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Aus
einem Vortrag des Genossen Herwig Lerouge (PTB),
gehalten am 26. November 2010 in der Katholischen Universität Leuven (KUL)
auf einer Veranstaltung der PvdA/PTB und COMAC
ZUR
„KOMMUNITÄREN FRAGE“ BELGIENS
von
Jens-Torsten Bohlke
Kommunisten-online
30. November 2010 – Dass das Königreich Belgien mit Problemen
zwischen den beiden großen Sprachgruppen der Flamen und der Wallonen
seit langer Zeit zu kämpfen hat, ist zumindest aufgeklärten Menschen
auch in den Nachbarländern Belgiens nicht neu. Wenn im Volke die Rede
darauf kommt, fassen sich die Menschen nicht nur in den Nachbarländern,
sondern auch in Belgien selbst of nur an den Kopf und sagen kopfschüttelnd:
„Was da in der Politik derzeit abgeht, begreifen nicht mal wir hier in
Belgien mehr.“
Wer
wie ich seit einigen Jahren in Belgien lebt und arbeitet und noch dazu
politisch interessiert ist, der bekommt dann schon mal hautnäher mit,
wie sich diese „Rivalität“ zwischen den Flamen und Wallonen im alltäglichen
Leben auswirkt. Denn natürlich besteht der Sprachunterschied nun mal,
und dies wirkt sich aus.
Wenn
jedoch bei z.B. Gewerkschaftsberatungen in Flandern darauf gepocht wird,
dass in Flandern die niederländische Sprache die einzige Amtssprache
ist und daher die Beratung auch in dieser Sprache zu erfolgen hat, denn
nur das niederländischsprachige Protokoll ist ein rechtskräftiges
legitimes Protokoll, dann mögen da so manche anwesenden wallonischen
Gewerkschafter protestieren, eben weil sie in niederländischer Sprache
der Beratung nicht folgen können. Und da Gewerkschafter hierzulande kämpferisch
sind, fällt dann schon mal das harte Wort von der „discriminatión de
les francophones“, der angeblichen „Diskriminierung der
Frankophonen“. Die natürlich niemand „diskriminiert“, nur weil da
Gesetze nun mal zu akzeptieren wären. Und so kommt es rasch zum hier
schon berühmten und schmunzelnd „belgischen Kompromiss“ genannten Königsweg,
dass die Sitzung eben in niederländischer Sprache stattfindet und
amtlich korrekt auch so protokolliert wird, - aber der die Sitzung
leitende Kollege für die französischsprachigen Kollegen gerne alles in
ihre Sprache übersetzt zusammenfasst, so dass sie auf jeden Fall
ungehindert und völlig gleichberechtigt an dieser Diskussion teilnehmen
können. Womit dann in aller Regel alle bestens zufrieden sind und ausländische
Teilnehmer wie mancher Kongolese oder ich uns achselzuckend mal kurz in
die Gesichter schmunzeln, - „ja, so sind sie eben, die Belgier ...“
soll das in etwa heißen.
Zumindest
fällt im Volke selbst nirgendwo ein Hassverhältnis zwischen Flamen und
Wallonen in Belgien auf. Verbalattacken an der Grenze des Erträglichen
werden jedoch zwischen namhaften Politikern geführt. Da jeder noch so
geistig arme Ausspruch von ihnen gerne in der bürgerlichen Presse
wiedergekäut wird, läuft medial unablässig eine zum Hass zwischen
beiden großen Sprachgruppen aufstachelnde Kampagne in Belgien ab.
Da
wird den Wallonen mal eben von flämischen Großkopfeten provozierend
vorgeworfen, dass sie offenbar „zu dumm“ seien, also „nicht über
die minimal nötige menschliche Intelligenz“ verfügen würden, um die
niederländische Sprache überhaupt zu erlernen. Und da kontern dann
wallonische Großkopfeten gerne mal auf die arrogante Art mit dem
Hinweis, dass hunderte Millionen Menschen weltweit französisch
sprechen, während keine 30 Millionen Menschen niederländisch sprechen
würden.
Derlei
Aufbauschen von Scheinproblemen gehört zum Profilierungsdrang bürgerlicher
Politikaster und nennt sich in so einem konkreten Fall seit der Zeit des
alten Römischen Imperiums „Teile und Herrsche“. Doch taten unsere
Genossen von der Partei der Arbeit Belgiens (PVDA-PTB) dies gerne als
lediglich „politischen Zirkus“ lebensfremder und volksfern sich
ergehender reaktionärer bürgerlicher Politikaster ab. Was ein grobe
Unterschätzung der mit separatistischen Bestrebungen verbundenen
Risiken für die materielle Lage der arbeitenden Menschen in Belgien
darstellt, wie mittlerweile nicht nur von den Genossen erkannt worden
ist, sondern auch bei beiden großen Gewerkschaften öffentlich
thematisiert wird.
