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Aufruf
italienischer Kommunisten:
»Beginnen
wir bei uns«
Nach
dem Zusammenbruch der »Regenbogenlinken« – Aufruf an die Mitglieder
und Leitungen der PdCI und der PRC und an die Kommunistinnen und
Kommunisten überall in Italien
Quelle:
jungeWelt
vom 23.04.20
| Die
Parlamentswahlen in Italien am 13. und 14.April endeten in einem
Desaster für die Kommunistischen Parteien des Landes. Das von ihnen
– gemeinsam mit den Grünen und der Demokratischen Linken (SD) –
getragene Bündnis »Regenbogenlinke« scheiterte an der
Vier-Prozent-Klausel. Erstmals seit der Befreiung vom Faschismus
1945 gibt es keine kommunistischen Parlamentsabgeordneten mehr. Am
17.April riefen namhafte Persönlichkeiten zur Rettung der
traditionsreichen kommunistischen Bewegung auf. Sie wandten sich an
alle Kommunistinnen und Kommunisten des Landes, ob in der
kommunistischen Rifondazione (Wiedergründung – PRC) oder der
Partei der Italienischen Kommunisten (PdCI) organisiert oder ob
parteilos. Die Verfasser plädieren für eine Formierung aller
kommunistischen Kräfte »in einem Haus« (Domenico Losurdo). |
Wir
sind Kommunistinnen und Kommunisten von heute. Wir haben unseren Platz in
den Bewegungen und in der Klassenauseinandersetzung. Wir haben
unterschiedliche Lebensgeschichten und Gefühlslagen: Wir wissen, daß
dies keine Zeit der Gewißheiten ist. Wir haben ein Verhältnis, auch ein
kritisches, zu unserer Geschichte, die wir nicht verleugnen; aber unser
Blick ist auf die Gegenwart und die Zukunft gerichtet. Wir haben nicht
Sehnsucht nach der Vergangenheit, sondern allenfalls nach einer besseren
Zukunft.
Das
Wahlresultat der Regenbogen-linken ist verheerend: Diese hat nur ein
Viertel der Stimmen erhalten, welche 2006 die drei Parteien [außer den
beiden kommunistischen Parteien die Grünen – d. Ü.] zusammen erhielten
(10,6 Prozent), sie erzielte auch weniger als die Hälfte der über acht
Prozent Stimmen, die vor zwei Jahren auf die beiden kommunistischen
Parteien (PRC und PdCI) entfallen waren, und nur wenig mehr als ein
Drittel des besten Resultats, 8,6 Prozent, von Rifondazione, als die
Partei noch nicht gespalten war. Drei Millionen Stimmen gingen gegenüber
2006 verloren. Und zum ersten Mal im Nachkriegsitalien fehlt es an
jeglicher parlamentarischer Vertretung: Kein einziger Kommunist zieht ins
Parlament ein. Das Wahlergebnis hat wesentlich tiefere Wurzeln als die bloße
Verlockung der »nützlichen Stimme«: Es spiegelt die verbreitete und
tiefe Enttäuschung der Anhänger der Linken und der Bewegungen wider –
Enttäuschung über die Politik der Regierung Prodi sowie darüber, daß
von Teilen des Regenbogens die Liquidierung der politischen, theoretischen
und organisatorischen Autonomie der Kommunisten zugunsten einer neuen
nicht-kommunistischen, nicht-antikapitalistischen, auf neoreformistische
Positionen und Gepflogenheiten orientierte Formation angestrebt wurde.
Eine Formation, die keinerlei alternative Bedeutung mehr hätte und sich
dem »gemäßigten« Projekt der Demokratischen Partei und der Logik des
parlamentarischen Wechselspiels unterordnen würde.
Parteilose
Kommunisten
Die
Zeit der Entscheidung ist gekommen: dies ist die unsere. Wir teilen nicht
die Idee einer einzigen Formation der Linken, deren »Beschleunigung«
einige ungeachtet des wahlpolitischen Desasters hartnäckig fordern. Wir
schlagen dagegen eine Perspektive der Einheit und Autonomie der
kommunistischen Kräfte in Italien vor, in einem Prozeß der Sammlung,
der, ausgehend von den Hauptkräften (PRC und PdCI), ohne Sektiererei oder
Selbstgenügsamkeit andere politische und soziale Subjekte einbezieht. Wir
appellieren an die Mitglieder und Leitungen der Rifondazione, der PdCI,
anderer Assoziationen oder Netze, und an die Hunderttausenden
Kommunistinnen und Kommunisten ohne Parteibuch, die in diesen Jahren in
den Bewegungen und in den sozialen Kämpfen dazu beigetragen haben, die
Grundlagen für eine zum Kapitalismus alternative Gesellschaft zu legen,
die organisierten Ausdrucksformen der Kommunisten nicht aufzugeben,
sondern einen offenen, auf den Bau eines »gemeinsamen Hauses der
Kommunisten« ausgerichteten Prozeß der Erneuerung einzuleiten. Unser
Appell richtet sich:
–
an die Arbeiterinnen, die Arbeiter und an die Intellektuellen der alten
und neuen Berufe, an das Prekariat, an die Gewerkschaftsbewegung und die
Basiskomitees, an die sozialen Schichten, die heute »davon nicht mehr
leben können« und für welche die »Krise der vierten Woche [am Ende des
Monats, wenn das Geld nicht mehr reicht]« nicht nur eine Schlagzeile in
der Zeitung ist: die also zusammen die unabdingbare strukturelle und
Klassenbasis jeglichen Kampfs gegen den Kapitalismus darstellen;
–
an die Bewegungen der Jugend, der Frauen, für Umweltschutz, für die Bürgerrechte
und des Kampfes gegen jegliche sexuelle Diskriminierung, im Bewußtsein,
daß heutzutage der Kampf für den Sozialismus und den Kommunismus seine
ursprüngliche Aufgabe der umfassenden Befreiung nur erfüllen kann, wenn
er fähig ist, innerhalb seines eigenen Horizonts auch die
Problemstellungen der feministischen Bewegung aufzugreifen;
–
an die Antikriegsbewegung und die internationale Solidaritätsbewegung,
die gegen die Stationierung von Atomwaffen und ausländische Militärstützpunkte
in unserem Land kämpfen und die an der Seite der Länder und Völker (wie
des palästinensischen) stehen, welche das militärische, politische und
ökonomische Joch des Imperialismus abzuschütteln versuchen;
–
an die Welt der Migranten, die den Einbruch des schrecklichen Unrechts,
das der Imperialismus im Weltmaßstab ständig hervorbringt, in die
reichsten Gesellschaften repräsentieren; denn nur aus der multiethnischen
und multikulturellen Begegnung kann – im gemeinsamen Kampf – eine
kosmopolitische, nicht-integralistische, antirassistische, für »Verschiedenheiten«
offene solidarische Kultur hervorgehen, welche die ganze Menschheit den
hohen Zielen friedlichen Zusammenlebens entgegenführt.
