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Fidel
Castro:
Schreiben
an die Nationalversammlung
Diese
Botschaft richtete Fidel Castro an Ricardo Alarcon, den Präsidenten der
kubanischen Nationalversammlung mit der Bitte, diese zu verlesen
Zugeschickt
von Lisl Rizy (Wien) am 30.12.2007
Eure
Arbeit ist sehr hart. Als wir uns den kumulierten und wachsenden Bedürfnissen
gegenüberstanden, die unsere Gesellschaft als Erbe der
Yankee-Neokolonie am 1. Januar 1959 übernahm, träumten viele von uns
davon, ein Land mit vollkommener Gerechtigkeit und totaler Unabhängigkeit
zu schaffen. Bei dem beschwerlichen und ungleichen Kampf kam ein
Zeitpunkt, wo wir vollkommen allein blieben. Unser Stolz ist jetzt, wo
wir kurz davor stehen, 50 Jahre unseres Sieges zu begehen, wohl begründet,
denn wir haben fast ein halbes Jahrhundert gegenüber dem mächtigsten
je in der Geschichte geschaffenen Imperium widerstanden.
In
dem von mir am 31. Juli 2006 unterzeichneten Aufruf hat niemals jemand
von euch eine Handlung gesehen, die Vetternwirtschaft bzw.
widerrechtliche Anmaßung der Funktionen des Parlaments bedeutet. In
jenem schwierigen und gleichzeitig viel versprechenden Jahr der
Revolution, waren die Einheit von Volk, Partei und Staat eine
wesentliche Voraussetzung, um vorwärts zu kommen und der erklärten
Bedrohung durch ein feindliches militärisches Eingreifen seitens der
Vereinigten Staaten zu begegnen.
Bei
dem am vergangenen 24. Dezember vom Genossen Raúl verschiedenen
Stadtgebieten jenes Kreises, der mir die Ehre gewährte, mich als
Kandidat für das Parlament aufzustellen, abgestatteten Besuch, stellte
er fest, dass alle Mitglieder der umfangreichen von der Bevölkerung
aufgestellten Kandidatenliste jenes Stadtgebiets, - dass in der
Vergangenheit zwar ein niedriges Bildungsniveau aufwies aber aufgrund
seiner kämpferischen Art bekannt geworden war - Hochqualifizierte
waren. Das hat ihn tief bewegt, wie er selbst unserem Fernsehen
berichtete.
Die
Kader von Partei, Staat, Regierung und der Massenorganisationen begegnen
neuen Problemstellungen bei ihrem Umgang mit der intelligenten,
aufmerksam beobachtenden und gebildeten Bevölkerung, die bürokratische
Hindernisse und mechanisch hergesagte Erklärungen hasst. Im Grunde
genommen, ficht jeder Bürger seine eigene Schlacht gegen die angeborene
Tendenz des Menschen aus, dem Überlebensinstinkt zu folgen, was ein das
Leben regierendes Naturgesetz ist.
Dieser
Instinkt, den die Wissenschaft als etwas Elementares bezeichnet,
zeichnet uns alle von Geburt an aus. Sich mit ihm auseinanderzusetzen
ist gut, da uns das zur Dialektik führt und zum ständigen und
selbstlosen Kampf; es macht aus uns bessere Martí-Anhänger und echte
Kommunisten.