Seit
dem Ausgang der letzten Wahl in Belgien und der damit verbundenen stark
gewachsenen Gefahr eines real bevorstehenden Zerfalls Belgiens in eine
Zweistaatlichkeit erkannte die Führung der Partei der Arbeit Belgiens
schlagartig, dass sie den bürgerlichen Separatismus lange unterschätzt
hat und die Einheit Belgiens grundsätzliche Bedeutung für den Erhalt
der erkämpften Sozialstandards des arbeitenden Volkes hat. Seit 2010
setzt die Partei der Arbeit Belgiens auf Veranstaltungen den Kampf um
die nationale und soziale Einheit Belgiens ganz oben auf ihre
innenpolitische Tagesordnung. Fast gleichzeitig läuten nun auch bei den
beiden großen Gewerkschaftsverbänden seit Monaten die Alarmglocken:
„Ihr könnt Belgien kommunal reformieren, wie Ihr wollt. Aber die
sozialen Standards und Rechte werden nicht aufgeteilt und nicht
angefasst“, so der Standpunkt der Gewerkschaften, verkündet auf in
den Arbeitsstellen aushängenden gemeinsam von beiden Gewerkschaften
unterzeichneten Mitteilungen.
In
dieser Situation befasste sich kein geringerer als der namhafte Genosse
Herwig Lerouge, einer der führenden Genossen in der Partei der Arbeit
Belgiens und Mitglied des Zentralkomitees, mit der Situation des
drohenden Zerfalls Belgiens in eine Zweistaatlichkeit. Er analysiert
dieses Thema bereits seit etlichen Jahren als Herausgeber der
Zeitschrift „Etudes Marxistes“ / „Marxistische Studien“ in
Belgien. Bereits auf dem Festival der PVDA/PTB-Wochenzeitschrift „solidair“
vor einigen Wochen lautete die große Losung „WE ZIJN EEN, NOUS SOMMES
UN“ („Wir sind eins“). Als Auftakt des Parteifests der PVDA/PTB
gab es den „Solidaridance“, ein öffentliches Tanzen von 1000
belgischen Genossinnen und Genossen für die staatliche Einheit
Belgiens.
Genosse
Lerouge geht nun in seiner Vortragsreihe tiefer in die Geschichte
Belgiens, um die Ursachen und die Entwicklung der sogenannten „flämischen
Bewegung“ fundiert und klassenmäßig herauszuarbeiten und
wissenschaftlich begründete Schlussfolgerungen für die revolutionäre
Arbeiter- und Volksbewegung Belgiens daraus abzuleiten.
Zu
Ursprung und Entwicklung der kleinbürgerlichen „flämischen
Bewegung“
1830 entstand Belgien im Ergebnis einer
Abspaltung von den Niederlanden. Allerdings mit der Besonderheit, ein
multinationaler Staat zu sein. Eine lange Zeit hat Belgien im 19.
Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Regime geführt,
welches die Flamen diskriminierte. Durch die belgische bürgerliche
Revolution von 1830 erhielt eine kleine französischsprachige Elite die
politische Macht in einem System des Ständewahlrechts in einem
zentralisierten Einheitsstaat. Französisch war die Prestige-Sprache für
die Kommunikation der Elite und der höheren Schulen auch beim flämischen
Bürgertum. Gleich nach der Unabhängigkeit verwendeten Schulen,
Verwaltungen der nationalen Regierung in Gemeinden, Gerichte usw. allein
die französische Sprache im Amtsgebrauch. Die niederländische Sprache
fand hier keinerlei Beachtung, sie wurde deklassiert als „Holländisch“.
Diese Diskriminierung der Flamen darf man
nicht mit einer nationalen Unterdrückung einer Nation durch eine andere
Nation, durch eine ausländische Bourgeoisie gleichstellen. Flandern und
die niederländischsprachige Bevölkerung wurden nicht gegen ihren
Willen in Belgien eingegliedert. Es gibt hier keine Sprache durch eine
ausländische Vorherrschaft. Die herrschende Klasse ist selbst zu einem
Teil flämisch. Die Bourgeoisie, die vorwiegend Profit aus dem
Binnenmarkt zieht, kommt nicht aus dem Ausland. Die Zentralbank ist
nicht in den Händen einer ausländischen herrschenden Klasse.
Es bestand hier jedoch eine ungleiche
Entwicklung zwischen den beiden Landesteilen. Die erste Schwerindustrie
entwickelte sich im Süden des Landes in der Steinkohleförderung und
entlang wichtigen Wasserstraßen, so dass die Produkte auf den
Binnenschifffahrtswege transportiert werden konnten. Die wallonische
Bourgeoisie hatte ein größeres Gewicht als die flämische Bourgeoisie,
aber zwischen Flandern und der Wallonie bestand ausdrücklich keine
Beziehung kolonialer Art. Die flämische Industrie war schwächer und
weniger entwickelt als die Wirtschaft in der Wallonie. Ab 1870 kommt die
flämische Wirtschaft, jedoch nicht die wallonische Wirtschaft, unter
die Kontrolle des Brüsseler Finanzkapitals. Wir haben es also nicht mit
einer unterdrückten Nation zu tun, sondern mit eigenen Gegebenheiten.
Die flämische Bourgeoisie sitzt im Parlament und stellt sogar
Premierminister. Die Rechtlosen sind die Arbeiter und die Bauern, ob sie
nun flämisch oder wallonisch sind. Sie haben kein Stimmrecht und können
sich auch nicht als Kandidaten zur Wahl stellen. Belgien hat nur im 2.
Weltkrieg nationale Unterdrückung erfahren.
Jahrelang hat die „flämische Bewegung“
im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Kampf gegen
die Diskriminierung des Flämischen geführt. Eine Diskriminierung, auch
durch die flämische Bourgeoisie. Um als gesellschaftliche Elite zu
gelten und schnell auch einen Teil vom kapitalistischen Kuchen abfordern
zu können, hatte die flämische Bourgeoisie ganz überwiegend
beschlossen, die französische Sprache zu „ihrer Sprache“ zu machen.
