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Belgien:
Gewerkschaften
in gemeinsamer Aktionsfront erfolgreich
HUNDERTTAUSENDE
AUF DER STRASSE - REGIERUNG LETERME UNTER DRUCK
exklusiv
für K-Online von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel/Brüssel, 18. Juni 2008
Die
Arbeiterklasse wollte bei der gewerkschaftlichen Aktionswoche vom 9. bis
13. Juni 2008 ebenso „Butter bei die Fische“ von der belgischen
Regierung Leterme wie die Bauern, welche am 18. Juni 2008 erfolgreich
nicht nur Teile des Brüsseler Autobahnrings blockierten. Es sind vor
allem die ständig ansteigenden Kosten für Brenn- und Kraftstoffe bei
gleichbleibenden Löhnen und Erzeugerpreisen für landwirtschaftliche
Produkte, die Arbeiter und Bauern Belgiens fast gleichzeitig auf die
Strasse gehen liess. Der Autor hätte gerne ein Foto von der
Massendemonstration in Brüssel hier beigesteuert, aber heftiger
Regenguss verhinderte die gute Möglichkeit, dort zu fotografieren. Der
Regen hinderte aber nicht zehntausende Menschen an der Teilnahme in der
Massendemonstration.
Hunderttausende
beteiligten sich allein an der gewerkschaftlichen Aktionswoche, welche
darin bestand, jeden Tag einen anderen Teil Belgiens generalstreikartig
lahmzulegen. Schlagwort dabei war die Forderung nach Kaufkrafterhöhung.
Und sinkende Reallöhne der Arbeiter und Angestellten waren der Grund für
die seit einigen Monaten eskalierenden Proteste. Zum Anlass der
gewerkschaftlichen Aktionsfront von roter, grüner und blauer
Gewerkschaft (Sozialdemokraten, Christdemokraten und Liberale) wurden
Diskussionen der Regierenden über die Abschaffung der Indexierung in
Belgien, d.h. der jährlichen Inflationsanpassung von Löhnen, Gehältern,
Renten und staatlichen Lohnersatzleistungen, - dies natürlich wohlfeil
begründet mit Forderungen aus dem Kreise anderer EU-Mitgliedsstaaten an
Belgien. Normalerweise bringt diese gesetzliche Anpassung der Löhne an
den „Index“ 1,8% bis 2,2% mehr monatlichen Nominallohn, denn die
Inflationsraten der letzten Jahre waren nicht sonderlich hoch.
Mittlerweile sprechen die Gewerkschaften von einem zu erwartenden
„Index“ mit mindestens einer 5 vor dem Komma für Ende 2008, eben
wegen insbesondere der explodierenden Preise bei Kraft- und
Brennstoffen, Wasser und Energie. Die gewerkschaftliche Aktionswoche
erreichte schon mal, dass die von Politikern andiskutierte Abschaffung
der Indexregelung bei Belgiens Regierenden vorerst vom Tisch ist.
Aber
der Forderungskatalog der unzufriedenen Massen in Belgien geht natürlich
noch weiter. Gewerkschaften und Linksparteien griffen die Stimmung auf
und sammeln massenhaft Unterschriften für eine Petition, die Regierung
möge die Mehrwertsteuer von 21% auf 6% bei Gas und Elektroenergie für
die Haushalte absenken. Überall wird über diese Forderung diskutiert,
allein die Genossinnen und Genossen der PvdA/PTB sammelten dafür
100.000 Unterschriften.
Sonderlich
stark war die gewerkschaftliche Mobilisierung so kurz vor den
parlamentarischen und allgemeinen Sommerferien für die Aktionswoche gar
nicht gewesen. Dennoch machten Hunderttausende aktiv mit. Von Aarlen bis
Brügge, von Mons bis Hasselt. Viermal mehr in Zahlen als am 15.
Dezember 2007 bei jener grossen Massendemonstration durch Brüssel. Der
Massencharakter der Proteste war überall spürbar. Und die Regierenden
sind gewarnt: „Das ist erst der Anfang“, klang es häufig in
mindestens zwei Sprachen.
Michel,
ein Gewerkschaftsaktiver, meinte: „Es müssen mehr Centjes auf den
Tisch kommen. Wir müssen mehr verdienen, um über die Runden zu kommen.
Uns aufzuwärmen und daheim gemütlich aufzuhalten nach der Arbeit ist
doch kein Luxusleben. Die Mehrwertsteuer auf Energieverbrauch in
Haushalten muss nach unten, von 21% runter auf 6%.“
André
ist Rentner und kommt nicht hin mit seiner Rente von 800 Euro: „Selbst
wenn ich nur Sonderangebote bei Lebensmitteln kaufe, reicht es nicht für
mich. Manchmal gehe ich hungrig schlafen. Und das in Belgien, einem der
reichsten Länder der Welt.“
Hassan
arbeitet bei Carrefour im Supermarkt: „Ich bin 25 und verdiene 1.300
Euro. Aber selbst als Alleinstehender komme ich damit nicht hin. Ich
habe Angst vor der Zukunft. Es wird immer härter, um mal zu heiraten
und eine Familie zu begründen.“
In
Flandern, der Wallonie und in Brüssel
- also in ganz Belgien - forderten
die Demonstranten einheitlich, dass die Regierung ihre Agenda in der
Politik gründlich verändert. Die Diskussion über die weitere
regionale Aufspaltung des Landes („BHV*-Blablabla der Politiker“)
sollte beendet werden und endlich die wirklich die Menschen drängenden
Probleme auf den Tisch kommen: Massenkaufkraft. Einheit und Solidarität
im Sozialstaatsgefüge Belgiens.
Die
Gewerkschaftsbasis fordert wirksame Massnahmen bis 15. Juli 2008. Auch
die Bauernverbände gaben der Regierung Leterme nur 10 Tage, um etwas an
den Energiekosten zu tun. Sie stehen auch voll hinter der Forderung der
Massen, die Mehrwertsteuer da von 21% auf 6% abzusenken. Die Bauern
drohen weiter damit, den Flughafen von Brüssel-Zaventem, die Seehäfen
von Ostende und vor allem Antwerpen sowie die Schienenwege zu
blockieren. Die entspr. Petition zur Absenkung der Mehrwertsteuer auf
Energieverbrauchspreise in Haushalten kann auch im Internet
unterschrieben werden: www.6procent.be
Jens-Torsten
Bohlke, Brüssel
Quelle:
Gewerkschaftsinfobrief der PvdA/PTB
Fotos:
http://www.pvda.be/nl/extra/multimedia/fotoreportages.html
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