Das,
was die internationale Presse in den vergangenen Tagen in ihren
Berichten über Kuba am meisten unterstrichen hat, war der Satz, den ich
am 17. dieses Monats in einem Schreiben an den Direktor der Podiumsgespräche
des kubanischen Fernsehens ausdrückte und der besagt, dass ich keine an
der Macht festhaltende Person bin. Ich kann hinzufügen, dass ich es
eine Zeitlang aufgrund eines zu jugendlichen Alters und fehlenden
Bewusstseins war, als ich ohne jeglichen Lehrmeister aus meiner
politischen Ignoranz herauszukommen begann und zu einem utopischen
Sozialisten wurde. Das war eine Etappe, in der ich zu wissen glaubte,
was zu tun sein und wünschte, es tun zu können! Was führte zu meinem
Wandel? - das Leben selbst, und zwar in dem Maße, in dem ich
tiefgehender die Denkweise von Martí und der Klassiker des Sozialismus
studierte. Je mehr ich kämpfte, desto besser erkannte ich mich genau in
jenen Zielstellungen wieder und lange vor dem Sieg dachte ich schon,
dass es meine Pflicht sei, für diese zu kämpfen oder im Kampf zu
fallen.
Andererseits
lauern große Gefahren auf uns, die die menschliche Gattung gefährden.
Das ist etwas, was für mich immer offensichtlicher wurde, seitdem ich
das erste Mal im Juni 1992 in Rio de Janeiro vor der Aussterbegefahr
einer Gattung infolge der Zerstörung ihrer natürlichen
Lebensbedingungen seit mehr als 15 Jahren warnte. In letzter Zeit wächst
von Tag zu Tag die Anzahl derjenigen, die diese reale Gefahr begreifen.
Ein vor kurzem herausgegebenes Buch von Joseph Stiglitz, ehemaliger
Vizepräsident der Weltbank und führender Wirtschaftsberater von Präsident
Clinton bis zum Jahr 2001 und Nobelpreisträger, das in den Vereinigten
Staaten ein Bestseller ist, vermittelt Angaben zum Thema, die
unwiderlegbar sind. Es bringt an die Öffentlichkeit, dass die
Vereinigten Staaten, ein Land, welches das Kyoto-Abkommen nicht
unterzeichnet hat, dasjenige mit den größten Emissionen von
Kohlendioxid ist und jedes Jahr 6 Milliarden Tonnen in den Luftraum
ausstößt, welche die Atmosphäre aus dem Gleichgewicht bringen, ohne
die das Leben unmöglich ist. Hierzu kommt noch, dass es der größte
Schadstoffemittent ist.
Wenige
Menschen kennen diese Daten. Das Wirtschaftssystem selbst, welches die
unhaltbare Energieverschwendung auferlegt hat, verhindert, dass jenes
Buch von Stiglitz verbreitet wird: Seine ausgezeichnete Ausgabe ist auf
wenige tausend Exemplare beschränkt, um den Gewinn abzusichern. Das ist
eine Forderung des Marktes, ohne die das Verlagsunternehmen nicht
bestehen könnte.
Heutzutage
weiß man, dass das Leben auf der Erde von der Ozonschicht beschützt
wird, welche sich in der äußeren Erdhülle zwischen 15 und 50
Kilometer Höhe in der als Stratosphäre bekannten Zone befindet, die
der Erde als Schutzschild gegen jene Sonneneinstrahlung dient, welche
schädlich sein kann. Es gibt Treibhausgase, die mehr Erderwärmung als
das Kohlendioxid erzeugen können und die das Ozonloch über der
Antarktis vergrößern. Deren Ozonschicht verliert jedes Frühjahr bis
zu 70 Prozent ihres Volumens, ein Phänomen, das progressiv geschieht
und vom Menschen verursacht wird. Um eine genaue Idee zu bekommen, ist
es ausreichend darauf hinzuweisen, dass der durchschnittliche
Pro-Kopf-Ausstoß an Kohlenstoff der Welt 4,37 Tonnen beträgt, im Fall
der Vereinigten Staaten beträgt dieser 20,14, d.h. fast fünfmal mehr.
In Afrika sind es 1,17, in Asien und Ozeanien 2,87.
Die
Ozonschicht schützt also vor ultravioletten Strahlen und Wärmestrahlung,
welche das Immunsystem, die Sehkraft, die Haut und das Leben der
Menschen beeinträchtigen. Unter Extrembedingungen, wenn jene Schicht
vom Menschen zerstört wird, würde das jede Art von Leben auf dem
Planeten gefährden.