Sie wandte sich nicht allein dagegen, dass die Sprache der Bevölkerung
die regionale Amtssprache werden sollte, sondern auch gegen das
Wahlrecht. Die Einführung des Rechts auf Unterricht in der eigenen
Sprache, aber auch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts hat in
Belgien viel länger als in anderen kapitalistischen Ländern gedauert.
Somit war die „flämische Bewegung“ anfänglich eine Bewegung, die
in Teilen auch für bürgerlich-demokratische Verhältnisse, die
Vollendung der bürgerlichen Revolution in Belgien eintrat. Dieses
Potential an gesellschaftlichem Fortschritt erschöpfte sich rasch im
20. Jahrhundert.
Die sprachliche und zugleich soziale
Diskriminierung benachteiligte auch einen stets größeren Teil des
Kleinbürgertums, welcher keine Arbeit fand, nicht mal in der
Verwaltung. Dieses Kleinbürgertum spielte eine sehr aktive Rolle in der
flämischen Bewegung. Vor 1850 waren es vor allem Schriftsteller,
Dichter und Philologen, die sich dem 'Überstülpen des Französischsprachigen'
aktiv widersetzten. Es ging um „flämisches Sprachgut“.
Die „flämische Bewegung“ ist seit 100
Jahren eine reaktionäre Bewegung
Nachdem die Bewegung anwuchs, ging es um
„flämisches Kulturgut“. Das Kleinbürgertum begann sich mit „dem
Volk“ und mit „der Kultur des Volkes“ zu identifizieren. Ausgehend
von einem Kampf für das Recht auf den Gebrauch der eigenen Sprache verändert
die flämische Bewegung diesen Kampf in einen Kampf für 'das Volk' und
'seine Kultur'. So wird dies zu einem reaktionären Kampf, weil
innerhalb einer Nation keine 'Kultur des Volkes' besteht.
In jeder Nation bestehen zwei Kulturen: eine
Kultur der Arbeiterklasse und eine Kultur der besitzenden Klasse. Die
Kultur der Arbeiter ist internationalistisch und an jede dem
gesellschaftlichen Fortschritt verbundene Kultur angelehnt. Sie wendet
sich in jeder Kultur gegen alle reaktionären Elemente. Auf diese Art
entsteht eine Vermischung von Kulturen, so dass die heutige immer mehr
Gestalt bekommt.
Diese Bewegung ging vom städtischen Kleinbürgertum
aus und konnte nicht auf einen Schlag auf viel Sympathie beim
arbeitenden armen Volk zählen. Der konkrete Kampf gegen das
schreckliche Elend der Arbeiter und der Bauern stand nie auf ihrer
Tagesordnung. Sie hat noch niemals den Kampf gegen die 'Franskiljons'
als Klasse der wirtschaftlichen und finanziellen Macht in den Händen
der neuen Verbindungen zwischen der Brüsseler und wallonischen
Bourgeoisie geführt. Diese 'Franskiljons' kontrollierten die
bedeutendsten Betriebe im Land und waren auch für die Ausbeutung der
wallonischen Arbeiter verantwortlich. Die Anhänger der heutigen flämischen
Bewegung schauten auf die materielle Armut aus einem kulturellen
Blickwinkel (via geistiger Entwicklung und Unterricht in niederländischer
Sprache).
Politische Strömungen in der reaktionären
„flämischen Bewegung“
a) Für den Klerus bedeutete der Flame eine
Waffe zum Schutz der traditionellen Lebensweise, vor allem auf dem
flachen Land. Der Klerus widersetzte sich gegen alles, was mit Modernität
und mit dem Französischen zu tun hat - der Sprache der Revolution, des
Atheismus, des Entartens der Sitten. Diese Fraktion sollte 1914 ein Bündnis
mit der deutschen Besatzungsmacht eingehen. Sie machte von der Besetzung
Gebrauch, um aktiv den Kampf für ein „unabhängiges Flandern“ zu führen.
Später dann sollten ihre Anhänger sich dem Faschismus anschließen und
unter dem Einfluß der niederen katholischen Geistlichkeit den
Bolschewismus an der Seite der SS bekämpfen.
b) Die liberale Strömung der flämischen
Bewegung wollte gewöhnlich den Kampf gegen das Überstülpen des Französischsprachigen
und gegen das Übergewicht des Klerus führen. Für seine Anhänger war
allein das „Flämische“, die Sprache, die das Volk kannte, der Schlüssel
für Emanzipation. Unterricht in der Muttersprache bildete auch einen
Teil des Kampfes gegen den aufkommenden Sozialismus. Durch die
Grundschulpflicht konnte das „aktive Wahlrecht“ für alle eingeführt
werden, die staatsrechtlich „handlungsgeeignet“ waren, d.h. lesen
und schreiben konnten. Dies gab die Gewähr für den Einbezug der
Arbeiter in das Wahlsystem und konnte der Verbreitung revolutionärer
Ideen entgegenwirken. So wirkte es „klassenversöhnlerisch“ und
konnte den Klassenkampf abschwächen.
