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Brief des argentinischen Arztes Emiliano Mariscal* aus Haiti, vpm 28. November 2010

WARUM IST DIE CHOLERA IN HAITI WENIGER TÖDLICH MIT DEN KUBANISCHEN ÄRZTEN?

übersetzt von Jens-Torsten Bohlke

auf Kommunisten-online am 30. November 2010 – Hallo Familie, Freunde, Genossen!

Ein paar Wochen sind vergangen, seit ich Euch das letzte Mal erzählt habe, was in Haiti passiert, dessen ständige Besorgnis die Anstrengung verdient, diese Nacht hier zu verlängern und Euch zu schreiben. Ich werde dies so anschaulich wie möglich tun.

Die sanitären hygienischen Bedingungen der Bevölkerungsmasse, das niedrige Kulturniveau, der spärliche Zugang zu sauberen Trinkwasserquellen sowie fehlende Kanalisation sind die Ursachen für die Bedingungen, in denen sich diese Seuche auf so viele Menschen ausbreiten konnte und binnen kurzem zu einer Epidemie ausweitete. Denn alljährlich werden bestimmte Zahlen über Cholera-Erkrankte in Haiti bekannt. Die Schwierigkeiten, sich Zugang zu den Gesundheitseinrichtungen zu verschaffen, führen dazu, dass die Menschen nicht mal zu Sprechstunden kommen, was die Zahl der Todesfälle in dieser Lage weiter erhöht hat.

Das Gesundheitsministerium Haitis berichtet von 69.776 Cholera-Fällen mit 1.603 Toten und somit einer Sterberate von 2,3%. Dabei hat die Kubanische Ärzte-Brigade (BMC) in Haiti 25.521 Cholera-Patienten in den 36 über ganz Haiti verstreuten Stützpunkten untersucht und weist mit 235 Todesfällen eine Sterberate von 0,99% aus. An unserer gigantischen Arbeit sind 436 Mitarbeiter beteiligt, die direkt die Cholera-Patienten betreuen. Darunter sind 75 Absolventen der Lateinamerikanischen Ärzte-Schule (ELAM).

Was vermitteln die Angaben der kubanischen Ärzte-Brigade BMC? Die erste Aussage ist, dass pro 100 von den kubanischen Ärzten behandelten Cholera-Patienten weniger als einer verstirbt. Dieser Wert entspricht international den den Vorgaben hinsichtlich von Cholera-Epidemien. Sicherlich werdet Ihr Euch fragen, woher es kommt, dass es so einen Unterschied bei den Zahlen des haitianischen Gesundheitsministeriums gibt. Aber immer schön langsam, bitte! Die Sterblichkeitsrate ist der grundlegende Parameter, mit dem das Ergebnis der Maßnahmen der Gesundheitsbetreuung in denjenigen Momenten gemessen wird, in denen sich die Krankheit es schafft, sich auszubreiten. Da muß die Kraft nicht in den Kampf mit der Krankheit gesteckt werden, sondern es geht um die Rettung der größtmöglichen Zahl von Menschenleben.

Wie wird das gemacht? Das werdet Ihr jetzt fragen. Es gibt zwei grundlegende Maßnahmen: sanitäre Erziehung und frühzeitige medizinische Betreuung. Beide Maßnahmen bilden die Hauptachsen in der Arbeit der kubanischen Ärzte-Brigade BMC. Beweis dafür sind die über 15.090 Menschen, die an den verschiedenen Soforteinsätzen in Abstimmung mit den Gemeindevertretern und Kirchenvertretern vor Ort teilnehmen. Die sanitäre Erziehung legt den Schwerpunkt auf die Vermittlung der Erkenntnis, dass es ganz wichtig ist, zu den  Behandlungsstützpunkten zu kommen, noch bevor die ersten Symptome der Krankheit ausbrechen.

Für die ärztliche Behandlung in hoher Qualität wendet die kubanische Ärzte-Brigade BMC ganz zielsichere Formel an: ihr gesamtes Personal befähigen, um jene, die zu Einheiten an Orten gehören, wo nichts von Übertragung der Cholera berichtet wird, in Zonen hoher Choleraraten verlegt werden. Auf diese Weise verstärken sie die Arbeit an den verschiedenen Standorten und qualifizieren sich beim Versorgen der Cholera-Fälle.

