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Guinea:
Bevölkerung:
ca. 9.500.000 (2005) Einwohner; etwa 2/3 davon leben auf dem Lande, 1/3 in
den Städten. Neben der Haupt- und Millionenstadt Conakry gibt es keine
weiteren Großstädte.
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Jetzt
oder nie:
Solidarität
mit den Gewerkschaften und den Massenkämpfen in der Republik Guinea
–
Frankreich lässt Kriegsschiff auslaufen
–
Aufständische Bewegung fordert Einfrieren von Exporten, die der Bevölkerung
keinen Nutzen bringen
–
Brutale Repression folgt auf den Generalstreik
Quelle:
Labournet-germany
vom 21. Februar 2007
Nie
war sie so wertvoll wie heute: die internationale Solidarität. In der
westafrikanischen Republik Guinea finden seit Anfang dieses Jahres heftige
Massenkämpfe statt, auf die inzwischen eine ebenso heftige und gnadenlose
Repression antwortet. Die Anzahl der Toten seit Beginn des jüngsten
Generalstreiks hat inzwischen mindestens 112 (laut dem Wochenmagazin ‚Valeurs
actuelles') bzw. 113 Opfer (laut ‚Libération' vom Dienstag, 20.
Februar) erreicht.
Am
10. Januar 2007 hat der dritte Generalstreik binnen zwölf Monaten
begonnen. Ab dem Wochenende des 27./28. Januar war der unbefristete
Generalstreik (nach zweieinhalb Wochen und bis dahin 59 Toten) zeitweise
ausgesetzt worden, nachdem die federführenden Gewerkschaften CNTG und
USTG auf wichtigen Themenfeldern Verhandlungserfolge erzielt hatten. Ja,
zeitweise schien es bereits so, als seien die entscheidenden Durchbrüche
geschafft worden. Das betrifft die ökonomischen Forderungen: die Preise für
Transportmittel und Grundnahrungsmittel, insbesondere Reis, sollten
abgesenkt werden. Bereits bei den beiden Generalstreiks im März und im
Juni 2006 waren Lohnerhöhungen in zweistelliger Prozenthöhe erkämpft
worden (die freilich angesichts des Ausmaßes der Armut in Guinea, einem
der rohstoffreichsten Länder der Erde, absolut unzureichend blieben). Das
betrifft aber auch die politischen Forderungen: Die DemonstrantantInnen
hatten eine weitgehende Entmachtung des 72-, bald 73jährigen Präsidenten
Lansana Conté und die Einsetzung eines Premierministers mit echten
Machtbefugnissen gefordert. Bis dahin gab es diesen Posten nicht, sondern
nur einen „Minister für Präsidialangelegenheiten“, was bereits ganz
ungeschminkt darauf hindeutete, dass die vollen Machtbefugnisse in
Wahrheit allein beim Präsidenten lagen. Die letzte Marionette dieser Art
war Fodé Bangoura gewesen, doch dieser hatte sich mit seinen Sprüchen
ein bisschen übernommen (er hatte öffentlich erklärt, er werde „die
Gewerkschaften zermalmen“), so dass der alternde Machthaber ihn
abservieren musste.
Von
wegen Machtübergabe „im Konsens“...
Nunmehr
sollte, so sah es das Abkommen vom 26. Januar vor, ein „Premierminister
des Konsenses“ bestimmt werden. Viele glaubten, damit sei ein
schrittweiser Übergang der Macht aus den Händen des Präsidenten auf
eine kollegiale Regierung – die ihrerseits unter dem Druck der
Gewerkschaften und sozialen Bewegung stünde, welchen sie ja ihre
Ernennung zu verdanken hätte – de facto besiegelt worden. Doch dann kam
alles anders.
Am
Freitag, den 9. Februar ernannte der seit 1984 ohne Unterbrechung
amtierende Präsident und alte Militär Lansana Conté dann ein Angehörigen
seiner eigenen Clique, seinen Günstling Eugène Camara, zum neuen
Premierminister. Sofort flammten erneut Auseinandersetzungen und Kämpfe
aus. An jenem Freitag kurz nach 14 Uhr vermeldete die Nachrichtenagentur
AFP bereits heftige Zwischenfälle bei einer Demonstration in Dinguiraye
(400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Conakry), wo eine
Polizeistation und eine Gendarmeriekaserne in Brand gesteckt worden waren.
Allgemein wurde nunmehr der sofortige Rücktritt von Präsident Lansana
Conté gefordert, von einem allmählichen Übergang der Macht wollen die
aufgebrachten Demonstranten – zu Recht misstrauisch geworden – nun
nichts mehr wissen. Allein am Wochenende des 10./11. Februar starben laut
Angeben der Pariser Tageszeitung ‚Libération' „23 Personen, darunter
zwei Soldaten“, laut der Nachrichtenagentur Reuters (Meldung in beiden Fällen
vom 12. Februar) hingegen „29 Menschen“. In Sangarédi im Nordwesten
der Republik Guinea errichteten Jugendliche in der Nacht vom Sonntag zum
Montag Barrikaden, um die Arbeiter der Guineeischen Bauxitgesellschaft (CGB)
– des wichtigsten Exportmotors des total vom westlichen Kapital abhängigen
Landes – daran zu hindern, sich an den Ort ihrer Ausbeutung zu begeben.
