüllt gewesen waren von abergläubischen Vorstellungen über das
Wesen der Juden, und daß sie Juden vor allem für gänzlich ungeeignet
zur Landwirtschaft gehalten haben. Jetzt hatten sie für diese ihre früheren
Vorurteile nur ein gutmütiges Lachen. Man erzählte mir von großen,
friedlichen Wettkämpfen zwischen nicht jüdischen und jüdischen
Siedlungen in der Ukraine, in der Krim, im Dongebiet. Donkosaken
berichteten mir: nicht, daß die Juden sie bei einer
landwirtschaftlichen Konkurrenz geschlagen hätten, habe ihr altes Miß
trauen besiegt, sondern daß sich die Juden als die besseren Reiter
erwiesen.
Nicht
geringer ist die Leidenschaft, mit der sich die Juden, zu
ihrer Qual von Bildung und Wissen schaft Jahrhunderte hindurch
abgesperrt, jetzt in diese neuen Bezirke stürzten. Man erzählt mir, daß
in jüdischen Dörfern an Menschen zwischen etwa fünfzehn und dreißig
Jahren ein auffallender Man gel herrsche, an jungen Frauen sowohl wie an
jun gen Männern. Die gesamte jüdische Jugend gehe nämlich in die Städte,
um zu studieren. Begünstigt somit die Wirtschaftsentwicklung die
Assimilierung der Sowjetjuden, so hat andernteils die Union die These
von ‘der schädlichen Illusion eines jüdischen Volkstums’ jetzt
endgültig liqui diert und ihren Juden die Möglichkeit gegeben, ihre
Nationalität zu bewahren.
Der
Nationalismus der Sowjetjuden zeichnet sich aus durch eine Art nüchterner
Begeisterung. Wie unromantisch, praktisch und wagemutig er ist, er hellt
aus zwei Tatsachen. Zum Ersten anerkennt er als seine Sprache nicht das
edle, traditionsgesät tigte, aber nicht sehr zweckmäßige Hebräisch,
son dern das aus dem Alltagsleben gewachsene, aus he terogenen Elementen
gemischte Jiddisch, das aber von mindestens fünf Millionen Menschen als
prak tische Umgangsprache erprobt ist. Und zum Zwei ten ist das Land,
das man den Juden zur Errichtung ihres Nationalstaates anbot und in dem
sie sich an gesiedelt haben, abgelegen und schwierig, aber voll von
unbegrenzten Möglichkeiten. Das Jiddische wird in der Union wie alle
National sprachen mit Liebe gepflegt. Es gibt jiddische Schu len und
jiddische Zeitungen, es gibt eine jiddische Dichtung von Rang, es werden
zur Pflege des Jiddischen Kongresse einberufen, und jiddische Thea ter
erfreuen sich höchsten Ansehens. Ich habe im Staatlichen Moskauer
Jiddischen Theater eine au ßerordentlich gute Aufführung von `König
Lear´ gesehen mit dem großen Schauspieler Michoels in der Titelrolle
und mit dem vortrefflichen Narren Suskins, mit neuartigen, herrlichen Bühnenbildern
und ausgezeichnet inszeniert. Die Errichtung des nationalen jüdischen
Staates Birobidschan stieß zunächst auf berghohe Schwie rigkeiten, und
das Projekt wurde von den Gegnern der Union, und nicht nur von ihnen,
als ein eben so freches und aussichtsloses Unternehmen ange sehen wie
der Aufbau der sozialistischen Wirt schaft in Einem Land. Ungenügende
finanzielle Mittel erschwerten die Durchführung des Projekts, viele von
den Siedlern wanderten wieder zurück, und schon erklärten die Gegner
triumphierend, der utopische Plan sei, wie sie es von Anfang an vor
ausgesagt hätten, gescheitert an der Entfernung des Gebietes, an der
geologischen Beschaffenheit seines Bodens, an der Mückenplage, an der
Malaria und nicht zuletzt an der geringen Eignung der degenerierten
russischen Kleinstadtjuden zur Pionier tätigkeit.
