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Erlebter und gelebter
Internationalismus
Erlebnisbericht
eines Interbrigadisten
in Nikaragua
Von
Ulrich aus Nikaragua
Kommunisten-online
den 27. Dezember 2010 – Kubanische
Interbrigadisten? Da kann ich auch was erzählen. Und nicht nur von den
Kubanern. Ich kam 1983 nach Nikaragua. Meine Mission war eine
Schlossereiwerkstatt im Rio San Juan aufzubauen – damals eine Gegend
von wirklich „hundert Jahren Einsamkeit”. Es war Kriegszone.
Ab
1985 arbeitete ich in Puerto Cabezas an der Atlantikküste für das
nikaraguanische Bauministerium – noch mehr Kriegszone und
ansonsten, wie die „andere”, die „zweite Republik” Nikaraguas
– völlig verschieden. (Unser Ministerium (MICONS) war im Übrigen die
von der Contra am Meisten gehassteste Institution des Landes. Unsere
Institution stellte die meisten Toten (gefolgt vom Postministerium
TELCOR) und machte alle Sabotagepläne des Imperialismus zunichte, weil
wir mitten unter Kriegsbedingungen weiter klotzten und hartnäckig
aufbauten, und wieder aufbauten, was die Contra zerstörte.
Das
war auch meine Mission, die metal-mechanische Produktion des
Ministeriums in dieser Gegend – zusammenschustern, was die contra
kaputt machte. MICONS war das Rückrat der nikaraguanischen Industrie
und die konzentrierte Elite des nikaraguanischen Industrieproletariats.)
Hier
war das Land geschichtlich von den englischen Kolonialisten und
amerikanischen Imperialisten geprägt und nicht von der spanischen
Kolonisation, – es war ein bisschen wie der „Wilde Westen”. Man
spricht häufig ein etwas afrikanisiertes Englisch, so wie in Bluefields.
Hier
bekam ich auch zum ersten Mal mit den kubanischen Interbrigadisten in
Kontakt. Ich will aber auch nur kurz Peter Ruppilius (Pedro), den
austro-argentinischen Arzt erwähnen, der ohne Zweifel eines der
entscheidenden Kernstücke des Gesundheitswesens in dieser isolierten
Region war. Er hatte vorher in Freiburg studiert.
Seinen
Freund, Tonio Pflaum, auch aus Freiburg, hat die Contra in einem
Hinterhalt ermordet. Und zwar nicht in der Hitze einer Schiesserei,
sondern direkt als Gefangenen, haben sie ihm eine Kugel verpasst.
Vielleicht hielten sie ihn für einen Russen – und die amerikanische
Scharfmache gegen alles kommunistische und internationalistische hatte
diese Lumpengesindel schon mit der Muttermilch eingesogen.
Mich
jedenfalls suchten sie als den „Asesor Ruso” indem sie die
Konvois anhielten und sie durchsuchten oder sie hatten mich auch
als sandinistischer Kollaborateur in ihrem Radiosender. Wenn wir
uns über Land bewegten – dann im Kontingent und Konvoi und bewaffnet.
So
einen Konvoi von diesen massiven sowjetischen KP3 überfiel man nicht so
ohne Weiteres, weil das Überraschungsmoment sehr schnell vorbei war.
Ich hatte ziemlichen Massel und es ist mir nichts passiert. Es hat
Andere erwischt, wo es mich hätte erwischen sollen.
Es
sind etliche Europäer ums Leben gekommen in „Nikaragua libre” –
auch Deutsche – aber ganz besonders Kubaner, und ganz besonders ihre
Alfabetisatoren, weil die in der Montaña , wenn sie sich in abgelegenen
und dünn besiedelten Gebieten so ganz alleine bewegten ein erhöhtes
Risiko eingingen.
Die
Konterrevolution hasste die Alfabetisierung wie die Pest. Die Kubaner an
sich waren das spezielle Objekt des Hirn verpestetenden Hasses der
primitiven Konterrevolution.
Die
Kubaner waren immer da – Tag und Nacht. Sie bekamen keinen richtigen
Lohn, sondern nur das, was sie brauchten und ein Taschengeld.. Der
selbstlose Einsatz der kubanischen Comapañeros steht außer Zweifel.
Die schonten sich nie. Da gab es keine Nachlässigkeit, sondern nur
bedingungslosen Einsatz.
Die
Stadt Bluefields an der Atlantikküste wurde durch den Hurracan
„Juana” (Joan) 1987 völlig zerstört – so wie deutsche Städte im
zweiten Weltkrieg. Die kubanischen Interbrigadisten bauten Bluefields in
sechs Monaten wieder genau so auf, wie es vorher war – und ein
bisschen verschönt mit der neusten Architektur und nicht zu vergessen,
das neue Krankenhaus, das neue Gesundheitszentrum, die neue Schule ….