Allein
am Montag, 12. Februar starben weitere 18 Menschen in der Hauptstadt
Conakry und in mehreren „Provinzstädten“. Ein Korrespondentenbericht
der Pariser Abendzeitung ‚Le Monde', der einen Mitarbeiter einer humanitären
Hilfsorganisation in Conakry zitiert: „Dieses Mal ist die Menge
bewaffnet. Sie beantwortet die von den Militärs abgegebenen Schüsse und
zerstört öffentliche Gebäude, Gefängnisse, Präfekturen oder
Polizeiwachen.“ Die mittlerweile einzige Forderung der Protestierenden
und Aufrührer: der sofortige Rücktritt von Präsident Lansance Conté.
‚Le Monde' berichtet am Mittwoch vergangener Woche, dass die Soldaten
eines Militärcamps in der Hauptstadt Conakry mitsamt ihren Waffen zu den
Aufständischen der Massenbewegung übergelaufen waren: „Am Montag um
die Mittagszeit haben die Soldaten des Armeecamps von Alpha Yaya, in der Nähe
des Flughafens (von Conakry), gegen ihre Hierarchie gemeutert. Diese hatte
ihnen soeben angekündigt, dass der Präsident Unterstützung von der
ehemaligen Guerialla in (dem benachbarten Ex-Bürgerkriegsland) Liberia
angefordert hatte. Die Meuterer brachen daraufhin die Tür des Waffen- und
Munitionslagers auf, um sich zu bedienen, bevor sie hinausgingen und mit
der Menge fraternisierten (sich verbrüderten).“
Am
Abend desselben Tages (Montag, den 12. Februar) verkündete Präsident
Conté in einer kurzen Fernsehansprache die Verhängung des Kriegsrechts.
Der Armee werden weitgehende Machtbefugnisse einräumt. Zugleich trat ab
dem Dienstagvormittag (13. Februar) eine allgemeine Ausgangssperre in
Kraft. Zunächst war es den Einwohnern der Hauptstadt Conakry nur erlaubt,
von 12 bis 16 Uhr außer Haus zu gehen, um die lebensnotwendigsten Einkäufe
zu erledigen. Dem harten Kern des Regimes ging es vor allem darum, neue
Demonstrationen und öffentliche Versammlungen oder
„Zusammenrottungen“ jeglicher Art im Keim zu ersticken.
Allerjüngste
Entwicklung
Die
neueste Entwicklung zeigt eine gewisse scheinbare Beruhigung der Lage in
der Hauptstadt Conakry, da es den Repressionskräften zunächst gelungen
ist, öffentliche Versammlungen und Ansätze zu Demonstrationen zu
unterbinden. Doch dies ist nur die Fassade. Am Sonntagabend (18. Februar)
ist die Ausgangssperre gelockert worden, sie gilt nunmehr von 18 Uhr bis 6
Uhr früh. In Conakry hat tagsüber scheinbar eine gewisse Normalität
wieder Einzug gehalten, da der Verkehr wieder aufgenommen worden ist.
„Es sind vor allem die Frauen, die sich (wieder) fortbewegen. Sobald
sich eine Gruppe von Männer bildet, interveniert die Polizei, um sie mit
Stockschlägen auseinander zu treiben“ liest man in einem
Augenzeugenbericht in ‚Libération' (Paris) vom 20. Februar. Die meisten
Geschäfte sind demnach noch immer geschlossen.
Unterdessen
hat die Dampfwalze der Repression zu rollen begonnen, vor allem in Gestalt
nächtlicher Verhaftungswellen. Eine AFP-Meldung vom vergangenen
Wochenende zitiert den Präsidenten der guineeischen Menschenrechtsliga,
Thierno Maadjou Sow, mit den Worten, es habe „Hunderte von Festnahmen“
gegeben. Dieselbe Quelle zitiert den Generalsekretär einer
Oppositionspartei, Mohammed Diané von der Assemblée populaire de Guinée,
mit der Zahl von „278 Verhaftungen seit der Verhängung des
Kriegsrechts“. Fraglich ist allerdings, ob diese Angaben sich vorwiegend
auf Verhaftungen im Milieu dieser Oppositionspartei oder aber auf alle
Festgenommenen beziehen. In ihrer Ausgabe vom Dienstag dieser Woche veröffentlicht
‚Libération' weit höhere Angaben. Unter Berufung auf die guineeische
Menschenrechtsliga von Thierno Sow ist dort von 300 Verhaftungen allein in
der Region von Macenta (im Südosten der Republik Guinea) die Rede. Die
Festgenommenen seien in ein Armeecamp transportiert worden. Anderswo dürften
mindestens Hunderte weiterer Verhaftungen hinzu kommen. Die internationale
Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtet ihrerseits von nächtlichen
Durchsuchungen, bei denen Eliteeinheiten der Armee, besonders die Präsidentengarde,
von Haus zu Haus die Türen eintreten und die wenigen Wertgegenstände der
Einwohner (Mobiltelefone, Fotoapparate) und Geld rauben. Mindestens vier Fälle
von Vergewaltigungen durch Militärs sind bekannt geworden, aber in der
Mehrzahl der Fälle dürften sich die Opfer schamhaft verstecken.
