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Al-Jazeera-Korrespondent
Mark LeVine im
Interview
mit Hossam el-Hamalawy (ägyptischer Journalist)
„DIE
REVOLUTIONEN KOMMEN NICHT AUS DEM NICHTS“
übersetzt
aus dem Englischen von Germán Leyens für Rebelión
und
geprüft von Caty R.
übersetzt
aus dem Spanischen von Jens-Torsten Bohlke
Auf
Kommunisten-online am 1, Februar 2011 – Hossam el-Hamalawy ist
ein ägyptischer Journalist und Blogger auf der Website 3arabawy. Mark
LeVine ist Professor der Irvine-Universität von Kalifornien. Ihm gelang
es, mit Hossam über Skype Kontakt herzustellen und so einen Bericht aus
erster Hand über die gegenwärtigen Ereignisse in Ägypten zu bekommen.
Warum
war eine Revolution in Tunesien erforderlich, um die Ägypter in nie
dagewesener Zahl auf die Straßen zu bekommen?
In
Ägypten sagen wir, dass Tunesien mehr ein Beschleuniger als ein Auslöser
gewesen ist. Die objektiven Bedingungen für einen Aufstand waren in Ägypten
längst vorhanden. Und in den letzten Jahren lag die Revolte in der
Luft. So hatten wir gewissermaßen bereits zwei „Mini-Intifadas“
oder „Mini-Tunesiens“ im Jahr 2008. Die erste Revolte ereignete sich
im April 2008 in Mahalla, gefolgt von der zweiten in Borollos im Norden
unseres Landes.
Die
Revolutionen kommen nicht aus dem Nichts. Wir haben nicht mechanisch
einen Morgen in Ägypten, weil es gestern einen in Tunesien gegeben hat.
Es ist nicht möglich, diese Proteste von den vier Jahren voller Streiks
der Arbeiter in Ägypten oder internationalen Ereignissen wie der
Al-Aksa-Intifada und der Irak-Invasion der USA zu isolieren. Der
Ausbruch der Al-Aksa-Intifada war von besonderer Bedeutung, weil in den
achtziger und neunziger Jahren die Protestaktivitäten auf den Straßen
von der Regierung als Teil des sogenannten Kampfes gegen islamistische
Aufständische wirksam verhindert worden waren. Öffentlichen Protest
gab es nur auf dem Kampus der Universitäten oder an den
Parteizentralen. Aber als die Intifada des Jahres 2000 ausbrach und
Al-Jazeera Dokumentationen über sie ausstrahlte, beeinflusste dies
unsere Jugend, auf die Straße zu gehen. Dies auf dieselbe Weise, wie
uns heute Tunesien anregt.
Wie
entwickeln sich die Proteste?
Es
ist noch zu früh, um sagen zu können, wie sie sich entwickeln werden.
Es ist ein Wunder, dass sie gestern nach Mitternacht noch weitergingen,
und zwar trotz aller Angst und Unterdrückung. Aber wie schon gesagt:
Die Situation hat ein Stufe erreicht, dass nun alle die Nase voll haben
von diesem Regime. Und zwar ganz umfassend voll. Und selbst wenn die
Sicherheitskräfte erreichen, heute die Proteste niederzuwalzen, dann
werden sie nicht jene niederschlagen können, die sich in der nächsten
Woche ereignen werden, oder im nächsten Monat oder noch später in
diesem Jahr.
Es
gibt endgültig einen Wechsel im Wertesystem der Leute, nachdem so lange
dem Staat der Kampf gegen den Terrorismus in den neunziger Jahren als
Ausrede diente, um mit jeder Art von Widerspruch im Lande Schluss zu
machen. Das war ein Trick, welchen alle Regierungen einschließlich der
US-Regierung benutzten. Aber wenn die formale Opposition gegen so ein
Regime erst einmal von den Waffen zu Massenprotesten übergeht, dann
wird es sehr schwierig, diesem Widerspruch zu begegnen. Man kann die
Beseitigung einer Gruppe von Terroristen planen, die in den Schluchten kämpft.
Aber was wird man angesichts tausender demonstrierender Menschen in den
Straßen ausrichten? Da können nicht alle getötet werden. Da kann
nicht einmal für die Soldaten garantiert werden, die das tun sollen,
d.h. die auf die armen Menschen schießen sollen.