Wir
wünschen uns einen Prozeß, den von Anfang an die Fähigkeit zu
problembewußtem, auch selbstkritischem Nachdenken auszeichnet. Dabei ist
auch zu untersuchen, warum ein so wertvoller und vielversprechender
Versuch wie der ursprüngliche der »kommunistischen Neugründung« nicht
in der Lage war, jene kommunistische Partei zu schaffen, welche die
Arbeiterbewegung und die Linke brauchten und brauchen; und wie es dazu
kam, daß dieser Prozeß von so vielen Teilungen, Abspaltungen, Austritten
geprägt war, die Zehntausende von Genossinnen und Genossen frustrierten
und resignieren ließen. Wir wollen ein Nachdenken darüber, warum die
soziale und klassenmäßige Verwurzelung der Parteien, die aus diesem
Versuch hervorgegangen sind, brüchig und unzureichend wurde, und über
die Irrtümer, die uns in eine Regierung geführt haben, welche die
Erwartungen der Anhängerschaft der Linken enttäuscht hat, was auch die
Ursache der Erholung der Rechten ist. Für dieses Nachdenken werden wir
Zeit, Geduld und gegenseitige Achtung brauchen. Würden wir ihm aber
ausweichen, wären die Fundamente eines Neuaufbaus viel zu unsicher.
Neuaufbau
der KP
Unsere
Aufgabe steht nicht im Widerspruch zum richtigen und tief empfundenen Bedürfnis
einer breiteren Aktionseinheit aller Linkskräfte, die einer Wende nicht
abgeschworen haben. Und sie schließt auch die Suche nach nützlichen
Konvergenzen, nicht aus, um den Vormarsch der reaktionärsten Kräfte zu
stoppen. Aber ein solches einheitliches linkes Bemühen wird umso
erfolgreicher sein, je besser der Neuaufbau einer starken und
einheitlichen, auf der Höhe der Zeit stehenden kommunistischen Partei
gelingt. Für die es gerade heute darauf ankommt, in der Gesellschaft,
mehr noch als in den Institutionen, zu leben und sich zu verankern, denn
nur die gesellschaftliche Verankerung kann Festigkeit und die Aussicht auf
Wachstum garantieren und die Grundlagen schaffen für eine Partei mit
autonomer Organisation und einer autonomen politischen Rolle mit
Masseneinfluß, ungeachtet des derzeitigen Ausschlusses vom Parlament und
auch für den Fall neuer, verschlechterter Wahlgesetze. Die Kundgebung vom
20. Oktober 2007, bei der sich eine Million Menschen begeistert unter
einem Meer von roten Fahnen mit kommunistischen Symbolen versammelt hatte,
zeigt – mehr als jeder andere Diskurs –, daß im heutigen Italien der
soziale und politische Raum für eine autonome, kämpferische, vereinte
und einheitliche kommunistische Kraft existiert – eine Kraft, die es
versteht, die Stütze einer breiteren linken Volksbewegung zu sein, die es
– unter anderem – versteht, zu den 200.000 Menschen zu sprechen, die
gegen die [US-]Militärbasis in Vicenza demonstrierten, zu den
Gewerkschaftsdelegierten, die sich für ein NEIN zum Vertrag mit der
Regierung über Sozialgesetze und Renten verkämpften, zu den zehn
Millionen Werktätigen, die das Referendum zu Artikel 18 [Kündigungsschutz]
unterstützten.
Wir
hoffen, daß dieser Appell – auch bei Treffen und in offenen
Diskussionen – breite Unterstützung finden wird, in jeder Stadt, in
jedem Gebiet, an jedem Arbeitsplatz oder Studienort – wo immer ein Mann
ist, eine Frau, ein Junge oder ein Mädchen, die im Kapitalismus nicht das
letzte Wort der Menschheitsgeschichte sehen wollen.
Übersetzung
aus dem Italienischen: Hermann Kopp |