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DIE LÜGEN DER REPORTER OHNE GRENZEN ÜBER VENEZUELA

von Salim Lamrani

übersetzt von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel (26. Juni 2009)

Am 20. Juni 2009 veröffentlichte REPORTER OHNE GRENZEN einen offenen Brief an den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez. Darin beklagt diese Nichtregierungsorganisation „einen wirklichen Angriff der Macht und der Regierungsstellen” gegen GLOBOVISION, einen „privaten Informationskanal”. Laut der Pariser Organisation „wurde ein administratives Verfahren eröffnet, das zur Sperre seiner Programmausstrahlungen für 72 Stunden führen kann”, wegen „seiner Information (über das Erdbeben vom 4. Mai 2009) mit dem Verweis auf die vom Geologischen Institut der USA gelieferten Daten.” (1)

Die venezolanischen Behörden beschuldigen GLOBOVISION, „der Verletzung des Artikels 29 des Gesetzes über die gesellschaftliche Verantwortung in Radio und Fernsehen (Obliegenheitsgesetz), welches Kommunikationsmedien dann bestraft, wenn sie „Kriegsanstiftung, -förderung und -beschwichtigung betreiben, zu Veränderungen der öffentlichen Ordnung anstiften, dies beschwichtigen oder fördern“. REPORTER OHNE GRENZEN fragt: „Wie kann die Information über ein Erdbeben, so unperfekt sie auch gemacht sein könnte, in diese Definition einer Verletzung eingebettet werden? (2)

Dergestalt dargestellt kann dieser Sachverhalt die internationale Öffentlichkeit überraschen. Aber, im Gegensatz zu der Behauptung von REPORTER OHNE GRENZEN, ist die Wirklichkeit eine ganz andere und von der französischen Einrichtung sorgfältig gemieden worden, von wegen „Verteidigung der Pressefreiheit“.

GLOBOVISION GEGEN DIE DEMOKRATIE

Seit 1998 opponiert GLOBOVISION unablässig gegen die demokratische Regierung von Hugo Chávez. Im April 2002 nahm der Fernsehkanal aktiv am Staatsstreich von Pedro Carmona Estanga teil. In jedem anderen Land der Welt wäre GLOBOVISION  geschlossen worden. Seine Leitung wäre zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Aber der zu jener Zeit von der Opposition beherrschte Oberste Gerichtshof verweigerte sich einer Anerkennung der Putschrealität und beschränkte sich darauf, ein „Machtvakuum“ festzustellen, um den Staatsstreich zu erklären.

Daraufhin verbreitete jener Fernsehkanal massenhaft Aufrufe zum Aufstand (3). Im Mai 2007 war GLOBOVISION schuld an der Anstiftung zum Mord an Präsident Chávez. GLOBOVISION manipulierte dabei Bilder und lancierte Falschmeldungen. In der Übertragung des Programms „Aló Bürger“ mit einem Interview des RCTV-Fernsehdirektors Marcel Granier und dessen starker Kritik an Chávez brachte der Kanal gleichzeitig die Bilder vom Attentat auf Papst Johannes Paul II. vom Mai 1981.

GLOBOVISION konnte nicht erklären, warum es Attentatsbilder in einem Programm ausstrahlte, in dem es um die Nichterneuerung der Lizenz von RCTV ging (4). Verschiedene Fachleute waren sich da halbwegs einig: „Es wird zum Mord am Präsidenten angestiftet“ (5). In Frankreich hätte so ein Verhalten die Journalisten des Senders sowie seine Leitung hinter Gittern gebracht. Die Journalisten von GLOBOVISION sowie die Sendungsmacher dieses Kanals vermehrten die Verleumdungskampagnen gegen die Regierung Chávez. Dabei verwendeten sie Begriffe wie „Diktatur“ und „Tyrannei“ mit dem Zweck, die Aufrufe zum zivilen Ungehorsam und zu den Gewalttätigkeiten zu rechtfertigen. Dies ist im Westen etwas Unvorstellbares (6).

DIE SACHE MIT DEM ERDBEBEN

Am 4. Mai 2009 ereignete sich ein Erdbeben und zog den Bundesstaat Miranda um 4:40 Uhr morgens in Mitleidenschaft. Gefolgt wurde es von drei Nachbeben (4:50 Uhr, 6:23 Uhr und 6:24 Uhr). Menschen wurden nicht verletzt.