Um 1890 bestand ein christdemokratischer
Kreis um den Herausgeber und Journalisten Pieter Daens, welcher die
Arbeiter und die Kleinbauern vertrat. Die Bewegung gegen die französischsprachigen
Herren und Schloßbesitzer hatte einen ausgesprochen flämischen
Charakter. 1893 errichtete der Priester Daens die „Christliche
Volkspartei“. Ein Versuch, der völlig mißglückte.
Zum Verhältnis zwischen Sozialisten und
„flämischer Bewegung“
Die sozialistische Strömung hat den flämischen
Forderungen viel zuwenig Beachtung geschenkt. Dies auch, weil die flämische
Bewegung bei der Pariser Kommune und der sozialen Erhebung 1886 Partei für
das Lager der Katholiken ergriff.
Ende des 19. Jahrhunderts war die Auffassung
der katholischen Partei, dass die gesellschaftliche Krise durch die
Kluft zwischen der französischsprachigen Elite und der flämischen
Volksmasse ausgelöst wird. Flämisch sprechen wird so zu einer
Notwendigkeit, um zu verhindern, dass die Volksmasse in Flandern sich
dem Sozialismus zuwendet.
Die BWP (Belgische Arbeitsleutepartei - wurde
dann Belgische Sozialistische Partei nach dem 2. Weltkrieg) sah die
Sprachfrage als „ein gerechtfertigte, aber auch untergeordnete
Nebensache, die mit dem Erreichen des allgemeinen Wahlrechts eine Lösung
erhalten wird. Die Sozialisten kritisierten zu Recht viele Teile der flämischen
Bewegung, die den Mund sehr voll nahmen über flämische
Sprachforderungen, aber die ganz und gar nichts gegen das soziale
Unrecht tun wollten.“
Als sie im Parlament waren, stimmten dann
auch die wallonischen Sozialisten dafür, die niederländische Sprache
zur Amtssprache in Flandern zu machen. Aber das Bündnis mit den
Liberalen (für das Stimmrecht), der Antiklerikalismus und ein gewisser
Chauvinismus bekommen die Oberhand in einer hauptsächlich französischsprachigen
Partei.
„Territorialprinzip“ setzt sich statt
„Personenprinzip“ in Belgien durch
Beim Sprachrecht waren vor 100 Jahren zwei
Optionen denkbar. Entwder man entschied sich für die allgemeine
Zweisprachigkeit (das Personenprinzip). Jeder entscheidet, welche
Sprache er oder sie spricht. Oder die Person paßt sich an die
Amtssprache an, die in einer bestimmten Region gesprochen wird (das
Territorialprinzip). Derweil geschieht es, dass sprachliche Minderheiten
um Anpassung beim Territorialprinzip bitten, um sich gegen eine Sprache
zu schützen, die mehr verbreitet ist und mehr Ansehen vor Ort genießt.
Die wallonischen Führungspersönlichkeiten
widersetzten sich der Zweisprachigkeit und gaben dabei demografische und
antiklerikale Motive an, denn die flämische Mehrheit wurde von ihnen
als überwiegend katholisch betrachtet. Sie forderten, dass die Wallonie
einsprachig französischsprachig bleibt, derweil Flandern zweisprachig
sein müßte.
Das Belgien der 3 Regionen plus „externer
Zweisprachigkeit“ entsteht
1921 wurde Belgien in zwei einsprachige
Regionen gespalten, Flandern und Wallonie, und in eine zweisprachige
Region, Brüssel. Die Sprachgesetzgebung von 1932 wurde völlig auf das
Territorialprinzip gegründet. Aber die Sprachgrenze lag nicht fest.
Alle 10 Jahre konnte sie entsprechend Ergebnissen von Sprachzählungen
angepaßt werden. Wenn sich eine Minderheit von 30% abzeichnete, fiel
die Gemeinde unter das Regime von „externer Zweisprachigkeit“ und
wurde sie eine „Faciliteiten-Gemeinde“. Wenn bei der Sprachzählung
die Mehrheit der Einwohner erklärte, eine andere Sprache als die der
Region zu sprechen, mußte die Gemeinde das Sprachregime ändern, was
dem Verlegen der Sprachgrenze nahekam. Solcherlei Anpassungen geschahen
naturgemäß durch die Stärke des Französischen stets zum Nachteil der
Niederländischsprachigen.
„Kulturautonomie“ der Regionen beendet
„externe Zweisprachigkeit“
Letztendlich haben die bürgerlichen flämischen
Parteien dann erreicht, 1962-1963 die Festlegung der Sprachgrenze und in
den 70er Jahren die Kulturautonomie durchzusetzen. Die Sprachgrenze hat
das Land in vier Sprachregionen auftgeteilt: eine niederländischsprachige
Region Flandern, eine französischsprachige Region Wallonie, eine
deutschsprachige Gemeinschaft nahe der Grenze zu Deutschland und eine
zweisprachige französisch- und niederländischsprachige Region aus den
19 Gemeinden von Brüssel. Jede belgische Gemeinde bildet ausschließlich
einen Teil von einer dieser vier Sprachregionen. Die Sprachgrenze kann
sich allein dann noch verändern, wenn eine Zweidrittelmehrheit der
Volksvertreter mit einer Mehrheit innerhalb einer Sprachgruppe dieses
Vorhaben unterstützt. Dies bedeutete eine Verallgemeinerung des
Territorialprinzips.
