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Belgien
/ aus der „Solidair“ zum 1. Mai
WEITERKOMMEN!
von
Peter Mertens, Vorsitzender der Belgischen Arbeiterpartei (PTB/PVDA)
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Brüssel,
28. April 2011, Solidair Exklusiv. (auf Kommunisten-online am 1. Mai
2011) – Dein Lohn nach oben: Mal Vier! Und die Steuern runter:
Geteilt durch Fünf! Ohne dass Du mehr dafür arbeiten musst. Was wirst
du davon denken? Du wirst denken, dass da was nicht funktioniert, weil
alle Deine Nachbarn sich so anstrengen, um über die Runden zu kommen
mit dem, was sie bekommen, und dennoch am Monatsende einige Probleme
haben.
Aber
Du trägst Dein Herz auf dem richtigen Platz. Und Du hast ein erhobenes
Haupt. Du gehörst zur arbeitenden Klasse, die den Reichtum des ganzen
Landes schafft.
Und
dennoch sind die Zahlen aus dem Alltag gegriffen. Sie bestehen wirklich.
Sie kamen durch die neue Untersuchung des Studiendienstes der PVDA/PTB
an das Tageslicht. Sie beziehen sich ausschließlich auf die belgischen
Großbetriebe, deren Aktionäre und ihre Steuersätze.
Die
Profit- und Steuerentwicklung bei den Konzernen in Belgien
Und
in der Tat: 467 nicht im Finanzbereich angesiedelte belgische Firmen mit
jeweils über 300 Beschäftigten haben in den Fällen von über 300
dieser Firmen ihre Profite zwischen 2001 und 2009 zu vervierfachen
verstanden. Und ihre zu zahlenden Steuern verstanden sie durch Fünf zu
teilen. Um da auf einen Durchschnitt von 5,1% Besteuerung zu kommen. Und
zwar ohne dass da mehr Arbeitsplätze kamen. Und doch schreiben diese
Firmenchefs, die ihre Schäfchen längst im Trockenen haben, heute von
einem Zeter und Mordio: „Wir werden zu hart besteuert. Die Löhne
unserer Arbeitnehmer müssen runter.“
Ist
das so verwunderlich in der Welt des großen Geldes, wo Boni,
Anteilsoptionsscheine und Dividenden die tägliche Kost sind? Und so
eine Geschäftswelt findet es eben ganz normal, dass der Arbeiter die Töpfe
bezahlen muß, welche die Banken zertrümmert haben. Und welche dank der
von den arbeitenden und hohe Steuern zahlenden Menschen mit
Steuergeldern aus dem Staatshaushalt gerettet werden.
Die
Lüge von viel Profit sei Garant für viele neue Arbeitsplätze
Was
noch mehr nach Erklärung schreit: Das Credo von den aufeinander
gefolgten Regierungen Verhofstad I und II und Leterme I, II und III,
welches lautete: „Die Profite von heute sind die Arbeitsplätze von
morgen, vor allem wenn sie niedrig besteuert werden.“ Und so gibt es
endlose Steuergeschenke in jenes Fass ohne Boden. Diese Steuergeschenke
an die Profitmacher sorgen ganz allein für noch mehr Profite. Diese
Profite werden an die Aktionäre ausgeteilt, und zwar in Form satter
Dividenden, noch dazu praktisch von jeder Besteuerung freigestellt. In
Wahrheit geht es also um einen Mega-Zuschuss der Steuern zahlenden Bürger
an die Großaktionäre.
Noch
übler wirkt es da jetzt, dass unsere Minister dazu auf keine Frage eine
Antwort geben wollen. Finanzminister Reynders verweigerte die Antwort
sogar vor den Kameras von RTBF, als ihm Fragen über die Enthüllungen
durch die PVDA/PTB gestellt wurden. Electrabel übt Druck auf die
Regierung aus, um die Energieregulierung, die den Superprofit von 2
Milliarden Euro anklagt, zurückzupfeifen.
Die
EU: Länger schuften, Lohnstopp, Sozialklau, Mehrwertsteuererhöhungen
Aber
das Schlimmste wird noch kommen: Sie wollen auf diesem Weg noch weiter
gehen. Sie folgen dem Kurs der EU, den Merkel und Sarkozy vorgegeben
haben: Länger schuften, Lohnstopp, Sozialkürzungen, Mehrwersteuererhöhungen.
Wechselwirkung
von Staatsreform und Sozialökonomischem
Derweil
zieht die kommunitäre Krise um Brüssel-Halle-Vilvoorde (BHW) unser
Land in Mitleidenschaft. Ein endloses Palaver über die Breite und Tiefe
der Transfers zwischen den Einwohnern von verschiedenen Gebieten. Aber
über die Steuergelder-Transfers aus der Tasche des täglich arbeitenden
Menschen und größten
Steuerzahlers in die Schatullen der Großaktionäre, darüber vernehmen
wir kein Wort! Zumal diese Transfers die Ungleichheit in diesem Land
vergrößern und die Staatskasse abmelken.
