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Walter Baier[1] „erklärt“ Geschichte

Von Walter Winterberg/14. Juli 2007

Quelle: Kominform.at

Walter Baier fühlt sich bemüßigt, zur Geschichte des Baltikums (an Hand der antirussischen Provokation in Tallin) seine „Klarstellungen“ anzubieten. Im Wesentlichen eigentlich nur, um den –  wie er sie nennt –  Alt- und Neustalinisten auf seinem „historischen“ Umweg quasi eine Komplizenschaft zu den Nazis in die Schuhe zu schieben. Denn Hitler und Stalin sind ja für ihn auch Komplizen.

Seine „Klarstellung“ läuft genau genommen darauf hinaus, die Anzettelung des in der Geschichte einmaligen Raubkrieges der Naziverbrecher und die im Grunde vorbeugende bzw. zuvorkommende Reaktion darauf seitens der Sowjetunion auf eine gleiche „völkerrechtswidrige“ Stufe zu stellen. Das lässt sich mit Unwissenheit allein schon nicht mehr erklären. Man kann daraus ersehen, wie weit einer, der sich komischer Weise selbst einbildet, noch immer ein Kommunist zu sein, tatsächlich ins bürgerlich-konforme antikommunistische Lager abgleiten kann. Das ist an und für sich nichts Aufregendes, solche Beispiele gibt es in der Geschichte der kommunistischen Bewegung leider nicht so selten. Auch die Methode ist fast immer dieselbe: es beginnt mit „Kritik“, die selber keine Kritik zulässt und außer jeglicher Diskussion steht, geht über in eine „Distanzierung“, mit der man in sozialdemokratischen und bürgerlichen Kreisen „glaubwürdig“ werden will, findet seine Fortsetzung in die reumütiger „Bekehrung“ und mündet letztendlich in offener Feindschaft.

Solche „Läuterungen“ gab es schon in der Bibel (als Saulus zum Paulus wurde und Kaiser Heinrich IV. nach Canossa ging). Das faktische Erscheinungsbild wirft die Frage auf: wo ist da ein Unterschied zu sehen zwischen einem konservativ-bürgerlichen Antikommunisten und einem derart „Geläuterten“? Nun gut, zur Sache, d. h. zur Geschichte: Hätte es 1917 keine Revolution gegeben, wäre für die imperialistischen Weltmächte (England, Frankreich, USA) in einem weiterhin zaristisch gebliebenen russischen Reich das Baltikum überhaupt keine erwähnenswerte Frage gewesen. Ich erlaube mir keine Antwort darauf, wie der Zarismus mit den baltischen Minderheiten umgegangen ist, wahrscheinlich so wie mit allen anderen nationalen Minderheiten im Reich. Das war ja sicherlich auch der Grund, warum die Bolschewiki in ihrem Programm der Nationalitätenpolitik eine derart große Bedeutung zugemessen hatten. Nicht gerade nebenbei bemerkt wurde mit der Ausarbeitung dieser Politik der Georgier Dschugaschwili, genannt Stalin, beauftragt. Die Partei hat dieses Programm auch beschlossen.

Das Arbeiter-Proletariat war ja zu dieser Zeit zahlenmäßig in Russland allgemein schwach vertreten, im Westen eher noch als im Landesinneren und im Osten. Vermutlich war also auch so im Baltikum die proletarische Dichte größer. Bekannt ist jedenfalls, dass Lenin die „baltischen Regimenter“ und die baltischen Genossen in der Zeit vor und während der Revolution sehr schätzte. Die Oktoberrevolution änderte natürlich mit einem Schlag die Haltung der Westmächte, die mit ihrer direkten militärischen Intervention nicht nur die Schwächung, sondern die völlige Zerschlagung und Aufteilung des in kommunistischer Hand befindlichen Landes zum Ziel hatte. Natürlich gab es auch im Baltikum nicht nur Kommunisten, sondern auch bürgerliche, konservative und reaktionäre Schichten. Diese wurden mit allen Mitteln von den Westmächten unterstützt, zumal sie ja mit ihren „nationalen“ Bestrebungen der Loslösung und Abtrennung vom kommunistischen Hinterland den Wünschen und Plänen der konterrevolutionären Kräfte im Inneren und der antisowjetischen Allianz von außen entsprachen. Die damalige Schwäche der Sowjetmacht ermöglichte diesen Schichten die Macht zu ergreifen, die Kommunisten nieder zu werfen und sich als unabhängig zu erklären. In der Folge wurden in diesen drei Ländern (Estland, Lettland und Litauen) sehr bald autoritäre rechtsgerichtete bzw. halb faschistische Regimes errichtet. Besonders in Lettland, wo es eine nicht unbedeutende deutsche Oberschicht gab, wurde später der faschistische Einfluss Deutschlands wirksam. In Estland mit seiner ethnischen Bindung an Finnland hielt die Oberschicht enge Beziehungen zu dem Nazifreund Mannerheim.