Weitere,
unserem Vaterland und jeglichem anderen Land unter ähnlichen
Bedingungen fern liegende Probleme bedrohen uns. Eine siegreiche
Konterrevolution wäre schrecklich, schlimmer als die von Indonesien
erlebte Tragödie. Sukarno, der 1967 gestürzt wurde, war ein
nationalistischer Führer, der ausgehend von seiner loyalen Stellung
gegenüber Indonesien die Guerillas anführte, die gegen die Japaner gekämpft
haben.
General
Suharto, der ihn stürzte, war von den japanischen Okkupanten
ausgebildet worden. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges richtete das mit
den Vereinigten Staaten verbündete Holland wieder seine Herrschaft über
jenes ferne, große und dicht bevölkerte Territorium ein. Suharto manövrierte.
Er schwenkte die Banner des Yankee-Imperialismus; beging grausamen Völkermord.
Heute weiß man, dass er, die Anweisungen der CIA befolgend, nicht nur
Hunderttausende hinmordete, sondern auch eine Million Kommunisten
einkerkerte, ihnen und ihren Nachkommen jeglichen Besitz entzog und alle
Rechte aberkannte. So häufte er ein Familienvermögen in Höhe von 40
Milliarden Dollar an. Nach dem heutigen Wert jener Währung entspräche
dieser Betrag Hunderten Milliarden an natürlichen Ressourcen und dem
Schweiß der Indonesier. Der Westen zahlte. Der Texaner und Nachfolger
Kennedys Lyndon B. Johnson war der Präsident der Vereinigten Staaten.
Die
heutigen Meldungen über die Geschehnisse in Pakistan sind ein weiteres
Beispiel für die Gefahren, die der Menschheit drohen: der interne
Konflikt in einem Land, das Kernwaffen besitzt. Das ist die Folge der
abenteuerlichen Politiken und der Kriege, ausgelöst von den Vereinigten
Staaten, um sich der natürlichen Ressourcen der Welt zu bemächtigen.
Jenem Land, in einen nicht von ihm provozierten Konflikt verwickelt, war
angedroht worden, in die Steinzeit zurückversetzt zu werden.
Die
besonderen Umstände im Umfeld Pakistans zeigten unmittelbare
Auswirkungen auf die Erdölpreise und die Aktien an den Wertpapierbörsen.
Kein Land, keine Region der Welt wird von den Folgen verschont bleiben.
Man sollte auf alles vorbereitet sein.
Kein
Tag meines Lebens ist vergangen, ohne dass ich etwas dazugelernt hätte.
Martí
lehrte uns, dass „alle Herrlichkeit der Welt in einem Maiskorn Platz
hat“. Viele Male habe ich diesen in nur elf Wörtern enthaltenen
echten Lehrsatz der Ethik geäußert und wiederholt.
Die
fünf kubanischen Helden, Gefangene des Imperiums, sind Vorbilder für
die jungen Generationen.
Und
solange es die Gattung Mensch geben wird, werden sich glücklicherweise
im Bewusstsein der Völker die exemplarischen Verhaltensweisen
vervielfachen.
Ich
bin sicher, dass viele junge Kubaner in ihrem Kampf gegen den Giganten
der Sieben Meilen das Gleiche tun würden. Mit Geld kann man alles
kaufen, nur nicht die Seele eines Volkes, das sich nie erniedrigte.
Ich
habe die kurze und konkrete Rede Rauls gelesen; er hatte sie mir vorher
zugesandt. Wir müssen unseren Marsch nach vorn fortsetzen und dürfen
uns dabei nicht eine Minute aufhalten lassen. Zum Zeichen unserer
Unterstützung werde ich gemeinsam mit euch meine Hand erheben.
Fidel
Castro Ruz, 27. Dezember 2007
Quelle:
cuba.cu / RedGlobe |