Um 5:25 Uhr erklärte der Innen- und Justizminister Tarek El Aissami, dass das Beben an verschiedenen Orten zu spüren gewesen war: „Wir erhalten gerade Berichte über die Auswirkungen. Wir sind dabei, mit FUNVISIS das Epizentrum und die Größe des Bebens zu ermitteln. Wir möchten darüber informieren, dass wir bisher keinerlei Berichte irgendeiner Art über materielle oder Strukturschäden haben. Wir möchten zu Ruhe und Besonnenheit aufrufen. Patrouillenkräfte sind unverzüglich angewiesen worden, die Menschen zu schützen, die aus ihren Häusern gegangen sind“ (7).

Um 5:44 Uhr ließ El Aissami einen zweiten Bericht verlautbaren. Darin erklärte er, dass er mit dem Präsidenten und mit dem Vizepräsidenten Ramón Carrizález gesprochen hat. Er betonte, dass Chávez das Ausrücken der Bolivarischen Nationalgarde befohlen hat, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten (7).

Seinerseits informierte Francisco Garcés als Präsident von FUNVISIS um 5:40 Uhr darüber, dass zwei Erdstöße die Hauptstadt Caracas sowie die Gebiete um die Hauptstadt getroffen hätten. Er bat die Medien, dass sie Aufrufe zur Beruhigung der Bevölkerung senden sollten.

Um 6:05 Uhr äußerte der Minister für Gemeinwesen und Wohnungswirtschaft, Diosdado Cabello, dass Metro, Eisenbahn und Flughafen einwandfrei arbeiten. Bildungsminister Héctor Navarro unterstrich, dass die Schulen und Universitäten nicht vom Erdbeben beschädigt worden sind und geöffnet sind. Gesundheitsminister Jesús Mantilla informierte über das normale Arbeiten der Krankenhäuser des Landes.

Um 6:47 Uhr gab die Ministerin für Telekommunikation und Informatik, Socorro Hernández, öffentlich bekannt, dass das Telekommunikationsnetz nicht beschädigt worden ist. Der Präsident von Hidrocapital, Alejandro Hitcher, erklärte, dass das System der Wasserversorgung normal arbeitet. Um 7 Uhr früh wies Blanca Ekhout, Ministerin für Kommunikation und Information, darauf hin, dass alle Staatsorgane sich seit dem Beginn der Erschütterungen im Alarmzustand befinden. Jacquelina Faria, Regierungschefin des Hauptstadtbezirkes, sowie Erdöl- und Energieminister Rafael Ramírez hielten die Bevölkerung über ihre Zuständigkeitsfelder auf dem laufenden (8).

Dennoch beeilte sich um 5:20 Uhr früh oder kaum 40 Minuten nach der ersten Erderschütterung der Direktor von GLOBOVISION, Alberto Federico Ravell, damit, persönlich und per Live-Übertragung in seinem Sender, um die Regierung direkt anzugreifen, sie der Sorglosigkeit zu beschuldigen und eine Botschaft der Angstmache und des Terrors zu übermitteln, nachdem er eine Falschmeldung über das Epizentrum des Bebens aufgrund von Informationen aus den USA in Umlauf gesetzt hatte: „Uns ängstigt es sehr. Aber wir finden niemanden, an den wir uns wenden können. Wir finden keine Behörde, um eine genaue und präzise Information zu erhalten. (...) Wir hängen in der Luft und hängen sehr in der Luft bei all dem, was uns seitens unserer Behörden mitgeteilt wird. Sie sollen eine präzise Information geben. Sie sollen eine wahrheitsgemäße Information geben über das, was in diesem Moment geschieht. Denn wir haben niemanden, zu dem wir eilen könnten. Wir rufen FUNVISIS an, aber der Anruf schlägt fehl, wir haben nicht mit den Feuerwehrleuten sprechen können. Bürgermeister Blay berichtet nicht, ob es einen Schaden in seiner Region gibt“ (9).

In diesem Moment des Gespräches unterbrach der Moderator von GLOBOVISION seinen Direktor, um ihn an eine Realität zu erinnern: „Direktor, wir haben die Telefonverbindung, erneut, mit dem Direktor von FUNVISIS. Und er informierte uns gerade, dass er in diesen Augenblicken sehr beschäftigt ist. Und deswegen ist ihm unmöglich geworden, uns etwas mitzuteilen. Dennoch hat er uns zugesagt, sich gleich nach Erledigung seiner Arbeit um uns zu kümmern. Und wir werden live und unter freiem Himmel mit ihm rausgehen, um die beste Information zu bekommen“ (10).

