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Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf die Arbeiterklasse in China:

Die gesellschaftliche Realität hinter der ‘harmonischen’ Glitzerfassade des Kapitals:

Wanderarbeiter drohten mit kollektiven Selbstmord – kapitalistische Korruption wird gesellschaftsfähig

Von Reinhold Schramm

Kommunisten-online vom 6. November 2009 – Mehr als 30 Wanderarbeiter aus der Provinz Hunan drohten am Montag mit einen Selbstmordversuch, indem sie eine Brücke in der Innenstadt Guangzhou bestiegen, nachdem die örtliche Brauerei ihnen ihr Gehalt nicht gezahlt hatte. Bereits in den vergangenen Tagen hatte es in Guangzhou eine wachsende Zahl von sozialen Unruhen gegeben. [1]

40 Prozent der staatlichen Betriebe in Guangzhou, der Provinzhauptstadt von Guangdong, haben die Gehälter ihres Personals gekürzt oder planen, dies zu tun, so eine Umfrage eines Guangzhouer Forschungszentrums. Mehr als 50 Prozent der privaten Unternehmen in Guangzhou haben bereits in den vergangenen Monaten Personal abgebaut. „Viele staatliche Betriebe sind dieses Jahr wegen der Finanzkrise in Schwierigkeiten geraten“, so ein Manager eines staatlichen Betriebes. Aufforderungen an das Personal, mehr Tage frei zu nehmen und Überstunden abzubauen bzw. die Gehälter zu kürzen und Personal zu entlassen, dies sind gängige Maßnahmen geworden, um gegen die Finanz- und Wirtschaftskrise anzukämpfen, so der staatliche Manager (der anonym bleiben wollte).

Chen Zhaomin, Mitarbeiter eines Logistikunternehmens, schätzt, dass sein diesjähriges Einkommen um 20 Prozent geringer ausfällt als im Vorjahr. Wang Cuihong, Buchhalterin bei einer privaten Firma,  erklärt, seit Jahresbeginn müssten die Mitarbeiter alle halbe Jahre 20 Tage zusätzlich frei nehmen und dem Personal werde während des Urlaubs nur 20 Prozent ihres Gehalts gezahlt. Wegen der Gehaltskürzung musste Frau Wang und ihre Familie die Lebenshaltungskosten bereits um zehn Prozent reduzieren. [2]

Bei einer staatlichen Großaktion gegen Verbrecherbanden wurden mehr als zweitausend verdächtige Bandenmitglieder in Chongqing verhaftet und siebenhundert kriminelle Staatsbeamte zwischen Januar und Juli 2009 aufgegriffen. Dem ehemaligen Vizepolizeichef und Justizdirektor, Weng Qiang, steht noch ein Gerichtsverfahren wegen Vergewaltigung, Annahme von mehreren Millionen Yuan Schmiergeldern, dem Besitz von Immobilien, die nicht in Büchern geführt werden, und Protektion krimineller Gangs bevor. [3] 

Die Ideologen der ‘harmonischen Marktwirtschaft’ halten eine Strafverfolgung bei Korruptionsfällen über Beträge von mehr als 500 Euro (nach Umrechnung) für nicht mehr zeitgemäß und fordern einen höheren Grenzwert. Demnach sagte ein Funktionär am Oberen Volksgericht, laut „China Daily“, dass die Schwelle für eine Anklage zu Korruption und Bestechung erhöht werden sollte, um der heutigen Situation gerecht zu werden. „Die Schwelle von 5.000 Yuan zwischen 1997 und 2009 ist total unterschiedlich, wenn man bedenkt, wie sich die Gesellschaft und die Wirtschaft [!] in den letzten 12 Jahren entwickelt haben, doch das Gesetz hat sich seither nie geändert“, sagte Zhang Jun, Vizepräsident des Obersten Volksgerichts. Fan Chongyi, Rechtsprofessor an der China Universität der Politikwissenschaften und Jurisprudenz, meinte, dass es besser sei, die (Korruptions-) Schwellen auf Provinz- oder Städteebene festzulegen, da die wirtschaftlichen Gegebenheiten von Ort zu Ort unterschiedlich sind. Zur regionalen Liberalisierung der Korruption meinte der Rechtsprofessor Fan: „Nehmen wir beispielsweise zwei Funktionäre, einer in Beijing oder Shanghai und einer aus den Bergen von Yunnan. Beide nahmen Bestechungsgelder in Höhe von einer Million Yuan an. Da sollte doch derjenige aus Yunnan härter bestraft werden als der andere, da sein Vergehen und das Resultat desselben schwerer wiegen als das des anderen“. Auch Zhu Wenqi, Rechtsprofessor, vertritt die Auffassung, dass der Grenzwert für Korruption anzuheben sei. Zhu sagte: „Die Gesetze hinken normalerweise hinter den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher, sodass eine Anpassung zeitgemäß [?] wäre. Hinzukommt, dass man das Gesetz würdigen sollte. Eine Summe von 5.000 Yuan [ca. 500 Euro] zum Kriminaldelikt zu erklären passt nicht in die heutige Zeit“ (- in Umrechnung beträgt das durchschnittliche Monats-Einkommen auf dem Land: ca. 44,- Euro). Rechtsprofessor Zhu meinte auch: „Zu beachten wären auch die Resultate und die Art der Korruption, wenn man das Strafmaß festlegen will.“ - Und: „Es kommt vor, und zwar nicht selten, dass einer eine Bestechungssumme annimmt, die zehnmal tiefer als die eines anderen ist, und dennoch weniger hart bestraft wird. Die Öffentlichkeit zweifelt die Gerechtigkeit bei solchen Fällen an.“[4]  

Quellen: [1] China Daily / German.china.org.cn - am 05.11.2009:

„Tod eines Säuglings führt zu Ausschreitungen im Krankenhaus“

http://german.china.org.cn/china/2009-11/05/content_18834054.htm

[2] China Daily / German.china.org.cn - 05.11.2009:

„Gehaltskürzungen und Kündigungen für viele Angestellte in Guangzhou“

http://german.china.org.cn/china/2009-11/05/content_18834016.htm

[3] Shanghai Daily / China.org.cn - am 04.11.2009:

„China: ‘Patin’ von Chongqing muss für 18 Jahre hinter Gitter“

http://german.china.org.cn/china/2009-11/04/content_188227853.htm

[4] China Daily / German.china.org.cn - am 05.11.2009:

„Höhere Schwelle für Korruptionsfälle“

http://german.china.org.cn/fokus/2009-11/05/content_18835788.htm

05.11.2009 / R.S.

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