. Die Baumaschinen standen nicht mal beim Schichtwechsel (12
Stunden- Schichten) still.
In
Puerto Cabezas fing meine kleine Tochter von zwei Jahren an, wirres Zeug
zu reden, hatte Gleigewichtsstörungen und erkannte niemanden mehr –
sie hatte sich vergiftet mit irgendwas. Das war sehr ernst. Nie werde
ich den kubanischen Compañero vergessen, der ihr das Leben gerettet
hat. Der zerlebte sich förmlich für das kleine Gör und war über ihr
schlaflos Tag und Nacht und probierte und machte und brachte seine
ganze Wissenschaft zum Einsatz.
Ein
wahrer Held. (So wurde dem Land eine Geologin beschert, die ihr Studium
gerade in Japan vervollständigt) Alle drei Monate kam ein Schiff aus
Kuba mit Lebensmitteln, denn unsere Versorgung war vom Zentrum des
Landes praktisch abgeschnitten.
Nach
der verlorenen (Oder vielleicht besser gesagt: verratenen) Wahl
arbeitete ich 1991 in Bluefields. Für ein Jahr. Hier machte ich echt
Freundschaft mit den kubanischen Interbrigadisten. Das war
internationalistisiche und proletarische Solidarität.
Immer
waren die Compañeros der Mechanikerbrigade da, wenn man was brauchte.
Die liessen einen nie im Stich. Sie haben mir ihren Kran geliehen, ohne
Zaudern und gratis. Nur Treibstoff musste ich besorgen. Wir verbrachten
Abende in ihrem Quartier.
Gerade
an der Atlantikküste ist der reaktionäre Einfluss der
anglo-amerikanischen Imperialisten stark und viele Leute waren den
Kubanern nicht freundlich gesinnt. Als die bourgeoise Violeta de
Chamorro die Wahl gewann, rottete dieses Lumpengesindel sich bedrohlich
vor dem kubanischen uartier zusammen und verlangte den Abzug der
Kubaner.
Ricardo
lief raus, ratterte ein bisschen mit einer AK in der Luft herum und dann
war wieder Ruhe im Puff. Die Neue rechte Regierung musste im Übrigen
klein beigeben und die Rückkehr der kubanischen Ärzte mit der
kubanischen Regierung aushandeln, weil es in Puerto Cabezas zu
katastrofalen Zuständen kam.
Die
neue, ach so freiheitliche, sprich reaktionäre und korrupte Regierung
war nicht in der Lage, auch nur eine Aspirinpastille zu liefern –
trotz ihrer so gepriesenen nordamerikanischen Mentoren.
Und
als die Gringos sich beschwerten, weil die Kubaner immer noch oder
wieder da waren, da sagte ihnen der neue Gesundheitsminister etwas
unwirsch ins Gesicht, wenn sie dasselbe bieten könnten, wie die
Kubaner, könnten sie wieder kommen. Die Kubaner sind bis heute immer
irgendwie present.
In
Bluefield – nach dem Ende der Revolution – rottete sich
dasselbe Gesockse, das den Abzug de Kubaner verlangt hatte, jeden Tag
auf der Mole des Hafens von Bluefields zusammen – so etwa zwei oder
drei Monate lang – um die ersehnten Schiffe der Gringos, ihrer großen
Freunde, zu erwarten, die in ihrer Vorstellung nun hätten kommen müssen,
so wie vorher die kubanischen Versorgungsschiffe gekommen waren. Dann
gaben sie es enttäuscht auf. Warum die Gringos wohl nie diese
Versorgungschiffe geschickt haben? Sowas!
Es
war toll mit den kubanischen Compañeros von Genosse zu Genosse zu
reden. Es waren sehr gut instruierte Menschen, mit hoher Moral und
Kultur und immer den CHE im Herzen. Als wir ein bisschen vertauter
waren, fragte ich sie, was sie über den Frente Sandinista und die
Wahlen (1989) dachten.
Die
Antwort war eindeutig: „Esta mierda no sirve”. (Diese Scheisse taugt
nichts). Sie waren zu tiefst enttäuscht und idigniert über die Politik
des Frente, um nicht zu sagen: echt sauer – sie fühlten sich
verraten. Aber sie sind nach außen immer höflich, diplomatisch, brüderlich,
diszipliniert und formal – ihrer Mission getreu. Sie sind solidarisch
als Antiimperialisten. Den Frente erkennen sie intern aber kaum als
linke Partei an.
Das
, liebe Genossen, ist es, was ich euch dazu zu erzählen habe. Ich kann
nicht leugnen, dass mir die Brust vor Stolz schwillt, an der Seite
dieser Helden gewesen zu sein. Sie sind unvergesslich.
HASTA
LA VICTORIA SIEMPRE
Ulrich
aus Nikargua |