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Vorbemerkung
der Redaktion:
Hier
ein Beitrag aus Venezuela, der gut beschreibt, unter welcher Unreife
des subjektiven Faktors die dortige
antiimperialistisch-demokratische Revolution auf ihrem Weg hin zur
sozialistischen Revolution leidet.
Der
Verfasser des Artikels ist venezolanischer Kommunist, also
zweifellos aktiver Unterstützer des Aufbaus einer sozialistischen
Gesellschaftsordnung in seiner Heimat. Er fordert die Übernahme des
Marxismus, jedoch lediglich als Methode zum Analysieren der
Gesellschaft. Dass die KP Venezuelas ein Kind Lenins ist, wie ihr
Ehrenvorsitzender Gerónimo Carreras gerne und aus historischer
Sicht sehr zu recht unterstreicht, kommt in diesem Artikel nicht zum
Ausdruck.
Dafür
jedoch äußert der Verfasser sehr begründete Enttäuschung darüber,
dass die Arbeiterklasse und die Klasse der werktätigen Bauern kaum
bis zuwenig in hohen staatlichen Führungsfunktionen vertreten sind.
Wir
finden in diesem Artikel die Meinungsäußerung eines einfachen
KP-Mitglieds, eines schlichten Marxisten. Lenin, das Studium von
Lenins Werken, sei ihm empfohlen, auf dass er zum
Marxisten-Leninisten werde und das Verhältnis von Staat und
Revolution sowie das Wesen der bürgerlichen Demokratie Lenins
Lehren entsprechend erkennen möge. Was rein sachlich und
keinesfalls vorwurfsvoll gemeint ist, denn die ideologischen
Defizite dieses Artikels sind offensichtlich und können
unsererseits nicht unkommentiert bleiben.
Die
Redaktion Kommunisten-online.de |
Aus
der Sozialismusdebatte unter Venezuelas Kommunisten:
Die
Rolle der Werktätigen beim Aufbau des Sozialismus
von
Wilmer Ortuno, 4.4.2008
Quelle:
http://www.tribuna-popular.org
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel
Ich
beginne diesen Artikel mit einer Grundsatzäußerung: Der Aufbau des
Sozialismus im spezifischen Fall unseres Landes muss sich auf die aktive
Beteiligung und die uneingeschränkte Unterstützung des arbeitenden
Volkes frei von allen Dogmen stützen. Denn dieser Bevölkerungsteil ist
derjenige, der nichts zu verlieren, aber eine Menge zu gewinnen hat.
Warum
starte ich mit dieser Idee?
Weil
die bisher erreichten Errungenschaften verloren gehen können, wenn man
sich nicht klar darüber wird, dass die große Masse der Besitzlosen die
großen Nutznießer des Prozesses sind, der im Lande vorangetrieben wird.
Sie sind die grundlegenden Handlungsträger und müssen auch die
Verteidiger des bis jetzt Erreichten sein. Daher muss man sich klar darüber
sein, dass die Werktätigen (nichtkapitalbesitzende Arbeiter und Bauern)
dazu aufgerufen sind, den Kampf für den Sozialismus zu führen.
Nach
dem Debakel in der CTV (Venezuelas Gewerkschaftsverband - der Übersetzer)
sind die Werktätigen verwaist worden, ohne eine politische und
gewerkschaftliche Führung in ihren gesellschaftlichen, wirtschaftlichen
und vor allem politischen Forderungen. Es hat Absichten gegeben, einen Typ
Organisation zu schaffen, der diese Funktionen ausführen sollte. Aber
wenn dies nicht aus den Werktätigen selbst heraus geschieht, sind diese
Organisationen durch innere Konflikte rasch in sich selbst gelähmt
worden. Grund dafür ist ihre ideologische Schwäche, der Parteienkampf im
Inneren und das Fehlen klarer Ziele, die sie ihren Mitgliedern anzubieten
hätten.
Ein
Musterstück dafür ist das, was mit den Arbeitern bei SIDOR geschehen
ist. Vereint in ihren gerechten Forderungen wurden sie seitens der
Regierung des Landes ignoriert und seitens der regionalen Regierung
unterdrückt. Wo sind die Arbeiterorganisationen, die ihre Solidarität
mit ihnen bekunden? Warum benutzen Regionalregierungen die Streitkräfte,
um Unternehmerbereiche gegen die Arbeiter zu verteidigen? Wie ist die Ruhe
bei den amtlichen und gesellschaftlichen Massenmedien zu verstehen?
Der
Kampf für den Sozialismus ist der Kampf gegen den Kapitalismus. Aber
nicht abstrakt, sondern im täglichen Leben. Denn in diesem perversen
System wird er zum Leiden und zur Nichtberücksichtigung der Mehrheit des
Volkes. Der Kapitalismus nimmt denen alles, die wenig haben. Sogar das
Leben wird ein verkäufliches und käufliches Produkt. Der Sozialismus ist
das einzige Gesellschaftssystem, welche wirkliche Lebensmöglichkeit allen
Klassen und Schichten der Bevölkerung bietet, darunter auch der so
selbstsüchtigen und nur sich selbst verherrlichenden Mittelschicht. Der
gesellschaftliche Umgestaltungsprozess in Venezuela ist ein Kampf für das
Leben (Sozialismus) und gegen den Tod (Kapitalismus). Darum sagen wir:
Vaterland und Sozialismus oder Tod!
