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Der
Comandante Fidel Castro im Interview zur akuten Atomkriegsgefahr
FIDEL:
„USA SPIELEN WEDER SAUBER NOCH SAGEN SIE DIE WAHRHEIT“
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel
Havanna,
12. Juli 2010, Cubadebate. – „Die USA spielen weder ein
sauberes Spiel noch sagen sie die Wahrheit“, so Fidel Castro auf einer
außerordentlichen Pressekonferenz, welche vom kubanischen Fernsehen am
vergangenen Montagabend übertragen und vom Journalisten Randy Alonso
geleitet wurde.
Fidel
schätzte umfassend die Lage im Mittleren Osten ein. Insbesondere die
von den USA und Israel in ihrer feindseligen Politik gegen den Iran
provozierte Krise. Dabei verwies er auch auf das Atomwaffenarsenal der
internationalen Großmächte und die Versenkung der Cheonan aus der südkoreanischen
Flotte, was der KVDR untergeschoben wurde.
Beim
Hervorheben der Gefahr eines Krieges mit Einsatz von Atomwaffen, wovor
Fidel in seinen regelmäßig zu Papier gebrachten Gedanken bereits sehr
gewarnt hatte, bot der Comandante eine normal Reihe an Argumenten auf,
kommentierte er die Meinungen von politischen Beobachtern der jüngsten
Ereignisse im Mittleren Osten.
Auf
der Pressekonferenz im Beisein des Intendanten des kubanischen
Fernsehens, des Historikers
Rolando Rodríguez, des Leiters des Zentrums zur Untersuchung der
Weltwirtschaft Osvaldo Martínez und des Leiters des Nationalen Zentrums
für Wissenschaftliche Untersuchungen und Arztes Dr. Carlos Gutiérrez
erläuterte Fidel das gewaltige Waffenarsenal der Hauptmächte der Erde,
angeführt von den USA. „Die Zahl der strategischen Sprengköpfe ist
wahnsinnig“, erklärte er.
Die
Angaben des Instituts für Friedensforschung in Stockholm (SIPRI), sagte
Fidel, lassen keinen Zweifel daran, welche Gefahr über der Menschheit
schwebt. Die Gesamtausgaben der USA für Rüstung betrugen 2009 eine
Summe von 1531 Milliarden Dollar, was 49% mehr als im Jahr 2000
bedeutet.
Es
ist nicht schwierig sich vorzustellen, was geschehen würde, wenn nur
ein Teil der Waffen zum Einsatz käme. Und „im Kongress (der USA) gibt
es noch aggressivere Standpunkte als jene des Präsidenten“, fügte
Fidel hinzu.
Die
US-Militärausgaben sind ständig angestiegen. Fidel verwies darauf,
dass der US-Verteidigungshaushalt von 316 Milliarden Dollar im Jahr 2001
auf 565 Milliarden Dollar im Jahr 2010 und somit in diesem Zeitraum um
das 2,16-fache angestiegen ist.
„Die
USA allein geben mehr für Rüstung aus als alle anderen Länder
zusammen“, so Fidel. „Sie haben 2002 strategische Sprengköpfe und
500 nichtstrategische Sprengköpfe. Sie haben 2702 einsatzbereit
stationiert. Demgegenüber hat Russland 2787 strategische Sprengköpfe
und 2047 nichtstrategische Sprengköpfe. Zwischen beiden Ländern gibt
es fast 7000 strategische Sprengköpfe. Diese Zahl ist wahnsinnig.“
ICH
SEHE AUCH DIE GEFAHR EINES KRIEGES
Zu
einer Bemerkung von Randy über die Gefahr eines möglichen Krieges im
Mittleren Osten meinte Fidel: „Ich sehe auch voll und ganz die
drohende Gefahr eines Krieges“, und er fügte hinzu: „Ich habe
begonnen, über dieses Thema nach der Anschuldigung gegen die KVDR zu
schreiben, als sie der KVDR die Versenkung des hochgerüsteten südkoreanischen
Kriegsschiffes unterschoben. Jenes südkoreanische Kriegsschiff ist
eines von den modernsten aus US-Produktion, gebaut mit besonderen
Metallen und Materialien, die sie der KVDR nicht verkaufen.“
Er
äußerte sich voll Ironie über die Anschuldigung gegen die KVDR,
wonach die KVDR ein altes Torpedo aus den 50er Jahren benutzt haben
soll. „Schau Dir das mal an! Ein altes Torpedo gegen dieses
hochmoderne Kriegsschiff!“, rief Fidel aus.
Er
erklärte, dass ein US-Beobachter eine logische Erklärung lieferte:
„Südkorea machte ein militärisches Manöver mit seinem Verbündeten,
den USA. Bei der Versenkung des südkoreanischen Kriegsschiffes kamen 46
Männer um ihr Leben (...) Dies ist das Schlimme an dieser Tatsache. Was
Südkorea viel Arbeit bereitet, um diese Tat der USA zuzulassen. (...)
Ein solches Schiff kann nur mit einer Mine gesprengt werden. Und genauso
machten sie es.“
Fidel
äußerte überzeugt, dass wenn diese Situation aus dem Ruder läuft, es
zu einer ganz dramatischen Entwicklung käme. Er erinnerte an die Worte,
die die Koreaner diesbezüglich verwendeten: „Es wird ein Meer voller
Feuer und Feuerstöße geben.“ Er bemerkte, dass er „anfangs dachte,
dass das Problem dort losgehen würde, weil damals der Beschluss (des
UN-Sicherheitsrates) über den Iran noch nicht gefasst war“.
