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Gedanken von Fidel Castro / 31. Januar 2011

DIE GROSSE NAHRUNGSMITTELKRISE

übersetzt von Jens-Torsten Bohlke

Havanna, 31. Januar 2011, Cubadebate. (auf Kommunisten-online am 2. Februar 2011) – Vor erst 11 Tagen, am 19. Januar 2011, schrieb ich unter dem Titel „Es ist an der Zeit, jetzt endlich etwas zu machen“:

„Das Schlimme ist, dass die Lösungen zu einem Großteil von reichsten und entwickelten Ländern abhängen, die in eine Lage kommen werden, in der sie wirklich nicht mehr die Bedingungen haben werden, sich auseinanderzusetzen, ohne dass ihnen die Welt zusammenbricht, die sie stets zu prägen versucht haben (...) Ich spreche nicht mehr von den Kriegen, deren Risiken und Folgen kluge und schillernde Köpfe, darunter sehr viele aus den USA, vermittelt haben. Ich beziehe mich auf die Krise der Nahrungsmittelversorgung. Sie wurde hervorgerufen durch wirtschaftliche Tatsachen und klimatische Veränderungen, die scheinbar bereits unumkehrbare Folge des Handelns des Menschen sind, bei denen jedoch der Mensch unbedingt in der Verpflichtung steht, sich beschleunigt damit auseinanderzusetzen (...)  Die Probleme haben plötzlich die jetzige Gestalt angenommen. Dies mittels Erscheinungen, die sich derzeit auf allen Kontinenten wiederholen: Hitzewellen, Waldbrände, Ernteverluste in Russland (...) Klimawechsel in China (...) fortschreitende Verluste der Wasserreserven im Himalaya, welche Indien, China, Pakistan und andere Länder bedrohen; übermäßige Regenfälle in Australien, die fast eine Million Quadratkilometer überschwemmten; ungewöhnlich starke Frostwellen in Europa (...) Dürreperioden in Kanada; ungewöhnliche Kältewellen in Kanada und in den USA...“ Ich erwähnte auch die nie zuvor dagewesenen Regenfälle in Kolumbien, Venezuela und Brasilien.

In jenen Gedanken äußerte ich: „Die Erzeugungen von Weizen, Soja, Mais, Reis und anderen zahlreichen Getreidesorten und Leguminosen, die die Ernährungsgrundlage einer Welt mit schätzungsweise fast 6,9 Milliarden oder  noch unveröffentlicht fast 7 Milliarden Menschen Weltbevölkerung bei über 1 Milliarde an Hunger und Unterernährung leidenden Menschen bilden, werden schwerwiegend von den klimatischen Veränderungen betroffen. Dies alles bildet ein äußerst schwer zu lösendes weltweites Problem.“

Am Samstag, dem 29. Januar 2011, enthielt die von mir empfangene tägliche Nachrichtensammlung aus dem Internet einen Artikel von Lester R. Brown, welcher auf der Website Organischer Weg am 10. Januar 2011 veröffentlicht worden war und dessen Inhalt meiner Meinung nach breit bekanntgemacht werden muss. Sein Verfasser ist der angesehenste und gebildeteste US-Ökologe, der vor den schädlichen Folgen des wachsenden hohen CO2-Ausstosses in die Atmosphäre warnt. Aus seinem recht fundierten Artikel werde ich nur Absätze zitieren, die seine Gesichtspunkte darlegen:

„Zu Jahresbeginn stieg der Preis für Weizen auf nie zuvor dagewesene Höhen...“

„ ... Die Weltbevölkerung hat sich seit 1970 fast verdoppelt. Wir wachsen jetzt um ca. 80 Millionen Menschen jährlich. Heute Nacht wird es 219.000 menschliche Münder mehr am Tisch zu füttern geben. Und viele von ihnen werden vor leeren Tellern stehen. Weitere 219.000 Menschen kommen dann morgen abends zu uns hinzu. In irgendeinem Moment beginnt dieses unaufhörliche Wachstum die Fähigkeiten der Landwirte und die Grenzen der landwirtschaftlichen Nutzflächen und Wasserreserven des Planeten zu sprengen.“

„Die Zunahme des Verbrauchs an Fleisch, Milch und Eiern in den Entwicklungsländern wächst rasch in nie dagewesenem Tempo.“

„In den USA, wo 416.000 Tonnen Getreide 2009 geerntet wurden, verbrauchte man 119.000 Tonnen in den Äthanol-Destillerien zwecks Bio-Kraftstofferzeugung für die Automobile. Diese Menge Weizen würde ausreichen, um 350.000 Menschen jährlich zu ernähren. Die gigantische Investition der USA in die Äthanol-Destillerien schafft die Bedingungen für den direkten Wettbewerb zwischen den Automobilen und den Menschen um die weltweiten Erträge bei Getreide.