Davon wiederum wurde eine Anzahl von
Gemeinden an beiden Seiten der Sprachgrenze und am flämischen Rand rund
um Brüssel ausgenommen. Dort beschränkten die Flamen sich sehr auf
grundlegende Übergangsbestimmungen, ausgehend von dem Prinzip, dass
hier keine Minderheiten sind, und dass die „Migranten“ sich anpassen
müssen und in die Sprachgemeinschaft integrieren müssen.
Territorialität ist an sich keine Strategie
von extrem Rechten. Aber das „Territorialprinzip“ wird sehr wohl
dazu, wenn man an der Grenze nicht länger die Rechte von Minderheiten
beachtet, oder wenn man keine Entwicklung zuläßt wie z. B. die normale
Ausbreitung einer Großstadt wie Brüssel. Entlang von Grenzen
entwickeln sich stets Übergangsgebiete mit Minderheitsgruppen und mit
sprachlich vermischten Gruppen. Die Demokratie erfordert dabei, dass man
kollektive Sprachrechte an diese Minderheiten gewährt: kollektive
sprachgebundene Infrastruktur, Zweisprachigkeit im öffentlichen Dienst.
„Gemeinschaften“ und „Gewesten“ seit
1970 zersplittern Belgien tiefer
Die „Kulturgemeinschaften“ der niederländischen
und der französischen Sprache werden 1970 geschaffen. Die
„Kulturgemeinschaft“ der Deutschsprachigen gibt es seit 1973. Auch
die Gewesten werden 1970 geschaffen, aber nur auf dem Papier. Die
Schaffung von einerseits „Gemeinschaften“ und andererseits Gewesten
gibt Antwort auf zwei verschiedene logische Herleitungen. Die
„Gemeinschaften“ sind eine flämische Forderung nach mehr
kultureller und sprachlicher Autonomie, was vor allem zur
Kommunitarisierung des Unterrichtswesens führen soll. Eher
wirtschaftliche Aspekte unter dem Einfluß des wallonischen
Nationalismus gehören zur Grundlage der Bildung der Gewesten: das
Grundgebiet, die Einrichtung des Grundgebiets, einige Zuständigkeiten
auf dem Gebiet der Wirtschaft, Beschäftigung usw. Man geht davon aus,
dass mehr Autonomie das wirtschaftliche Wiederaufblühen im wallonischen
Gewest fördern wird.
Großteil der flämischen Bourgeoisie kollaborierte mit Nazideutschland
Nach dem 2. Weltkrieg fiel der flämische Nationalismus, dessen führende
Vertreter mit den Nazis kollaboriert hatten, in Mißkredit. Aber seit
den 60er Jahren lebte er wieder auf. Dies erfolgte parallel zum
Erstarken der Wirtschaftsposition Flanderns.
Dass die „flämische Bewegung“ erneut den
Kopf hebt, geht einher mit dem Aufkommen einer neuen flämischen
Bourgeoisie. In der Phase des Kapitalismus der Finanzgruppen oder
Holdings (1870-1940) sehen wir eine Konzentration der kapitalistischen
Klasse. Die kapitalistischen Machthaber sind in Brüssel konzentriert.
Die Wirtschaftsgruppierungen mit flämischem Profil zu Beginn des 20.
Jahrhunderts sind einerseits der Bauernbund, Gevaert, die Kredietbank
und andererseits der Flämische Handelsverband, der später der VEV (Flämischer
Wirtschaftsverband) werden wird. Auf dem Niveau des globalen belgischen
Kapitalismus sind diese Initiativen eher nicht bedeutend.
Seit 1970 wird flämische Bourgeoisie in Belgien immer mächtiger
Gerade da aber wird es in den Jahren von 1970
bis 1980 zu Veränderungen kommen. Da entwickelte sich in Flandern aus
den großen belgischen und ausländischen multinationalen Konzernen eine
örtliche Bourgeoisie im Dienstleistungsbereich und in den Bereichen des
Transportwesens, Handel, Banken und Versicherungen und einige
Subunternehmen nahe den multinationalen Konzernen (die meisten
Subunternehmen waren auch US-amerikanische, deutsche, französische ...
multinationale Firmen).
Regionalisierung/Zersplitterung Europas nützt deutschem Imperialismus
Wir müssen eine viel gründlichere Studie über die Verbindungen
zwischen der Krise des Kapitalismus seit den siebziger Jahren und der
zugenommenen Konkurrenz zwischen den verschiedenen kapitalistischen
Gruppen und dem offensiven Regionalismus in etlichen Regionen Europas
erarbeiten. Eine Fraktion der flämischen Bourgeoisie hofft darauf, die
Bevölkerung einen garantierten schnellen sozialen Niedergang im Namen
der Wettbewerbsfähigkeit und „Flanderns als größter Region in
Europa“ akzeptieren zu lassen. Diese Fraktion der flämischen
Bourgeoisie hofft, die flämische Arbeiterklasse von ihren wallonischen
Klassenbrüdern zu entfremden, welche sie einer Streikkultur und des
„Sozialschmarotzertums“ zu Lasten der Entwicklung Flanderns
beschuldigt.
Vom Europa der Regionen macht übrigens auch
der reaktionäre Flügel der deutschen Bourgeoisie Gebrauch, um die
deutsche Vorherrschaft in Europa zu besiegeln. Die europäischen
Regionalisten können auf den rechten Flügel der deutschen
Christdemokraten rechnen, der überall die 'ethnizistischen' Bewegungen
unterstützt, in Italien, in Frankreich, in Spanien, in Belgien, auf dem
Balkan und in Osteuropa. Ein Europa mit einem homogenen Deutschland,
welches anderen in Regionen zerbröselnden Staaten gegenübersteht, kann
dann nur noch die deutsche Vorherrschaft festlegen, das ist das Kalkül
des deutschen Imperialismus in Europa heute.