Warum dieser Unterschied? So werdet Ihr jetzt fragen. Erstens bringt die ununterbrochene 12 Jahre lange Präsenz von uns vor Ort bei der Bevölkerung Vertrauen und Akzeptanz hervor, wie es bei anderen Formen der Zusammenarbeit nicht gegeben ist. Ein anderer Faktor ist das Vorhandensein von 10 Provinzen, darunter entlegene im Landesinneren sowie die Ansiedlungen der Evakuierten in Puerto Príncipe.

Der Humanismus, die ehrliche Sorge um das menschliche Wohlbefinden, dies erzeugt so ein Bewußtsein, welches unser Ergebnis ermöglicht. Hinzu kommt die Erfahrung aus praktisch 50 Jahren internationalistischem Einsatz.

In dieser Erfahrung gibt es ein neues Element: Junge Menschen, die mit dieser Solidaritätshaltung in Kuba geboren und aufgewachsen sind oder aus armen Gegenden des Kontinents und der Welt stammen, sind Ärzte geworden, sind damit auch Humanisten geworden, solidarisch, wirkliche Hüter der Gesundheit und des Lebens.

Jung zu sein hat so etwas wie das Verspüren der Überzeugung, dass man für die Geschichte der Menschheit entscheidende Momente durchlebt. Gleichzeitig ermöglicht das tägliche Einerlei nicht, die Bedeutung des Handelns zu verinnerlichen: Dass wir den Traum verwirklichen, dass die einfachen jungen Leute Lateinamerikas imstande sind, medizinische Hilfe jenen zu gewähren, die sie an irgendeinem Ort der Welt dringend benötigen.

Haiti ist Ergebnis der vor über einem Jahrhundert durchgesetzten imperialistischen Politik, die ein Strafexempel für den ersten Rebellen des Kontinents ist.

Die Welt wird unter der Ägide jenes Imperialismus gefährdet, der in seiner letzten Lebensphase wütend gegen das menschliche Leben ankämpft und die Umwelt schändet, alle Gleichgewichte bricht, Unvernunft walten läßt. Verzweifelt ins seinem Streben nach Überleben betreibt er aus seinem Wesen heraus die Zerstörung der Gattung Mensch.

Jeder junge Mensch mit antiimperialistischer Einstellung liebt die Freiheit, träumt vom Frieden in aller Welt.

In jedem jungen Menschen wird das Gefühl „unseres Amerikas“ wiedergeboren, in unseren Händen liegt die Zukunft, in unserem konsequenten Handeln liegt das kollektive Wohlbefinden, im unablässigen Kampf finden wir Ergebnisse. Nur die Einheit ermöglicht uns den Sieg.

Jedes Szenario ist wichtig. Sowohl hier von Haiti aus als Mitglieder dieser Ärzte-Brigade als auch an jedem noch so abgelegenen Ort ist der Kampf ein einziger. Es geht um eine neue Weltanschauung und die Macht des Lebens auf unserem Kontinent.

Diese Erfahrung läßt uns zu Vorbildern werden, zu Bringern der Liebe, Reinigern der verzweifelten Seelen, treuen Naturliebhabern, Verfechtern der Menschenwürde, Beachtern der einfachen Güte, Studierern aller Charaktere, Untersuchern des menschlichen Verhaltens.

Con Haití, con Latinoamérica, con los pueblos del tercer mundo, con Cuba solidaria y el ALBA: VENCEREMOS.

Mit Haiti, mit Lateinamerika, mit den Völkern der dritten Welt, mit dem solidarischen Kuba und der ALBA

WERDEN WIR SIEGEN - VENCEREMOS

Eine Umarmung,

Emiliano

*Emiliano Mariscal ist ein in Kuba ausgebildeter argentinischer Arzt, Mitglied der Kubanischen Ärzte-Brigade Henry Reeve, die derzeit in Haití im internationalistischen Einsatz tätig ist.

Quelle:

http://www.cubadebate.cu/

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