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aus: junge Welt Ohne
Zähne Am Wochenende suchten die JungdemokratInnen in Berlin den Geschichtsrevisionismus Christina Heinen Die riesigen Fensterflügel des Hauptgebäudes der Berliner Humboldt-Universität waren auch am Samstag weit geöffnet, die Räume dahinter diffus von verstaubten Kronleuchtern erhellt. Es lief die »International Conference on African Literatures«. Im Gedränge war es problematisch, den kleinen Hörsaal zu finden, in dem fast unbemerkt die JungdemokratInnen/Junge Linke tagten, die sich bis zum Bruch der sozialliberalen Koalition 1982 als Jugendorganisation der FDP verstanden. Ihnen ging es um den Geschichtsrevisionismus, der die öffentlichen Diskussionen der letzten zehn Jahre in Deutschland bestimme. Kämpferisch der Titel der Tagung: »Kein Vergeben, Kein Vergessen!«, Untertitel: »Auferstanden aus Ruinen - die selbstbewußte Nation zeigt Zähne«. »Die Rede von der Auschwitz-Lüge ist nur die Spitze des Eisbergs«, stellte die Leiterin der Podiumsdiskussion Maren Bedau fest. Revisionistisch grundiert sei Schröders und Fischers Rede von der »Normalisierung« ebenso wie die Kontroversen, die Ende der Neunziger um die polarisierenden Thesen der US-Historiker Daniel Goldhagen und Norman Finkelstein in deutschen Feuilletons tobten. Die Gäste von Frau Bedau hatten unterschiedliche Anliegen: FU-Geschichtsprofessor Wolfgang Wippermann beschrieb die sich verschärfenden revisionistischen Positionen von Politikern, Historikern und Journalisten in einer beifallheischenden und lautstarken Polemik. Das Spektrum, welches die faschistische Vergangenheit schönrede, reiche von »es war gar nicht so schlimm« über »es war gar nicht schlimm« bis hin zu »die anderen waren schlimmer«. Gleichzeitig wandte er sich gegen Tendenzen, nicht-jüdische Opfer der Nazis zu marginalisieren, womit insbesondere Sinti und Roma zu kämpfen hätten. Der Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann erzählte mit tonloser, kaum vernehmbarer Stimme seine eigene Geschichte, die gleichzeitig die der verweigerten Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren in der BRD ist. »Schließlich kann man ja nicht die gesamte Wehrmacht kriminalisieren«, lautete eins der Standardargumente, die die postfaschistische Gesellschaft für Leute wie ihn übrig hatte. Lars Rensmann, Antisemitismusforscher an der Freien Universität, ging es vor allem um ein Phänomen, das er »sekundären Antisemitismus« nennt und das sich wohl am besten mit den Worten Henryk M. Broders beschreiben läßt: »Die Deutschen werden den Juden den Holocaust nie verzeihen«. Rensmann kritisierte Teile der deutschen Linken, deren Anti-Israel-Haltung oftmals antisemitisch motiviert sei, was ihm zwar ein tadelndes Stirnrunzeln der Diskussionsleiterin Bedau eintrug, ansonsten aber ignoriert wurde. Mit seinem wiederholten Plädoyer für eine differenzierte Gedenkpolitik erging es Thomas Lutz, Mitarbeiter der Gedenkstätte Topographie des Terrors, ähnlich. Die offenkundigen inhaltlichen Differenzen blieben für die »Diskussion« seltsam folgenlos: Zähne zeigten sich die Anwesenden jedenfalls nicht, nur an wenigen Punkten bezogen sie sich überhaupt aufeinander, und auch das Publikum interessierte sich kaum für die vorgetragenen Positionen. Bei der Abschlußdiskussion, nach Mittagspause und dreistündigen Arbeitsgruppen, war man endlich wieder unter sich. »Das ist ja auch sehr schön. Dann ist das, was ich jetzt sage, vielleicht nicht ganz so kontrovers«, meinte Jungdemokratin Kathrin von Randow, die das abschließende »Impulsreferat« hielt, um die angeblich unterschwellig rechtskonservative und nationalistische Politik der Friedensbewegung zu geißeln, die sich unreflektiert auf Menschenrechte berufen würde, in deren Namen nun wieder Angriffskriege geführt werden. Rechtzeitig vor Schluß hatte man das »Lager der Geschichtsrevisionisten« noch eindeutig identifiziert, um sich beruhigt wieder hinzulegen. Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2002/05-07/017.php (c) Junge Welt 2002 |
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