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Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 12. März 2007
‚Linksruck’
in Lateinamerika
Venezuelas
Aufstand im Hinterhof der USA
Chávez
in Venezuela, Morales in Bolivien, Correa in Ecuador und jetzt noch der
ehemalige Sandinistenchef Ortega in Nicaragua! In Lateinamerika kommen
lauter falsche Führer an die Macht, so jedenfalls die Meinung der
hiesigen Begutachter und der offiziellen Politik. Nach deren übereinstimmender
Auffassung ziehen diese Machthaber aus der zugegeben desolaten Lage ihrer
Länder völlig falsche Schlüsse, verschreiben sich ökonomischen und
politischen Zielen, die den gebotenen Sachverstand vermissen lassen,
machen den Massen ‚populistische’ Versprechungen und
‚verschleudern‘ dafür die Mittel ihrer Nationen. Eine Öffentlichkeit,
die für einen ‚gesunden Patriotismus’ ansonsten viel übrig hat,
entdeckt, dass in Lateinamerika ein gefährlicher ‚Links’-‚Nationalismus’
um sich greift. Kein Wunder! Das Programm, das in Venezuela mit Chávez
seit einigen Jahren an der Macht ist und das anderswo mehr oder weniger
entschiedene Nachahmer zu finden droht, verstößt gründlich gegen alles,
was die internationalen Sittenwächter des heutigen Weltmarkts an Ansprüchen
gegenüber diesen Ländern für selbstverständlich halten.
Anmerkungen
zum
schlechten und zum guten Ruf eines antiimperialistischen Abenteuers
Die
Chávez-Regierung unternimmt den ernsthaften Versuch, Venezuela gut zu
regieren. Ihre hohen Maßstäbe dafür sind Fürsorge fürs Volk und
soziale Gerechtigkeit. Sie unternimmt dieses Experiment inmitten einer
Welt von Staatsgewalten, die auf der Privatmacht des Kapitals beruhen;
Kapitalisten haben für so eine Art guter Regierung überhaupt nichts übrig.
Deren mächtige staatliche Sachwalter stufen jede Ausnahme von ihren
Regeln des freien Kapitalverkehrs, die auf ihren Nutzen zuschnitten sind,
und einer in ihrem Sinne funktionierenden Weltordnung als Schadensfall
ein, der unbedingt eingegrenzt und über kurz oder lang ausgebügelt
werden muss. Und nicht nur das. Chávez und seine Mannschaft unternehmen
ihr Abenteuer einer volksfreundlichen Herrschaft mit den Mitteln eben der
imperialistischen Welt, gegen die sie sich damit aufstellen: mit Gelderlösen
aus dem Ölverkauf. Sie bedienen sich dabei einer Einnahmequelle, die
nicht wirklich ihrer eigenen Verfügungsmacht unterliegt: Autonomen
Zugriff haben sie nur auf ihren Exportschlager, nicht auf die
Zahlungsbereitschaft auswärtiger Interessenten, die damit eine
kapitalistische Akkumulation in Schwung halten; eine Akkumulation, die
Venezuela zwar angestrebt, aber nie hingekriegt hat. Das Volk, über das
sie außerdem politisch verfügen, gibt selber die Mittel für eine
nennenswerte politische Macht, geschweige denn für gute Regierung im
Sinne der „Bolivarianischen Revolution“ nicht her. Diese Geldquelle,
mit der Venezuelas Regierung ihr Programm einer antiimperialistischen
„Good Governance“ finanziert, muss Chávez fortwährend durch
besondere politische Bemühungen um die zahlungsfähige Kundschaft
absichern:
Venezuela
muss sich des Geschäftsinteresses von Ölkonzernen aus den USA
versichern, ausgerechnet der Nation, gegen deren politische Vormundschaft
und Zugriffsmacht die Chávez-Regierung sich wehrt.
Die
kommerziellen und politischen Interessen anderer, mit den USA mehr oder
weniger offen rivalisierender Großmächte der kapitalistischen
Weltwirtschaft muss die bolivarianische Republik wecken und pflegen.
Für
den Erhalt der nationalen Geschäftsgrundlage muss Venezuela außerdem ein
gewisses Einvernehmen mit seinen Konkurrenten, den anderen Erdöl
exportierenden Staaten herstellen und aufrechterhalten.
Diese
ständig bedrohten Anstrengungen Venezuelas finden in der freien
pluralistischen Weltöffentlichkeit ganz viel lautstarke Gegnerschaft –
und auf der anderen Seite, unter Linken und Globalisierungskritikern, eine
Menge Liebhaber.