Unterdessen
erhalten die Gewerkschaften ihren Aufruf zum unbefristeten Generalstreik
allen Widrigkeiten zum Trotz aufrecht. Am Donnerstag, 15. Februar hatten
sie noch kurzzeitig die Einladung der Regierung zu Verhandlungen
angenommen. Die bürgerliche Pariser Tageszeitung ‚Le Figaro' vom
vorigen Wochenende berichtete darüber, als handele es sich um einen möglichen
Ausweg. Sie zitierte einen (namentlich nicht näher bezeichneten)
Gewerkschafter mit den Worten: „Wir können nicht die Leute auf die Straße
gegen die Panzer schicken.“ Am vorigen Samstag war daraufhin ein
weiteres Zusammentreffen mit den Vertretern des Regimes anberaumt worden.
Aber am selben Tag erklärten die Gewerkschaften die Verhandlungsrunde für
gescheitert und „unterbrochen“, um gegen die Ausgangssperre und das
Kriegsrecht zu protestieren. Am Dienstag galten die Verhandlungen als
„am toten Punkt“ angekommen.
Ein
Augenzeuge war unterdessen der Auffassung, die Verhängung des
Kriegsrechts habe nur „einen Deckel auf den Dampfkochtopf“ gesetzt,
was bekanntlich bei genügendem Druck eine Explosion nicht verhindern kann
(sondern eher befördert). Die Entfaltung neuen Drucks wird nunmehr vor
allem von der jungen Generation erwartet.
Warum
diese Verhärtung seitens der Machthaber?
Warum
aber muss eine solche Verhärtung des Regimes konstatiert werden? Ist sie
nicht, längerfristig, als irrationale Flucht in eine Sackgasse zu
betrachtet? Erklärt die persönliche Verfassung des alternden Präsidenten
(der unter Leukämie und Diabetes leiden soll), wirklich das Verhalten
seines Regimes?
Bislang
hatte Lansana Conté eher durch seinen schwankenden Kurs auf sich
aufmerksam gemacht: Nachdem die führenden GewekerschafterInnen am 22.
Januar durch ein Elitekommando der Armee (unter persönlicher Anführung
des Präsidentensohns) verhaftet und misshandelt worden waren, erklärte
ihnen der Präsident persönlich im Armeecamp Samory, die Soldaten hätten
„ohne Anordnung gehandelt“. Der Präsident fügte sogar hinzu: „Die
Arbeiter haben das Recht, Forderungen zu stellen. Ich bin selbst auch
Staatsangestellter, ich trete auch in den Streik!“ Sprach es aus und
verschränkte die Arme vor der Brust... Diese Winkelzüge des alten
Staatsoberhaupts sind wohl eher unter Kasperltheater zu verbuchen. Aber
die Frage bleibt intakt, was eine solche drastische Verhärtung erklären
mag, nachdem der Präsident allem Anschein nach einen „ehrenhaften“
Abgang hätte einläuten können, hätte er denn das Spiel mitgespielt und
einen „Premierminister des Konsenses“ ernannt. An Kandidaten, die
vielleicht die Lage beruhigt und zugleich die so genannte
„internationale Gemeinschaft“ wohlgesonnen gestimmt hätten, wäre
wohl kein Mangel gewesen. Denn so manche ehemalige „Minister für Präsidentenangelegenheiten“,
die von Conté in der Vergangenheiten abgesetzt worden sind (und deshalb
politisch auf eine gewisse „Jungfräulichkeit“ hinweisen können) sind
gleichzeitig bei den internationalen Finanzinstitutionen und in westlichen
Hauptstädten sehr beliebt. Wie etwa Sydia Touré, oberster Minister von
1996 bis 1999. Warum also nicht einen „Konsens“ ausrufen und
versuchen, die Wogen zu glätten?
Jenseits
persönlicher Eitel- oder Verrücktheiten spielt offenkundig die
internationale Dimension der Ereignisse eine sehr erhebliche Rolle. Und
deswegen wäre es auch falsch, die vermeintliche oder tatsächliche
Irrationalität des Präsidenten allein für die Entwicklung
verantwortlich zu machen. „Es ist fest damit zu rechnen, dass diese
aktuelle Bewegung niedergeworfen und mit massiver Repression unter
Kontrolle gehalten wird. International steht viel zu viel auf dem Spiel,
angesichts des erheblichen Rohstoffreichtums, der unter dem Boden Guineas
liegt“. Dies war etwa die Auffassung, die die Referentin über Guinea
beim französisch-afrikanischen Bürgerrechtsforum in Saint-Denis bei
Paris am 11. Februar (aus Anlass des 24. Gipfels „France-Afrique“ in
Cannes in der vergangenen Woche) vertrat. Ihre Prognose fiel dabei, dies
sei nicht verheimlicht, aus den genannten Gründen ziemlich pessimistisch
aus.
Eine
Studiengruppe der International Crisis Group (ICG) kommt unterdessen zu
dem Ergebnis: „Die charakteristischen Züge des Conté-Systems –
Korruption, Clanwirtschaft und Repression – haben aus Guinea ein Land
mit einer Sondersituation gemacht. Das Ausmaß der Armut, der verrottete
Zustand der Infrastruktur, die Unfähigkeit des Staates, der Bevölkerung
grundlegende soziale Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen, lassen an
ein Land am Ausgang eines Bürgerkrieges denken.“ Im Falle eines
„Scheiterns des Dialogs“ (welchen Dialogs?) sagt die ICG „ein
Blutbad dramatischen Ausmaßes“ voraus. Sie sagt „eine dauerhafte und
blutige Machtübernahme durch die Armee, als Vorstufe für den Abstieg in
eine Höllensituation“ vorher. (Zitiert nach ‚Le Figaro' vom
vergangenen Wochenende.)