Als
dieser Beschluss dann angenommen wurde, da „wurde es offenkundig, dass
sie erst den Konflikt im Iran lostreten würden, und anschließend in
Korea. Die am meisten Alarmierten angesichts dessen, was im Iran
geschieht, sind die Menschen in der KVDR.“
DIE
SCHWERSTE KRISE VON OBAMA
Fidel
kommentierte die jüngsten Erklärungen des US-Politikwissenschaftlers
Noam Chomsky. Chomsky hatte geäußert, die Position der USA zum Iran
„ist die schwerste Krise der Außenpolitik, welcher sich die
Obama-Administration gegenübersieht“.
„Iran
ist der große Zankapfel“, so Fidel, „weil es sicher ist, dass sie
den Iran nicht inspizieren können werden. Vor 31 Jahren entfesselten
sie den Chemiewaffen-Krieg gegen die Revolution des Ayatollah Khomeini,
die ohne Waffen den Schah von Persien gestürzt hatte. Die Iraner hatten
keine Armee, sie hatten die Revolutionswächter“.
Fidel
setzte hinzu: „Ahmadinedschad ist kein Behelfspräsident. Laut ihm
selbst wird er da sein können oder nicht. Aber er ist kein Behelfspräsident.
Eine Berechnung anzustellen, auf welcher Grundlage die Iraner schließlich
loslaufen und die US-Amerikaner um Entschuldigung bitten werden, ist
absurd“.
Fidel
argumentierte: „Die Iraner haben sich 30 Jahre lang ständig
vorbereitet. Mit einer industriellen Entwicklung, dem Erwerb von
Flugzeugen, Radaren, Luftabwehrwaffen... Die Russen verpflichteten sich
zur Lieferung der Luftabwehrraketen S-300. Aber sie verlangsamen dies
und haben immer noch nicht an den Iran geliefert. Alle Flugzeuge, die
die Iraner nur kaufen konnten, haben sie gekauft. Sie haben russische
Waffen. Sie haben hunderte Raketenstellungen. Die iranische Armee hat
ihre Teilstreitkräfte, die Luftwaffe, die Marine und die Landstreitkräfte.
Die iranische Marine hat auch eigene Luftstreitkräfte und
Marine-Infanteristen für Einsätze am Boden. An Soldaten haben allein
die Revolutionsgarden über eine Million Mann. Es werden alle Menschen
militärisch ausgebildet, und zwar im Alter von 12 bis 60 Jahren. Und es
gibt dort 20 Millionen schiitische Muslime. Wer wird da mit jenem Feind
sympathisieren, der ihm alles kaputtmachen will und dies darüber hinaus
auch ihm offen erklärt?“
Fidel
bekräftigt, dass auf alle Atommächte etwa 20.000 Atomwaffen entfallen.
Und der Vorwand, den sie gegen den Iran benutzt haben, ist einfach lächerlich.
„Das geschaffene Problem ist lächerlich. Und alle Beschlüsse (des
UN-Sicherheitsrates) sind lächerlich. Das Risiko liegt darin, dass der
Iran zwei Atomsprengköpfe in zwei oder drei Jahren entwickelt oder
baut. Wo ist da die Logik? Das ganze große Problem steckt darin.“
Nach
Meinung von Fidel ist die wahre Ursache „die Kontrolle, der Einfluss,
welchen der Staat Israel auf die USA hat. Ein Land, welches in wenigen
Jahren zur Atommacht geworden ist.“
Er
erklärt, dass Kuba sehr gut die atomare Erfahrung kennt: „Wir haben
das Risiko gehabt, dass sie uns angreifen. Als die Regierung von Reagan
dran war, machten sie einen Kerntest im Meer. Auf einem Schiff. Wir
sahen dies vorher, weil wir unsere Truppen nach Namibia reisen ließen.“
Über
Israel „lieferten sie 14 Sprengköpfe an die Südafrikaner, für stärkere
Bomben als die in Hiroshima und Nagasaki von ihnen abgeworfenen. Diese
Tatsache ist nicht neu. Wir hatten dort (in Angola) rund 60.000 Mann auf
dem Vormarsch. Und schon erlebten wir das Risiko einer Erfahrung mit
Kernwaffen.“
Er
erinnerte an den Moment, an welchem die Sowjetunion ihre Atomwaffen in
Kuba aufstellte. „Was uns erst mal nicht gefiel. Denn als wir diese
Revolution machten, rechneten wir auf keinerlei Bündnis mit der
UdSSR“. Dieses Bündnis „kam uns sehr gelegen. Denn sie (die USA)
nahmen uns das Öl, sie (die UdSSR) lieferte es uns. Wir reden davon
derzeit nicht, ohne eine Erfahrung durchlebt zu haben: wir durchlebten
sie 1962 und 1970 und sehr oft bei einem internationalistischen Einsatz.
Und wir ergreifen alle Maßnahmen: Wir verschanzen uns immer besser
unter der Erde. Wir konnten nicht auf einen Zufall warten. Es wurde
alles bestätigt. Und nicht mal Mandela weiß, was sie mit jenen
Kernwaffen machten. Ich habe ihn gefragt: 'Das weiß man nicht', sagte
er. Sie wurden mitgenommen. Sie haben nie ein sauberes Spiel
gespielt“.
„Kann
damit gespielt werden?“ Fidel fügt hinzu: „Wenn du von der
Hypothese sprichst, wirst du niemanden überzeugen. Man muss nicht
dramatisieren, weil die Tatsachen an sich schon dramatisch sind.“
Der
Comandante legte eine neue Einschätzung über diese für die Menschheit
gefährlichen Ereignisse in seinen verfassten Gedanken vor, die
Cubadebate am Sonntagabend veröffentlichte.
Quelle:
http://www.cubadebate.cu/
Fotos:
Alex Castro |