Die
freiheitlich-demokratischen Vorbehalte und Anwürfe gegen Chávez und
seine „Bolivarianische Revolution“, insbesondere die Anfeindungen von
Seiten des in deutschen Schreibstuben versammelten imperialistischen
Sachverstandes sind von einem Geist der Unduldsamkeit geprägt und von
einem Denunziationseifer getragen, als müsste die 4. Gewalt mal wieder
den Anfängen einer kommunistischen Weltrevolution wehren. Chávez’ Bemühen
um die Konsolidierung seiner Herrschaft wird mit dem Verdikt
„undemokratisch“ belegt; auch da, wo der Mann die solideste
Legitimation durch gewonnene Volksabstimmungen vorweisen kann. Dabei ist
es allerdings wahr, dass es bei Wahlen und Abstimmungen in Venezuela im
Unterschied zu den Heimatländern der Demokratie wirklich nicht bloß um
die förmliche Absegnung der herrschenden Verhältnisse durch deren Opfer
geht, sondern um eine Mobilisierung der Zu-kurz-Gekommenen für einen
fortdauernden Machtkampf, insofern also wirklich nicht um ein Stück
freiheitlich-demokratische Grundordnung. Dies ist Grund genug, Chávez
selbstzweckhafte Machtgier zu unterstellen. Wenn es ihm darum ginge, dann
gäbe es allerdings im Schoß des Imperialismus weit bequemere Methoden,
dieses Bedürfnis auszutoben, als die Verwendung der Staatsgewalt und der
Öleinnahmen für ein Volksernährungs- und Erziehungsprogramm, mit dem
der Präsident sich lauter Feinde daheim und vor allem bei den Weltmächten
macht, von deren Geld seine Herrschaft abhängt. Dem Programm selbst wird
sein notwendiges Scheitern vorausgesagt: Die Ölquellen würden versiegen,
die Infrastruktur zusammenbrechen, wenn die Erlöse daraus nicht mehr in
die Taschen kompetenter ausländischer Konzerne und anderer privater
Nutznießer fließen. Denn nur die hätten die ökonomische Potenz, Land
und Leute zu „entwickeln“ – versichern die Experten in schamlos
heuchlerischer Parteinahme für die „kleinen Leute“ in Venezuela.
Dieselben Experten geben ungerührt direkt in der Zeitungsspalte daneben
zur Kenntnis, dass alle bisherigen Versuche, das Kapital zum nationalen
Entwicklungshelfer zu machen, den ganzen lateinamerikanischen Kontinent
und gerade auch Venezuela in immer tieferes Massenelend geführt haben.
– Zuerst war es mit staatskapitalistischen Experimenten der
Importsubstitution versucht worden, danach am Ende des verflossenen
Jahrhunderts mit der als „neoliberal“ apostrophierten Politik des
freihändlerischen Ausverkaufs der Nation. Auf jeden Fall kann es sich in
der Sicht der Fachjournalisten in den Wirtschaftsredaktionen beim Einsatz
staatlicher Gelder für die Betreuung eines kapitalistisch nicht
benutzten, also offensichtlich nutzlosen Volkes nur um sinnlose
Zweckentfremdung des Geldes handeln, das nur in den Händen potenter
Multis und in der Obhut des globalen Finanzgewerbes richtig aufgehoben
ist. Dessen sind sich die zuständigen Meinungsbildner aus dem Reich des
freiheitlichen Pluralismus völlig sicher und plädieren deswegen nicht
etwa für geduldiges Abwarten, sondern gegen jegliches Gewähren-Lassen. Für
ein buchstäblich ernst genommenes, mit Öleinnahmen finanziertes
Armutsbekämpfungsprogramm ist in der globalen Marktwirtschaft einfach
kein Platz! Denn so ein Programm erklärt der marktwirtschaftliche Sachverstand
für weltfremd, also für verrückt. Daher muss er natürlich auch darauf
bestehen, dass das nicht etwa gegen die Marktwirtschaft und ihren globalen
Siegeszug spricht, sondern dafür, solchen systemwidrigen Abenteuer(er)n
besser gleich als später ein Ende zu bereiten.
Gegen
diese Anti-Chávez-Polemik werben etliche Komitees und Initiativen der
globalisierungskritischen Linken um Solidarität mit Venezuela, seinen
Armen und seinem Präsidenten. Durch die erbitterten Anfeindungen seines
Projekts eines „Bolivarianischen“ „Sozialismus des 21.