Andere
Beobachter unterstreichen vor allem das Risiko einer Aufladung
„ethnischer“ Spannungen, die in Guinea im Jahr 1977 bei Zusammenstößen
rund 1.000 Tote gefordert hatten. Zur Zeit wird in Guinea durch die
Machthaber das Gerücht gestreut, sowohl hinter „den Spekulanten“, die
für das Elend verantwortlich seien, als auch hinter den Aufrührern
steckten die Peul. Diese Volksgruppe, die früher einmal eine nomadische
Lebensweise hatte, gilt bei Vielen als „nicht national gesinnt“. Unter
der Hand schüren die Machthaber so potenziell explosive „ethnische“
Spannungen. Zugleich wird von ihnen das Gerücht gestreut, die Hand des
Auslands in Gestalt der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich stecke hinter
den Aufrührern. Noch überwiegt allerdings in der Bevölkerung allgemein
der Wunsch nach Zusammenhalt aller Guineer, und das kollektive Bewusstsein
wird auch dadurch bestärkt, dass Guinea in der Vergangenheit der früheres
Kolonialmacht Frankreich als einziges frisch unabhängig gewordenes Land
der Region offen getrotzt hat.
Die
internationale Dimension
Die
Republik Guinea ist aktuell der zweitgrößte Produzent und Exporteur von
Bauxit (Aluminium-Erz, benannt nach der südfranzösischen Stadt
Les-Baux-de-Provence), hinter Australien und ungefähr auf gleicher Höhe
mit Brasilien. Vor allem lagern unter dem Boden Guineas rund zwei Drittel
der bekannten Vorräte des Planeten an Bauxit. Die jüngsten Ereignisse in
Guinea haben bereits den Aluminiumpreis an den Börsen etwa in Shanghai
(die VR China hat aufgrund ihres rasenden Industrialisierungstempos einen
immensen Bedarf an Aluminium) in die Höhe schnellen lassen, vgl. die
Meldung in Labournet vom 16. Februar 2007 dazu.
Hochinteressant
ist in diesem Zusammenhang, was in einem Artikel der französischen
linksalternativen Monatszeitung ‚CQFD'
in ihrer Ausgabe vom 15. Februar 2007 berichtet wird. Dort heißt es unter
anderem: „Am 10. Januar beginnt der dritte Generalstreik binnen eines
Jahres (...). Die Züge, die das Bauxit zum Hafen von Conakry
transportieren, werden mit Steinen beworfen. Neben der Senkung des Preises
für Transportmittel und für Güter des täglichen Bedarfs fordert die
Bewegung den Stopp der Exporte, solange die Bedürfnisse der Bevölkerung
nicht abgedeckt werden. Arroganter Pöbel aber auch, der glaubt, die Ökonomie
solle ihm dienen!“ (Vorsicht Ironie!) Und weiter liest man, über das
vorläufige Abkommen vom 26. Januar – dessen Bruch durch Präsident
Lansana Conté nach Redaktionsschluss des Artikels in ‚CQFD' erfolgte
– in dem Artikel: „Alle wirtschaftlichen Forderungen werden erfüllt.
Substantielle Erhöhung der Renten, Senkung der Preise für Benzin und für
Reis und, vor allem, Einfrieren der Exporte, bis überhaupt wieder ein
(nennenswerter) Binnenkonsum hergestellt worden ist.“ Da hätten wir
eine Bevölkerung, die offenkundig nicht mehr an die Märchen von der
segensreichen Wirkung von Marktöffnung und Ankurbelung der Exporte
glaubt... (Der Artikel in ‚CQFD', vgl. den Link
ist leider nicht im Volltext über das Netz zugänglich, sondern nur über
die Papierausgabe. )
Das
Bauxit in Guinea wird vor allem durch ein Konsortium aus US-amerikanischen
und japanischen Firmen abgebaut, das dafür Fördermittel durch die
Weltbank erhält. Die Aluminium-Giganten Alcan und Alcoan (beide sind auch
in Deutschland mit größeren Werken vertreten) sind neben dem
guineeischen Staat, welch letzterer sich jedoch mit einigen Krümeln für
die korrupte Clique an der Macht abspeisen lässt, die Hauptaktionäre an
der Bergbaugesellschaft CGB, Compagnie guinéenne de bauxit.
Dem
französischen Aluminiumindustrie-Konzern Pechiney Frankreich ist der
Zugriff auf den Bauxit-Abbau in Guinea zwar nicht gelungen, die anderen
Geier waren ihm zuvorgekommen. Dennoch hat auch Frankreich mächtige
Interessen in dem westafrikanischen Land. Französische Unternehmen
kontrollieren etwa die Häfen und Transportwege. Bei der Schürfung nach
vermuteten Ölverkommen ist der französische Erdöl-Multi Total äußerst
präsent. Bislang hat sich Frankreich zwar nicht von allen Exzessen der
Clique des Präsidenten Conté begeistert gezeigt, aber den manifesten
Wahlbetrug des Regimes und andere Manipulationen auf internationaler
politischer Ebene stets gedeckt.