Nun,
heute steht im Gebiete von Birobidschan eine richtige Stadt, mit
Schulen, Krankenhäusern, Regierungsgebäuden, einem Theater, und man
kann von Moskau im direkten Wagen des Expreß hin fahren. Obwohl der
Plan die Einwanderung von mehr als hunderttausend Juden für die nächsten
drei Jahre vorsieht, müssen die Behörden eine scharfe Sichtung
vornehmen, so zahlreich sind die Einwanderungswilligen, Ich habe aus
Birobid schan viele Briefe erhalten, und ich habe ziemlich viele Leute
gesprochen, die unmittelbar von dort kamen. Das Leben dort, das leugnet
niemand, ist noch hart. Aber es leugnet auch niemand mehr, daß das
Schwierigste getan und daß aus der an geblichen Utopie Wirklichkeit
geworden ist. Die jüdische sozialistische Republik Birobidschan exi
stiert. Sie steht fest da, obwohl die geologische Schichtung ihres
Bodens das so wenig zuläßt wie die ewigen Gesetze der Nationalökonomie
den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft in einem einzigen Land.“
(Feuchtwanger, Lion. Moskau, 1937. Querido Verlag N. V. Amsterdam, 1937,
S. 88ff.).
Anhang:
Einige Betrachtungen zum Nichtangriffspakt und zum deutsch-sowjetischen
Grenz- und Freundschaftsvertrag
Ein
weiteres Vorurteil betrifft den sogenannten Hitler-Stalin-Pakt, man
wirft hier Stalin vor, er habe mit dem faschistischen Deutschland
Freundschaft geschlossen und somit auch auf ideologischem Gebiet
(sprich: den Antisemitismus) auf einer Linie standen. Ich will hier
keine langen Vorträge halten, warum es zu diesem Nichtangriffspakt
gekommen ist, weil dies auch von Thema abweichen würde. Es sei nur kurz
erwähnt, dass die Sowjetunion sich bemüht hat, mit Frankreich, Großbritannien
und den USA einen Koalition gegen Hitler zu gründen (Stichwort:
kollektive Sicherheit), weil die Sowjetunion davon ausging, dass die
imperialistischen Mächte ein objektives Interesse daran hätten, ein Bündnis
gegen Hitler zu schmieden. Jedoch scheiterten sämtliche Verhandlungen,
wohl in Anbetracht der Tatsache, dass man Hitlerdeutschland als Bollwerk
gegen die Sowjetunion (also der bolschewistischen Gefahr) nutzen wollte.
Folglich musste die Sowjetunion ihre Sicherheitsstrategie ändern und
fing mit dem faschistischen Deutschland an zu verhandeln und schloss
einen Nichtangriffspakt, der den möglichen Überfall Deutschlands in
die Sowjetunion hinauszögern sollte.
Interessant
an dieser Sachlage ist, ob der damalige sowjetische Außenminister
Litwinow wegen seines jüdischen Glaubens entlassen worden sei. Bill
Bland schreibt hierzu:
„Frage
1:
Es
ist behauptet worden, dass Litwinow von seinem Posten nur weil er ein
Jude war entfernt wurde, weil er als solcher als Verhandlungspartner von
den Deutschen nicht akzeptiert wor den wäre. Ist da etwas dran?
Antwort
1:
Meiner
Meinung nach nicht. Wir wissen, dass Stalin die Entfernung Litwinows befürwortete
und Stalin war nicht nur dafür bekannt, dass er gegen den Rassismus
war, sondern auch dafür, dass man diesem keine Zugeständnisse machen dürfe.
Litwinow war persönlich sehr stark mit der Politik der kollektiven
Sicherheit verbunden und zuverlässige Quellen bestätigen, dass es
seine Überzeugung war, dass die britische und französische Regierung
nach einer gewissen Zeit seine Politik gebilligt hätten. In dem Moment
als die sowjetischen Führer eine Annäherung an Deutschlands in
Betracht zogen, hörte er auf, ein zuverlässiger Verfechter der
sowjetischen Außenpolitik zu sein.“
(Bill Bland: der deutsch sowjetische Nichtangriffsvertrag von 1939 http://red-channel.de/mlliteratur/sowjetunion/pakt.htm).