Jahrhunderts“ lassen sie sich nicht irritieren – allerdings lassen sie
sich auch nicht darüber belehren, was für einen gnadenlosen
Unvereinbarkeitsbeschluss die den Globus regierende bürgerliche
Herrschaft gegen Abweichler vom demokratisch-marktwirtschaftlichen Kodex
guten Regierens erlassen hat. Sie interessieren sich einfach nicht
besonders für eine imperialistische Weltordnung, die es tatsächlich ganz
schlecht verträgt, wenn auch nur eine Regierung irgendwo mit einem
massenfreundlichen Umbauprogramm aus der Reihe tanzt. Deswegen reagieren
deren Hüter auf so etwas mit Ausgrenzung und Ächtung und haben Venezuela
auf die Kandidatenliste für einen „Regimewechsel“ gesetzt. Die
Freunde antiimperialistischer Projekte wie in Venezuela halten sehr wenig
von der Einsicht, dass die Macht- und Unterdrückungsverhältnisse in der
heutigen Staatenwelt ihren Grund in der Staatsräson der großen
marktwirtschaftlichen Demokratien haben, in denen die meisten von ihnen zu
Hause sind. Diese leiten aus ihrer Macht und der Reichweite ihrer
Interessen ihr exklusives Recht ab, weltweit „Verantwortung zu übernehmen“
und für Verhältnisse zu sorgen, in denen weltweit Land und Leute den
Interessen der Kapitalvermehrung dienen. Deswegen sind diese Verhältnisse
auch nur hier zu beseitigen, wo die Weltordnungsgewalt, die dafür
einsteht, tagtäglich reproduziert wird, wo die wirklich Mächtigen dieser
Welt also ihre Machtbasis haben.
Diese
Kritik würde allerdings schlecht zu der Hoffnung auf Weltverbesserung
passen, die die Freunde Venezuelas auf Chávez setzen. Ausgerechnet
dessen ständig bedrohtes Experiment mit der prekären Freiheit eines
Souveräns, Geldeinkünfte aus dem internationalen Energiegeschäft für
seine Volksmassen zu verwenden, was die Weltwirtschaftsmächte als
Zweckentfremdung verurteilen, nehmen sie als praktischen Beweis dafür,
dass „eine andere Welt möglich“ sei. Das stimmt ohne Zweifel,
allerdings nur dann, wenn die Vorstellungen von einem „anderen“,
besseren Weltlauf außerordentlich bescheiden dimensioniert sind und außerdem
die Betonung auf „möglich!“ liegen bleibt. Doch so zurückhaltend
sind die Freunde der „Bolivarianischen Revolution“ nicht. Sie lieben
ein Venezuela, in dem sie ihre eigenen Lieblingsideale wiederzuerkennen
meinen:
ein
Dorado der Basisdemokratie – wo die Chávez-Mannschaft sich an der
leidigen Notwendigkeit abarbeitet, eine hinreichende Massenbasis für ihr
abweichendes Staatsprogramm zu mobilisieren, bei der Stange zu halten und
auf Konsequenz einzuschwören.
einen
neu belebten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ – wo es vor Ort
gerade mal darum geht, unter Einsatz von Petro-Dollars und ‑Euros
die Überlebensnöte der Massen in den Griff zu kriegen, Verelendung und
Verwahrlosung einzudämmen und ein insgesamt eher unproduktives Volksbeschäftigungsprogramm
hinzukriegen.
Sie
setzen auf einen „möglichen“ Anfang vom Ende des US-amerikanischen
„Dollar-Imperialismus“ – wo Venezuelas Regierung darum ringt, sich
im Windschatten innerimperialistischer Rivalitäten wenigstens zu
behaupten.
So
wird das Venezuela des Präsidenten Chávez zu einer weiteren
Zwischenstation für Linke auf der immerwährenden Suche nach
Gelegenheiten für ein „richtiges Leben im Falschen“ …
Bei dieser Analyse handelt es sich bis hierher um die Einleitung und
ab hier um den fürs Radio bearbeiteten Schluss des Artikels
‚Linksruck‘
in Lateinamerika:
Venezuelas
Aufstand im Hinterhof der USA
I.
Die
Kritik am unerträglichen Zustand der Nation
I.
Der praktische Kampf um
eine ‚nationale Erneuerung‘ im Dienst am Volk
II.
Die erbitterten Feinde und
die neuen Stützen des alternativen nationalen Wegs
III.
Der innere Machtkampf um
die ‚nationale Erneuerung‘
IV.
Der außenpolitische Kampf
um die ‚zweite Befreiung Lateinamerikas‘
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