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Interview

mit Amilcar Figueroa (PSUV) und Pedro Eusse (KP Venezuelas)

„DAS GESPENST DES KOMMUNISMUS SCHRECKT NICHT MEHR WIE EINST“

übersetzt von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

Caracas, 31. August 2010, Tribuna Popular TP / Caracas. (auf Kommunisten-online am 2. September 2010) – Es wird viel vom Kommunismus geredet. Einige lehnen ihn ab. Andere finden ihn gut. Was ist da geschehen? „Das Gespenst des Kommunismus hat nicht mehr dieselbe Wirkung wie früher. Unter den gegenwärtigen Bedingungen durchläuft das kapitalistische System eine Zeit, die einige Theoretiker als globale Dekadenz bezeichnen. Daher eröffnet sie wirkliche objektive Möglichkeiten für die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft durch ein postkapitalistisches Gesellschaftsmodell. Auf alle Fälle soll das unter den gegenwärtigen Bedingungen die sozialistische Gesellschaft sein“, sagt Amilcar Figuera, turnusmäßiger Vorsitzender des Lateinamerikanischen Parlaments und Mitglied des regionalen Politbüros der Sozialistischen Einheitspartei Venezuelas (PSUV).

Er lehnt die antikommunistischen Kampagnen der Sprecher der Opposition in Venezuela ab und meint, dass die antikommunistischen Kampagnen unnötig sind, weil weder in Venezuela noch in der Welt der Kommunismus existiert: „Nirgendwo gibt es ihn. In der Theorie heißt es, dass der Kommunismus dann existiert, wenn man sich bis zur Abschaffung der gesellschaftlichen Klassen entwickelt hat. Und andererseits ist von Antonio Gramsci die von ihm so bezeichnete kulturelle Hegemonie des Machtblocks als Kommunismus ausgearbeitet worden, welcher in Etappen vonstatten geht“, hebt Amilcar Figuera hervor.

UNERLÄSSLICHES ZUSAMMENLEBEN

Er äußert gleich danach: „In jeder Zeit, in der keine solche Hegemonie vorhanden ist, in welcher, wie wir sagen, kämpfende sozialistische Modelle leben, kann man nicht von Kommunismus sprechen. Und daher wurde dieser Übergang Sozialismus genannt.“

Frage: Ist möglich, dass in Venezuela Kapitalisten und Kommunisten zusammenleben sollen?“

„Die Frage sollte sein: Können Kapitalismus und Sozialismus miteinander leben? Gezwungenermaßen, denn wir leben in einer historischen Zeit, in der der offen kämpfende Kapitalismus vorhanden ist. Wie lange wird diese Zeit dauern? Das kann nicht vorhergesagt werden. Die Ablösung des Feudalsystems durch das kapitalistische System dauerte mehr oder weniger dreieinhalb Jahrhunderte. Die Entwicklung des Weltgeschehens ist hinreichend beschleunigt worden, so dass man denken kann, dass die Ablösung des verrotteten Kapitalismus durch den Sozialismus nicht so lange Zeit dauern muß. Aber dies heißt nicht, dass der Kapitalismus an der nächsten Ecke abgeschafft sein wird. Denn dazu kann ich dir jetzt schon sagen, dass der Kapitalismus eine sehr starke Fähigkeit der Wiederauferstehung hat. Der Wechsel wird vom politischen Kräfteverhältnis abhängen, welches dabei ist, eine weltweite Kraft zu erzeugen. Und daran müssen wir kräftig arbeiten.“

Frage: Wie ist es denn damit, dass im Kommunismus den Eltern die Kinder und den Leuten die Häuser weggenommen werden?

„Ein Jahrhundert antikommunistischer Propaganda hat die Konzeption des kommunistischen Denkens verballhornt. Der Bevölkerungsmehrheit ist der Kommunismus als eine Art barbarische Doktrin vermittelt worden. Erst werden dort die Kinder den Eltern weggenommen, jede Art Eigentum wird abgeschafft, und am Ende ernähren sich die Kommunisten vom Blut der Menschen. Mit dieser Kampagne wurde die Bevölkerung unseres Landes in Angst versetzt. Dasselbe ereignete sich in vielen Teilen der Welt. Damit soll das Volk von einem den Interessen der ausgebeuteten Klassen entsprechenden Gesellschaftskonzept abgehalten werden.

Amilcar Figuera fügt hinzu, dass derartige Spekulationen auch in unserem Land verbreitet worden sind: „Und das ist kein Zufall. Sie spüren, dass dieser Prozeß ihre gesellschaftliche Hegemonie und ihre Privilegien gefährdet. Daher greifen sie angesichts des Verlustes an Glaubwürdigkeit der traditionellen Parteien auf andere Sprachrohre zurück. Eines davon ist die Kirchenhierarchie.“

AUF ZUR SELBSTZERSTÖRUNG

Frage: Können wir den Klassenkampf im ganzen 21. Jahrhundert propagieren?