Seit 1980 lähmen reaktionäre Staatsreformen Belgien immer schlimmer
Ab 1980 gehen alle Staatsreformen in die Richtung der Übertragung von
Vollmachten des Zentralstaates (der ein föderaler Staat wird) an die
Provinzen und die Kommunen. Die Provinzen erhalten Kultur, die
sogenannten personengebundenen Zuständigkeiten wie Gesundheitsfürsorge
und öffentlichen Beistand. Die Provinzen erhalten die territorialen
Vollmachten wie Gewerbe, Einrichtung von Gebieten, provinzielle
wirtschaftliche Entwicklung und Beschäftigungspolitik. Die Provinzen
und die Kommunen verfügen auch über jeweils ein Parlament und eine
Regierung. Ihre Maßnahmen erhalten dieselbe Rechtskraft wie die
Gesetze, die auf gesamtstaatlicher Ebene bestehen. In Flandern sollen
Provinz und Gemeinschaft fusionieren, wobei alle Vollmachten von einem
einzigen Parlament und einer einzigen Regierung ausgeübt werden sollen.
Für das Lösen von Zuständigkeitskonflikten zwischen den nationalen
und den provinziellen Einrichtungen kommt ein Vermittlungsgericht ins
Spiel. Das ist notwendig, damit keine Hierarchie zwischen den
Provinzdekreten und den gesamtstaatlich verabschiedeten Gesetzen
besteht.
1988-89 wurde das Schulwesen kommunalisiert.
1989 erblickte die Brüsseler Hauptstadtprovinz ihr Lebenslicht. Ihre
Errichtung war im Kühlschrank geblieben: die Französischsprachigen
wollen eine autonome Provinz, während sich die Flamen völlig von
dieser Idee distanzierten. Sie meinten, dass die Flämische Gemeinschaft
und die Französische Gemeinschaft zusammen Brüssel verwalten müssten.
Die neue Staatsreform von 1993 ändert das Grundgesetz. Es wird ein
Artikel 1 hinzugesetzt, der ausdrücklich festlegt, dass Belgien ein föderaler
Staat ist, der sich aus Gemeinschaften und Provinzen zusammensetzt.
1993 wurden die Parlamente der Wallonie und
Flanderns direkt gewählt. Die Provinz Brabant wurde in zwei Provinzen
aufgespalten. Es kam zu einer Provinz Vlaams Brabant und einer Provinz
Brabant Wallon. Die Staatsreform von 2001 vertieft eine Zahl von
Vollmachtenübertragungen und regelt die Finanzierung der föderalen
Einrichtungen des Staates. Die Provinzen und die Gemeinschaften, die von
'Zuschüssen' der gesamtstaatlichen Regierung abhängen, können fortan
auf einen Teil der Steuereinnahmen rechnen.
Spaltung Belgiens ist ein sozialer und demokratischer Verlust für das
Volk
40 Jahre aufeinanderfolgende Staatsreformen
brachten stets mehr Vollmachten für die Provinzen und Gemeinschaften.
Die großen flämischen politischen Parteien halten dies für den
normalen Lauf der Geschichte. Der Föderalismus ist ein reaktionärer Föderalismus.
Es besteht keine einzelne Hierarchie zwischen dem föderalen Staat, den
Gemeinschaften und den Provinzen. Diese Entwicklung geht gegen die
Entwicklung aller anderen föderalen Staaten, wo Zentralbefugnisse den Föderal-
und Regionalbefugnissen übergeordnet sind. (In Deutschland bricht
Bundesrecht das Länderrecht. In den USA bricht Bundesrecht das
Einzelstaatenrecht. Nicht so in Belgien, wo es beispielsweise 3 Minister
für Klimafragen gibt: den belgischen, den flämischen, den wallonischen
... hat Belgien drei Klimaprobleme, fragt Genosse Lerouge unter dem Gelächter
des Publikums. Und unsereins denkt daran, wie überdimensional hier in
Belgien die Lohnsteuern gegenüber den Sozialabgaben sind, im Vergleich
etwa mit Deutschlands Lohnsteuer- und Sozialversicherungssystem.)
Konföderation soll „unabhängigem
Flandern“ das Tor öffnen
Heute geht es um den Konföderalismus. Das
ist der letzte Halt vor der Endstation der Spaltung des Landes und der
Unabhängigkeit von Flandern, auf was die flämischen Nationalisten aus
sind.
Nationalismus ist tödliches Gift für die ArbeiterbewegungWir dürfen das Voranschreiten der nationalistischen Kräfte nicht auf
die leichte Schulter nehmen. In den letzten Jahren haben wir die Gefahr
unterschätzt. Bei den Wahlen von Juni 2010 setzte sich der
Nationalismus im Norden des Landes in bedrückender Weise an die Spitze.
Nach jahrelanger Propaganda darüber, dass „Belgien das Vorankommen in
Flandern behindert“ und über „die wallonischen Profiteure“ haben
sie es letztlich geschafft, die Herzen eines Teils der flämischen Bevölkerung
für sich zu gewinnen.