Welche
Beziehung besteht zwischen regionalen und örtlichen Ereignissen im
Land?
Man
muss verstehen, dass in Ägypten das Regionale zugleich das Örtliche
ist. Im Jahr 2000 begannen die Proteste gegen das Regime nicht als
Proteste gegen das Regime, sondern erst einmal wurde gegen Israel und
zur Unterstützung der Palästinenser protestiert. Dasselbe geschah bei
der US-Invasion gegen den Irak drei Jahre später.
Aber
gehst du erst mal auf die Straße und begegnet dir dort die Brutalität
des Regimes, dann beginnt man schon damit, Fragen zu stellen:
-
Warum setzt Mubarak Soldaten gegen Demonstrierende und nicht gegen
Israel ein?
-
Warum exportiert er Zement nach Israel, damit sie ihn dort für den Bau
israelischer Siedlungen verwenden, anstatt dass er den Palästinensern
hilft?
-
Warum ist die Polizei so brutal uns gegenüber, wenn wir lediglich
unsere Solidarität mit den Palästinensern öffentlich ganz friedlich
äußern?
Und
so werden die regionalen Probleme wie Israel zu örtlichen Themen. Und
in wenigen Momenten erschallen Sprechchöre derselben pro-palästinensische
Losungen rufenden Demonstrationsteilnehmer gegen Mubarak. Der besonders
entscheidende Moment hinsichtlich der Proteste war das Jahr 2004, als
der Widerspruch wieder zu einem inneren Widerspruch wurde.
In
Tunesien spielten die Gewerkschaften eine Schlüsselrolle in der
Revolution, weil ihre breite und disziplinierte Mitgliedermasse
sicherstellte, dass die Proteste nicht so einfach niedergeschlagen
werden konnten, diese Proteste organisiert abliefen. Welche Rolle spielt
die Arbeiterbewegung in Ägypten beim derzeitigen Volksaufstand?
Die
ägyptische Gewerkschaftsbewegung wurde in den achtziger und neunziger
Jahren von der Polizei sehr heftig angegriffen. Die Polizeitruppen
setzten Kriegsmunition gegen friedliche Streikende 1989 ein, als sich
die Streiks in den Metallhüttenbetrieben ereigneten. Dasselbe geschah
1994 bei den Textilarbeiterstreiks.
Aber
seit 2006 durchlebt unser Land ständig die größten und längst
anhaltenden Streikwellen seit 1946, welche von den Streiks in der
Textilindustrie in der Stadt Mahalla im Nil-Delta ausgehen. Dort liegt
das größte Arbeiter-Ballungsgebiet des Mittleren Ostens mit über
28.000 Arbeitern. Es begann dort alles mit arbeitsrelevanten Themen und
übertrug sich dann rasch auf alle Bereiche der Gesellschaft mit
Ausnahme der Polizei und der Streitkräfte.
Als
Ergebnis jener Streiks haben wir zwei unabhängige Gewerkschaften erkämpft.
Sie sind die ersten ihrer Art seit 1957. Darunter die der Eintreiber der
Steuern auf Grundbedarfsgüter mit über 40.000 öffentlich Angestellten
und die des technischen Personals im Gesundheitswesen mit über 30.000
Mitgliedern. Letztere schufen sich ihre Gewerkschaft außerhalb der vom
Staat kontrollierten Gewerkschaften erst im vergangenen Monat.
Aber
es stimmt, dass es einen wichtigen Unterschied zwischen uns und Tunesien
gibt. Dieser Unterschied besteht darin, dass obwohl in Tunesien eine
Diktatur bestand, jenes Land einen halb unabhängigen
Gewerkschaftsverband hatte. Auch wenn die Führung jenes
Gewerkschaftsverbands mit dem Regime kollaborierte, waren die Mitglieder
kämpferische Gewerkschafter. Was sich auch äußerte, als die Stunde für
Generalstreiks schlug, zu denen sich die Gewerkschaften rasch
zusammenfanden. Demgegenüber haben wir hier in Ägypten ein Vakuum,
welches wir rasch zu füllen hoffen. Die unabhängigen Gewerkschaften
sind bereits Hexenjagden unterworfen worden, seit sie sich zu etablieren
versuchen. Es gibt schon immer Prozesse gegen sie seitens der
staatlichen und vom Staat gestützten Gewerkschaften. Aber diese unabhängigen
Gewerkschaften werden derzeit trotz der anhaltenden Bestrebungen, sie
mundtot zu machen, immer stärker.
