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„Die Biokraftstoffe sind eine ökologische und soziale Tragödie. Mit ihrer Produktion wird ein sehr großes Problem in der Nahrungsmittelsouveränität entstehen. Es gibt bereits tausende Hektar mit Soja, Zuckerrohr und afrikanischer Palme, und deren Anzahl wird sich erhöhen. Das wird zu einer massiven Entwaldung führen, wie es bereits in Kolumbien und im Amazonasgebiet Brasiliens geschieht.“

„Die Biokraftstoffe sind eine Art des biologischen Imperialismus”

Präsident George W. Bush und der brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva besichtigen Pflanzen, aus welchen der Bio-Kraftstoff gewonnen wird.

Von:Gespräch mit Dr. Miguel Altieri/

Von der Redaktion der Presseagentur Mercosur APM

Quelle: Alternative Infogruppe vom 10. April 2007

Die Biokraftstoffe sind eine ökologische und soziale Tragödie. Mit ihrer Produktion wird ein sehr großes Problem in der Nahrungsmittelsouveränität entstehen. Es gibt bereits tausende Hektar mit Soja, Zuckerrohr und afrikanischer Palme, und deren Anzahl wird sich erhöhen. Das wird zu einer massiven Entwaldung führen, wie es bereits in Kolumbien und im Amazonasgebiet Brasiliens geschieht. Außerdem wird es die Erweiterung mechanisierter Monokulturproduktion mit sich bringen, mit hohen Dosen Düngemitteln, insbesondere Atrazin. Dies ist ein sehr schädliches Herbizid, das zu Drüsenerkrankungen führt. Das heißt, dass sich die Probleme der industriellen Landwirtschaft in erschreckender Form potenzieren werden.

Der Fachmann in Landwirtschaftsökologie sprach mit APM über die aktuelle Situation in Lateinamerika. Er kritisierte die Entwicklung des Ethanols heftig und unterstrich die Rolle der sozialen Bewegungen im Kampf um die Nahrungsmittelsouveränität.

Dr. Miguel Angel Altieri ist weltweit einer der besten Referenten über Landwirtschaftsökologie. Er ist in Chile geboren und unterrichtet in der Berkeley Universität von Kalifornien. Der Fachmann definiert diese Disziplin als Wissenschaft, die ein neues wissenschaftliches Paradigma für die Entwicklung der Landwirtschaft vorstellt, welches die Abhängigkeit von landwirtschaftlichen Giftstoffen und die Benutzung genmanipulierter Pflanzen ablehnt. Er bezieht sich auf das traditionelle Wissen der Bauern.

Beim Landwirtschaftsökologieseminar gab Miguel Altieri eine Konferenz, wo er die Entwicklung seines Modells darstellte. Dieses Seminar wurde in La Plata, Argentinien, vom Institut für Familiäre Landwirtschaft der Region Pampeana (IPAF Pampeana), dem Nationalen Institut für Landwirtschaftstechnologie (INTA) und der Fakultät für Land- und Forstwirtschaft der Nationalen Universität von La Plata veranstaltet. APM konnte mit dem Wissenschaftler über diesbezügliche lateinamerikanische Themen sprechen.

Der Besuch des Präsidenten der Vereinigten Staaten George Bush in Lateinamerika, speziell in Brasilien, löste eine Polemik über den Sinn der Entwicklung von Biokraftstoffen aus. Welche Meinung haben Sie dazu?

Die Biokraftstoffe sind eine ökologische und soziale Tragödie. Mit ihrer Produktion wird ein sehr großes Problem in der Nahrungsmittelsouveränität entstehen. Es gibt bereits tausende Hektar mit Soja, Zuckerrohr und afrikanischer Palme, und deren Anzahl wird sich erhöhen. Das wird zu einer massiven Entwaldung führen, wie es bereits in Kolumbien und im Amazonasgebiet Brasiliens geschieht. Außerdem wird es die Erweiterung mechanisierter Monokulturproduktion mit sich bringen, mit hohen Dosen Düngemitteln, insbesondere Atrazin. Dies ist ein sehr schädliches Herbizid, das zu Drüsenerkrankungen führt. Das heißt, dass sich die Probleme der industriellen Landwirtschaft in erschreckender Form potenzieren werden.

Auf der anderen Seite hat die Entwicklung von Biokraftstoffen keinerlei energetischen Sinn. Viele Studien beweisen, dass man mehr Erdöl zur Herstellung von Biokraftstoffen benötigt. Zum Beispiel braucht man im Falle des Ethanols aus Mais 1,3 Kilokalorien Erdöl, um eine Kilokalorie Bioethanol herzustellen. Dies ist unsinnig.

Grundsätzlich handelt es sich um den Entwurf einer neuen Reproduktionsstrategie des Kapitalismus’, der die Kontrolle des Nahrungsmittelsystems übernimmt. Es ergibt sich dadurch eine Allianz multinationaler Erdöl-, Biotechnologie- und Autoindustrien, sowie der großen Getreidehändler. Es gibt also ein Konglomerat, das gemeinsam mit China (auf Grund seiner Sojanachfrage) entscheiden wird, was das Schicksal der landwirtschaftlichen Flächen Lateinamerikas sein wird. Ich glaube, dass wir in diesem Sinne sehr aufpassen müssen, damit unsere Regierungen der Nahrungsmittelsouveränität als ein Element strategischer Entwicklung den Vorrang geben, obwohl sie die Gelegenheit gern nutzen würden.

Dieser Tage wurden Studien veröffentlicht, die bestätigten, dass in den Vereinigten Staaten und in der Europäischen Union (EU) das Land nicht ausreiche, um die Ziele der Entwicklung von Biokraftstoffen zu erreichen. Daraus folgt eine bereits gefällte Entscheidung: Lateinamerika und die Länder der Dritten Welt werden die notwendigen Rekurse zur Verfügung stellen...