Am
Mittwochabend (14. Februar) lief das Kriegsschiff ‚Sirocco' vom südfranzösischen
Marinehafen Toulon aus in Richtung Guinea aus. Das Schiff ist mit Landebrücken
ausgestattet und wurde zuletzt im Juli 2006 zur Evakuierung französischer
Staatsbürger aus dem Libanon, während des israelischen Überfalls auf
das Land, eingesetzt. Eine Landung französischer Soldaten in Guinea könnte
durch die Notwendigkeit zur Evakuierung von Staatsbürgern des Landes, von
denen rund 2.900 in Guinea leben, legitimiert werden. Bislang gibt es
allerdings keinen Evakuierungsplan für diese Franzosen. Am Dienstag und
Donnerstag voriger Woche landeten allerdings Flugzeuge von Air France in
Conakry, um ausreisewilligen Franzosen einen freiwilligen Abgang zu ermöglichen.
Die US-Administration kündigte gleichzeitig den Einsatz einer Maschine
zur Evakuierung ihrer Staatsbürger an. Die Pariser Abendzeitung ‚Le
Monde' fügt in ihrer Ausgabe vom vorigen Donnerstag hinzu: „Falls die
Situation sich verschlimmern sollte, könnten die französischen Soldaten,
die in Abidjan (Côte d'Ivoire) und in Dakar (Senegal) stationiert sind,
intervenieren.“ Natürlich immer unter dem kommoden Vorwand, französische
Staatsbürger zu evakuieren.
Aufrufe
zur Solidarität
An
Solidaritätserklärungen besteht im französischen Sprachraum inzwischen
kein Mangel. Was man vom deutschen Sprachraum bislang jedenfalls nicht
behaupten kann...
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|
Das
Blutbad von Conakry
Von
B. Schmid
Labour-Net
Germany vom 2.10.09 – „Zahlreiche Menschen waren zusammengeströmt, im „Stadion des 28.
September“ – diesen Namen trägt das große Stadion von Conakry unter
Anspielung auf den 28. September 1958, also das Datum, an dem Guinea in
einer Abstimmung für seine vollständige Unabhängigkeit von der
bisherigen französischen Kolonialmacht (und gegen den Beitritt zu einer
damals geplanten ‚Communauté française', den Plänen für die Bildung
einer Art französischen Commonwealth' folgend) votierte. Es geschah auch
an einem 28. September – diesem Montag -, also am guineeischen
Nationalfeiertrag. Dann eröffneten Soldaten das Feuer auf diese
gemeinsame Großveranstaltung der Oppositionsparteien, die am Vorabend in
letzter Minute verboten worden war“ - so beginnt der aktuelle überarbeitete
Artikel „Guinea: Blutbad in Conakry – Die Zeit der Hoffnungen ist
(vorläufig) vorbei: Ein neuer Wandel tut not!“ von Bernard Schmid vom
2. Oktober 2009.
Guinea:
Blutbad
in Conakry – Die Zeit der Hoffnungen ist (vorläufig) vorbei: Ein neuer
Wandel tut not!
Hoffnungen
auf Wandel unter der Militärregierung junger Offiziere, die anfänglich
auch unter Gewerkschafter/inne/n vorhanden waren, sind brutal(st) enttäuscht
worden. Die Militärs schlagen nun ihrerseits zu und wollen an der Macht
bleiben. Ihr Chef erhielt einen Teil seiner Offiziers-Ausbildung bei der
Bundeswehr in Hamburg, Leipzig und Dresden...
Ausführliche
und überarbeitete Fassung eines Artikels, der am heutigen Freitag (vom
Autor gekürzt) in der Tageszeitung ,Neues Deutschland’ erschien
Es
sollte ein Versprechen nach Aufklärung darstellen und die
„internationale Gemeinschaft“ beruhigen - klingt aber ganz wie eine
Drohung. „Wir werden die Verantwortlichen für diese Tragödie finden
und vor Gericht stellen“ tönte der Chef der Militärregierung der
Republik Guinea, der 45Jährige Armeehauptmann Moussa Dadis Camara, am
Dienstag und Mittwoch dieser Woche. Voraus ging das Massaker am Montag um
die Mittagszeit, im Stadion der Hauptstadt Conakry.
Zahlreiche
Menschen waren zusammengeströmt, im „Stadion des 28. September“ –
diesen Namen trägt das große Stadion von Conakry unter Anspielung auf
den 28. September 1958, also das Datum, an dem Guinea in einer Abstimmung
für seine vollständige Unabhängigkeit von der bisherigen französischen
Kolonialmacht (und gegen den Beitritt zu einer damals geplanten ‚Communauté
française’, den Plänen für die Bildung eine rArt französischen
Commonwealth’ folgend) votierte. Es geschah auch an einem 28. September
– diesem Montag -, also am guineeischen Nationalfeiertrag.