„Es gibt jene, die da denken, dass der Klassenkampf eine Sache der Vergangenheit ist. Und dass er mit der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, dem Fortschritt der Informatik und der Entwicklung der Welt von heute nichts Grundlegendes mehr ist. Bei all dem ist die Geschichte sehr konkret und beweist, dass trotz der Änderung der Qualität der Arbeit die Lohnarbeit weiterhin existiert. Es existieren weiterhin Ausgebeutete und Ausbeuter. Und nur die Abschaffung der Ausbeutung wird zu einer klassenlosen Gesellschaft führen.“

Frage: Steht denn angesichts der gegenwärtigen Krise der kapitalistischen Gesellschaft im Weltmaßstab der Wechsel zur sozialistischen Gesellschaft an?

„Die große Entwicklung der Produktivkräfte und die kapitalistische Krise erzeugen die reale Möglichkeit für die Errichtung des Sozialismus. Dies haben wir ganz deutlich gesehen, als der Comandante Hugo Chávez gesagt hat, dass die Menschheit keinen anderen Ausweg mehr als den Sozialismus hat. Denn derzeit besteht die Logik des Kapitals im ständigen Wachstum der Wirtschaft und hat so zur Zerstörung des Planeten Erde geführt. Denn es wird nicht produziert, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, sondern da geht es lediglich um den Verbrauch.

Er vergißt nicht: „Diese Logik des Kapitalismus hat uns in eine schreckliche Umweltkatastrophe geführt. Und das Dilemma geht weiter, wenn es beim kapitalistischen Entwicklungsweg bleibt. Wenn wir so weitermachen, erleben wir bald die völlige Zerstörung des Planeten. Die kapitalistische Gesellschaft muß demzufolge abgeschafft werden. Und zwar durch eine Gesellschaft, in der die Lösung der dringenden Menschheitsbedürfnisse den Vorrang hat. Das kapitalistische System ist in seine Metastasen-Phase gekommen. Nennen wir es Selbstzerstörung. Es wird sich selbst zerstören. Das Kapital wird nach tausenden Formen suchen, um seine Herrschaft beizubehalten. Und von den Tatsachen her tut es dies in diesem Augenblick durch militärische Expansion überall auf dem Planeten“.

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Die Erscheinung der Arbeiterklasse

Pedro Eusse, Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Venezuelas (KP Venezuelas) geht lieber bis an die Wurzel des Konzepts. Er erinnert: „Seit Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht der Kapitalismus. Es entsteht auch eine ausgebeutete Arbeiterklasse. Es entstehen die Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus, deren Hauptschöpfer Karl Marx und Friedrich Engels waren. Seitdem entstehen die kommunistischen Ideen, wie sie vor allem im Buch 'Manifest der Kommunistischen Partei' von 1848 enthalten sind, welches das Programm der politischen Organisation namens Bund der Kommunisten war, wo damals Karl Marx und Friedrich Engels drin waren“.

Genosse Eusse weiter: „Seit damals, seit jener Zeit, und auch schon vor der Erarbeitung jenes Programms gab es bereits die Angst der Machthaber, der Ausbeuter. Ihre Angst vor einer Gesellschaft, in der es keine Ausbeuter mehr geben würde, in der mit dem Kapitalismus Schluß gemacht werden würde, in der wir alle in einer Situation der Gleichheit leben würden“.

Frage: Wenn die gesellschaftlichen Klassen nicht existieren, wer leitet dann die Wirtschaft in einer Gesellschaft wie der venezolanischen?

„Gut, wir kämpfen dafür, dass Venezuela zum Kommunismus gehen soll. Wir Kommunisten kämpfen dafür. Was jetzt auf der Tagesordnung steht, ist die Festigung der nationalen Befreiung, die volle Souveränität Venezuelas gegenüber der imperialistischen Vormacht, die größte Integration aller Völker der lateinamerikanischen Länder auf der Grundlage ihrer wirtschaftlichen und politischen Unabhängigkeit. Es mangelt noch daran, dass die Arbeiterklasse grundlegend die starke Muskulatur, die Kraft und Souveränität und stärkste Fähigkeit erlangt, um den Verlauf des Prozesses zu bestimmen. Derzeit werden dafür günstige Bedingungen geschaffen. Die Arbeiterklasse diskutiert derzeit über die Arbeiterkontrolle in der Produktion. Derzeit werden Sozialistische Arbeiterräte in vielen Unternehmen, an vielen Arbeitsstätten gebildet.

Frage: Wo stehen die Kommunen und Kommunalräte im derzeit sich entwickelnden Übergang?

„Dies alles kann eine Beschleunigung des Prozesses ermöglichen. Aber das hängt auch vom Bewußtseinsgrad, Organisationsgrad, der Kraft und der Einheit ab, die die Arbeiterklasse und die Werktätigen im allgemeinen haben. Das wird grundlegend davon abhängen, von ihren Produktionsniveaus, grundlegend. Die Kommunen sind wichtig. Aber du wirst keinen Sozialismus mit reinen Kommunen machen. Du must die Arbeiterklasse dafür haben, die Arbeiter. Sie müssen dafür gewonnen sein, dass sich die Art verändert, wie produziert wird. Das sich die Produktionsweise und die Produktionsverhältnisse verändern. Das läßt sich nicht von außen durchsetzen. Du mußt die Kraft des Bewußtseins der Werktätigen erobern.

FELIPE ESQUEDA/CARACAS

ILLUSTRATION: ETTEN CARVALLO/CARACAS

Quelle: http://www.tribuna-popular.org/index.php/entrevistas/7240-el-fantasma-del-comunismo-no-asusta-como-antes

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