Den
Sozialismus kann man nicht per Dekret erschaffen. Er ist keine
gesellschaftliche Bedingung, die man einsetzen kann, um sofort zu
beginnen, seine Vorzüge auszuleben. Der Sozialismus ist Alltäglichkeit
in den verschiedenen Lebensaspekten: an den Arbeitsplätzen, im Haushalt
daheim, auf der Strasse, in den Schulen, in den Kommunalräten. Aber vor
allem ist er harte Aufbauarbeit all derer, die wissen, wie man innerhalb
des kapitalistischen Systems zu leiden hat. Und dies sind keine Anderen,
dies sind die Werktätigen aus Stadt und Land.
Jetzt
beginnt die Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel, des
Gesundheitswesens und Bildungswesens mit der Arbeiterkontrolle in den
Betrieben und mit der gesellschaftlichen Inbesitznahme von Anbauflächen unter
anderem und ohne Dogmen Wirklichkeit zu werden. Es eröffnet sich die Möglichkeit,
der harten Elendsrealität zu begegnen, die uns das System der
deformierten Produktion hinterließ. Jenes System nannte sich in unserem
Lande Staatskapitalismus. Und dies geht durch ein sehr viel gerechteres
und gleichberechtigerendes System, wie es die Bildung eines Sozialstaates
ist, welcher zu Lösungen für verschiedene aus dem globalisierten
Neoliberalismus herrührende Probleme beiträgt.
Die
gesellschaftliche und politische Stärkung der Arbeiter und Bauern im
Umgestaltungsprozess seit 1999 ist die einzige Möglichkeit, die wir
haben, damit der Kampf für den Sozialismus nicht seine Richtung verliert
und von einer herrlichen Illusion zu einer realen Lebenshoffnung wird.
Daher auch die Grundaussage am Beginn des Artikels. Und die PSUV als im
gesellschaftlichen Kampf und ideologischen Prozess zu führende Partei
muss dies verstehen und in Übereinstimmung mit dem revolutionären
Diskurs handeln.
Ich
wiederhole: Dies ist kein Dogmatismus, es ist eine historische
Notwendigkeit. Die Fragen, die vor uns stehen, lauten: Warum gibt es
keine Beteiligung innerhalb der Partei und in ihrer Führungsriege von
Arbeitern und Bauern? Warum sträubt man sich dort vor dem Studium des
Marxismus als ideologischem Rüstzeug in der PSUV?
Die
verschiedenen Staatsorgane, die Regierung, müssen über die ideologische
Bildung der an der Spitze des Umgestaltungsprozesses Stehenden wachen. Und
ich spreche von Staatsorganen, denn wir verstehen, dass der Staat in
Venezuela ein ganz anderes Wesen als früher hat. Er ist nicht mehr übernationales
Organ, welches die Bourgeoisie gegen die gewaltige Mehrheit des Volkes
verteidigt. Er ist noch kein Sozialstaat, kein sozialistischer Staat, der
sich an die Seite des Volkes und der Werktätigen stellt. Denn eine seiner
Funktionen muss die Erziehung des Volkes in jenen Ideen sein, die beim
Aufbau des Sozialismus helfen. Ohne Dogmatismus ist der Marxismus eine
Theorie, die hilft, viele der Aspekte zu verstehen, die derzeit diskutiert
werden. Ebenso wie viele andere Ideen, die wichtige Beiträge für das
harte Aufbauwerk liefern.
An
der Seite der Ideen von Bolívar, Miranda, José Martí, Simón Rodríguez,
Mariátegui, Gramsci muss man auch auf die Ideen von Marx und Engels
setzen, die uns mit einer Methodologie ausstatteten, um die Gesellschaft
zu studieren und zu verstehen, die in ihrer Zeit das alte Europa
kennzeichnete und dort vorhanden war. Wir können nicht ihren Beitrag für
kleine Gruppen beiseite legen, die sich Marxisten nennen und dem
Imperialismus in die Hände spielen, wobei sie zur Rechten werden, von der
man soviel spricht.
Es
bleibt noch viel Kampf auszutragen. Die Geburt des Sozialismus erfolgt in
Auseinandersetzung mit den alten Praktiken aus der 4. Republik.
Kapitalistische Praktiken, die alles ändern wollen, damit sich bloß
nichts ändert! Die ideologische Konzeption der Rechten wirft ihre
Schatten auch auf den revolutionären Prozess, denn dies ist ein
dialektischer Prozess. Als solcher erzeugt er seine eigenen Widersprüche
und ermöglicht dadurch das Vorankommen und die Vertiefung der Veränderungen.
So schreibt sich auch der Vorschlag der 3R, das Studium und die Analyse
des Erreichten, um den Marsch zu bewerten und wiederaufzunehmen. Dies ist
reine Dialektik, reiner Marxismus.
Aber
der Sozialismus kann nicht nur für Unternehmer und politische Funktionäre
da sein, die schon ihren besonderen Kommunismus leben können. Er muss
auch für jene sein, die Tag für Tag sich anstrengen, um das Paradies
hier auf Erden zu schaffen. Wo bleibt das arbeitende Volk bei all diesem
Aufbau? Wo die Arbeiter? Wo die Bauern?
Dem
Volk muss volle und wirkliche Beteiligung gegeben werden, nicht nur
ausschließlich über die Kommunalräte und die Arbeiter- und/oder
Bauernorganisationen. Sondern auch in der Wahl von Kandidaten für die
verschiedenen Regierungsämter, die ein Mal Wahlamt geworden die kaum
begonnene Arbeit fortsetzen müssen. Einzig mit der Teilnahme des Volkes
in der Wahl der Kandidaten für die revolutionäre Führung wird der
Aufbau des venezolanischen Sozialismus garantiert werden können.
Quelle:
http://www.tribuna-popular.org
Anmerkung:
Unterstreichungen wurden zur Hervorhebung von der Redaktion
Kommunisten-online.de vorgenommen!
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