Richtig
ist, dass sich die Unterdrückungsmaßnahmen in den letzten Tagen gegen
die Demonstrationsteilnehmer auf den Straßen gerichtet haben. Diese
Demonstrierenden sind nicht unbedingt Gewerkschaftsmitglieder. Die
Proteste haben mittlerweile ein breites gesellschaftliches Spektrum der
Ägypter zusammengeführt. Unter ihnen sind sogar Söhne und Töchter
aus der Elite zu finden. Dergestalt haben wir da eine Kombination aus
Armen und städtischen Jugendlichen im Verbund mit den Mittelschichten
und den Söhnen und Töchtern der Elite.
Ich
denke, dass Mubarak da alle Bereiche der Gesellschaft gegen sich zu
vereinen schaffte. Eine Ausnahme bildet lediglich sein engster
Komnplizenkreis.
Die
tunesische Revolution ist als eine von der „Jugend“ und in ihrem
Erfolg von solchen sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter abhängig
geführte Volksrevolution bezeichnet worden. Und jetzt bildet die Jugend
in Ägypten für das Volk den wichtigen Beschleuniger des
Aufstandsprozesses. Geht es da um eine „Intifada der Jugend“? Und würde
sie auch ohne Facebook und andere neue Medien stattfinden?
Ja,
das ist eine Intifada der Jugend auf den Straßen. Das Internet spielt
lediglich eine Rolle beim Verbreiten der Wortmeldungen und der Bilder
vom Geschehen vor Ort. Wir nutzen das Internet nicht, um uns zu
organisieren. Wir benutzen es, um mitzuteilen, was wir gerade vor Ort
tun. Dabei hoffen wir, andere Leute anzuregen, damit sie sich am
konkreten Handeln beteiligen.
Wie
ich hörte, hat in den USA der Moderator von Interviewsendungen Glenn
Beck eine schon größere Intellektuelle namens Francis Fox Piven wegen
eines Artikels angegriffen, in welchem sie die Arbeitslosen dazu
aufrief, Massenproteste für Arbeitsplätze durchzuführen. Sie hat dann
sogar Morddrohungen erhalten. Einige davon sollen von Arbeitslosen
stammen, denen es seligmachender erscheint, darüber zu phantasieren,
wie sie sie mit einer ihrer zahlreichen Feuerwaffen umbringen, als
wirklich für ihre Rechte zu kämpfen. Es ist überraschend, wenn wir an
die Schlüsselrolle der Gewerkschaften in der gegenwärtigen arabischen
Welt denken und dabei die über zwei Jahrzehnte herrschenden
neoliberalen Regimes in jeder Region in Betracht ziehen, deren
vorrangiges Ziel die Zerstörung der Solidarität der Arbeiterklasse
ist. Warum sind die Gewerkschaften weiterhin so wichtig gewesen?
Die
Gewerkschaften sind immer ein Zaubermittel gegen jegliche Diktatur.
Schauen Sie mal einfach nach Polen, Südkorea, Lateinamerika oder
Tunesien. Die Gewerkschaften sind immer nützlich für die
Massenmobilisierung gewesen. Fehlt es an einem Generalstreik für den
Sturz einer Diktatur, dann gibt es nichts Besseres als eine unabhängige
Gewerkschaft, um ihn zu machen.
Gibt
es ein breiter angelegtes ideologisches Programm hinter den Protesten?
Oder geht es nur um, Mubarak loszuwerden?
Jeder
einzelne Demonstrationsteilnehmer hat seine Gründe, um rauszugehen auf
die Straßen. Aber ich nehme an, dass wenn unser Aufstand Erfolg hat und
wir Mubarak erledigt haben, die Spaltungen offen hervortreten werden.
Die Armen werden die Revolution zu einer weitaus radikalen Position drängen
wollen, die radikale Umverteilung des Reichtums und den Kampf gegen die
Korruption auf die Tagesordnung setzen. Während die sogenannten
Reformisten abbremsen wollen, auf Veränderungen „von oben“ und ein
wenig Begrenzung der Gewalten hindrücken werden, aber den Staat im
Wesen erhalten wollen.
Welche
Rolle spielt die Moslembruderschaft? Und wie beeinflusst die Lage der
Fakt, dass sie den derzeitigen Protesten fernbleibt?
