|
Über
den irrealen Sozialismus
Jerónimo
Carrera
Vorsitzender des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Venezuelas
Aus:
„Voz“, Zeitung der Kolumbianischen Kommunistischen Partei, 31. Januar
2007
Wenn
wir uns vor zwei, drei Jahrzehnten über Dinge in Ländern äußerten, wo
die jeweiligen Kommunistischen Parteien die Macht übernommen und Prozesse
des Aufbaus von fortgeschritteneren Gesellschaften begonnen hatten, war es
üblich geworden, die Bezeichnung des Sozialismus als spezifische Art
vorzunehmen: der reale Sozialismus.
Tatsächlich,
so wurden Grenzen abgesteckt zu verschiedenen anderen Arten von
Sozialismus, die aufkamen – mehr in der Theorie als in der Praxis - um
dem marxistischen Sozialismus Konkurrenz zu machen und ihn zu entkräften.
Dieser basierte auf dem dialektischen Materialismus und war der einzige,
der wirklich die ganz genaue Benennung als wissenschaftlicher Sozialismus
verdiente, mit dem man unter all den vielen und sehr verschiedenen
Versionen des Utopismus unterscheidet, sowohl des klassischen als auch des
zeitgenössischen.
Um
es klar zu sagen: wir befinden uns jetzt vor einem gut gemachten
Spaltungsmanöver gegen diesen realen Sozialismus und zu Gunsten eines
gerade brandneu hergestellten, der als Neuheit vorgestellt wird, der
sogenannte „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“.
Persönlich
erlaube ich mir hier zu sagen, daß ich am 27. Juli 2005 bei der
Vorstellung eines Buches mit dem Titel „Hugo Chávez und der Sozialismus
des 21. Jahrhunderts“ des sozialdemokratischen deutschen Professors
Heinz Dieterich eine Meinung geäußert habe: „Für uns ist der
wahrhaftige und einzig mögliche Sozialismus Produkt von Klassenkämpfen,
und er hat kein Etikett mit Herstelldatum und noch weniger mit
Verfallsdatum. Er ist keine Frage einer Kommerzialisierung eines
Produkts...“ Und ich fügte hinzu: „Sozialistische Gesellschaft ist
eine, wo niemand einen anderen ausbeuten kann, wo es keine Ausgebeuteten,
weil auch keine Ausbeuter gibt. Zusammengefaßt ist es eine Gesellschaft,
wo der, der nicht arbeitet, auch nicht ißt wie es ja auch schon einige
klassische Utopisten gesagt hatten. Utopisten allerdings gab es und es
wird sie für lange Zeit geben, aber diese rauben den Kapitalisten nicht
den Schlaf.“
Aber
ich will auch noch unterstreichen, daß schon in Santiago de Chile im
Oktober 2000 ein 180-seitiges Buch mit exakt dem Titel „Sozialismus des
21. Jahrhunderts, der Fünfte Weg“ erschienen ist. Vom Professor der
Katholischen Universität, Tomás Moulian. Und mit dem gebotenen Respekt für
diese beiden angesehenen Professoren sage ich, daß man bei ihren Nähten
den antikommunistischen Faden durchscheinen sieht...
Genauso
ist zuletzt unter uns viel der Trug vom indigenen Sozialismus wiederholt
worden. Sogar ist versucht worden, in den Kaziken der mutigen Völker, die
der europäischen Invasion im 16. Jahrhundert mit Lanzen und Pfeilen
entgegengetreten sind, Führer irgendeines Typs von sozialistischer
Gesellschaft zu sehen. Deshalb nehme ich von einer Arbeit des
herausragenden bolivianischen Professors Jose Antonio Arze, Gründer der
marxistischen Partei PIR, und den ich die Ehre hatte 1947 in Paris
kennenzulernen, diese Meinung, die sich auf eine der entwickeltsten
amerikanischen indigenen Gesellschaften bezieht:
„Haben
die idealen Formeln des marxistischen Sozialismus viel Ähnlichkeit mit
dem angeblichen Sozialismus des Inka-Imperiums? Ganz offenbar nicht: der
Sozialismus fordert als Grundlage eine fortgeschrittene Produktivtechnik
und das Imperium hatte nur eine höchst rudimentäre; der Sozialismus
fordert für seine Umsetzung das vorherige Vorhanden ein eines
Proletariats, welches Konsequenz aus der großen Industrie ist, und das
Inkareich kannte eine solche Klasse nicht; der marxistische Sozialismus
tendiert zu einer effektiven Gleichheit aller Menschen und dazu, sie
wirtschaftlich zu emanzipieren um so die Bedingungen der Freiheit des
Einzelnen in seinem höchsten Ausdruck vorzubereiten... Im Inka-Imperium
ist die Grundlage der Organisierung die erklärte Ungleichheit zwischen
der unterjochenden Elite und der großen Masse ...“[2]
Ich
sage: gegen den realen Sozialismus tritt immer ein irrealer Sozialismus
an.
(aus:
„Voz“, Zeitung der Kolumbianischen Kommunistischen Partei, 31. Januar
2007)
[1]
Vollständiger Text in „Reflexiones sobre Socialismo en el Siglo
XXI", IPASME, Caracas, November 2005 und in „El Socialismo en el
Siglo 21“, Instituto Bolivar-Marx, Caracas, April2006
[2]
„iFue socialista o comunista el Imperio Inkaiko?”, Revista de
Sociologia,
Arequipa
1971
|