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Belgien:
Letzter
noch lebender belgischer Widerstandskämpfer Maistriau verstorben
„ETWAS GEGEN DIE BESATZER
MACHEN“ leitete Maistriau
von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel
Kommunisten-online, 3. Oktober 2008 - Am
Samstag, dem 27. September
2008 um 18:02 Uhr, ist im Brüsseler Stadtteil Sint-Lambrechts-Woluwe
der Widerstandskämpfer Robert Maistriau gestorben. Er war der letzte
noch lebende Widerstandskämpfer, der während des zweiten Weltkriegs in
Boortmeerbeek (Flämisch-Brabant) einen Transport der Nazis aufhielt.
Als am 19. April 1943 ein Deportationszug vom
belgischen Sammellager Mechelen nach Auschwitz fährt, sind 1618 oder
1631 Juden auf dem Weg in den sicheren Tod. Plötzlich stoppt der Zug -
und ein einzigartiger Akt der Rebellion beginnt.
Belgiens kommunistische Résistance hatte bereits erwogen, einen
Deportationszug der Nazis zu stoppen und die Insassen zu befreien, wie
Maistriau später erfuhr. Doch dann habe die Gruppe diesen Plan als zu
gefährlich fallen lassen. Youra Livchitz, Robert Mastriau und Jean
Franklemon jedoch radelten am Abend des 19. April 1943 vor die Tore Brüssels,
stellten eine rote Laterne auf die Gleise und lauerten auf den Transport
aus dem belgischen Konzentrationslager Breendonk. Die drei jungen Männer
hatten eine Pistole, 3 Zangen und eine mit rotem Papier beklebte
Sturmleuchte bei sich.
Youra
Lyvchitz, ein junger Arzt aus Brüssel, ist der Kopf der kleinen Gruppe.
Als Kommunist und Jude druckte er in einem Künstleratelier Flugblätter
gegen die verhassten Faschisten. Hier fasste er den ungeheuren Plan, den
Deportationszug zu überfallen.
Der
Zug kam. Er hielt. Die Soldaten im ersten und letzten Waggon waren von
der waghalsigen Befreiungsaktion völlig überrascht. Man hörte keinen
Laut, kein Vogelzwitschern. Nichts außer dem Zischen der Lokomotive.
Und Maistriau öffnet den Waggon, der vor ihm zum Stehen gekommen war.
Fast 60 schweigende Menschen waren in den Güterwagen gepfercht. Zwei
Frauen sprangen als erste heraus, eine Handvoll Männer folgte. „Aber
ein Mann wollte die Leute davon abhalten herauszuspringen“, erzählt
der Befreier. 17 Menschen verließen den Waggon schließlich und
brachten sich im nahen Wald in Sicherheit. Aus dem Waggon nebenan hörte
Maistriau Stimmen: „Öffnen Sie! Öffnen Sie!“ Doch da rollte der
Zug schon wieder an, haben die deutschen faschistischen Bewacher das
Feuer auf die fliehenden Menschen eröffnet und peitschten Schüsse
durch die Nacht. Bis der 20. Deportationszug im Konvoi die deutsche
Grenze erreicht, können weitere 225 Insassen fliehen. Sie hatten mit
eingeschmuggelten Messern Löcher in die Viehwaggons gebohrt und konnten
noch rechtzeitig aus dem fahrenden Zug abspringen.
Am
19. April 1943 springt der damals elfjährige Simon Gronowski in sein
neues Leben. Nicht ahnend, wohin der Zug unterwegs ist: nach Auschwitz.
Simon Gronowski erinnert sich: „Meine Mutter sagte auf Jiddisch zu
mir: 'Der Zug fährt zu schnell.' Das waren die letzten Worte, die ich
von ihr hörte. Plötzlich ist der Zug langsamer geworden, und in diesem
Moment bin ich gesprungen.“ Für Simon Gronowski waren es die letzten
Momente bei seiner Mutter: „Ich höre, wie die Wachen in meine
Richtung laufen, weil sie etwas bemerkt hatten. Sie schießen und
schreien. Meine Mutter konnte nicht mehr springen. Ich bin in den Wald
gelaufen, die ganze Nacht bin ich gelaufen, aber meine Mutter habe ich
nie wiedergesehen.“ Simon Gronowskis Mutter wird in Auschwitz
ermordet. Simon Gronowski flieht und hat Glück. Er wird von seinen
belgischen Landsleuten versteckt. In den Deportations-Listen müssen die
Nazis ihn und fast 200 weitere Juden als geflohen vermerken. Der Hass
der Nazis trifft die Befreier des Zugs. Sie werden gefasst und kommen
selbst ins KZ. Ihr Anführer Youra Livchitz wird am 2. Juni 1943 zum
Tode verurteilt und erschossen.
„Insgesamt flüchteten 231 Deportierte an diesem 19. April 1943 vor
der deutschen Grenze aus dem Konvoi“, recherchierte Schreiber. „23
Juden starben bei dem Fluchtversuch unter dem Kugelhagel des
Begleitschutzes oder durch einen unglücklichen Sturz.“ Doch alle
Entkommenen konnten auf die Hilfe der belgischen Bevölkerung rechnen.
Die Belgier leisteten „stillen Widerstand” und unterstützten ihre
verfolgten jüdischen Mitbürger nach Kräften, setzten dabei oftmals
ihr eigenes Leben aufs Spiel. 200 000 Belgier wurden nach dem Krieg als
aktive Mitglieder der Résistance anerkannt, mehr als die Hälfte der 56
000 in Belgien registrierten Juden entkamen dem Holocaust. Marion
Schreiber hat sorgfältig recherchiert, hat in Archiven geforscht und
Zeitzeugen interviewt, um dieses einzigartige Beispiel kollektiver
Zivilcourage auf angemessene Weise zu würdigen. So auch in diesem Fall.
Einige
Wochen später wurden 95 der befreiten 231 Deportierten wieder
aufgegriffen und zu Konzentrationslagern gebracht. Die anderen blieben
in Freiheit.
Der
Hass der Nazis trifft die Befreier des Zugs. Sie werden gefasst und
kommen selbst ins KZ. Ihr Anführer Youra Livchitz wird am 2. Juni 1943
zum Tode verurteilt und erschossen.
Ein Jahr später wurde Maistriau ebenfalls festgenommen und saß unter
anderem in den Lagern Breendonk (Provinz Antwerpen) und Buchenwald.
Franklemon und Maistriau wurden deportiert, überlebten jedoch die
Konzentrationslager. Als Maistriau ein Jahr später befreit wurde, wog
er nur noch 39 Kilo. Er wurde 87 Jahre alt.
Quellen:
http://www.stern.de
http://www.talmagazin.de/
http://www.deredactie.be/
http://de.encarta.msn.com/ |