Das war die Zeit, als sich auch sonst in Europa überall faschistische Tendenzen ausbreiteten, die zum faktischen „Cordon sanitaire“ gegen die Sowjetunion an deren Westgrenzen wurden. Alle diese Diktaturen wurden besonders von Nazideutschland gefördert und ausgenützt und von den westlichen „Demokratien“ mehr oder weniger wohlwollend toleriert, da sie hofften, der Sturm (d. h. der erwartete) würde „nach Osten abziehen“. Das setze ich als bekannt voraus. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt.

Dass diese Dauerbrenner aus antikommunistischer Sicht immer wieder aufgewärmt wird, ist heute schon längst eine Selbstverständlichkeit. Dass diese Sichtweise jedoch ebenso oft immer wieder widerlegt wurde, ficht den geläuterten (angeblichen) Kommunisten Walter Baier jedoch ebenso wenig an wie die übrigen Antikommunisten.

Die Vorgeschichte sollte auch einem, der damals noch nicht auf der Welt war, hinlänglich bekannt sein. Bei Antikommunisten und „geläuterten“ Kommunisten und Linken hört man stets und immer wieder den Vorwurf, der fast wie eine Anklage der Mitschuld am Krieg klingt: „Wenn die Sowjetunion dieses Angebot Hitlers zu diesem Pakt nicht angenommen hätte, dann. (...) wäre alles anders gekommen.“ Und dann lassen sie alle ihrer Fantasie freien Lauf.

Aber keinem von ihnen kommt die Frage und der Vorwurf in den Sinn: „Und warum haben die Westmächte die wiederholte dringende Aufforderung der Sowjetunion zu einer Politik der `kollektiven Sicherheit` und zu einem Militärbündnis gegen Hitler-Deutschland immer wieder ignoriert? Was wäre dann gewesen?“

Der deutsche Generalstabschef Halder, ebenso General Jodl in Nürnberg sagten später, Deutschland hätte in diesem Falle den Krieg nicht begonnen, weil allein an der Westfront nur 23 deutsche Divisionen 110 Divisionen Frankreichs und Englands gegenüber standen.

Ebenso reden all jene, die jetzt den deutschsowjetischen Nichtangriffspakt (NAP) geifernd verurteilen, kein Wort darüber, dass diese Übermacht beim Überfall der Nazi auf Polen und bis zum Mai 1940 keinen Schuss abgegeben hat. Die Westmächte rechneten noch immer damit, dass als nächstes Opfer die Sowjetunion an der Reihe wäre. Es kam halt anders. Jedenfalls stand die Sowjetführung in dieser turbulenten Zeit unter Zugzwang und vor einer schwer wiegenden Entscheidung.

Der Westen wollte kein Bündnis, der Angriff Deutschlands auf Polen stand fest, das wussten alle Geheimdienste. Und so entschied sich die Sowjetführung für die Annahme des deutschen Angebots eines NAP.

All das war und ist so klar, dass an der Richtigkeit und Legitimität dieser Entscheidung in der damals kriegsschwangeren Situation kein vernünftiger Mensch heute daran mäkeln kann. Nicht einmal W. Baier. Selbst er kann dem Abschluss dieses Pakts nicht absprechen, dass es sich seitens der Sowjetunion um eine „legitime diplomatische Maßnahme“ handelte. ABER (!!) – und jetzt kommt der typisch antisowjetische Baier'sche Hammer: es gab – wie perfid – auch ein „geheimes Zusatzprotokoll“!

Ja, das gab es. Denn so wie sich der kleine Moritz einen Nichtangriffspakt vorstellt, so schauen Vertragstexte nicht aus. Da steht nicht bloß drin: „Ich tue dir nichts – und du tust mir nichts.“ Das wäre halt doch ein bisschen dürftig – oder nicht? Also sind auch ganz konkrete Abmachungen protokollarisch festgelegt, die man halt nicht an die große Glocke der Weltöffentlichkeit hängt. Das kann man durchaus als „geheim“ bezeichnen.