Weit entfernt davon, dem Ruf zur Vernunft zu folgen, nutzte Ravell die Gelegenheit, um erneut die Behörden übel zu verleumden. „Die amtlichen Medien, die soviel Propaganda machen, sollten in diesem Moment da sein und die Bürgerschaft über das informieren, was gerade geschieht. Und nicht, dass wir da sein müssen und von hier aus zum Wetterdienst der Vereinigten Staaten eilen, um die Menschen darüber aufzuklären, dass es ein Erdbeben gegeben hat“ (11).

Tarek el Assaimi beklagt „die erbärmliche Haltung und die verantwortungslose Nutzung eines Massenmediums“. Ravell, statt eine Botschaft zur Beruhigung zu vermitteln, instrumentalisiert eine Naturkatastrophe für politische Zwecke und das „Aussäen von Angst in der Bevölkerung“, laut Cabello, dem Minister für das Gemeinwesen (12). Was wohl würde in Frankreich geschehen, wenn der Direktor des Privatkanals TF1 die Regierung von Nicolas Sarkozy mit derselben Giftigkeit angegriffen hätte, vierzig Minuten nach dem Beginn von jenen im Jahr 2008 geschehenen Überschwemmungen ihn des Ix-Stich-Lassens der Opfer bezichtigt hätte?

DIE DESINFORMATION VON REPORTER OHNE GRENZEN

Somit hat REPORTER OHNE GRENZEN sorgfältig diese Wirklichkeit frisiert und versucht, aus einem schweren Anschlag auf die journalistische Ethik sowie einer großen Verantwortungslosigkeit der Medien eine Verletzung der Pressefreiheit zu konstruieren. Hinsichtlich des Staatsstreiches von 2002 erkennt die Pariser Organisation an, dass es „in jenem Moment nicht grundsätzlich die Eröffnung eines rechtlichen Verfahrens ausgeschlossen war, zurechtgemacht mit einer gegensätzlichen Diskussion über die Haltung, die einige Medien während der Ereignisse aufrecht hielten“ - aber REPORTER OHNE GRENZEN täuscht vor, die andauernden und gesetzwidrigen Handlungen von GLOBOVISION zu übersehen: „Aber jetzt, auf welchen Inhalten fußt die Anklage, wenn seit den Tatsachen sieben Jahre vergangen sind?“ (13)

Am Ende behauptet REPORTER OHNE GRENZEN: „GLOBOVISION ist das einzige Fernsehmedium des Netzes, welches eine rein kritische Stimme gegenüber der Regierung in den Äther schickt. (...) In den anderen Ländern Lateinamerikas, wo seine Amtskollegen sich mit feindlichen Medien oder dafür gehaltenen auseinandersetzen müssen, sieht die Reaktion des Staates niemals dermaßen extrem aus. Niemals hat es die Unterordnung in die praktische Totalität des Fernsehbereiches zugunsten einer führenden Einheitsstimme gegeben“.

Hier ist die Lüge gleich dreifach: Die Einrichtung, in der Robert Ménard den Vorsitz hat, will glauben machen, dass die Handlungen von GLOBOVISION etwas Alltägliches in Lateinamerika sind. Dass die Regierung von Chávez den Kanal wegen seiner Kritiken angreift, die GLOBOVISION gegen ihn ausstrahlt. Und dass die übrigen Fernsehmedien des Landes dem bolivarischen Revolutionsführer unterstehen (14).

Wieder einmal ist es leicht, den Behauptungen von REPORTER OHNE GRENZEN zu widersprechen. Einerseits hat kein lateinamerikanisches Massenmedium zur Niederschlagung des frei gewählten Präsidenten aufgerufen, wie es GLOBOVISION getan hat. Andererseits reicht ein Blick auf die Privatfernsehkanäle, die mehr als 80% des Medienraumes des Landes besetzen, um sich darüber klar zu sein, dass die Kritik gegenüber den Behörden herb und hartnäckig ist. Schließlich weiß jeder seriöse Analytiker aus sicherem Wissen, dass kein Land des amerikanischen Kontinents sich  rühmen kann, über soviel Meinungs- und Pressefreiheit zu verfügen, wie sie in Venezuela herrscht. Für REPORTER OHNE GRENZEN müssen die Massenmedien zum Aufstand und zur Zerschlagung der öffentlichen Ordnung anstiften, wie es GLOBOVISION macht, damit man sie nicht als Lakaien der Macht betrachten kann.