Das
Kommunitäre und das Sozialökonomische stehen in Beziehung zueinander.
Warum steuerliche Autonomie? Um die Steuern für Firmen noch weiter
abzusenken. Warum eine Aufspaltung der Arbeitsmarktpolitik? Um mehr
Mittel zu mobilisieren, lies: Die Jagd auf die Arbeitslosen zu
organisieren.
Die
Demagogie der flämischen Nationalisten und Separatisten
Und
immer wenn die flämischen Nationalisten und Separatisten von der N-VA
die Regierung angreifen, dann geschieht das, um zu sagen: Der Index muß
„angepasst“ werden. Die Vorruhestandsregelungen müssen weg. Die
Sozialausgaben müssen gekürzt werden. Genau, wie dies die EU fordert.
Die da eine große Staatsreform anpeilen, wollen diese Staatsreform nur
dazu benutzen, um die sozialen Rechte abzuschwächen, die das Ergebnis
von 150 Jahren des Kampfes der Arbeiterklasse Belgiens sind.
Die
Demagogie der Pseudo-Linken
Wir
haben echte Veränderungen nötig, ein anderes Gesellschaftsprojekt muß
her! Wir können nicht auf das Parlament und den Sankt-Nimmerleins-Tag
warten. Und von jenen Pseudo-Linken, die da süße Reförmchenbrötchen
mit den Machthabern backen, ist auch nicht viel zu erwarten. Zu lang
marschierten diese Linken hinter dem Banner des Neoliberalismus
hinterher und beteiligten sich am kommunitären Hickhack, all den
Spielerchen einer Flämischen Front gegen eine Wallonische Front.
Einheit
macht stark
Wir
müssen in unserem täglichen Klassenkampf jetzt davon loskommen. Wir müssen
weiterkommen! Mit unseren Gewerkschaften, in unseren Betrieben, in
unseren Siedlungen. Für unsere Löhne in den anstehenden
Tarifverhandlungen. Für bezahlbare Energie gegen den Moloch Electrabel.
Für unsere Renten, unsere öffentlichen Dienstleistungen und unsere
Arbeitsplätze. Aber auch für eine föderale und verstärkte soziale
Sicherheit.
Ja,
in dieser wirtschaftlichen und politischen Krise haben wir Einheit mehr
denn je nötig. Die Arbeiterbewegung weiß: Nur Einheit macht uns stark
im Kampf. Sie ist wie unser Augapfel.
Wir
müssen auch den Fatalismus überwinden. Er ist genauso bedrohlich wie
die Aufspaltung des Landes.
In
Ägypten und Tunesien haben sie bewiesen, dass nichts unmöglich ist,
wenn ein Volk aufsteht. Selbst wenn zuvor noch alles im Tiefschlaf
versunken war.
Zu
den Ergebnissen der Studie unserer Partei
Und
hier das mehr als schockierende Ergebnis unserer Studie, welche auf den
Zahlen von 467 belgischen Großunternehmen außerhalb des Finanzbereichs
mit jeweils mehr als 300 Beschäftigten und einem Vergleich des Jahres
2001 mit dem Jahr 2009 fußen:
●
Zwischen 2001 und 2009 sind die Profite dieser Großbetriebe von 4,6
Milliarden Euro auf 23,9 Milliarden Euro gestiegen, was ein Profit-Plus
von 419% darstellt. Das bedeutet, dass die Profite unserer belgischen
Top 300+ sich in acht Jahren vervierfacht haben. Die Superprofite für
2009 von AB.Inbev und ExxonMobil (6,4 und 5 Milliarden Euro) wirken sich
zwar erheblich auf das Gesamtergebnis aus. Aber selbst wenn man diese
beiden großen Konzerne nicht einbezieht, haben die großen belgischen
Konzerne ihre Profite in acht Jahren reichlich verdoppelt.
●
Wie hat die belgische Regierung darauf mit den Steuerinstrumenten
reagiert, die sie zur Verfügung hatte? Sie hat die Steuergeschenke
(fiktive Zinsabschläge und andere Steuerabzüge) erheblich ausgeweitet.
Für Belgiens 467 Konzerne aus dem Nichtfinanzbereich fiel der
durchschnittliche Steuersatz von 26,2% auf 5,1% zwischen 2001 und 2009.
Anders gesagt: Geteilt durch Fünf.
●
„Wenn die Betriebe mehr Profit machen und weniger Steuern darauf
zahlen, schaffen sie mehr Arbeitsplätze“, sagen unsere Minister.
Unsere Studie lässt diesen Glaubensgrundsatz zerfallen. Von 2001 bis
2009 ist die Gesamtzahl an Beschäftigten bei den 467 Konzernen von
409.837 auf 416.649 Arbeiter und Angestellte in Vollzeit-Einheiten
gestiegen. Was für ein kümmerliches Wachstum von gerade mal 1,66%, mal
eben ein Stagnationswert bei der Schaffung neuer Stellen, während die
Profite nach oben schossen.