Dann
eröffneten Soldaten das Feuer auf diese gemeinsame Großveranstaltung der
Oppositionsparteien, die am Vorabend in letzter Minute verboten worden
war. Aufgrund der Tatsache, dass das Verbot derart spät ausgesprochen
worden war (unter dem Vorwand, die Menschen sollten an diesem
Nationalfeiertag „auf die Straße gehen, um zu feiern“, und nicht um
über Politik zu streiten), wussten zahllose Menschen davon aber noch gar
nichts, als sie am Montag sehr früh aus ihren Armenvierteln zu der
Kundgebung strömten. An ihr nahmen Zehntausende von Menschen teil; ihr
Gegenstand war die Forderung, der amtierende Da facto-Präsident und
Offizier Moussa Dadis Camara dürfe nicht als Kandidat zur kommenden Präsidentschaftswahl
(die nun, infolge ihrer kürzlich erfolgten Verschiebung, auf den 31.
Januar 2010 angesetzt ist) antreten: Befürchtet wird, dass der Putschpräsident
als Kandidat antritt und sich – als gleichzeitiger Machthaber - durch
eine „Wahl“ nur im Amt bestätigen lässt.
Militärkommandant
Tiéboro Camara, der amtierende Minister „für die Spezialdienste (=
Nachrichtendienste, politische Polizei), den Kampf gegen Drogenhandel und
organisierte Kriminalität“, empfing daraufhin die Wortführer der
herbeiströmenden Anhänger der Opposition – nachdem er konstatiert
hatte, dass seine Forderung, die Kundgebung doch um 24 Stunden zu
verschieben, angesichts des einsetzenden Zulaufs vergeblich war. (Eine
Forderung, die insofern heuchlerisch war, als das vom Regime am Sonntag
Abend ausgesprochene Kundgebungsverbot für den ganzen Wochenzeitraum vom
28. September bis zum kommenden Montag, 05. Oktober gültig war.) Er begab
sich zusammen mit ihnen ins Stadion und hielt sich einige Minuten dort auf
– machte sich dann aber eilends vom Acker. Kurz darauf begann das
Massaker. Die Soldaten schossen mit scharfer Munition auf „alles, was
sich bewegte“; manchen Informationen zufolge sollen die Soldaten, die
daran beteiligt waren, zuvor unter Drogen gesetzt worden sein. Zahlreiche
anwesende Frauen wurden zudem zu Opfer extremer, sexualisierter Gewalt.
Laut Angaben örtlicher NGOs und der französischen Presse starben dabei
mindestens 157 Menschen. Mutmaßlich kamen aber mehrere Hundert Menschen
zu Tode, denn die Militärs durchkämmen seit Montag Nachmittag die
Krankenhäuser von Conakry und schaffen Schwerverletzte und Tote weg. Aus
der Universitätsklinik beispielsweise transportierte ein Armeelastwagen
einen Berg von Leichen an einen unbekannten Ort.
Die
Militärregierung des „Nationalen Rats für Entwicklung und
Demokratie“ (CNDD) spricht hingegen von 50 Toten. Von ihnen seien 46 im
Stadion durch andere Kundgebungsteilnehmer in einer Massenpanik erdrückt
worden, und drei seien „durch Querschläger erwischt worden“. Die
Schuld daran trage allein die Opposition, denn, so Dadis Camara, diese
habe angeblich „zwei Polizeiwachen gestürmt und Waffen erbeuten
wollen“. Das Versprechen des Junta-Chefs, die Verantwortlichen zur
Rechenschaft zu ziehen, richtet sich also eindeutig gegen die Opposition.
Deren führende Politiker halten sich im Augenblick versteckt; mehrere
ihrer Köpfe wurden am Montag selbst verletzt. Der frühere
Premierminister Cellou Diallo etwa wurde von Soldaten geschlagen und kam
mit fünf Rippenbrüchen davon. Am Dienstag kam es in Conakry zu weiteren
Gewalttaten; mehrere Jugendliche, die Autos in Brand steckten und
Barrikaden errichteten, wurden durch die Sicherheitskräfte erschossen.
Aufgrund
der heftigen internationalen Reaktionen, die das Regime mutmaßlich in
diesem Ausmaß nicht erwartet hatte - die EU, die Afrikanische Union,
Washington und Paris erklärten schnell ihre scharfe Verurteilung der
Repression -, bemühte Regimechef Dadis Camara sich jedoch um beruhigende
Gesten. Er besuchte seit Dienstag mehrere der über 1.200 Verletzten, die
das Blutbad hinterließ, demonstrativ an ihren Krankenbetten und versprach
am Mittwoch eine „internationale Untersuchungskommission“. Ferner
spricht Moussa Dadis Camara seit Mittwoch nun der „Bildung einer
nationalen Einheitsregierung“,unter Einschluss der zivilen
Oppositionsparteien, das Wort. Dies beinhaltet in der derzeitigen
politischen Situation aber vor allem die Forderung nach Unterordnung der
zivilen politischen Kräften, mit denen zusammen er eine Regierung bilden
möchte. Denn schon bislang gibt es ein (teilweise) aus Zivilisten
bestehendes Kabinett, unter Anführung von Technokraten und früheren Bänkern;
es übt nur keine reale politische Macht aus, denn die Minister müssen
allabendlich im Militärcamp Alpha Yaya Diallo (in Conakry) antanzen, wo
Moussa Dadis Camara nach wie vor residiert, und sich quasi ihre
Tagesbefehle abholen.