Seit der Wahl von Hugo Chávez zum Präsidenten der Bolivarischen Republik Venezuela hat REPORTER OHNE GRENZEN  eine Position zugunsten der antidemokratischen und putschistischen Opposition eingenommen. REPORTER OHNE GRENZEN hat unablässig deren Interessen auf internationaler Ebene verteidigt. So beklagte REPORTER OHNE GRENZEN beim Staatsstreich vom 11. April 2002 nicht die grundsätzliche Rolle der privaten Massenmedien als Opponenten gegenüber dem demokratisch gewählten Präsidenten. Schlimmer  noch: Am 12. April 2002 veröffentlichte REPORTER OHNE GRENZEN einen Artikel, der ohne jede Zurückhaltung die Version der Putschisten verbreitete und darauf aus war, die internationale Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Chávez zurückgetreten war:

„Eingeschlossen im Präsidentenpalast unterzeichnete Hugo Chávez seinen Rücktritt in der Nacht auf Druck der Armee. Danach wurde er in den Militärstützpunkt Fuerte Tiuna gebracht, der größten militärischen Basis in Caracas, wo er gefangen ist. Unmittelbar danach verkündete Pedro Carmona, der Präsident von Fedecámaras, dass er eine neue Übergangsregierung leiten würde. Er bestätigte, dass sein Name Gegenstand eines 'Konsens' der venezolanischen Zivilgesellschaft und des Oberkommandos der Streitkräfte wäre“ (15).

REPORTER OHNE GRENZEN ist keine Organisation zur Verteidigung der Pressefreiheit, sondern eine finstere Einrichtung mit einem sehr konkreten politischen Auftrag, mit allen nur möglichen Mitteln die fortschrittlichen Regierungen der ganzen Welt zu verleumden, die auf der schwarzen Liste der Vereinigten Staaten stehen. Es ist nicht überraschend zu wissen, dass Washington wesentlich diese Organisation mittels der NATIONAL ENDOWNMENT FOR DEMOCRACY finanziert: Dies ist ein Büro der CIA, laut der New York Times (16).

Geprüft von Caty R.

Anmerkungen

1 Reporteros Sin Fronteras, «Persecución gubernamental contra el canal Globovisión: carta abierta al Presidente Hugo Chávez», 29 de mayo de 2009. (sitio consultado el 2 de junio de 2009). mehr

2  Ebd.

3 Agencia Bolivariana de Noticias, «Periodistas coinciden en que Globovisión es promotor de protestas de oposición», 29 de mayo de 2007.

4 Agencia Bolivariana de Noticias, «Ministro Lara denunció que medios de oposición incitan a magnicidio», 27 de mayo de 2007.

5 Agencia Bolivariana de Noticias, «CNN miente sobre Venezuela y Globovisión incita al magnicidio», 28 de mayo de 2007.

6 Agencia Bolivariana de Noticias, «Globovisión continúa con la instigación a la desestabilización», 29 de mayo de 2007.

7 Luigino Bracci Roa, «Fuerte temblor sacudió región central del país esta madrugada sin causar daños», Yvke Mundial, 4 de mayo de 2009. (sitio consultado el 15 de junio de 2009). mehr

8  Ebd.

9 Globovisión, «¿Quién sintió el temblor primero? ¿Los chavistas o los opositores?», 4 de mayo de 2009. (sitio consultado el 2 de junio de 2009) mehr

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Reporteros Sin Fronteras, «Persecución gubernamental contra el canal Globovisión: carta abierta al Presidente Hugo Chávez», op. cit.

14 Ebd.

15 Reporteros Sin Fronteras, «Un journaliste a été tué, trois autres ont été blessés et cinq chaînes de télévision brièvement suspendues», 12 de abril de 2002. (sitio consultado el 13 de noviembre de 2006) mehr.

16 Salim Lamrani, Cuba. Ce que les médias ne vous diront jamais (Paris: Editions Estrella, 2009).

Kontakt:

lamranisalim@yahoo.fr ;

salim.lamrani@parisdescartes.fr

Quelle: Cubadebatte

siehe auch: Reporter ohne Grenzen im Parteibuch Lexikon, dem parteiischen Wiki mit wertenden Informationen in deutlicher Sprache mehr

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