Ich nenne nur ein Beispiel: Damit die Vereinigten Staaten all das Ethanol herstellen könnten was sie brauchen, um ihren Erdölverbrauch zu ersetzen, müssten sie das Sechsfache der Fläche ihres Landes bepflanzen. Damit ist klar, dass sie dies in den Ländern Lateinamerikas tun werden und sie sind bereits auf dem Weg dazu. Das war das Abkommen, das Bush mit Lula (Da Silva) unterschrieb und das sind die Märkte, die diktieren werden was produziert werden soll.

Stehen wir vor einer neuen Form des Kolonialismus?

Absolut richtig: es ist ein biologischer Imperialismus. Aber auch wir, als Länder, müssten genug Würde haben, um uns in dieses Geschäft einzumischen, in dem wir der Nahrungsmittelsouveränität absolute Priorität einräumen und das restliche Land den Biokraftstoffen zur Verfügung stellen. Es muss entschlossene Entscheidungen geben, denn es steht zuviel auf dem Spiel.

In Ihrer Dissertation stellten Sie dar, dass die Landwirtschaftsökologie eine politische Dimension habe und, dass ihre Entwicklung von den Bauernbewegungen ausgehen müsse. Betrachten Sie die Landwirtschaftsökologie als Werkzeug des sozialen Wechsels?

Die Bauern- und sozialen Landbewegungen haben die Landwirtschaftsökologie akzeptiert. Es ist nicht so, dass die Landwirtschaftsökologie sie akzeptiert hätte. Genauso haben sie die Landwirtschaftsökologie als fundamentales Mittel zum Erlangen der Nahrungsmittelsouveränität erkannt. Sie sehen, dass der landwirtschaftsökologische Vorschlag sehr verträglich mit ihrem Diskurs ist. Denn es ist eine sozial aktivierende Wissenschaft und Technologie, die die soziale Beteiligung erlaubt und stärkt. Es ist eine Wissenschaft, die nicht gegen die bäuerliche Vernunft ist, sondern sich auf den bäuerlichen Kenntnissen aufbaut- im Gegensatz zum traditionellen Paradigma, das die bäuerlichen Kenntnisse zerstört.

Andererseits ist die Landwirtschaftsökologie ökonomisch tragbar, denn sie basiert auf der Nutzung lokaler Rekurse, die ihr erlaubt einen viel billigeren und unabhängigen Vorschlag zu entwickeln. Sie ist auch für die Umwelt gut, denn sie will das bäuerliche Ökosystem nicht verändern, sondern sie versucht es nur zu optimieren, im Gegensatz zur traditionellen Landwirtschaft, die dazu neigt sie zu zerstören. Die Mehrheit der sozialen Bewegungen sieht die Landwirtschaftsökologie als eine Wissenschaft, die die wissenschaftliche Basis für eine Transformation der Landwirtschaft stellt, aber mit einer eindeutigen Agenda sozialer und nachhaltiger Entwicklung. D.h. die Landwirtschaftsökologie ist sozial gerecht, berücksichtigt die Agrarreform, den Bauern als Protagonisten und die Achtung der Kulturen. Deshalb haben die Bauernbewegungen gesehen, dass die Landwirtschaftsökologie ein sehr wichtiges Werkzeug bietet und sie verträglich mit ihren Zielen der Nahrungsmittelsouveränität ist.

So, wie Sie die Rolle der sozialen Bewegungen unterstrichen, legten Sie auch Nachdruck auf die Grenzen des institutionellen Wegs für die Entwicklung eines landwirtschaftökologischen Modells.

Ja, er hat Grenzen, denn die Institutionen, vor allem der Staat, erleiden politische Höhen und Tiefen und haben keine Kontinuität in den Programmen. Also können wir nicht darauf vertrauen, dass die Zukunft der Landwirtschaftsökologie in den Händen wechselnder politischer Entscheidungen verbleibt. Deshalb müssen wir die ländlichen Gemeinden mit Macht ausstatten, damit sie dieses Modell reproduzieren.

Aber die freieren institutionellen Prozesse könnten von den bäuerlichen Zusammenschlüssen genutzt werden, um ein Projekt zu starten.

Ja, es gibt mehrere Freiräume und ich glaube, man soll sie nutzen und unterstützen. Aber auch die Bauernorganisationen müssen eine aktivere Rolle haben, nicht so passiv.

Wenn man an die sozialen Bewegungen als tatsächliche Akteure der Landwirtschaftsökologie denkt, die Sie als „lateinamerikanische Revolution“ definiert haben, weshalb glauben Sie, dass die Mehrheit der sozialen Bewegungen in Lateinamerika der Landwirtschaftsökologie als Kampfmodell verbunden ist?

Die Armut hat ihre Ursache größtenteils auf dem Land. Die großen Massen der Armen in den Städten sind mehrheitlich Bauern, die dorthin flohen. Andererseits treffen heute alle wesentlichen Probleme der Menschheit die Landwirtschaft: das Energieproblem, die Nahrungsmittelsicherung und die Gesundheit. Die sozialen Bewegungen beobachten dies und merken, dass die Landwirtschaftsökologie sie auf unterschiedlichen Gebieten stärkt. Und dies geschieht auch im städtischen Raum, wo den Leuten auffällt, dass ihre Lebensqualität von der Qualität der Landwirtschaft abhängt. In diesem Sinne wissen die Leute, dass, wenn sie bei McDonalds kaufen, sie gesundheitsschädigende Produkte einkaufen. Wenn sie jedoch auf den lokalen Märkten kaufen, unterstützen sie nicht nur die kleinen Bauern, sondern sie erhalten gesunde Nahrungsmittel und Biodiversität.

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