In Europa, wo ein guter Teil des Automobilparks auf Dieselverbrauch gegründet ist, gibt es eine steigende Nachfrage nach pflanzlich produziertem Bio-Diesel auf der Grundlage solcher Rohstoffe wie Raps- und Palmöl. Diese Nachfrage nach pflanzlichen Trägerkulturen zur Ölgewinnung verkleinert nicht nur die begrenzt verfügbare Anbaufläche, um Nahrungsmittelkulturen in Europa zu produzieren, sondern sie beschleunigt auch die Abholzung der tropischen Regenwälder in Indonesien und Malaysia zugunsten der Palmöl-Produzenten.“

„... der jährliche Anstieg beim Verbrauch von Getreide in der Welt kam von durchschnittlich 21 Mio. Tonnen jährlich im Zeitraum 1990 bis 2005 auf 41 Mio. Tonnen im Zeitraum 2005-2010. Der größte Teil dieses gewaltigen Sprungs kann der Investitionsorgie in die Äthanol-Destillerien in den USA zwischen 2006 und 2008 zugeschrieben werden.“

„Gleichzeitig verdoppelte sich die jährliche Nachfrage nach Getreide, kam es zu neuen Begrenzungen auf der Angebotsseite mit verstärkt auch jenen langfristigen wie der Bodenerosion. Es wird geschätzt, dass ein Drittel der Anbauflächen weltweit schneller ihre Pflanzenwachstumseigenschaft verlieren, weil die benötigte Zeit zur Bildung neuer fruchtbarer Erde durch natürliche Prozesse nicht gewährleistet werden kann und so die innere Produktivitätsfähigkeit des Bodens in großem Maße verlorengeht. Man ist dabei, zwei große Massen an Staubwüsten zu erzeugen. Eine erstreckt sich über den Nordosten Chinas, die westliche Mongolei und Zentralasien, die andere liegt in Zentralafrika. Jede einzelne davon ist viel größer als jene, die die USA in den dreißiger Jahren in Mitleidenschaft zog.“

„Die Satellitenaufnahmen zeigen einen ständigen Fluss von Wirbelstürmen, die von diesen Regionen her ihren Ausgang nehmen. Jeder einzelne dieser Wirbelstürme transportiert Millionen Tonnen an wertvollen pflanzlich-organischen Bodenschichten ab.“

„Unterdessen verkleinert die Verknappung der Süßwasserzufuhr rasch die bewässerten Anbauflächen in vielen Teilen der Welt. Diese seit relativ kurzer Zeit sich zeigende Erscheinung wird durch den im großen Maß betriebenen Einsatz mechanischer Pumpen zur Ausbeute des Grundwassers begünstigt. Derzeit lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Ländern, wo der Grundwasserspiegel in dem Maße sinkt, wie die mechanischen Pumpen die Grundwasserreserven übermäßig ausbeuten. Ist eine Grundwasserader erschöpft, muss das mechanische Abpumpen des Grundwassers notwendigerweise gemäß dem Nachfüllzeitraum verringert werden, wenn die Grundwasserader nicht völlig unbrauchbar (nicht erneuerbar) gemacht werden soll. Ist sie unbrauchbar, ist es aus mit dem Abpumpen von Grundwasser. Aber später oder früher führen die sinkenden Grundwasserspiegel zur Preiserhöhung bei den Nahrungsmitteln.“

„Die bewässerten Anbauflächen verringern sich im Mittleren Osten, vor allem in Saudi-Arabien, Syrien, Irak und möglicherweise dem Jemen. In Saudi-Arabien, welches völlig von einem heute unwiederbringlich erschöpften Grundwasserspiegel für seine Selbstversorgung mit Süßwasser abhing, steckt die Weizenproduktion im freien Fall. Zwischen 2007 und 2010 sank die saudi-arabische Weizenproduktion um mehr als Zweidrittel.“

„Der arabische Mittlere Osten ist die geographische Region, wo die wachsende Wasserknappheit die größte Verringerung bei den Getreide-Ernten hervorbringt. Aber die wirklich erhöhten Defizite beim Süßwasser liegen in Indien, wo laut Angaben der Weltbank sich 175 Millionen Menschen von Getreide ernähren, deren Produktion auf übermäßiges Abpumpen von Süßwasser gegründet ist (...) In den USA, dem anderen großen Getreide-Exporteur der Welt, wird die bewässerte Anbaufläche in landwirtschaftlich so wichtigen Bundesstaaten wie Kalifornien und Texas verkleinert.“

„Der Temperaturanstieg hat auch zur Folge, dass es schwieriger wird, weltweit die Produktion an Getreide mit der ausreichenden Schnelligkeit zu erhöhen, um der nie dagewesenen Nachfrage nachzukommen. Die Umweltwissenschaftler, die sich mit den Anbaukulturen befassen, haben ihre allgemein akzeptierte eigene Regel: für jedes Grad Temperaturanstieg über das optimale Niveau während der Wachstums-Jahreszeit steht ein Absinken der Erträge bei Getreide von 10% zu erwarten an.“