Zuvor
hatte Dadis Camara wohl mit einer „milderen“ internationalen Reaktion
gerechnet: Seitdem der Putschgeneral Mohamed Ould Abdelaziz – der Anfang
August 2008 in Mauretanien bewaffnet die Macht übernahm – am 18. Juli
dieses Jahres dort offiziell zum Präsidenten gewählt wurde, fühlt er
sich in seinen Plänen bestärkt, auf die Dauer an der Macht zu bleiben.
Der Urnengang in Mauretanien wird zwar durch die dortige Opposition als
„von Unregelmäßigkeiten und Manipulationen geprägt“ bezeichnet
(eine genaue Überprüfung der Vorwürfe ist nicht möglich), wurde aber
durch die Ex-Kolonialmacht Frankreich vollständig gedeckt. Zuvor hatte
der französische Präsident Nicolas Sarkozy im März dem damaligen
Putschregime seine Unterstützung erklärt: „Ich sehe nicht viele
Demonstrationen gegen diese Regierung.“ Allerdings läuft das politische
Geschehen in Mauretanien unblutig ab. Von der Republik Guinea lässt sich
das nicht behaupten, was auch mit dem hohen sozialen Druck aus der Bevölkerung
zu tun hat.
Der
westafrikanische Staat hat zwar seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1958
keine Demokratie erlebt und kannte überhaupt nur zwei Präsidenten, bevor
eine Gruppe junger Offiziere am 24. Dezember vorigen Jahres die Macht übernahm
– nachdem einen Tag zuvor der Tod des alten Staatsoberhaupts Lansana
Conté bekannt gegeben worden war. In Wirklichkeit war Conté
wahrscheinlich schon länger zuvor gestorben. Lansana Conté, der sich auf
die Armee stützte und eine wirtschaftsliberale Politik der „Öffnung“
- unter Annäherung an die USA - durchführte, war 1984 auf Ahmed Sékou
Touré gefolgt. Der im März 1984 verschiedene Sékou Touré hatte anfänglich
eine antikoloniale Politik im Bruch mit der frühren Kolonialmacht Paris
verfolgt, war jedoch im Laufe der Jahre an der Macht zunehmend einer
starken Paranoia verfallen und hatte ein blutiges Repressionsregime eingeführt.
Dennoch,
trotz dieser eher tragisch verlaufenen Geschichte, herrscht in Guinea
absolut keine „Friedhofsruhe“. Im Januar und Februar 2007 führten die
Gewerkschaften, die in dem westafrikanischen Land außerordentlich stark
verankert sind, zusammen mit Vereinigungen der Zivilgesellschaft einen
mehrwöchigen Generalstreik durch. Dessen Niederschlagung forderte damals
über 120 Todesopfer, doch in seinem Anschluss war die Autorität des
alternden und kranken Präsidenten Lansana Conté schwer angeknackst.
Vom
Machtwechsel am 24. Dezember hatten viele Guineer, und auch die
Gewerkschaften, sich zunächst positive Auswirkungen erhofft. Die jungen
Offiziere, die hinter dem CNDD standen, waren zuvor - mangels Alters und
Gelegenheit - nicht so stark in die weitverzweigten Netzwerke der
Korruption verstrickt, die bis dahin das Regime geprägt hatten. Diese
oligarchischen Netzwerke waren Teilhaber an der Ausplünderung des Landes
durch internationale Konzerne, da ihre Angehörigen stärker an persönlicher
Bereicherung durch Korruption interessiert waren und sind - also bereit
waren, Verträge über die Ausbeutung von Rohstoffen zu deutlichen
Ungunsten ihres Landes zu unterzeichnen. Unter Lansana Conté, gegen Ende
seines Lebens, hatte die Republik Guinea zudem dem internationalen
Drogenhandel als „Plattform“ auf den Vertriebswegen zwischen Kolumbien
und Europa gedient. Die jungen Offiziere versprachen, mit diesen
Seilschaften „aufzuräumen“ und zudem die internationalen
Wirtschaftsverträge neu auszuhandeln. Zwei Dutzend ältere Offiziere, die
besonders intensiv an den früheren Praktiken teilhatten, wurden
zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Ferner verknüpfte sich mit der
Person Moussa Dadis Camara(s) bei Vielen die Hoffnung, dass der
Ethnisierung der guineeischen Innenpolitik ein Ende gesetzt werde. Denn er
zählt zu keiner der drei großen „ethnischen“ Gruppen - Peul,
Mandingue, Soussou -, sondern zu einer kleinen Minderheit: jener der
Einwohner der abgelegenen Südostprovinz Guinée Forestière.
Doch
schnell haben sich die Dinge gewandelt. Die Militärs, nun auch die jüngeren
unter ihnen, haben rasch Gefallen an der Macht gefunden. Dadis Camara
umgab sich entgegen anfänglicher Erwartungen doch überwiegend mit Männern
aus seiner „Ethnie“, die zwar eine kleine Bevölkerungsgruppe bilden -
mit denen er aber die Präsidentengarde, die Elitetruppe des Regimes, bestückt.
Und er selbst lebt zwar nach wie vor in rustikalem Stil in einer Kaserne,
wie er immer wieder betont; aber überwiegend dessen, weil er den eigenen
Waffenbrüdern nicht über den Weg traut. Indem er mitten unter ihnen
wohnen bleibt, möchte er eventuelle Putschversuche gegen seine Führung
vereilten. Seine Familie ist aber unterdessen längst in eine luxuriöse
Villa in Conakry eingezogen.