Aber Antikommunisten aller Art legen dieses Wort in ihrem Sinn und mit ihrer ganz bestimmten Absicht aus als „unehrlich, hinterhältig, gemeingefährlich, kriegstreiberisch usw.“ – und laut W. Baier sogar als „völkerrechtswidrig“. Das gilt natürlich nur für die Sowjetunion. Was Chamberlain und Daladier in München mit Hitler und Mussolini ausgepackelt haben? Sicherlich nicht nur: „Na gut, das Sudetenland gehört Dir, lieber Führer.“ Aber was sonst noch? Das weiß bis heute noch niemand. Interessiert auch niemanden, eignet sich auch nicht zu antikommunistischer Propaganda.

Der Verräter und Arschkriecher Gorbatschow (bitte um Entschuldigung, mir fällt kein anderes Wort ein) hat nun das Geheimnis dieses „Zusatzprotokolls“ gelüftet, das schon längst keines mehr war. Für W. Baier ist das halt ein „neues“ Argument, das sich gut gegen Stalin und die verschiedenen Alt- und Neustalinisten ins Treffen führen lässt.

Dass er in dieser Zeit noch nicht auf der Welt war, will ich ihm nicht vorwerfen, aber dass er trotzdem ein geschichtliches Nackerpatzl[2] ist, das schon, denn das hätte er später lernen können.

Was stand also in diesem fürchterlichen „Zusatzprotokoll“, dessen Inhalt die fortschrittliche Welt dieser Zeit zwar nicht dem Wortlaut nach wissen konnte, aber an Hand der rasch folgenden politischen und militärischen Entwicklung bald lebensnah und tragisch erleben und erfahren musste.

Das angeblich so „Geheime“ war gar nicht so geheim, es war jedem Denkenden, vor allem jedem Kommunisten völlig klar: In dem Pakt stand klar und deutlich der Standpunkt und die Forderung der Sowjetunion angesichts des erwarteten Überfalls der Nazis auf Polen.

Die Nazis müssen zur Kenntnis nehmen: auch wir haben ein unabdingbares strategisches Überlebensinteresse, welches heißt: Bis hierher und nicht weiter! Hier gibt es ein strategisches Einflussgebiet zu unserem Schutz und unserer Sicherheit. Und eine einverständliche Demarkationslinie! Das war's!

Was ist für W. Baier hier so „völkerrechtswidrig“, dass er Stalin zum Komplizen Hitlers macht? Sind Chamberlain, Daladier und andere „Demokraten“ im Westen, die Hitler gerne und bewusst groß und gefährlich werden ließen bzw. gemacht haben, nicht schlimmere Komplizen gewesen? Durch sie ist er ja erst geworden, was er wurde.

Dass das Baltikum schon im ersten Weltkrieg ein Aufmarschgebiet gegen Petersburg war, haben die sowjetischen Strategen sehr wohl auch gewusst. Sie wussten auch, dass die Nazis dort ebenso ihre „fünfte Kolonne“ und ihre Leute hatten, genau so wie sie wussten, dass deutsche Soldaten auch in Finnland waren.

Da Leningrad unmittelbar bedroht und der Krieg nur mehr eine Frage der Zeit war, war die Besetzung des Baltikums und eines Teils von Karelien für die Sowjetunion eine strategische Notwendigkeit, was ja bald der ausbrechende Überfall auf die UdSSR bewies.

Vorher hatte die Regierung der Sowjetunion einen für Finnland vorteilhaften Gebietsaustausch zum Schutze des Vorfeldes von Leningrad angeboten, der aber mit Rückendeckung Deutschlands, aber auch des Westens von der finnischen Regierung abgelehnt wurde.

Der Überfall Deutschlands und Finnlands und der weitere Verlauf des Krieges bestätigten in der Folge die strategischen Bedenken und die damaligen vorbeugenden Maßnahmen der Roten Armee vollauf. Die späteren westlichen Alliierten hatten auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges keine Einwände welcher Art immer dagegen, dass die baltischen Länder als eigene Republiken im Verband der Sowjetunion verbleiben sollten. In keinem der folgenden Verträge wurde dieser Status völkerrechtlich angezweifelt bzw. überhaupt problematisiert. Nicht einmal im Kalten Krieg.

Der Kalte Krieg und die Politik des „Rollback“.

Ich will hier nicht auf die ganze Problematik des Kalten Krieges eingehen, das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Der von den kapitalistischen Mächten los getretene Kalte Krieg richtete sich gegen die Sowjetunion, die Kommunisten in aller Welt, aber auch gegen alle antikapitalistischen und antiimperialistischen Regungen in allen Erdteilen.