„Eine andere alarmierende Tendenz, die die Nahrungsmittelsicherheit bedroht, ist das Abschmelzen der Gletscher in den Hochgebirgen. Dies ist besonders besorgniserregend im Himalaya-Hochgebirge und auf der Hochebene von Tibet, wo das Eis aus den großen Gletschern nicht nur die großen Ströme Asiens wie den Indus, den Ganges, den Mekong, den Jangtse und den Gelben Fluss in der Trockenzeit speist, sondern auch die Bewässerungssysteme an den Ufern dieser Ströme versorgt. Ohne dieses Abschmelzen der Gletscher würde es einen großen Niedergang bei den Erträgen von Getreide geben und die Preise für Nahrungsmittel würden proportional hochschnellen.“

„Letztendlich und langfristig droht das Abschmelzen der Gletscher in Grönland und in der westlichen Antarktis zusammen mit der thermischen Ausdehnung der Ozeane den Meeresspiegel um 6 Fuß in diesem Jahrhundert anzuheben. Schon ein Anstieg um 3 Fuß würde zur Überflutung der Reisflächen in Bangla Desh führen. Auch wäre ein großer Teil des Mekong-Deltas unter Salzwasser, wo die Hälfte der Reisproduktion Vietnams liegt, welches weltweit zweitgrößter Reisexporteur ist. Insgesamt geht es um ca. 19 Flussdelta voller Reisanbauflächen in Asien, wo die Ernten sich beachtlich verringern würden, wenn es zu einem Anstieg des Meeresspiegels kommt.“

„Die Unruhe der letzten Wochen ist erst der Anfang. Es geht nicht mehr um eine Auseinandersetzung zwischen hochgerüsteten Großmächten, sondern weitaus mehr um die großen Verknappungen bei Nahrungsmitteln und die steigenden Preise für Nahrungsmittel (und den politischen Wirbel, welchen all dies verursachen wird), was die Zukunft unserer Welt bedroht.

Wenn sich die Regierungen nicht rasch dazu durchringen, ihre Sicherheitsbelange zu überdenken und die Rüstungsausgaben für die Abschwächung des Klimawandels, die wasserwirtschaftliche Effektivität, den Bodenschutz und die demographische Stabilisierung umzulenken, dann wird sich mit aller Wahrscheinlichkeit die Welt einer Zukunft der klimatischen Instabilität und Explosion der Nahrungsmittelpreise ausgesetzt sehen. Wenn die Dinge wie bisher weiterlaufen, werden die Nahrungsmittelpreise lediglich nach oben galoppieren.“

Die vorhandene Weltordnung setzten die USA am Ende des 2. Weltkriegs durch. Und die USA reservierten für sich dabei alle Vorrechte.

Obama hat keinen Weg, die Geister zu beherrschen, die da geschaffen worden sind. Vor einigen Tagen wurde die Regierung von Tunesien zerschlagen, wo die USA den Neoliberalismus durchgesetzt hatten und selig über ihr politisches Handeln waren. Das Wort Demokratie ist von der Bühne verschwunden gewesen. Es ist unglaublich, wie jetzt, als das ausgebeutete Volk sein Blut vergießt und die Läden stürmt, Washington seine Freude über die Zerschlagung des Regimes äußert.

Niemand übersieht, dass Washington Ägypten zu seinem Hauptverbündeten in der arabischen Welt machte. Ein großer Flugzeugträger und ein Atom-U-Boot mit Eskorte aus US- und israelischen Kriegsschiffen passierten den Suezkanal Richtung Persischer Golf vor ein paar Monaten. Und die internationale Presse bekam nicht mal Zugang zu dem, was da vor sich ging.

Ägypten war das arabische Land, welches die meiste US-Militärhilfe erhielt. Millionen junge Ägypter leiden unter Massenarbeitslosigkeit und Nahrungsmittelmangel, was die Weltwirtschaft bewirkt hat, und Washington behauptet, dass die USA diese Ägypter unterstützen würde. Die Verlogenheit der USA besteht darin, dass sie einerseits der ägyptischen Regierung Waffenhilfe gewährten und andererseits via USAID die Opposition in Ägypten in finanzieller Abhängigkeit von sich hielten. Wird Washington die revolutionäre Welle stoppen können, welche die Dritte Welt ereilt?

Die berühmte Konferenz von Davos endete in einem Turm Babel. Und die reichsten europäischen Länder mit Deutschland, Großbritannien und Frankreich an der Spitze stimmten nur in ihrem Nichteinverständnis gegenüber den USA überein.

Aber niemand muss sich auch nur geringste Sorgen machen. Die US-Außenministerin versprach ein weiteres Mal, dass die USA beim Wiederaufbau von Haiti helfen würden.

Fidel Castro Ruz

30. Januar 2011

18:23 Uhr

Quelle:

http://www.cubadebate.cu/

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