Die
Moslembruderschaft hat seit dem Ausbruch der Al-Aksa-Intifada Spaltungen
erlitten. Ihre Teilnahme an der Solidaritätsbewegung für Palästina,
als sie sich das mit dem Regime auseinandersetzte, war einfach
katastrophal. Grundsätzlich immer dann, wenn ihre Anführer zu einem
Kompromiss mit dem Regime kommen, insbesondere die Anhänger des gegenwärtigen
obersten Anführers, demoralisieren sie die Basiskader. Ich kenne persönlich
etliche junge Moslembrüder, die die Gruppe verlassen haben. Einige
davon haben sich anderen Gruppen angeschlossen oder machen unabhängig
weiter. In dem Maß, wie die derzeitige Bewegung auf der Straße anwächst
und die unterlegene Führungsmannschaft teilnimmt, wird es mehr
Spaltungen geben, denn die überlegene Führungsmannschaft kann nicht
rechtfertigen, warum sie nicht am neuen Aufstand teilnimmt.
Welche
Rolle spielen die USA in dieser Auseinandersetzung? Wie sieht das Volk
auf der Straße deren Positionen?
Mubarak
ist auf Platz 2 der meistbegünstigten Empfänger von sogenannter
US-Auslandshilfe. Er kommt da gleich nach Israel. Er ist bekannt als
Bluthund der USA in der Region. Er ist eines der Instrumente der US-Außenpolitik,
womit deren Sicherheitsprogramm für Israel und das problemlose Sprudeln
des Erdöls umgesetzt wird, während die Palästinenser vernichtet
werden. Somit ist es kein Geheimnis, dass seit ihrem ersten Tag diese
Diktatur von Mubarak die Unterstützung der US-Regierungen genießt.
Dies sogar noch, als Bush verlogen von Demokratie daherschwätzte. Darum
darf es bei den lächerlichen Verlautbarungen der Clinton nicht überraschen,
dass die USA mehr oder weniger das Mubarak-Regime verteidigen. Denn
einer der Pfeiler der US-Außenpolitik ist die Aufrechterhaltung
stabiler Regimes auf Kosten der Freiheiten und der bürgerlich-demokratischen
Rechte.
Wir
erwarten nichts von Obama. Wir halten Obama für einen großen
Schwindler. Aber wir hoffen, dass das US-amerikanische Volk mit seinen
Gewerkschaften, seinen Lehrervereinigungen, seinen Studentenverbänden
und Bürgerrechtsgruppen für unsere Unterstützung eintritt. Wir
wollen, dass die US-Regierung sich völlig aus der ganzen Sache hier
rausholt. Wir wollen keinerlei Art Unterstützung von ihr. Sie soll ganz
einfach die Hilfe an Mubarak stoppen und ihre Mittel abziehen, sich aus
allen Stützpunkten im Mittleren Osten zurückziehen und damit aufhören,
den Staat Israel zu unterstützen.
In
letzter Instanz wird Mubarak alles ihm Mögliche tun, um sich zu schützen.
Er wird ganz plötzlich mal eben die krassesten Worte gegen die USA
verwenden, wenn er nur denkt, dass dies seine Haut retten helfen kann.
Am Ende aller Märchen ist er dann mit seinen Eigeninteressen verquickt.
Und wenn er denkt, dass die USA ihn nicht unterstützen werden, wird er
eine andere Richtung einschlagen.
Die
Wirklichkeit besteht darin, dass jede wirklich saubere Regierung, die in
der Region an die Macht kommt, in eine offene Auseinandersetzung mit den
USA kommt, weil sie zu einer vernünftigen Umverteilung des Reichtums
und zum Beenden der Unterstützung für Israel und die anderen
Diktaturen aufrufen würde. Somit erwarten wir keine Hilfe von den USA.
Nur dass sie uns in Ruhe lassen sollen.
Mark
LeVine ist Professor für Geschichte an der Irving-Universität in
Kalifornien und Untersuchungsleiter im Zentrum für Studien des
Mittleren Ostens an der Universität Lund in Schweden. Seine zuletzt
herausgebrachten Bücher sind „Schwermetall Islam“ (Random House)
und „Unmöglicher Frieden: Israel/Palästina Seit 1989“ (Zed Books)
Quelle:
http://english.aljazeera.net/indepth/features/2011/01/201112792728200271.html
http://www.cubadebate.cu/
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