Neben politischen, wirtschaftlichen und militärischen Aktivitäten war ein wesentliches Betätigungsfeld der Kalten Krieger die „psychologische Kriegsführung“ und die ideologische Diversion gegen und innerhalb der Reihen der Kommunisten. Sie hatte leider ihre Wirkung. Das dauerhafte, intensive, verlogene, heuchlerische und verleumderische Trommelfeuer kapitalistischer Medien, so wie die immer stärker und schneller akkumulierten ungeheueren Kapitalien und Finanzmittel der führenden Kreise in den imperialistischen Staaten, ihre damit ausgehaltenen Propagandaapparate wurden von führenden Funktionären kommunistischer Parteien leider gar nicht oder zu wenig erkannt.

Ihr Auftreten wurde von Anfang an schon immer defensiver, statt den verlogenen Kampagnen um „Freiheit“, „Menschenrechte“, „Dissidenten“, „kommunistischen Terror“ usw. offensiv entgegen zu treten und die Verbrechen des Imperialismus, ihre fortwährenden Kriege, ihre Ausbeutung der Dritten Welt aufzuzeigen, begannen manche Führer, den Schalmeientönen der Prediger des Kapitalismus Gehör zu schenken. Sie bekannten „Fehler“, versprachen sich zu bessern, distanzierten sich von ihrer Vergangenheit, bekannten sich zu einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ und nahmen sich fest vor, sich zu „erneuern“. Es begann im Westen mit dem „Eurokommunismus“ und endete im Osten mit Glasnost, Perestrojka und der Auflösung der Sowjetunion.

Unser großer Erneuerer W. Baier, unterdessen zum Chef-Distanzierer von der „stalinistischen“ Sowjetunion geworden, lässt sich nichts entgehen, womit er diesem Staat, dieser Zeit und der Partei dieses Landes nicht eins auswischen kann.

Genau nach der Parole der ärgsten Reaktionäre und der Sozialdemokratie, bei denen er sich jetzt einweimberln[3] und salonfähig machen will: Über die Sowjetunion - nur Negatives!

Wer das anders sieht als er ist ein Alt- oder Neustalinist. Jetzt entdeckt er sogar seine Sympathie, sein Mitgefühl für die seinerzeit so unterdrückten Bewohner der Baltenländer., für die wieder an die Macht gekommenen „Nationalisten“, die ja gar nicht von den Naziverbrechern „befreit“ wurden. Fast erinnert er mich an unseren FPÖ-Stadler.

Als die Rote Armee die Nazihorden zurück trieb, vertrieb sie auch manche Kollaborateure, die sich als Handlanger und Mordgehilfen in SS-Uniformen nach Deutschland absetzten. Vergessen, dass lettische Faschisten im Ghetto von Riga wüten durften, dass lettische SS-Regimenter zusammen mit deutschen SS-“Kameraden“ das Warschauer Ghetto mit Wollust – wie sie sagten – nieder metzeln durften.

In Estland und in Litauen gab es ebensolche Kollaborateure, an deren Händen massenhaft Juden- und Russenblut klebt. Als sie sich nach Deutschland zurück zogen, bekamen sie von allen „demokratischen“ deutschen Regierungen die gleichen Renten und Pensionen wie ihre deutschen Kameraden.

Nach Gorbatschow durften sie –  so weit sie wollten –  wieder in ihre baltischen Heimatländer zurück. Heute machen die ehemaligen SS-Mörder nun als demokratische „Patrioten“ offizielle Aufmärsche –  und beziehen auch weiterhin deutsche Pensionen.

Leute ihres Schlages bestimmen die antirussische Politik ihrer Länder. Gern besucht und ermuntert von George W. Bush und anderen westlichen Politikern gehören sie heute zur EU und schikanieren offiziell Russen und Kommunisten. dass ihnen Denkmäler für gefallene Rotarmisten nicht gefallen, findet das volle Verständnis W. Baiers. Was soll ich dazu sagen? Willy Brandt sagte vor Jahren einmal in einem Interview im »Spiegel« nach einem Gespräch, das er mit Gorbatschow hatte: „Ich war vollkommen überrascht, dass ein Antikommunist Generalsekretär der KPdSU sein konnte.“ Willy Brandt lebt nicht mehr, aber würde er leben und mit W. Baier ein Gespräch führen, was würde er wohl sagen?

Aus: »nVs«, Juni 2007, 16. Jahrgang, No 2 (97)


[1]  Walter Baier war bis voriges Jahr revisionistischer Vorsitzender der KPÖ

[2]  Nackerpatzl (österr.): nacktes kleines Kind  

[3] sich einweimberln (österr.): sich einschmeicheln

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