Hier
die großen Entwicklungen:
Belgiens
Top 300+ Konzerne im Nichtfinanzbereich:
2001
2009
4,6
23,9 Nettogewinn-Entwicklung
(in Mrd. Euro) = 419,99% Profitwachstum
26,2%
5,1% Gewerbesteuer-Entwicklung
(in Mrd. Euro) = 21,10% gesenkt
409.837
416.649 Vollzeit-Arbeitsplätze = kümmerliche 1,66% Zunahme
Der
Profiteure-Index: Lohnmasse gegen Profitmasse in der Entwicklung
Marco
Van Hees vom Studiendienst der PTB/PVDA legte einen neuen Index vor: den
Profiteure-Index. Welcher Konzern wie viel Profit pro Beschäftigten
macht. Dieser Profiteure-Index zeigt den Ausbeutungsgrad.
Auf
der Skala von Profitor® ist das Kapital der Gewinner.
Weil
die Regierung die Lohnsteigerungen von 2011-2012 blockierte, folgte sie
da der Logik der Aktionäre. Aber der Profitor-Index der PTB/PVDA zeigt,
dass sie besser die Profite senken sollte.
Haben
die großen Konzerne keine ausreichenden Mittel, um ihren Beschäftigten
Lohnerhöhungen für gute und bessere Massenkaufkraft zu gewähren? Um
dies herauszufinden, untersuchten Marco Van Hees und David Pestieau die
wachsende Kluft zwischen dem starken Anstieg der Profite und dem
schwachen Anstieg bei den Löhnen, und zwar Unternehmen für
Unternehmen. Dazu mussten sie einen neuen Index einführen: den
Profiteurs-Index.
Es
gibt bereits den Bel 20 - Index (oder den CAC 40 von Paris und den Dow
Jones von New York). Dieser Bel 20 - Index zeigt an, wie es mit der Börse
von Brüssel steht, und wie sie sich entwickelt. Er ist vor allem für
die Großaktionäre und die Spekulanten wichtig. Wir stellen einen
Profiteurs-Index vor. Er gibt an, wie die Nettogewinne unserer Konzerne
sich im Vergleich zu den Löhnen darstellen.
Der
Profiteure-Index setzt Profite und Löhne in einen Vergleich. Bei den Löhnen
geht es um die gesamte Lohnmasse (Bruttolohn, Sozialbeiträge,
Extraleistungen usw.).
Auf
der Basis des Prinzips, dass jeder Reichtum das Ergebnis von Arbeit ist,
berechnet der Profiteurs-Index im Grunde, was man den Ausbeutungsgrad
nennen kann. Um es mit einem Bild zu sagen: was aus den arbeitenden
Menschen an Profit, an Öl herausgequetscht wird.
Ein
Beispiel: nach Abzug aller Steuern außer den Löhnen erbringt eine
Firma einen Wert von 131 Millionen Euro. Dieser Betrag wird auf zwei
Beträge verteilt: 100 Millionen für die Lohnmasse der Beschäftigten
und 31 Millionen für die Profite der Aktionäre. Der Profiteure-Index
bekommt dann den Wert 31, das heißt 31% = 31 Millionen Euro auf 100% =
100 Millionen Euro Lohnmasse.
Es
ist interessant, den Wert des Index für eine Firma oder eine Anzahl von
Firmen zu studieren. Noch interessanter ist es festzustellen, wie er
sich mit der Zeit entwickelt, zum Beispiel anhand von Bel 20 an der Börse.
Wenn die Entwicklung stark nach oben geht, bedeutet dies, dass die Kluft
zwischen den Konzernprofiten und den Löhnen stark anwächst.
Bei
unseren Top 300+ und somit 467 Privatunternehmen in Belgien mit jeweils
mehr als 300 Beschäftigten ist die Lohnmasse von 23,3 Milliarden Euro
auf 29,9 Milliarden Euro und somit 28% gestiegen, Inflation inbegriffen.
Wogegen die Profite von 4,6 Milliarden Euro auf 23,9 Milliarden Euro uns
somit um 419% angestiegen sind. Im Jahr 2001 lag der durchschnittliche
Profiteure-Index der 467 Konzerne bei 20. Und im Jahr 2009 lag er bei
80. Anders gesagt, die Profite sind viel stärker als die Löhne
gestiegen.
Stärkung
unserer Partei nötig
Für
alle diese Herausforderungen haben wir eine stärkere PTB/PVDA nötig,
die, wie eine Fernsehreportage auf RTBF es kürzlich ausdrückte „die
Geschäftswelt erschüttert“.
Einen
schönen 1.Mai
Peter
Mertens
Vorsitzender
der Belgischen Arbeiterpartei (PTB/PVDA)
(unter
Verwendung einer Studie von Marco Van Hees und David Pestieau)
Quellen:
http://www.pvda.be/
http://www.pvda.be/nieuws/artikel/op-de-schaal-van-profitorR-is-het-kapitaal-de-winnaar.html
index.htm |