Anstatt nach oben zu schauen, wo die Millionäre
und Bankiers sind, haben viel zuviele Flamen ihren Blick auf einen
einfachen Mitmenschen, den wallonischen Nachbarn gerichtet. Das
herrschende Bürgertum in Flandern will die belgische Arbeiterbewegung
abschwächen. Es will die flämischen Arbeiter hinter sich bringen
zugunsten eines aggressiven, konservativ-neoliberalen Flandern. Dieser
Nationalismus ist ein tödliches Gift für die Arbeiterbewegung und für
jedes fortschrittliche Ideengut.
Der Wahlsieg der reaktionären flämisch-nationalistisch-separatistischen
NV-A birgt Risiken für das Auseinanderfallen von Belgien und die
Zerschlagung der sozialen Sicherheit in sich. Die Gefahr der zunehmenden
Zersplitterung in der Arbeiterbewegung ist aktuell. Wir bekommen es in
Flandern mit einem neoliberalen und konservativen Geist zu tun. Die drückende
Konkurrenz zwischen den Landesteilen hat schwerwiegende Folgen für die
sozialen Belange. Heute liegt eine aufgeteilte Spaltung der sozialen
Sicherheit auf dem Verhandlungstisch. Es gibt dahingehend Übereinstimmung,
dass der Schwerpunkt in Belgien vom föderalen Staat auf die Teilstaaten
verlagert werden wird. Das bedeutet soviel wie eine konföderale
institutionelle Umgestaltung. Der Konföderalismus ist ein neuer Schritt
in Richtung des Auseinanderfallens von Belgien und die letzte
Haltestelle vor der Endstation, der Aufteilung Belgiens.
Einheit von Großbourgeoisie und Regierenden
im Schlepptau des imperialistischen Deutschlands
Genosse Lerouge zeigte darüber hinaus
anschaulich auf, dass sich die wirtschaftspolitischen Vorstellungen des
großbürgerlichen flämischen Unternehmerverbands VOKA zu 100% mit dem
wirtschaftspolitischen Standpunkt der N-VA decken. Großes Vorbild der
flämischen Großbourgeoisie ist das imperialistische Deutschland mit
seinem ausgeuferten Lohndumping, dem Betrug der arbeitenden Menschen bei
ihren Altersrentenansprüchen und der Durchsetzung liberaler
Wirtschaftsgesetze zwecks verschärfter Ausbeutung der Arbeiterklasse
zugunsten von Profitmaximierungen.
Wie die Brüsseler über den Tisch gezogen
werden sollen
Interessant war die Frage, wie sich die
Separatisten die Aufspaltung Brüssels vorstellen. Genosse Lerouge
meinte, dass die Einwohner der heute zu Brüssel zählenden Gemeinden
einst vor 150 Jahren zu ca. 80% flämisch sprachen. Heute ist dieser
Umstand genau umgekehrt. Wie kam es zu dieser Umkehr? Nun, die Bevölkerung
wurde „gekauft“. Gute Arbeitsplätze gab es nur für Französischsprechende.
Also lernten auch die Flamen emsig die französische Sprache. Wie heute
immer mehr Wallonen die niederländische Sprache als Zweitsprache
erlernen. Denn heute ist Flandern einsprachig, Brüssel zweisprachig,
und in der Wallonie wird zumindest noch Niederländisch-Unterricht an
allen Schulen auf freiwilliger Basis angeboten, was in Flandern
hinsichtlich Französisch-Unterrichts nicht der Fall ist.
Wie nun aber eine Mehrheit der Brüsseler
Einwohner heute „kaufen“? Mit einer Konföderation würden sich da
schon Wege ergeben, auf die die Großbourgeoisie setzt. Beispielsweise,
indem der Brüsseler Einwohner die Wahlmöglichkeit zwischen flämischer
oder wallonischer Sozialversicherung erhalten könnte. Vorerst kann da
das Kindergeld und die Pflege im Alter im flämischen
Sozialversicherungssystem ja erst mal besser aussehen als im
wallonischen. Brüssel hätte seinen Preis, und die flämische
Bourgeoisie würde sich Brüssel schon noch was kosten lassen. Auch wenn
Brüssel rein von den statistischen Zahlen her das größte und
schwierigste Armutsgebiet Belgiens derzeit ist. Aber heißt dies, dass
Brüssel finanziell ein „Verlust“ sei? Keinesfalls, wie auf den
zweiten Blick leicht zu erkennen ist.
Wie andere Metropolen wächst Brüssel ständig
über seine Stadtgrenzen hinaus. Der Großraum Brüssel umfaßt als
geschlossener städtischer Ballungsraum geografisch heute die gesamte Fläche
von Waterloo bis Zaventem. Aber nur ein relativ kleiner Teil dieser Fläche
gehört verwaltungsmäßig zur Region Brüssel. Belgiens von den
Steuereinnahmen her reichste Provinzen liegen um Brüssel herum. Das heißt,
viele Einwohner dieser Provinzen pendeln nach Brüssel zur Arbeit, wo
sie gut verdienen, um dann die Steuern vor Ort in den an Brüssel
angrenzenden Provinzen vor allem Flanderns zu zahlen. Derartige
„Speckgürtel“ gibt es weltweit um Metropolen, mit ganz ähnlichen
Problemen wie im Fall von Brüssel.