Das
angekündigte „Aufräumen“ unter Drogenhändlern und Protagonisten der
Korruption führte letzlich zu einer Welle brutaler Übergriffe, denen vor
allem kleine Dealer in den Armenvierteln und Prostituierte zum Opfer
fallen. Die Militärs führe ihre Politik eben durch, wie es ihrem Metier
entspricht und wie sie es gelernt haben - „notfalls“ mit roher Gewalt.
Das
Gemetzel vom Montag dieser Woche markiert einen Point of no return in der
Beziehung der sozialen Kräfte in Guinea zu dem amtierenden Regime. Zu
Zehntausenden waren die Menschen am Montag früh aus den Armenvierteln von
Conakry in das Stadion der Hauptstadt geströmt. Dies belegt, dass die
gesellschaftlichen Erwartungen, die besonders die Ärmeren anfänglich auf
das neue Regime setzten, enttäuscht worden sind: In ihrer großen
Mehrheit leben sie noch immer ohne Strom und fließendes Wasser. Und in
seinen Reaktionen vom Dienstag betonte Moussa Dadis Camara im Rahmen
seiner Vorwürfe an die Opposition, deren Anführer hätten ja „schon
2007 die Jugend Guineas auf die Schlachtbank geschickt“. Damit schiebt
der Offizier nunmehr eindeutig und einseitig der Opposition die Schuld an
der blutigen Repression von Anfang vorletzten Jahres in die Schuhe - und
ergreift damit erstmals sichtbar Position zugunsten des damaligen alten
Regimes.
Dadis
Camara hatte noch im Juli dieses Jahres in einem Interview hoch und heilig
versprochen, nein, auf keinen Fall werde er „im Jahr 2009 Kandidat
sein“. Damals war noch geplant, die seit dem 24. Dezember 2008
andauernde „Übergangsperiode“ so rasch wie möglich zu beenden - und
im Oktober dieses Jahres Präsidentschafts-, im Dezember Parlamentswahlen
abzuhalten. Nun hat Moussa Dadis Camara den Kniff gefunden, um nicht
wortbrüchig zu werden und dennoch seine Wahl zum nächsten
„legitimen“ Präsidenten der Republik Guineas vorzubereiten:
„Aufgrund von Verzögerungen bei der Einschreibung der Bevölkerung in
die Wählerlisten“ wurde der Wahltermin verschoben. Auf den 31. Januar
kommenden Jahres. Dadurch kann der Juntaführer sein Versprechen halten
und „2009 nicht kandidieren“, dabei aber dennoch zur Wahl antreten.
Sofern
er nicht über den aktuellen Skandal stürzt, dürfte Moussa Dadis Camara
also in naher Zukunft vom Putsch- zum offiziell „gewählten“ Präsidenten
aufrücken. Die Macht der Armee wäre dann ungebrochen. Ach ja,
interessant ist auch, wo der Regimechef sein militärisches Handwerkszeug
als Offizier gelernt hat: Auf der Führungsakademie der Bundeswehr in
Hamburg, sowie bei Lehrgängen zwischen 1996 und 2000 in Dresden sowie
Leipzig.
Das
offizielle Frankreich spielt unterdessen augenscheinlich ein doppeltes
Spiel. Denn einerseits verurteilte „Kooperationsminister“ (zuständig
für die Beziehungen zu den früheren Kolonien sowie
„Entwicklungszusammenarbeit“) Alain Joyandet das Massaker und die
Repression „auf das Schärfste“, und Paris setzte diese Woche jegliche
militärische Zusammenarbeit mit der Republik Guinea aus. Auf der anderen
Seite aber setzt ein Teil des französischen Staatsapparats aber
augenscheinlich auf eine „Normalisierung“ der Beziehungen (nach langen
Jahren der „diplomatischen Kälte“ zwischen Paris und Conakry infolge
der bruchförmig verlaufenen Entkolonialisierung) durch Annäherung und
betonte Nähe zur guineeischen Militärjunta. Am 17. September 2009 hatte
der (informelle) Sonderberater von Präsident Sarkkozy, der UMP-Politiker
Patrick Balkany, die „Nummer Zwei“ der Militärregierung – Sékouba
Konaté – in Paris ausführlich empfangen. Aus diesem Anlass erklärte
Balkany, eine Kandidatur von Moussa Dadis Camara zur künftigen Präsidentschaftswahl
werfe „überhaupt kein Problem“ auf, denn Camara sei doch „ein
guineeischer Bürger wie (jeder) andere auch“. Der als notorisch korrupt
geltende Patrick Balkany war seit den späten 1990ern einige Jahre lang
von der politischen Bildfläche verschwunden gewesen, erlebte jedoch in jüngerer
Zeit – unter Nicolas Sarkozy – ein politisches Comeback. Er hat zwar
keinerlei formelles Mandat des französischen Staates inne (mit Ausnahme
dessen als Bürgermeister des Paris Geschäftsvororts Levaillois). Doch
seit über einem Jahr ist er auf zahllosen Reisen in Afrika unterwegs und
hält, dort enge Beziehungen zu mehr oder minder zweifelhaften
Regime-Chefs, im direkten Auftrag des Präsidenten der Republik, Nicolas
Sarkozy.
B.
Schmid, 2.10.09
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