In
diesem Zusammenhang steht auch der sogenannte „deutsch-sowjetische
Grenz- und Freundschaftsvertrag“ vom 28, September 1939:
„Am
28. September 1939, wenige Tage nach der Befreiung der westlichen
ukrainischen und weißrussischen Gebiete von fremder Herrschaft durch
die Rote Armee, schlossen Deutschland und die Sowjetunion einen weiteren
Vertrag. Auch dieser wird von antikommunistischen Kräften für
sowjetfeindliche Hetze genutzt.
Der
Hauptinhalt dieses Vertrages bestand in der Festlegung der Demarkationslinie
zwischen den beiden Staaten entsprechend den Bedingungen, wie sie die
deutsche Aggression gegen Polen geschaffen hatte. Ertrug die Bezeichnung
„Deutsch-Sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag“. Obwohl
bisher von niemanden auch nur ein Wort aus dem Vertrag genannt werden
konnte, das als Beweis für eine freundschaftliche Annäherung der
Sowjetunion an das faschistische Regime in Deutschland ausgelegt werden
könnte, wird letzteres immer wieder behauptet. Ich halte es eigentlich
für müßig, darüber zu streiten, ob es richtig war, in die
Bezeichnung des Vertrages das Wort Freundschaft aufzunehmen oder nicht.
Das Entscheidende war, daß den faschistischen Aggressoren eindeutig
klargemacht wurde: „bis hierher und nicht weiter.“ Dennoch muß
darauf hingewiesen werden, daß es die deutsche Seite war, die schon im
Sommer 1939 den Wunsch äußerte, in die Präambel des Abkommens eine
Freundschaftsklausel aufzunehmen. Damals hatte der sowjetische Außenminister
Molotow dieses Ansinnen strikt abgelehnt.
Gegenüber
dem deutschen Botschafterin Moskau, Schulenburg, äußerte er, daß in
der Haltung Deutschlands keine wirkliche Wandlung zu entdecken sei und
erwies daraufhin, daß Deutschland im Begriff sei, sich einer
Angriffshandlung gegenüber Polen schuldig zu machen. Polen betreffend
sagte Molotow am 3. August 1939 zu Schulenburg, daß eine friedliche Lösung
der polnischen Frage in erster Linie von Deutschland abhinge.
Von
deutscher Seite wurde zur Kenntnis genommen, daß sie bereits bei den
Verhandlungen zum Nichtangriffsvertrag im August 1939 erfolglos versucht
hatte, in diesem Vertrag einen Freundschaftsgedanken unterzubringen.
In
den Notizen eines deutschen Beamten, dem Leiter der Rechtsabteilung
des deutschen Auswärtigen Amtes, Friedrich Gaus, der an der Abfassung
des Nichtangriffsvertrages in Moskau beteiligt war, heißt es dazu:
„Herr von Ribbentrop hatte persönlich in die Präambel des von mir
angefertigten Vertragsentwurfes eine ziemlich weitgehende Wendung,
betreffend freundschaftlicher Gestaltung der deutsch-sowjetischen
Beziehungen eingefügt, die Herr Stalin mit der Bemerkung beanstandete,
daß die Sowjetregierung, nachdem sie sechs Jahre lang von der
nationalsozialistischen Reichsregierung mit Kübeln von Jauche überschüttet
worden sei, nicht plötzlich mit deutsch-russischen
Freundschaftsversicherungen an die Öffentlichkeit treten könne. Der
entsprechende Passus wurde geändert. Am 28. September 1939 hatte die
sowjetische Seite dem Bestreben Hitlers, das Abkommen über die
Demarkationslinie als ein freundschaftliches darzustellen, möglicherweise
nachgegeben. Es mag sein, daß Stalin dabei den Hintergedanken im Kopf
hatte, daß dieses Wort „Freundschaft“ es später, nach der zu
erwartenden Aggression Deutschlands gegen die Sowjetunion, erleichtern
würde, das Verwerfliche und Heimtückische dieser Aggression deutlich
zu machen.