Genosse Lerouge: Das Sprachproblem ist
gesellschaftlich längst gelöst
Bereits jetzt, so Genosse Lerouge, gibt
aufgrund der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit beispielsweise in großen
Teilen der Wallonie ein sehr stark anwachsendes Interesse am Erlernen
der niederländischen Sprache, denn die Menschen suchen auch in Flandern
oder in den Niederlanden verstärkt nach Arbeit und Lohn. Weshalb in der
Wallonie derzeit vielerorts händeringend Niederländisch-Lehrer gesucht
werden. Diese Tatsache beweist ganz klar, dass die Zeiten längst vorbei
sind, in denen die niederländische Sprache in Belgien bzw. beim französischsprachigen
Teil Belgiens irgendeiner Diskriminierung ausgesetzt gewesen war. Derlei
Tatsachen nähren jedoch auch das Kalkül der flämischen
separatistischen Großbourgeoise, sich auch Brüssel aus dem Kuchen
Belgien im Fall der Spaltung Belgiens einverleiben zu können.
Und da wiege sich dann niemand in
Sicherheiten! Wenn ein unabhängiges Flandern erst mal entstanden ist,
dann kann ganz rasch binnen historisch sehr kurzer Zeit entsprechend den
Denkschriften des großbürgerlichen Unternehmerverbands VOKA die
soziale Daumenschraube angesetzt werden ... natürlich im Namen einer
dann sogenannten „Wettbewerbsfähigkeit Flanderns“ und im Schlepptau
des imperialistischen Deutschlands, welches ja als „Musterknabe in der
EU“ allen vormacht, wie die Arbeiterklasse zu schröpfen ist.
Die Partei der Arbeit Belgiens dagegen kämpft
an der Seite der Gewerkschaften und an der Spitze der Arbeiterklasse
ganz Belgiens für die unbedingte Erhaltung der staatlichen Einheit
Belgiens. Die Partei der Arbeit Belgiens geht davon aus, dass es keine
Staatsreform gibt, die nicht rückgängig gemacht werden kann, erst
recht wenn dies im gesellschaftlichen Interesse und zum Nutzen der überwältigenden
Mehrheit der Belgier, vor allem des arbeitenden Volkes, liegt.
Es geht um weit mehr als einen Ehestreit mit Trennungsschmerz
Dringend notwendig ist die politische Aufklärungsarbeit
beim Volk, wo insbesondere in Flandern viele Menschen bisher gar nicht
begreifen, welche Politik ihnen die N-VA da verkauft. Es geht nicht wie
in der landläufig meistverbreiteten Meinung simpel nur darum, dass eine
Ehe zerfällt, die Frau nicht mehr mit dem Mann weiterhin zusammensein
will. Er ihr schon zweimal angeboten hat, doch bitte bei ihm zu bleiben
und mit ihm alle Probleme gemeinsam zu lösen, er sei doch kompromißbereit
und aufgeschlossen und liebe sie doch noch immer. Und nun bei ihrem
dritten „Theater“ daheim wird der Mann auf ein Mal ruhiger und denkt
sich: „Wenn es absolut nicht mehr gehen soll, wenn sie mich denn
unbedingt verlassen will, dann soll sie eben gehen.“
Nein, dies kann und darf nicht die Option für
Flamen und Wallonen, für Brüsseler und Deutschsprachige in Belgien
sein. Hier darf die Arbeiter- und Volksbewegung nicht zulassen, dass ein
Kind weniger staatliche Hilfe erhält, nur weil es in einer französischsprechenden
Familie aufwächst. Belgiens Arbeiterklasse kann nicht an ihrer eigenen
kalten Entrechtung mittels bürgerlich-reaktionärer Aufspaltung der
staatlichen Einheit Belgiens interessiert sein. Hier muß die soziale
Frage allen Menschen in Belgien bewußt gemacht werden. Und wer da nicht
nur oberflächlich, sonder etwas tiefer reinschaut, dem wird das auch
rasch klar, was hier auf dem Spiel steht.
Nur breite Mobilisierung der Massen kann Belgiens Einheit retten
Dies zeigt sich an der „Kissenschlachten“-Aktion
der belgischen Studenten, was einfach eine ganz exzellente
massenwirksame und öffentlichkeitswirksame Protestform ist, die ja in
diesen Tagen in etlichen flämischen Städten bestens ankam.
Und jawohl, gerade Flanderns politisch
aufgeklärte volksverbundene Kräfte müssen jetzt sehr aktiv werden, um
den flämischen Nationalisten und Separatisten und Chauvinisten und
Faschisten in den Arm zu fallen.
Die Grenze ist nicht zwischen Flamen und
Wallonen, sondern zwischen jenen paar reichen Ausbeuter-Clans da oben
und uns als arbeitender Volksmasse hier unten, zwischen Ausbeutern und
Ausgebeuteten.
Daher müssen wir Kommunisten und Sozialisten, wir Humanisten und
Arbeitende, wir Arbeitslose und auf gesellschaftliche Unterstützung in
Belgien Angewiesene uns alle gemeinsam für die Beibehaltung der
staatlichen Einheit Belgiens und gegen die Konföderations-Pläne des
Herrn Bart de Wever von der N-VA aussprechen. Und zwar so laut und
deutlich, dass Kollegen und Nachbarn, Verwandte und Freunde,
Kommilitonen und Mitspieler mit uns gemeinsam für die staatliche
Einheit Belgiens hier und heute aufstehen.
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