Wie
auch aus Akten des Deutschen Auswärtigen Amtes, die 1945 den
amerikanischen Truppen in die Hände fielen, hervorgeht, war in der
Praxis auch nach dem 28. September das Verhältnis zwischen dem
faschistischen Deutschland und der Sowjetunion alles andere als
freundschaftlich. Es zeigte sich zum Beispiel darin, daß es der
deutschen Seite trotz größter Bemühungen nicht gelang, Stalin zu
bewegen, Hitler einen Besuch abzustatten. Da hatte auch die
Zusicherung des „Führers“ nicht geholfen, „er würde auch für
einen Stalins Stellung und Bedeutung entsprechenden Empfang Sorge tragen
und ihm alle in Betracht kommenden Ehren erweisen.“
Auf
das Wirtschaftsabkommen vom 19. August 1939 und dem Handelsabkommen
vom 11. September 1940 zwischen Deutschland und der Sowjetunion
verweisend, gab es immer wieder harsche Kritik der sowjetischen Seite,
weil Deutschland die vertraglichen Verpflichtungen nicht erfüllte.
Es
verging auch kaum ein Monat, in dem die Sowjetunion nicht gegen
Verletzungen ihrer Sicherheitsinteressen durch Deutschland protestieren
mußte. Dies betraf zum Beispiel die ständige Verletzung sowjetischen
Hoheitsgebietes durch deutsche Militärflugzeuge, die Aufnahme Bulgariens
in den Dreimächtepakt zwischen Deutschland, Italien und Japan oder die
Ausweitung des Krieges auf Jugoslawien und Griechenland.
Während
Hitler den Plan „Fall Barbarossa“ schon längst in seinem Tresor
hatte und ihn am 18. Dezember 1940 per Weisung Nr. 21 zur Durchführung
den Oberbefehlshabern der Wehrmacht zustellte, bot er der UdSSR am 13.
November 1940 scheinheilig und „freundschaftlich“ den Beitritt zum
Dreimächtepakt an.“
Was
bedeutet bei all dem das Wort „Freundschaft“ in der Bezeichnung des
Vertrages vom 28. September 1939?“
(Anton Kaute: „Stalinismus“ - Geißel der Menschheit oder
Pseudobegriff aus dem Arsenal des Antikommunismus, in Publikationen der
KPD, Heft Nr. 88/II, Berlin, August 2002, S. 13ff)
Literatur:
Baldwin,
Roger. Liberty Under the Soviets, New York: Vanguard Press, 1928
Bland,
Bill: Der frühe Kampf der sozialistischen Sowjetunion gegen die
Globalisierung http://red-channel.de/mlliteratur/sowjetunion/global.htm
Bland,
Bill: Die Ärtzeverschwörung und der Tod Stalins http://red-channel.de/mlliteratur/sowjetunion/aerzteprozess.htm
Bill
Bland: Der deutsch sowjetische Nichtangriffsvertrag von 1939 http://red-channel.de/mlliteratur/sowjetunion/pakt.htm
Chamberlin,
William Henry. Soviet Russia. Boston: Little, Brown, 1930
Davis,
Jerome. Behind Soviet Power. New York, N. Y.: The Readers’ Press,
Inc., c1946
Die
Wahrheit über Stalin“, eine Broschüre der KPD/ML vom 1979
Ehrenburg,
Ilja „Antwort auf einen Brief“ (veröffentlicht in der Prawda am 21.
September 1948: siehe http://www.chss.montclair.edu/english/furr/pol/erenburganswer.pdf)
Feuchtwanger,
Lion. Moskau, 1937. Querido Verlag N. V. Amsterdam, 1937
Anton
Kaute: „Stalinismus“ - Geißel der Menschheit oder Pseudobegriff aus
dem Arsenal des Antikommunismus, in Publikationen der KPD, Heft Nr.
88/II, Berlin, August 2002
Stalin,
Josef W. ‘Antisemitismus’, in: ‘Werke’, Band 13, Moskau, 1955,
S. 30
Stalin’s
forgotten Zion – Birobidzhan and the making of a Soviet Jewish
homeland - an illustrated History 1928-1996 (
http://www.swarthmore.edu/Home/News/biro/index2.html ).
Strong,
Anna Louise. The Stalin Era. New York: Mainstream, 1956
Strong,
Anna L. The Soviets Expected It. New York: The Dialpress, 1941
H.
Wauer und E. Friedweg in „Die Wahrheit über Stalin – Entlarvung der
heimtückischen und verlogenen Geheimrede Chruschtschows an den XX.
Parteitag des KPdSU, Schriftenreihe der KPD, Heft Nr. 41, Berlin Juni
1998
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